Ausgabe 
1.12.1896
 
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Gießen, Dienstag, den 1. Dezember

1896.

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Postztg. Nr. 3239 Telephon⸗Nr. 112.

Ausgabe

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Gießen.

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Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.

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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

Ueber das beste Stück Fleisch

schreibt die als Gastronomin bekannte Frau ftommerzienrätin Heyl in der illustrierten Zeit⸗ schriftZur guten Stunde unter Anderem? Wie wesentlich das Verständnis des Fleisch inkaufenden für das Wohl zahlloser Menschen ist, ist kaum in Zahlen auszudrücken, wenn man bedenkt, daß das Kilo Fleisch eines unge⸗ mästeten Ochsen 298/ Gramm Wasser, 154 Gramm Muskelfleisch, 40¼ Gramm Fett, 7 HSGramm Salze enthält, während das/ Kilo ines gut gefütterten Tieres 195 Gramm Wasser, 178 Gramm Muskelfleisch, 119 Gramm Fett, 7% Gramm Salze aufweist, und daß natürlich außer den Nährwerten auch die Beschaffenheit im Geschmack ein äußerst verschiedenes Resultat liefert. Man wende nicht ein, daß gut ge⸗ mästetes Vieh auch teure Preise habe. Für den⸗ gelben Preis des Rindes, welches oft zäh, saserig und trocken verabreicht wird, könnten saf⸗ lige Stücke von vollwertigen Rindern gekauft perden, wenn auch mit weniger gut beleumun⸗ deten Namen, wie die Wamme, das Schild und die Dünnung. Es soll indeß nicht verschwiegen pberden, daß jedes Tier von Natur vorzügliche Leckerbissen aufzuweisen hat, welche der Kenner schätzt, und deren Zuberkitung ihm besondere Vorsicht auferlegt. U Fangen wir beim vornehmsten der Schlacht siere an und unterscheiden das schöne Ochsen fleisch eines auf Fleischmast gefütterten, voll⸗ eischigen 35jährigen Tieres vom hellen Stierfleisch oder dem dunklen eines Bullen oder dem aufgeschwemmten Fleisch eines Fettmasttieres, o finden wir bei dem ersten ein delikates Stück bon vier Pfund auf jedem Hinterviertel, das in leinen Stücken gewöhnlich mit großen Stücken des Schwanzstückes verbunden ist, da die 2 Schlächter eine sparsame Verteilung dieses Tderobe Stückes lieben und schwer in die Abtrennung desselben willigen. Das Stück heißt in der welocks, J SchlächterspracheTeilung oderspitze Zunge. roßen Posten, Es teilt sich durch eine Haut von der Unterlage, kinder, mit un 0 sst spitz zulaufend und, in seiner Struktur ge⸗ nbnren biels. kocht, so zart wie eine Zunge. Ist nun dieses 10 Mk. as ganz vorzügliche Stück Rindfleisch nicht zu alt lloken eit, ges, n und vorsichtig in kochendem Wasser, 8 25 ewürzt und gesalzen, angekocht, so darf es nur 888 prei Stunden bis vier Stunden fest verdeckt

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4 ziehen, nicht kochen. lun Als Braten wird das Filet oder Mürbe⸗ Triumphe feiern. Alt geschlachtet, stark geklopft, t ßoollte es indeß nicht sofort wie üblich mit heißem iu bilige Mei Fett begossen werden, sondern sich einige Minuten meln, durch Wasserdampf gefallen lassen. Das sofortige ppengestell, Behandeln des Bratens mit heißem Fett hat ple, bei der landläufigen Brateinrichtung der Privat⸗ artig erstarrt und so die Hitzewirkung nur unvoll⸗ jommen in das Innere des Bratens dringen

läßt, der dann im Kerne roh bleibt.

Bei den noch zäheren Fleischfasern des Kalbfleisches ist obige Behandlung ebenfalls unerläßlich. Der abgelegene schueeweiße Kalbs⸗ rücken eines gut 1012 Wochen mit Milch und Eiern getränkten Kalbes wie sie in manchen Gegenden, wo die Milch so die vorteilhafteste Verwendung findet, gezogen werden, wie in Hamburg, Holstein und England wird als Luxusspeise samt den 23 Pfund wiegenden Kalbsmilchen, Middernod, Schwäschen, in der feinen Küche gar nicht zu entbehren sein.

Das rohe Hammelfleisch muß saftigrot, von einem 23 Jahre alten Tier stammen, und das Fett sich nicht trocken anfühlen. Im Spät⸗ sommer sind diese Tiere am besten. Eine nach den Regeln der Kunst gekochte weiße Hammel⸗ keule soll auch nicht unerwähnt bleiben. Die⸗ selbe muß in reichlich mit Kümmel, Salz und Zwiebel gewürztem kochenden Wasser leise ziehen, Stunde auf 1 Pfund Fleisch gerechnet. (Auf 7 Pfund Fleisch 1 Gramm Kümmel, 50 Gramm Zwiebel und 50 Gramm Salz.) Diese Hammelkeule wird, mit ihrem rosenroten Fleisch und einer Morchel- oder Kapernsauce serviert, große Liebhaber finden.

Des Lammes Schönheit muß in seiner Frische, circa 23 Tage alt nach dem Schlachten, durch die nicht zu heiße längere Hitzewirkung erhöht werden, damit es weich und saftig den nußartigen Geschmack unverfälscht behält. Das Vorderviertel gilt als der zarteste Teil des Lammes, und gern werden Kräuterbutter oder Sauerampferbeigaben als pikante Zuspeise ge⸗ reicht, welche auch beim Spanferkel, dem jungen Saugschweinchen, zu empfehlen, auch wohl durch Sauerkohl noch vervollständigt wird.

Das Spanferkel, welches 23 Wochen alt sein muß, kommt als ganzes Tier auf den Tisch und wird häufig noch gefüllt. Der Braten muß schön gelbbräunlich, die Schwarte glasartig gebraten sein. Die edlen, kleinen Rassen der Schweine liefern ausgezeichnete Braten, durch den Rücken oder Rippenspeer, der mit leichter Pöckelung und Anräucherung eine beliebte Abwechselung ermöglicht.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 30. Nov. Die neugegründete Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde scheint einer b Zukunft entgegenzugehen, wenigstens sind ihr, ohne daß sie bisher an die Oeffentlichkeit getreten ist, bereits 168 Mitglieder beigetreten. Damit ist der Bestand der Gesell⸗ schaft zunächst gesichert und ihre Lebensfähigkeit erwiesen, sowie auch ein finanzieller Grund ge⸗ legt, der die Berufung auswärtiger Redner er⸗ möglicht. Infolgedessen hat der Vorstand den ersten Vortragsabend auf Freitag, den 4. Dezember angesetzt und den Wirkl. Geh. Admiralitätsrat Herrn Professor Dr. G. Neumayer, den langjährigen Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg, zu einem Vortrage über die Südpolarfrage gewonnen. Die Sitzungen finden bis auf weiteres im großen Saale des Gasthofs zum Einhorn statt und sollen um 8 Uhr beginnen; die erste Sitzung

wird allerdings wegen geschäftlicher Mitteilungen und Eröffnung der Gesellschaftsthätigkeit schon um Uhr ihren Anfang nehmen. Den Mit gliedern sollen demnächst gegen Erlegung ihres Beitrags von 4% die Mitgliedskarten für das Ende September 1897 ablaufende Rechnungs⸗ jahr 1896/97 zugehen; Mitglieder, die diese Jahreskarte noch nicht erhalten haben, werden gebeten, sich in die am Eingang des Saales aufgelegten Listen einzuzeichnen. Der Eintritt ist auch für die Familienangehörigen der Mit⸗ glieder ohne Nachzahlung gestattet. In diese Listen mögen auch neu hinzutretende Mitglieder ihre Namen einschreiben. Nach dem Vortrage findet eine gesellige Vereinigung im kleinen Saale des Gasthofs zum Einhorn statt.

* Gießen, 30. November. Am Samstag Abend feierte die Sektion Gießen des deutsch-österreichischen Alpen-Vereins im 1 1 zum Rappen durch ein Festmahl sein 10 jähriges Stiftungsfest. Die Sektion Gießen hat unstreitig große Verdienste in unserer Stadt, für die Allgemeinheit aber hat sich die Vereinigung verdient gemacht durch ihre Wege⸗ markierung in unserer Umgebung.

* Gießen, 30. November. Das gestrige, von dem Bauerschen Gesangverein und Männer⸗ gesangverein veranstaltete Wohlthätigkeits⸗ konzert zum Besten des Allgemeinen Vereins für Armen- und Krankenpflege hatte den wohl⸗ verdienten Erfolg zu verzeichnen. Man kann sagen, es hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden, das sich für die dargebotenen Leistungen recht dankbar zeigte. Es mußte Jeden freuen, welcher für Pflege des Gesanges als auch für die Werke der Wohlthätigkeit ein warmes Empfinden hegt, daß die gestrige Auf⸗ führung von seltenem Erfolge gekrönt war. Eingeleitet wurde das Programm durch die reizend gespielte Ouverture zuEin Sommer⸗ nachtstraum. In der folgenden Nummer lernten wir Herrn Paul Polster als einen vorzüglichen Pianisten kennen. Das Thema zu dem Konzert F-moll spielte genannter Herr mit fertiger Technik, an welche durch die Begleitung des Orchesters keine geringen Anforderungen ge⸗ stellt wurden. Die Männerchöre unter Leitung des Herrn Polster gelangen vorzüglich. Das Waldlied von Mangold wurde einfach groß⸗ artig gesungen. In der vierten Nummer konnte man Herrn Polster als Piauo⸗Solisten bei Vor⸗ trag des Scherzos(B-moll) von Chopin be⸗ wundern. Der Männerchor mit Orchesterbeglei⸗ tungSchöner Rhein, Vater Rhein von Mohr rief ebenfalls den größten Beifall hervor. Würdig abgeschlossen wurde das Programm durch die symphonische DichtungUltara von Smetana, deren Wiedergabe der Kapelle des Herrn Krauße neue Lorbeeren schuf. Alles in allem hat das Konzert die Zuhörer aufs höchste befriedigt, und man verließ das Lokal unter Mitnahme der besten Eindrücke. Auch der pekuniäre Erfolg war ein befriedigender. s

* Gießen, 30. Nov. Sowohl die gestrige Kindervorstellung im Stadttheater, als auch die am Abend gegebene PosseStabs trompeter erfreuten sich eines zahlreichen

Besuches. Zu wiederholten Malen in Gießen aufgeführt, ist die Handlung dieser beliebten Posse hinlänglich bekannt, sodaß nur zu sagen bleibt, daß die Verteilung der Rollen eine glückliche war, wodurch das Stück seine Wirkung nicht verfehlte. Gießen, 30. Nov. Auf die morgige Auf⸗ führung der neuesten Sudermann'schen Schöpfung, des SchauspielsMorituri machen wir be⸗ sonders aufmerksam. Wenn unser Publikum den älteren Sudermann'schen Stücken, die in Gießen schon wiederholt gegeben wurden, die größte Aufmerksamkeit schenkte, umsomehr dürfte die morgige Aufführung eins der neuesten Stücke Sudermanns ein volles Haus bringen. Gießen, 30. November. Man teilt uns mit, daß die von privater Seite für das zu er⸗ bauende Volksbad bis jetzt gezeichnete Summe die Höhe von 50000& erreicht hat. Es ist Absicht, ein Aktienkapital in Höhe von 60000 aufzubringen, da dann auch die Stadt den gleichen Betrag in Aktien zu übernehmen bereit ist, während weitere 60000 4 als Hypothek zu beschaffen sein werden. Man hofft noch vor dem Frühjahr die Finanzierung des Unternehmens sicher gestellt zu haben.

* Gießen, 30. Nov. Zahlreiche Mitglieder des Vereins deutscher Chemiker(Sektion Frankfurt a. M.) weilten am Sonntag in unserer Stadt. Man besichtigte das Fernie'sche Braun⸗ steinwerk und die Gailsche Dampfziegelei und Thonwarenfabrik, um nachher in der Aula des chemischen Instituts unserer Hochschule Vorträge der Professoren Dr. Elbs unv Dr. Naumann beizuwohnen. Ein Festmahl im Hotel Prinz Carl vereinigte die Chemiker den Abend über. Gestern unternahmen die Herren einen Ausflug nach Marburg.

* Wettsaafen(Kreis Alsfeld), 29. Nov. Wie gefährlich es ist, kleine Kinder unbe⸗ aufsichtigt zu lassen, zeigt wieder folgender Vorfall. Die Kinder eines hiesigen Bergwerk⸗ arbeiters spielten, während ihre Mutter in der Stube war, mit anderen in der Scheuertenne. Hierbei setzten sie ihr zwei Jahre altes Brüderchen auf den Kettenzug einer Futterschneidemaschine und brachten diese in Thätigkeit, das Kind hin⸗ und herfahrend. Plötzlich geriet es mit dem einen Händchen in die mit Zähnen besetzte Trieb⸗ wellen. Die Hand wurde zerquetscht und der Daumen halb abgehackt; das Kind behält viel⸗ leicht für sein Lebtag eine steife Hand.

* Mainz, 29. Nov, Das Schöffengericht verurteilte vor kurzem die Weinhändler Bern hard Kahn und Max Mannheimer, die aus 11 Stück Wein und ein 1 Stück sog.Trub 30 StückWein gemacht und diesen abge⸗ setzt hatten, zu je 50% Geldbuße. Gegen dieses Urteil hatte die Staatsauwaltschaft Rekurs erhoben und beantragte in der heutigen Sitzung je 600. Geldbuße. Das Urteil lautete für jeden der beidenWeinproduzenten auf 200. Geldbuße, eventuell 1 Monat Gefänguts und Publikation des Urteils in drei hiesigen Zeitungen.

* Mainz, 29. Nov. Das Kreisamt macht bekannt, daß das vor Monaten im Rhein, direkt

unter der Straßenbrücke gesunkene.

braten und Roastbeef oder der Rücken stets seine Ergehtwagen das Auflockern und Quellen der Fleischfaser lüche zur Folge, daß das Eiweiß außen horn⸗

Flitterwochen. Skizzenblatt von F. S torck. (Nachdrud verboten.) (Schluß.) a Der Nachmittagskorso in der Lichterthaler llee war an diesem klarsonnigen Spätsommertag o wechselvoll belebt wie kaum in der Hochsaison. Meine Freundin und ich schlenderten auf der breiten Zromenade, unter den schattenden Bäumen immer umringt von dichten Kolonnen eleganter Kurgäste und schlichter Touristen. Man plauderte ungeniert leb⸗ aft in allen Zungen. Kostbare Toiletten fesselten die Augen der minder eleganten Passanten. Auf den Zolstern der unablässig inmitten der Allee rollenden Eguipagen wiegten sich graziöse Frauengestalten, ine Schaustellung von Jugend, Schönheit und Reichtum. 5 Unter all diesen, scheinbar von Fortunas Huld eschützten, flog auch unser hochzeitsreisendes Paar, die ein Phantom, in elegantem Landauer an uns

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. Deer junge Gatte mußte neue Hilfsquellen ent⸗

impfe ü eckt haben. Oder war es wirklich, wie er gegen

dersabel 15 Linen Lehrherrn behauptet hatte, nur ein verspätete

fta ha Eintreffen erwarteter Gelder gewesen?.

1 B Jedenfalls sah er aber sehr selbstbewußt und

8 i hbel Ingemein hübsch aus. Sein Frauchen lächelte ihn

5 ewundernd an, denn er war ja glücklich und mit chr zufrieden.

cher 5 Wie es kam, daß

ich abends im Hotel nicht

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Tgleich schlief, ich weiß es selbst nicht. Meine Frau,

die schlief längst den Schlaf des Gerechten. Ich war mir nun zwar auch nicht bewußt, Schand⸗ und Frevelthaten verübt zu haben. Dennoch ward es mir unerträglich heiß und bange. Ich erhob mich leise, hüllte mich in meinen warmen Reise⸗ mantel und trat behutsam hinaus auf den kleinen Balkon. Das Zimmer lag im zweiten Stock. Die Nacht war warm und still. Es mochte etwa gegen Mitternacht sein. Auf dem Glasdach des Speise⸗ saals sang eine Katze einige Koloratur-Arien. Im Treppenhaus des Hotels war noch stetes Kommen und Gehen. Ich lehnte an dem zierlichen Eisen gitter und atmete tief die von den Bergen kommende reine Luft, als unter mir die Balkonthür der Bell⸗ etage klirrte. Erust Weigels aufgeregte Stimme tönte herauf.

Fange um Alles nicht an zu weinen! Ich kann Thränen nicht sehen, und Frauen macht das Weinen entschieden häßlich. Eine häßliche Frau ist aber ein Unglück für einen schönheits liebenden Manu! 5

Was die kleine Frau in der Tiefe des Gemaches entgegnete, verstand ich nicht. Er aber brauste auf:

Mein Gott ja! Was ist da weiter? Ich habe eben nichts mehr! Wollte mir vom Oberkellner hundert Mark leihen, damit wir morgen fort können, da macht der Kerl ein Geschrei, als ob ich ein Betrüger wäre. Ich muß nun Deiner Mutter telegraphieren, daß sie per Draht Geld sendet. Es ist ja eine reine Bagatelle. Nun sei gescheit, Lieb⸗

chen, nimm die Affaire nicht gleich tragisch. Komm her, setze Dich auf meine Kniee, ich muß diese kin⸗ dischen Tyränen von Deinen zarten Wangen küffen. Sein Ton war taändelnd, schmeichelnd geworden.

Wieder eine Pause. Schluchzende Laute trafen mein Ohr. Ich wollte mich zurückziehn. Es war indiskret, hier zu steheu, und doch hielt mich ein seltsames Gefühl, halb Mitleid, halb unbestimmte Bangigkeit, gebannt.So? Deine Mutter schickt nichts? Scharf, höhnend, klang seine Frage. Nun, das wäre einfach infam, uns hier iu der Patsche sitzen zu lassen! Sie ist ja reich. Solche Lumperei ist ihr eine Kleinigkeit!

Wieder unverständliche, thränenerstickte Laute.

Gut. Wenn Mama es über's Herz bringt, nichts für uns zu thun, so wäre das Einfachste, ich machte ein schnelles Ende. Denn daß Du es weißt, ich brauche mehr, ich brauche Tausende für unser Geschäft, sagte er heiser.Es ist ja eine Kleinig⸗ keit. ein Druck und Alles ist vorbei.

Ein Schrei, herzzerreißend, tönte herauf. Dann sie mußten nahe am Balkon stehen schluchzte sie:Ich beschwöre Dich, Ernst, gehe nicht von mir! Ich ertrüge das Leben nicht ohne Dich. Fort, wirf es fort jenes häßliche Ding! Du willst mich nur schrecken! Mama soll Alles geben, ich, ich werde ihr schreiben, und sprich nie wieder solche grausame Worte, nie wieder.

So halte ich Dich denn, mein süßes Weib! Halte Dich fest an meinem Herzen, und könnte diese lebenden Lippen zu Tode küssen. Verzeih, was ich in Ver⸗

zweiflung habe thun wollen. Wie thöricht, diese köstlichen Tage reinen Glückes durch elende Geld sorgen zu verbittern.

Bebende, uuverständliche Laute antworteten auf diese Worte des Leichtsinns, die mich schaudern machten. Warum war er nicht Schauspieler ge worden? Und es war empörend er konnte schon wieder lachen.

Du meinst, Schatz, daheim solle es noch schöner werden? O Närrchen! Flitterwochen halten keine Ewigkeit vor. Eben darum wär's Wahnsinu, Sünde, sie zu kürzen. Morgen telegraphierst Du au Kama, und übermorgen wiegen uns die Wellen des Boden see's. Ist das nicht ein kleines Opfer wert, wenn wir so Herz an Herz, im Gefühl unserer Liebe selig, über die klaren Fluten getragen werden?

Warun treten mir brennende Thränen in's Auge? War's Mitleid mit dem leichtgläubigen jungen Weibe? War's Zorn über diesen kecken, redegewandten Mann?

Ich habe Beide nicht wieder gesehen. Rheinische Zeitungen brachten nach wenigen Monden die Kon⸗ kursanzeige über das Vermögen Ernst Weigels.

Arme, junge Frau!. Ob sie ihn noch nicht durch schaut hat? Ob sie ihn noch immer anbetet? Wo⸗ hin ist er geflogen der gleißeude Flitter dieser Flitterwochen?