Gießen, Donnerstag, den 2. April
1896.
Ausgabe
Gießen.
che Landeszeitung.
Redaktion:
65 Kreuzplatz Nr. 4. 28
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die 5spaltige Petitzeile.
. Expedition: 24 Kreuzplatz Nr. 4.
pkales und Provinzielles.
95 d 7 5 fung„ Gießen, 1. April. Bange machen gilt icht! Unter diesem Motto schreibt man uns: .. April Janche Mutter ruft ihrem fünf⸗ oder sechs⸗ Wuren igen Buben, wenn er mit seinen Geschwistern ddt dn an Ait Frieden halten will oder wenn er sich nach 15 und aug m Befehl nicht von der Stelle rührt, zu: 5 Jenn Du nur erst zur Schule kommst, dann finalen fi, id der Lehrer Dir Deine Streitsucht, Deinen meinde w usinn schon austreiben!“ Ganz Recht, liebes ug Fitterchen, der Lehrer muß ungezogenen Buben 2 Uhr, Beh, Neuüber Ernst gebrauchen, sonst steckt Einer
.
Anderen au, und er kann mit den 50 oder noch mehr kleinen Geistern nicht auskommen. if den hene, Ban aber dem kleinen Paul oder wie er sonst lh, Kalbe Fit, bei jeder Gelegenheit die Schule als der Ort , ihn die Augen geführt wird, in dem es„Haue“ ba At, so enlsteht in dem kleinen Kopf doch ein
6101 z falsches Bild von der Schule. Er denkt Guse e sich als eine schreckliche Prügelanstalt und
o Müde, I Lehrer als den bösesten Prügelmeister. Damit ec, 70. 7 It man aber dem zukünftigen Schüler und 0, Kattaffan e Ach weniger der Schule und dem Lehrer einen er 50% M. allen. Der Kleine bekommt, wenn er das ort Schule hört, eine Gänsehaut. Und je ser der Tag heranrückt, an welchem er zuerst große Haus betreten soll, desto weiter wünscht ihn weg. Sein ruhiger Schlaf, den jedes And sehr nötig hat, wird gestört durch häßliche ume. Er ist in großer Aufregung, voll rer Angst, wenn er den ersten Schulgang an Hand seiner Mutter antritt. Kaum hat sie dann nach einem zärtlichen Abschiedskuß ver⸗ eu, so bricht ein lautes Heulen los. Wenn der Lehrer nicht da stände, würde er der er schnell nachlaufen. Wie viele versuchen och! Es ist für den Lehrer kein leichtes , Nerautb. i, Sick Arbeit, in den ersten Tagen die kleinen don E. Ottmann Aale zusammen zu halten. Die neue unbekannte iebung wirkt zu verwirrend auf sie. Der eine seine Mütze verloren, der andere sein Ränzel, dritte sein Butterbrot. Alles spricht, ruft J weint durcheinander. Die Verwirrung wird . wesentlich vermehrt durch die Angst. Angst flucht dumm und hülflos. Wenn das Kind in uhlicher Erwartung die Schulstube betritt, so ud es aufmerksam auf das Wort des Lehrers; un ihm aber die Angst den Hals zusammen⸗
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b. Kummer, 60 caßhen⸗Assstent ze 76.
9 Lupus, geb. ilterin zu Bad en Klinil.
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eipolbt, 1 8 5 0. gal in Art, so wird es nichts hören und nichts sehen; 478 ird recht„täppisch“ sein. Mit seinem Schreien
daes bald die Zielscheibe des Spottes für die isteren und eine Folter für die Nerven des
1 sters. Wenn auch alle Kinder mit Mut und Sttrauen den bedeutungsvollen ersten Schulgang u 31. Mig, teten, so wird in der ersten Zeit der Lehrer
erleichtert aufatmen, wenn der Tag vorüber denn seine Nerven müßten von Stahl sein,
f„mm sie nicht angegriffen würden. Wenn aber
9 0 2 Volks nige unter der Zahl vor Angst konsequent weinen nung. i nach Hause wollen, dann ist es zum Davon⸗
fen.— Wenn nun aber der Aengstliche sich
un Nedakteulz lich überzeugt, daß es in der Schule gar nicht
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ner, Rik Mtargot's Muff.
. 115 Von Cethegus.
e en(Nachdruck verboten.)
Es war ein sehr schöner Morgen im Februar.
ö 10 Bäume und Sträucher des Stadtparks hatten .
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Frost aus ihren Gliedern geschüttelt und fingen sich mit verheißungsvollen Knospen zu schmücken. Wind, der noch vor wenigen Tagen als ein keischer alter Straßenkehrer dürres Laub und hee miteinander zusammengefegt, hatte sich in en übermütigen Jüngling verwandelt und fand
U 1 größtes Vergnügen daran, in Margot Feldheim's f B inden Stirnlöckchen zu spielen und die Wangen sondere 1 einsamen Spaziergängerin hübsch rot zu färben. fährtroft 10 Ueberaus schwärmerisch blickten Margot's blaue 1 oder„ Aten in den sonnenhellen Morgen hinaus und 55 frei i für den blonden Stirnlöckchen wirbelten die
0 ntischsten Verse und die weltschmerzlichsten Ge— he in schöner Unordnung durcheinander. Sie te sich das erlauben, denn sie war erst vor 1 Vierteljahr aus dem Pensionat entlassen, und Vater war der reichste und sicherste Vertreter Fett- und Thranbranche in der Residenz,— in na Gotthold Feldheim selig Witwe und Söhne.
1 Unter der Fülle von vorzüglichen Zeusuren, page ue Margot aus dem Penstonat mitzubringen 1e ie digte, hatte die Litteraturgeschichte stets die erste 4 inznummer geliefert. In dem Fache konnte sich
le mit ihr messen. Selbstverständlich berück⸗ 05— 6 wigte die Litteraturstunde im Pensionat außer den g be Jelannten Klassikern nur allenfalls noch solche
ter, welche nachweislich und unbestritten tot
so schlimm ist, wie die Mutter immer gedroht hat, was soll dann das Kind von seiner Mutter denken? Glaubst Du nicht auch, verehrte Mutter, daß das felsenfeste Vertrauen Deines Kindes auf Dein Wort einen Stoß bekommt, der es bedenklich zum Wanken bringt?“
Gießen, 1. April. Unsere Stadt wird nach Errichtung des Kaufmännischen Ver— einshauses wieder um ein monumentales Gebäude reicher sein und es lohnt wohl schon jetzt, den nach dem Entwurf der Architekten Stein und Meyer auszuführenden Bau zu be— sprechen. Das Vereinshaus soll bekanntlich an der Nord⸗Anlage auf dem von der Stadt zu diesem Zwecke kosteulos überlassenen Gelände, welches gegenüber der Stadtknabenschule belegen ist, errichtet werden. Nach dem Entwurf präsen⸗ tiert sich das Gebäude als fein durchgebildeter Renaissancebau in Putz mit sparsamer Verwen⸗ dung von Sandstein gedacht. In der Mitte der Facgade befindet sich das in Sandstein durch— zuführende Hauptportal des Hauses, über dem⸗ selben in einer Nische stehend präsentiert sich die Statue des„Merkur“ in Lebensgröße. Ein zweiter Eingang, welcher direkt in das Treppen⸗ haus führt, ist an der Seite des Hauses vor— gesehen. Ein französischer Dachstuhl, dessen steile Flächen mit Schiefer abgedeckt werden und dessen Plateau in Holzeement⸗-Dachung auszuführen ist, iebt dem Bau einen gefälligen Abschluß. Im Iller des Hauses dient das Souterrain zu Küchen⸗ und sonstigen Wirtschaftszwecken. Das Erdgeschoß enthält ein Zimmer für den Vorstand des Kaufmännischen Vereins, ein Sitzungszimmer für die Großh. Handelskammer, einen Raum zur Unterbringung des Sekretariats der Handels⸗ kammer, einen Raum für die Bibliothek des K. V. und ein Zimmer, welches noch für Zwecke der Handelskammer Verwendung finden soll. Das große Restaurationszimmer, welches eben⸗ falls im Erdgeschoß liegt, befindet sich nach hinten heraus und ist der Austritt von hier aus, mittels einer vorgesehenen Terrasse nach dem Garten zu,
edacht. Im Obergeschoß sind drei geräumige zehrsäle, sowie ein Raum für das Lehrlingsheim vorgesehen. Die Wohnung für den Hausverwalter hat im Dachgeschoß nach dem Garten heraus Platz gefunden. Wenn man zum Hauptportal in das Gebäude eintritt, befindet man sich in einem Vestibüle, dessen Decke durch ein imitiertes Kreuzgewölbe geschlossen ist. Der Bau ist frei⸗ stehend gedacht, von drei Seiten umrahmen ihn Gartenanlagen, während er von der linken Seite von der von der Nord-Aulage zur Steinstraße führenden Durchfahrt begrenzt wird.
* Gießen, 1. April. Gestern Mittag ver⸗ starb dahier infolge eines Schlaganfalls der in Friedberg am 30. Juni 1833 geborene Poli⸗ zeirat Wilhelm August Fresen ius. Der Verlebte kam 1874 als Polizei⸗Kommmissar von Darmstadt nach Gießen, wo sein Vater im Jahre 1848 Hauptmann der Bürgerwehr ge— wesen war. Im Jahre 1882 erhielt er den
Titel Polizeirat. Fresenius gehörte der Bur⸗ schenschaft Germania an, er war ein Beamter alt⸗ hessischen Schlages, ein abgesagter Feind der sogenannten Schneidigkeit und erfreute sich inner— halb der Bürgerschaft allgemeiner Sympathieen.
Gießen, 1. April. Gestern Nachmittag hat die Finanz-Kommission über die zu vergebende neue 3½% Anleihe der Stadt Gießen in Höhe von 1. 1,800,000 beraten; über deren Beschlüsse ꝛc. ist Amtsverschwiegenheit proklamirt. Soviel sind wir aber schon jetzt in der Lage mit⸗ teilen zu können, daß eine stattliche Anzahl erster deutscher Bankinstitute und Bankhäuser, unter Letzteren auch Gießener Firmen, um unsere Stadtanleihe sich beworben haben. Die Ver— treter der Genossenschafts-Bank und der Mittel- deutschen Kredit-Bank waren persönlich von Frankfurt gekommen, um ihre Offerten in der Bürgermeisterei abzugeben.— Auch sollen die Angebote erheblich über Pari lauten: ein gewiß erfreuliches Zeichen über die Bonität unseres städtischen Kredits.
Gießen, 1. April. Dem Vernehmen nach wird zu der am 16. Mai vorgesehenen Ent- hüllungsfeier des Kaiserdenkmals in Frankfurt, bei der auch das Kaiserpaar anwesend sein wird, die I. Kompagnie des 116. Juf.⸗Reg. Kaiser Wilhelm als Ehrenkompagnie in Frank⸗ furt a. M. Dienst thun.
* Gießen, 1. April. Die s. Zt. in der Versammlung bei Spieß gewählte Viehmarkts⸗ Kommission hat eine Petition an den Stadtvorstand beschlossen, in der darauf hin⸗ ge viesen werden soll, welche Schädigung die Altstadt erleiden würde, wenn der Viehmarkt nach dem Süden der Stadt in die Nähe der Margarethenhütte verlegt werden sollte. Die Petitionsbogen werden in den nächsten Tagen öffentlich an verschiedenen Stellen der Stadt zum Zwecke des Unterschreibens ausgelegt werden.
* Gießen, 1. April. Die von uns gebrachte Notiz über die Fernsprechanschlüsse stellen wir dahin richtig, daß der Lohnkutscher Junker unter der angegebenen Nummer bereits ange⸗ schlossen ist. Die 4 anderen Anschlüsse werden erst in 2 bis 3 Wochen erfolgen.
* Gießen, 1. April.(Besitzwechsel.) Malermeister Gottlieb Nauheimer verkaufte sein Frankfurterstraße 3 belegenes Haus für 80000 4 an den Zahnarzt Eduard Jäger.
* Hungen, 31. März. Unserer Stadt ist vor einiger Zeit ein bisher einer Witwe ge⸗ höriges Haus zu dem Zweck überlassen worden, darin eine Kranken anstalt zu errichten. Da man sich der sonst günstigen Verhältnisse in Be⸗ zug auf Armenpflege für Hungen selbst davon wenig verspricht, hat Herr von Oven, als Ver⸗ treter der Stadt, im Kreistag beantragt, das Haus zu einem Bezirkskrankenhaus umzu⸗ gestalten. Nach den hierüber in der letzten Kreis⸗ kagssitzung gepflogenen Verhandlungen erachtet man die Verwendung des Hauses als Bezirks⸗ krankenhaus für angängig, da in Provinz⸗
verwaltung ein Stiftungsfonds sich befinde, dem die Kosten für die Verwaltung des Hauses ent⸗ nommen werden könnten. Es ist beabsichtigt, vorerst die Aufnahme von Kranken aus der alten Grafschaft Hungen zu ermöglichen und die dazu gehörigen Gemeinden zu veranlassen, zu den Unterhaltungskosten beizutragen; doch soll, falls die Gemeinden hierauf nicht eingehen, die Ueber⸗ nahme des Hauses auf den Kreis im Auge be⸗ halten werden.
Mainz, 31. März. Die preußische und hessische Regierung haben ein Verstaatlichungs⸗ Angebot der Hessischen Ludwigsbahn zugehen lassen. Danach sollen die in den Provinzen Rheinhessen und Starkenburg belegenen Eisenbahn⸗ strecken des Hessischen Ludwigsbahn-Unternehmens am 31. Dezember 1896 als Staatsbahn erklärt werden. Den Aktionären soll eine Abfindung für je eine Aktie von 600 1 Schuldverschreibung im Gesamtwerte von 700& in preußischen und hessischen Staatspapieren unter der Bedingung angeboten werden, daß vorab der Beamten⸗ Kautionsfonds wie der Reservefonds und der Erneuerungsfonds der Gesellschaft in ihren Bilanz⸗Sollbeständen durch Verwendung dis⸗ ponibler Grundstücke effektiv wiederhergestellt werden. Als Liquidationspreis werden achtzig Millionen Mark seitens beider Staaten bezahlt. Bis zum 15. Juli soll die endgiltige allseitige Entscheidung getroffen werden.
Vermischtes.
— Sonderlinge. Aus Bamberg wird der Mün⸗ chener Allgemeinen Zeitung berichtet: Dieser Tage starb dahier der 75jährige Gärtnermeister Ignaz Och, der letzte von 5 Geschwistern. Diese Geschwister hatten vor ca. 8 Jahren an den Fiskus einen größeren Komplex von fruchtbaren Feldern abzutreten zur Erweiterung des Bahn⸗ hofes und zu Kasernenbauten, waren indeß durchaus nicht freiwillig hierzu zu bewegen, weshalb das Expropriations⸗ verfahren eingeleitet wurde. Da die Geschwister Och den Kaufpreis anzunehmen sich weigerten, so wurde derselbe bei der k. Bank für dieselben deponirt. Der Betrag liegt heute noch als Depot bei der Bank und die Summe hat sich auf ca. 27,000 Mark vermehrt. Als der Tod einige der Geschwister hinweggerafft hatte, deckten die Ueber⸗ lebenden für die Verstorbenen eine Zeit lang den Tisch täglich, wie wenn die Betreffenden noch am Leben wären, der Platz beim Essen wurde bereit gehalten und die Speisen nach dem Essen wieder abgetragen. Die Ge⸗ schwister bewohnten eine abgeschlossene Gärtnerswohnung. Kein Mensch konnte sie dort aufsuchen. Der Steuerbote konnte bei seinen Zustellungen nur mit List und durch Benützung einer Leiter in das Haus eindringen und auch der die letzte Oelung spendende Geistliche mußte auf die Weise in das Haus gelangen. Jetzt theilen sich in die obengenannte Summe lachende Erben.
— Elephantenappetit. Aus London wird ge⸗ schrieben: Taunton wurde dieser Tage durch den Besuch einer reisenden Menagerie geehrt, deren piece de résistance eine liebenswürdige Elephantin war, die über drei Tonnen wog und so groß war, wie eine Vorstadtvilla. Besagte Elephantin, die das Einerlei ihrer Existenz etwas satt hatte, beschloß, sich das niedliche Städtchen etwas auf eigene Faust anzusehen. Sie machte sich denn des Nachts
waren. Sobald aber Margot dem Schulzwange entwachsen war, fing sie an, auch den Lebenden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Mit einigen gleich be⸗ geisterten und gleichfalls aus guten Familien ent— stammten Freundinnen stiftete sie ein Kränzchen, in welchem man sich allwöchentlich zusammenfaud, um Schokolade mit Schlagsahne, Himbeerlimonade, Torten und schöne Litteratur zu genießen. Sie lasen die Braut von Messina, die Jungfrau von Orleans und die Maria Stuart mit verteilten Rollen, aber vor Allem viel Lyrisches, und schlossen bei letzterem auch neueste Dichter keineswegs aus, vorausgesetzt nur, daß diese sich recht weltmüde und weltschmerz— lich gebahrten und an Gottes schöner Schöpfung kein gutes Haar ließen. Und in dieser Hinsicht hatte auf Margot und ihre Freundinnen keiner einen so allseitig befriedigenden Eindruck gemacht, als Franz Tober mit seinem vorjährigen Erstlings— werke:„Götterdämmerung und Totentrompeten. Aus meiner lyrischen Schmerzenskammer.“ Es war fraglos Derjenige, der es am besten vermochte, die Reize der Schokolade mit Schlagsahne und Kirsch— törtchen noch durch ein wuseliges Gruseln zu er— höhen. Seine jungen Verehreriunen wußten als— bald ganze Seiten aus dem Büchlein auswendig und verglichen mit der dem Deutschen uuentbehr⸗ lichen Neigung zu vergleichen den Dichter frischweg mit Lenau. Das war die höchste Auszeichnung, welche sie ihm zusprechen konnten; deun unter den Aelteren war der schwermütige Lenau ihr größter Held.
Mit tiefer Wehmut und unter allgemeinem Thränenvergießen hatte Margot in dem letzten
Kränzchen jenes Gedicht Franz Tober's aus dem
Kopf deklamiert, welches so einfach und schön über— schrieben ist:„Abschied ist Tod“ und anfängt:
„O lebe wohl!— und glutenpfeilig
Bohrt sich Dein Blick mir in das Herz!
Ein Flüchtling bin ich. Kaum hier weil' ich,
So schlägt auch schon der Abschiebsschmerz“ denn sie sollte auf drei Wochen ihre Tante besuchen, die in einer ziemlich entlegenen Stadt sich bemühte, die Zinsen eines höchst ausreichenden Vermögench standesgemäß zu verbrauchen. Uebrigens freute sich Margot sehr auf diese Reise; in der großen Villa der Tante mit dem weiten Garten dahinter hatte sie es immer furchtbar nett gefunden. Was aber ihre Freude aufs Höchste steigerte, war eine Briefkastennotiz, die sie just am Tage ihrer Abreise in einer Zeitschrift fand. Sie ersah daraus, daß der Dichter Franz Tober zur Zeit in derselben Stadt wohnte, welcher sie selbst für die nächsten drei Wochen angehören sollte.
Freilich erfuhr Margot gleich nach ihrer An— kunft eine herbe Enttäuschung. Es erwies sich, daß weder die Tante noch irgend einer der anderen Verwandten und Bekannten etwas von dem großen Dichter wußte, sie schienen sich nicht einmal dieser Unkenntnis zu schämen und unterhielten sich lieber mit allerlei Familien- und Geschäftsfragen: daß Margot so hübsch groß geworden sei, daß sie in der Gesichtsbildung immer mehr auf Tante Hedwig herauskomme, daß Konrad sein Patent als Reserve⸗ lieutenant bei den siebenten Husaren bekommen habe, daß die Flaue in Petroleum wohl noch anhalten werde und daß Onkel Ludwig in der letzten Zeit
sehr dick geworden sei. Margot machte im Stillen
einige für die Tochter des Matadors der Fett- und Thran-Branche nicht recht passende Bemerkungen über„banausische Naturen“ und nahm sich nun fest vor, den Dichter selbst zu entdecken. Wie alle Dichter und wie sie selber liebte er ohne Zweifel
die einsamen Spaziergänge, und daß sie ihn erkennen
werde, wenn sie ihm im Stadtpark begegnete, wußte sie; das Bild, welches sie sich nach seinen Dichtungen von ihm gemacht hatte, war ja zuver⸗ lässiger als jeder Steckbrief.
schönen Februarmorgen, der sie in den Park lockte, das hohe Glück, ihrem Helden zu begegnen. Sie erkannte ihn sogleich: breiter, weicher Schlapphut, echt künstlerisch; der dicke braune Flausrock, un⸗ leugbar etwas abgetragen,— ach, er hatte ja nicht umsonst gesungen:
„Was ist das Loos des Dichters? Zu lungern Verachtet umher, und oft zu verhungern!“—
Das lange Haar und der früh ergraute Bart etwas verworren, genialisch ungekämmt; um die vollen Lippen eine tiefe Falte des Weltschmerzes; das Haupt er⸗ hoben, die Augen oft wie geistesabwesend umher⸗
spähend,— wenn ihm„die Muse leichten Flügel⸗ schlags vorüberstrich.“ Vor Allem aber das sin— nende Aufhorchen, weun von fern ein Hund bellte, — wie hieß es doch so schön in dem Gedicht „Um Mitternacht“: „Von ferue bellen Hunde durch die Nacht; Vom schlummerlosen Schlaf bin ich erwacht; Was weckst Du, Sterblicher, mit Wauwaulaut, Mich, den vor'm Fluche, nie zu sterben, graut?“
(Schluß folgt.)
Und wirklich hatte sie nun gleich an dem ersten
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