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2.7.1896
 
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Ausgabe

Gießen, Donnerstag, den 2. Juli

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1* Gießen, 1. Juli. hl, 10 J. 1 IE a Sn] Allein die Umstände, unter denen unsere Vieh⸗ garktfrage ins Rollen kam, reichen hin, um den

J Hahne a, zolksfreund gegen das ganze Projekt und den 15 ugeblichen Segen, der daraus ersprießen soll, sutzig zu machen. Fünfundfünfzig Vieh groß⸗ ndler legen vor Jahren der Stadtbehörde eine ghetition vor, in der sie auf die mangelhaften faumverhältnisse des jetzigen Marktes aufmerksam nachen und um Abstellung der von ihnen gerügten llebelstände ersuchen. Den Wortlaut der Ein gabe kennen wir nicht; wir gehen aber wohl licht fehl in der Annahme, daß am Schluß jüstere Prophezeiungen über die Zukunft des Narktes angefügt und wahrscheinlich auch bemerkt borden ist, daß, wenn ihren, der Groß händler Wünschen nicht bald Rechnung getragen würde, se unserem Markt den Rücken kehren und ittere, Gießen! andere Orte mit ihrer Gegen bart beglücken müßten. Es wäre wenigstens erwunderlich, wenn diese oder eine ähnliche Wendung nicht gebraucht worden wäre; denn liegroßen, d. h. wirtschaftlich potenten Leute 55 am liebsten mit dem Verlust ihrer Per⸗

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sönlichkeit, d. h. ihres Geldbeutels, wie ja uch seiner Zeit der große Herr Wilhelm Funke u Hagen als feuriger Patriot den preußischen Staub von seinen Fabrikantenstiefeln blasen wollte, dals ihm das bittere Unrecht zugemutet wurde, haß er sein ganzes, sogar selbst zu deklarieren⸗ des Einkommen zu versteuern hätte.

Den großen Leuten, die das Portefeuille mit Tausendmarkscheinen vollgepfropft halten und Hunderttausende im Monat umsetzen, thut man gern einen Gefallen; den Hunderttausenden, von denen Jeder nur eine Mark im Beutel hat, wird bpeniger Beachtung geschenkt. Das macht der

Staat so; danach handeln Provinzen; weshalb

jollte die Stadt Gießen eine Ausnahme machen?

tieren Die Forderung einer Schienenverbindung, die ünseres Wissens von den Großhändlern in den Vordergrund gestellt wurde, war übrigens nicht unbescheiden; sie müßte aus Rücksicht auf die

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aun. Derkehrsverhältnisse so oder so erfüllt werden und findet in der Bürgerschaft auch nicht die

846 ac de Opposition. Für einen flüchtigen Augen⸗ lick wäre dabei allerdings zu bedenken, daß nach

Herstellung einer Geleisverbindung so manchem armen Teufel manche Mark, die er für den Transport des Viehs durch die Stadt erhalten, berloren geht. Zwar hat jeder von diesen das⸗ selbe Recht auf Leben und Existenz, wie das jeder der Großhändler beansprucht, indessen hier kommt ein allgemeines Interesse in Rechnung und da steht bei uns immer noch auf dem Weg⸗ weiser die alte lapidare Inschrift: Sieh zu, wie du durchkommst; such dir was Anderes. Das Suchen ist ja recht gut, wenn das Finden nur ebenso bequem wäre.... 95

Nach Einlauf der Großhändler-Petition hat sich die Baudeputation mit der Frage beschäftigt. Sie hat zuvörderst ihr Augenmerk ganz richtig

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verkehr dort zu erhalten, wo inneren Stadt zu Gute kommt. Ein inzwischen verstorbener Stadtverordneter wurde mit dem Ankauf des nötigen Geländes unter der Hand beauftragt; er hat auch in Verfolg des ihm ge wordenen Auftrages Schritte gethan, der Kauf wurde aber nicht perfekt. Die Viehmarktfrage wurde hinter andere kommunale Angelegenheiten zurückgestellt; sie versumpfte und die Bürger⸗ schaft wiegte sich, wie sie das leider so gern thut, in sorglose Sicherheit. Sie schlummerte noch friedlich, als im letzten Verwaltungsbericht der Bürgermeisterei das Wetterleuchten anhob, und schreckte erst jäh in die Höhe, als zu Beginn des laufenden Jahres das Gewitter mit Blitz und Krachen losbrach. Die Viehmarktfrage war aus der Versenkung wieder ans Tageslicht ge kommen, aber aus dem Paulus war ein Saulus geworden, der statt Vertrauen und Zuversicht Angst und Besorgnis einflößte. Von dem alten Projekt, das allgemeine Zu stimmung gefunden hätte, war nichts als der Name übrig geblieben. Wie ist das gekommen? Wir wissen's nicht und auch die Stadtver ordneten scheinen nicht alle informiert zu sein, wenigstens haben Diejenigen, die am Samstag Abend in der Versammlung sprachen, darüber kein Wort verloren. Und doch wäre es mehr als interessant, die Beweggründe für die Meta⸗ morphose zu erfahren. Mit wem hat die Bürger⸗ meisterei vor Aufstellung der Pläne Rücksprache genommen; sind Fachleute gehört worden wie 3. B. die Gießener Metzger und kleine Handels⸗ leute sowie Bauern der Umgegend, die als Käufer und Verkäufer auf dem Markt erscheinen? Zwar ist es ja bei uns Sitte, daß, wenn es sich um die Lage des Handwerks handelt,Hammerschmiede wie Stumm und Krupp, wenn es sich um die kleine Landwirtschaft dreht,Bauern wie Graf Kanitz und Vater Ploetz um ihren Rat gefragt werden und die Genugthuung erhalten, daß nach ihrem Willen auch gehandelt und der Mittelstand gerettet wird. Aber was im Reich und in Preußen Sitte geworden, wird, solange Herr Gnauth das Regiment in Händen hat, hoffentlich doch in Gießen nicht Brauch werden. Wir nehmen daher ohne Weiteres an, daß wir nur schlecht unterrichtet sind und daß thatsächlich Besprechungen mit den von der Verlegung be⸗ troffenen Erwerbsschichten stattgefunden haben. Wie allerdings nach einer solchen Enquete das Seltersberg⸗Projekt hat zustande kommen können, ist uns ein Rätsel. 5 In einer Kleinigkeit, die keine Kleinigkeit ist, muß thatsächlich die Petition der Groß händler auf das neue Projekt eingewirkt haben; wir wüßten uns wenigstens anders nicht den Hinweis der Verlegungsfreunde auf die künftige große Ausdehnung der Viehmärkte zu erklären. Es schmeckt allzusehr nach den Groß händler⸗ Interessen, wenn wir für den Verlust, den die Stadt erleidet, durch die größeren Zutriebs⸗ Zahlen entschädigt werden sollen. Ist denn das

er der ganzen

davon, wenn wirklich in Folge der Ver⸗ legung auf den Seltersberg ein großer Vieh markt, der sich durch ganz Deutschland einen Namen erwirbt, entstände, wenn in prunkenden Riesenlettern die immer wachsenden Zu- und Abtriebszahlen aller Welt verkündigt werden könnten? Wenn die Großhändler aller Provinzen zu uns stürmten und hier im Kauf und Verkauf sich die Börse füllten? Daran ist die Bahn interessiert, bei Leibe aber nicht die Be wohnerschaft Gießens, die mit ihren Steuergroschen den großen Händlern es ermög lichen soll, möglichst leicht, möglichst schnell und möglichst bequem möglichst viel Geld zu verdienen. Kann Jemand es der Bürgerschaft verdenken, wenn sie sich gegen diese Zumutung zur Wehr setzt?

Durch die hohen Zukunfts-Zahlen sollte sich Niemand blenden lassen. Sie bringen der er werbsthätigen Bevölkerung unserer Stadt keinen roten Heller ein. Auf dasEinbringen kommt

es aber bei der ganzen Frage allein an. Die Berlegung des Viehmarktes hat mit irgend

welchen höheren ideellen Zwecken und Zielen nichts zu thun; sie ist ausschließlich eine Frage des kalten, nüchternen Erwerbs und muß von dieser Warte aus beurteilt und entschieden werden.( racchaus.

(Ein dritter Artikel folgt.)

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. N Expedition: 1 Kreuzplatz Nr. 4.. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. 20 Kreuzplatz Nr. 4. 1 ́GEB-̃ä Assel 1.** 8. b.. 5 de Nic, 9 8 1 darauf gelenkt, den Platz hinter dem Schlacht- eine Entschädigung? Hat die Stadt Gießen Darlehen bis zu 60% des Schätzungs⸗ iche Die Verlegung des Vieh haus räumlich auszudehnen und so den Markt- und ihre Einwohnerschaft denn etwas wertes gegeben werden. 8 60: Alle

Darlehen sind der Regel nach mit 4% zu ver⸗ zinsen. Bestimmend für diesen Beschluß ist ge wesen, daß die Spar- und Leihkasse eine zu be⸗ deutende Summe in Staatspapieren liegen hat und man wirtschaftlich mehr damit bezweckt, wenn die Kapitalien auf Immobilien ausgeliehen werden.

Gießen, 29. Juni. Die Oktroifrage wird in der allernächsten Zeit die Stadtverordneten-Ver⸗ sammlung beschäftigen. Vor Jahren hatte die Ver⸗ sammlung in dieser Frage mit der Mehrheit von einer Stimme(die des Oberbürgermeisters) einen Beschluß ge⸗ faßt, doch ist derselbe niemals verwirklicht worden, weil der Oberbürgermeister später sein Votum zurücknahm, da er in dieser finanziell hochwichtigen Frage den Ausschlag nicht geben wollte. So hat denn die Oktroisache im Schoße der betreffenden Kommission geruht, bis sie von einem Gegner des damaligen Mehrheitsbeschlusses wieder angeregt wurde. Die Ansichten haben sich geklärt und mancher der Gegner des ersten Beschlusses neigt heute auch der Ansicht zu, daß man reformieren müsse resp. daß die Oktroi-Ordnung einer zeitgemäßen Reform be⸗ dürftig sei. Stadtv. Schmall, der s. Zt. gegen die Reform war, hat auch der Bürgermeisterei Vorschläge unterbreitet, wie er sich die Sache im Interesse der All⸗ gemeinheit am besten eingerichtet denke. Der damalige Vorschlag im Plenum ging dahin, die Abgabe auf Mehl, Backwaren, welche etwas mehr wie 20 000 4 pro Jahr einbringt, von denen etwa 6000/ zurückvergütet werden, aufzuheben, dagegen aber die Abgabe auf Vieh und Fleisch zu erhöhen, um den Ausfall wett zu machen.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 1. Juli. Die Gerichtsacces sisten Philipp Bonhard in Mainz, Fritz Hanstein in Darmstadt, Ernst Hirsch in Gießen, Dr. Wilhelm Köhler in Darmstadt, Rudolf Link in Friedberg, Dr. Ernst Merck in Offenbach, Ludwig Pfeiffer in Darmstadt, Friedrich Schulz daselbst, Adolf Strack in Ober-Rosbach, Karl Trapp in Darmstadt und Dr. Karl Friedrich Wolff daselbst wurden zu Gerichtsassessoren ernannt.

* Gießen, 30. Juni. Unter Vorsitz des Regierungsrats Jost fand am 12. Juni d. J. eine Generalversammlung der Mit⸗ glieder der Sparkasse statt, in welcher für die weitere Entwickelung dieses Instituts sehr wichtige Beschlüsse gefaßt worden sind. Nachdem der Vorsitzende die Aenderung der Statuten mit Rücksicht auf das Verfahren anderer Banken ein⸗ gehend begründet hatte, wurde u. A. folgende Statutenänderung beschlossen, die dem Vernehmen nach vom Ministerium bereits Genehmigung ge⸗ funden hat.§ 48:Bei auf gerichtliche Schuld⸗ und Pfandverschreibungen gewährten Darlehen müssen die Unterpfänder in der Regel den doppelten Schätzungswert des Darlehens haben. Werden in Landgemeinden Gebäude ver pfändet, so muß der Schätzungswert dieser Unter⸗ pfänder im Allgemeinen dreifach die Summe des darauf gewährten Darlehens erreichen und ist nur in Ausnahmefällen auch hierbei doppelte Sicherheit genügend. In der Stadt Gießen können ausuahmsweise auch

Dieses aber war der Hauptstein des Anstoßes, an dem die Vorlage damals keine Mehrheit unter den Stadt⸗ verordneten finden sollte. Als Motiv, weshalb man die Steuer auf Mehl und Backwaren abschaffen wollte, war u. A. angegeben, daß man den minder Bemittelten weniger hart belaste, wenn man diese Steuer von Fleisch erhebe. Man war der Ansicht, daß der Brot- resp. Back⸗ warenkonsum der Bevölkerung pro Kopf nicht sehr erheb⸗ liche Unterschiede im Quantum aufweise, gleichviel ob der Konsument reich oder arm sei, dagegen war man zur Rechtfertiguug der Erhöhung des Fleisch-Oktrois der Meinung, daß der besser Situierte verhältnismäßig pro Kopf mehr Fleisch konsumiere als der minder Bemittelte und der Konsument des Fleisches diese erhöhte Abgabe eher tragen könne. Die Gegner dieser Ansicht waren da⸗ gegen sich damals klar, daß der Aufhebung des Oktrois auf Mehl und Backware ein Geschenk an die Väcker be⸗ deute und verfochten den Standpunkt, daß das Brot de. um keinen Pfennig billiger werde, wenn man die Steuer darauf aufhebe, während die Erhöhung des Oktrois auf Fleisch allerdnigs den Arbeiter um so schwerer treffe als die Differenz der Erhöhung sich fühlbar machen mußte in unseren Fleischpreisen. Wenn der Arbeiter auch wohl weniger Bratenstücke konsumiere, so sei doch nicht außer Acht zu lassen der bedeutende Konsum des geringen Mannes in Fleischwaren, als Wurst, Speck, in Schmalz, in Häs⸗ chen und Rippchen ꝛc., das mache aber einen erheblichen Bruchteil des ganzen Fleischkonsums in unserer Stadt aus. Gegen die Verteuerung dieser Hauptnahrungsmittel suchte man sich zu wehren. Da, wie gesagt, die Oktroifrage demnächst von neuem verhandelt wird, ist es an der Zeit für die gewählten Vertreter der Bürgerschaft, sich eingehend mit der Frage zu beschäftigen und zu er⸗ wägen, ob die Steuer nicht überhaupt abzuschaffen sei.

Gießen, 30. Juni. Der Arbeiter Ludwig Pitzer von hier, welcher während der Ver handlung gegen den Kaufmann Clemens Rothe vor den Geschworenen unter dem Ver⸗

N Das blaue Herz.

Roman von Karl Ed. Klopfer. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Es lag wie Verzweiflung in der Bewegung, mit der er sich, im Schlafzimmer angekommen, die weiße Kravatte vom Kragen riß und weit in's Zimmer schleuderte. Daß ich's nicht vergesse, Ignaz! murrte er

in dann, als ihm der Diener die Lackstiefel von den

un Füten zog.Du wirß morgen, während ich im

fle Amte bin, ein kleines Packet besorgen in's Haus

0 des Freiherrn v. Effenberg. Erinnere mich daran, es ist von Wichtigkeit!

1 Der Ignaz nickte. Den Namen des Barons

Effenberg hatte er auf einer der Einladungskarten N gelesen, die seinem Herrn jüngst zugekommen waren. Er wußte daher, daß es eben das Haus Effenberg sei, das Herr v. Fröden heute besucht hatte und

in dem er sich anscheinend nichts weniger als aumlüstert hatte.

Befehlen der gnädige Herr etwa, morgen früh wieder geweckt zu werden? fragte der Diener am Schlusse, ehe er sich mit den Kleidern entfernte.

Nein! Ich will schlafen so gut und so lang ich's vermag. Komm' nur zur gewöhnlichen Stunde, um hier geräuschlos einzuheizen; die Morgen sind noch sehr kühl!

Sehr wohl! Der Bursche ging, und der Attaché warf sich

unwirsch auf die Seite, die Bettdecke bis an's Kinn heraufziehend. Er schloß die Augen und bemühte sich, in möglichst regelmäßigen Zügen zu atmen, um den ersehnten Schlaf herbeizulocken. Er be⸗ fahl sich die Ruhe, das absolute Vergessen mit all der Bestimmtheit eines energischen Charakters. Aber der widersprechende Geist in ihm kehrte sich nicht an diesen Befehl. Wenn wir an einer brennenden Wunde laborieren, so können wir gemeiniglich nicht der fatalen Neigung widerstehen, die schmerzende Stelle immer und immer wieder zu betasten, und sind es moralische Qualen, unter denen wir leiden, so umkreisen unsere Gedanken in den Minuten der körperlichen Unthätigkeit fortwährend den Ausgangs punkt unseres Schicksales.

Vorgestern, in der großen Kunstausstellung hatte es bei Frödenangefangen.

Schlendert er da stillvergnügt durch die Räume des Künstlerhauses am Wienfluß, weniger die aus gestellten Gemälde als das bunte Menschengewimmel in den Sälen betrachtend, mit all dem Frohmut eines Neulings auf dem Boden einer sympathischen Stadt. Im Thürrahmen zwischen zwei Räumen, in deuen besonders Gedränge herrscht, stößt er mit der athletischen Gestalt eines Mannes in mittleren Jahren zusammen.Potz Blitz, Fröden, mein Junge!Welch ein günstiger Zufall! Und der Attache schüttelt einem alten Freunde, den er in nächster Zeit hatte aufsuchen wollen, die gewaltigen

Hände. Es war der Maler Hellmuth Vollwang,

der vor Jahren den Jüngling Fröden halb als Hof meister und väterlicher Beschützer auf einer Orient reise begleitet hatte. Seit mehr als ein im Lustrum, seit dem Vollwang die Professur an der Wiener Aka demie angenommen hatte, waren sie sich aus deu Au gen gekommen.

Nach einem herzlichen Austausch von Exinne rungen fühlt sich der Maler verpflichtet, eine junge Dame vorzustellen, die sich bescheiden in Entfernung gehalten, so daß Fröden gar nicht bemerkt hat, daß

sie in Vollwangs Begleitung sei.Eine Schülerin von mir Fräulein Ada Berg, ein ganz außer

ordentliches Talent. Fröden begrüßte das Mäd chen nicht allzufreudig, da es ihm lieber gewesen wäre, mit dem lang eutbehrten Freunde ein Stünd chen ungestört zu verplaudern. Bald aber scheukte er der Dame größere Aufmerksamkeit. Während man gemeinsam die Bilderreihen durchging und ein leb haftes Gespräch unterhielt, entwickelte sich aus dem stillen, schlichten Wesen des Mädchens so viel An ziehendes, daß Fröden sich immer mehr gefesselt fühlte. Vollwang führte seinen jungen Freund dann zu einem Gemälde:Da schau' her, mein Junge, und erkenne, daß ich auf diese Schülerin mit be rechtigtem Stolze blicke! Selbstporträt von Fräulein Ada Berg! Ja, da war Kunst zu bewundern, und für Fröden noch etwas mehr: der Gegenstand dieses Porträts selbst. Es brauchte längeres Betrachten, den ganzen Reiz dieser eigen artigen, sinnig ernsten Gesichtszüge zu begreifen; hier auf dem Bild durfte Fröden diese seelenvolle

Physiognomie studieren, was ihm in natura die gute Sitte verbot.

Erst als man sich am Ausgang der Ausstellung trennte jetzt waren es im Gegenteile die Ab schiedsworte des zu baldigem Atelierbesuche ein⸗ ladenden Vollpvang, was Fröden als unliebsame Ablenkung von seiner momentanen Interessenneigung empfand begann der Zauber der erstaunlich rasch verflogenen letzten Stunden auf den Attache so eigentlich zu wirken, und da ließ ihn seine Welt gewandtheit auf einmal so im Stiche, daß er hinter her überzeugt war, in seiner Befangenheit bei diesem Abschiede eine sonderbare, wenn nicht gar lächerliche Rolle gespielt zu haben. Ein Hang zur Selbst⸗ quälerei, wie er ihm sonst fremd gewesen war, trieb ihn dazu, aus dieser Begegnung die peinlichsten Reflexionen zu schöpfen. Er glaubte, vor diesem Fräulein Berg recht albern erschienen zu sein, eben durch seine lebhafte Rede, die wie er eigentlich erst jetzt erkannte in grellem Gegensatze zu ihrer knappen, fein pointierten, ruhigen Art sich auszu⸗ drücken gestanden hatte. Und hatte Vollwang ihn beim letzten Händedruck nicht ironisch lächelnd an⸗ geblinzelt, als ob er hätte sagen wollen:Mir scheint gar, Du hast da schou Feuer gefangen, mein Junge? Aber lass' Dir sagen: das ist nichts für Dich! Diese Ada Berg ist aus einem ganz anderen Stoffe, als Du denkst. 0 (Fortsetzung folgt.)