8 7 Spend 1 „ due
5
Heini
ird, dau b Kaufpo, u Hemzfel, n
.
Nr. 152
Gießen, Mittwoch, den 1. Juli
1896.
ile
b
Ausgabe
un
Gießen.
degzeikung.
w 9h, Redaktion. 55 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. N Expedition: fan, 106 Kreuzplatz Nr. 4.. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die zspaltige Petitzeile. 2 Kreuzplatz Nr. 4. geb. Heben 2 6 3 ißt ihr 10 10 1 5 Rei g. 4 4 7 5 ö 5 1 J0 N 85 4 8-ist, ihren Weg zu ändern und mit der Mehrheit] lehren. Man muß ihnen auch in Person ein imponierendes] Brechmittel hat sich das Kind zwar bald wieder bn Aa 1 Die Ver legung des Vie h⸗ der Bürgerschaft zusammen für die Erhaltung Beispiel der Vorsicht und weisen Enthaltsamkeit geben— mahlt doch hurt 1 Wan an dieser Stelle Fan S, marktes und den Ausbau des bisherigen Zustandes Sorge s was freilich nicht immer in wünschenswerter Weise geschieht]“[ am Platze sein. Goldregen ist bekanntlich ind zun 10 85 8 e zu tragen. N 5 Gießen, 29. Juni. Die vom kauf⸗ starkes Gift. it al, ind Gießen, 30. Juni. Bebor wir an diese Aufgabe herantreten, muß männischen Verein beabsichtigte Partie* Gießen, 30. Juni. Infolge eines Ver⸗ 1 5 I. 5 eine bequeme Deckung unserer Gegner zerstört zum Zwecke der Abhaltung eines Sommer“⸗ sehens ist in unserem gestrigen Blatte die Protest⸗ de. 1 Nicht immer hat die Mehrheit oder sagen und konstatiert werden, daß die Erörterung über[festes wird am Sonntag stattfinden, aber nicht] resolution mit einigen Auslassungen abgedruckt wir die Masse Recht; es hat sich oft ereignet die Viehmarktfrage nichts ist, was auch nur an⸗ nach Salzhausen, wie beabsichtigt war, sondern worden, weshalb wir dieselbe hiermit nochmals . drehn 8, und wird sich noch oft wiederholen, daß das nähernd an die oben erwähnten„verschlungenenf nach Bad Nauheim ausgeführt. Der Vor- wiederholen:
deb. den 24. J. „Ireric 0 „den g. Jun e.
ktor Pechlhab 1 en W. Ml.. l den en M
handt ine To* de. 9
5 9
1
Wilhelm ib ren den 20 Fehl
lungle, Giga, 1 Dorothen Het Gleßen.
ler, 58 Jaht il
75 1 umme.
„Juni. 7 idwettfeh dem Hauß u- Paris Marseille 4 Dritter. 1 t Elsaß Lol de Wettfahn,
——
indem Fahl sen Bouri
hesserten d 0 Meter u
Recht auf Seiten der Minderheit war und daß diese, wiewohl sie verlästert und angefeindet wurde, schließlich doch den Sieg erstritt, indem sie selbst zur Mehrheit auswuchs, die Majorität zur Minorität zurückschraubte. Eine Masse kann tief in alteingewurzelten Vorurteilen stecken, sie kann mit ihrem Urteil über den Schatten ihres Kirchturms nicht hinausreichen und in der Be⸗ kämpfung des Neuen, das an sie herautritt, gegen sich selber wüten, während einige Auserwählte und geistig Höherstehende mit ihrem schärferen Blick und tieferen Verständnis gegen eine Mehrheit für ihre Interessen unter Umständen wirken und arbeiten müssen. Es wird sich das fast immer dann ereignen, wenn verschlungene geistige, kulturelle oder wirtschaftliche Pfade ge⸗ wandelt werden sollen, die nicht an der Ober- fläche liegen und nicht für Jedermanns Auge in Zweck und Richtung erkennbar sind.
Das sind allgemeine Sentenzen, die mit allen anderen in die unabgeschrittene Breite gehenden Aussprüchen das eine Wichtige gemeinsam haben: sie können richtig oder nicht richtig sein je nach der Lage des Einzelfalles, auf den sie angewandt werden.
Die Freunde der Verlegung des Viehmarktes nehmen ausgesprochen oder un⸗ ausgesprochen an, daß die Sentenz, auf die Viehmarktfrage angewandt, nur das Richtige besage, daß ihnen, der Minorität, der weitere Blick, das tiefere Verständnis und das betriebs⸗ technische Urteil gebühre, während die„Masse“, die gegen den Beschluß der Stadtverordneten⸗ versammlung vom 18. d. M. protestiert und sich in erheblichem Prozentsatz im Saal des Café Leib am letzten Samstag versammelt hatte, bis zum Hals und darüber hinaus in„spießbürger⸗ lichen Vorurteilen“ stecke, die noch verstärkt würden
Vatikan. 0 durch das geschästliche Interesse, das ihre Augen ngreß, ul mit Blindheit schlage und sie völlig unfähig
ud tagen u, FKeöongreß UI. gahre 1892“ stattgefunde seben. I. Gegen e En HH ch Minghol 74 —
uz, Daun, Otimnrt, bah
in unserem Spezialfall nach allen Richtungen — bersagt und daß schließlich, ist dies einmal be⸗ ohnung wiesen, es Pflicht der einflußreichen Minderheit 1e——————— 3 Das blaue Herz. Roman von Karl Ed. Klopfer.
U(Nachdruck verboten.) ing sche(Fortsetzung) 1 hnungel, Am andern Morgen unterzog sich Nazi seiner r0n Je 0, Aufgabe, den Laden auszufegen, mit einer 1 4 4 n 1 die ihm bisher 1 0 fremd Ae me 7 war. Es war nur gut für ihn, daß Meister e Dingelmann gleich nach dem Aufsperren in ge⸗ buchstaben 7 e wohnter Weise zum Frühstück ging; anders wäre
A A
n —
S ASK N* 8 2 e 9 — ͤ—
D N
r S e r
2 .
r 5
NS 2 *
2
mache, das Gute, Zweckentsprechende und fort—⸗ schrittliche in den Bestrebungen der Minderheit u entdecken. Mutatis mutandis zitierte die getztere, wenn auch nicht in ihrer Gesamtheit, so doch in einzelnen Teilen den alten, immer mo⸗ derner werdenden Ausspruch des Horaz: Odi profanum vulgus et arceo(Ich hasse das ge⸗ meine Volk und verabscheue es); die Sorgen und Bitternisse der Geschäftswelt gelten ihnen nichts, nun sie einem vermeintlichen Verkehrs- fortschritt zum Siege verhelfen wollen. Es ist also nötig, ihnen in einer lückenlosen Beweiskette aufzudecken, daß der Verkehrsfortschritt nur ein vermeintlicher, ein imaginärer ist, daß weiterhin der oben aufgezeichnete allgemeine Glaubenssatz
Pfade“ erinnert, daß in ihr nichts weniger als ein Problem steckt, daß zum Entscheid darüber vielmehr ein Jeder berufen ist, der Gießen kennt, dem Gießens Verkehrs- und Marktverhältnisse nicht unbekannt sind und der im Uebrigen in der Rechenkunst soweit vorgeschritten ist, daß er auf Befragen ohne Stottern das Fazit von zwei mal zwei angeben kann. Es dürfte in Gießens Bevölkerung somit nur mit Mühe Jemand auf⸗ zutreiben sein, der von dem Richteramt in Sachen der Verlegung des Viehmarktes auszuschließen wäre.
Die billige und von den sozial Höherstehenden mit großer Liebhaberei betriebene Berufung auf den ge ingen intellektuellen Feingehalt, der in der„Masse dort unten“ vorhanden sei, ist also für diesmal hinfällig und gegenstandslos. Es wird sich zeigen, daß es mit den von den Freunden der Verlegung vorgebrachten Gründen nicht besser bestellt ist. Gracchus.
(Ein zweiter Artikel folgt.)
2 3 1 Lokales und Provinzielles.
. Gießen, 30. Juni. Junges Obst kommk jetzt täglich in immer größerer Menge auf den Markt, denn die Sonne ist eifrig und unermüdlich am Werke gewesen und hat die oft späte Blüte unerwartet rasch zur schwellenden Frucht heranreifen lassen. Kirschen und Erd⸗ beeren prangen im saftigsten Rot, in allen nur denkbaren Nüancen schillernd, vom dunkelsten Purpur bis zum leuch⸗ tendsten Karmin, und die ersten Birnen präsentieren sich hoffnungsvoll in ihrem zarten, grasgrünen Gewande. Begehrlich haften die Blicke der Kinder an den verlockenden Früchten, und manches kleine Schmeichelkätzchen wendet seine ganze Ueberedungskunst an, um„Muttchen“ zum Einkauf der köstlichen Leckerbissen zu bewegen.„Muttchen“ läßt sich denn auch nicht lange bitten; weiß sie doch zur Genüge, wie erfrischend und wie gesund der Genuß von Obst ist, vorausgesetzt, daß es die volle Reife hat und in mäßigen Quantitäten verspeist wird. Auch darf es nicht fleckig und angefault oder wurmstichig sein, wie das leider so häufig gerade in diesen Tagen der Fall zu sein pflegt. Gewissenhafte Mütter werden beim Einkauf und bei der Verteilung streng darauf achten, daß kein sogen. „Fallobst“ sich unter die gute Ware schmuggelt und ihren Lieblingen in die Hände gerät. Denn unreifes und ver⸗ dorbenes Obst führt nicht nur vorübergehende Unpäßlich⸗ keiten herbei, sondern legt vielfach bei Kindern den Keim zu dauernden Magenleiden und tödlicher Krankheit. Nicht scharf genug können Eltern und Lehrer zur Zeit der Obst⸗ reife aufpassen, daß die heranwachsenden Sprößlinge vor den schädlichen Folgen der Unmäßigkeit und Kritiklosigkeit im Obstgenuß glücklich bewahrt bleiben. Auch die Schäd⸗ lichkeit des Wassertrinkens unmittelbar nach genossenem Obst muß jetzt beständig den jugendlichen Tauchenichtsen geschildert werden. Kinder sind eben unklug und voreilig in all' ihrem Thun; aber sie gehorchen, wenn nicht aus gutem Willen, so doch aus Furcht— man darf sich nur die Mühe nicht verdrießen lassen, sie unaufhörlich zu be⸗
stand hatte die Oberhessische Bahn gebeten, den gegen 2 Uhr Nachmittags den Bahnhof Gießen verlassenden Personenzug, der fahrplaumäßig nur bis Hungen geht, am Sonntag bis Nidda pas— siren zu lassen. Es war eine Beteiligung von mindestens 100 Personen zugesagt. Die Ver⸗ waltung war bereit hierzu, verlangte aber den Betrag von, 56 für einen Extrazug Hungen⸗ Nidda besonders bezahlt. Die Main-Weser-Bahn wird am Sonntag von den Mitgliedern des Kaufmännischen Vereins 120 Mark ein⸗ nehmen, während die Oberhessische Bahn 140 Mark weniger einnimmt, die dieselbe mindestens erhalten hätte, weun die Verwaltung koulanter
gewesen wäre und nicht 56 Mark für die Strecke Hungen-Nidda extra verlangt hätte.
Gießen, 30. Juni. Gestern Abend hielten die Worstände der Vereinigten Männer⸗ gesangvereine eine gemeinschaftliche Sitzung ab, in welcher beschlossen wurde, das projektierte Wohlthätigkeits-Konzert unter Leitung des Dirigenten Herrn Franz Bauer am 22. Juli abzuhalten. Desgleichen wurde beschlossen, bei dem am 1. und 2. August statt⸗ findenden 50jährigen Stiftungsfest des Gießener Turnvereins mitzuwirken, was wir mit Freuden begrüßen.
* Gießen, 30. Juni. Heute Vormittag wurden die Landwehrleute nach I2tägiger Uebung entlassen.
* Gießen, 30. Juni. Auf dem Trieb stürzte gesteru Nachmittag beim Kirschen⸗ brechen ein junger Mann von der Leiter und brach einen Arm, auch erlitt er noch weitere Verletzungen im Rücken.
* Gießen, 30. Juni. Wegen Vergehens gegen§ 183 des Reichs-Straf-Gesetzes wurde heute Vormittag ein dahier wohnhafter Arbeiter verhaftet.
* Gießen, 30. Juni. Die Freiwillige Gail'sche Feuerwehr hielt gestern Abend eine Uebung an der Lahn, in der Nähe des Vieh⸗ marktes, ab. Zweck derselben war die Probe auf Funktionsfähigkeit der Gerätschaften. Gegen 10 109 rückte die Mannschaft zum Spritzenhause zurück.
* Gießen, 30. Juni. Vorsicht mit Kindern in der Süd⸗Anlage. Gestern Nachmittag hatten am Seltersweg wohnende Eltern Kinder mit dem Mädchen in die Süd— Anlage geschickt. Der 4½d̃jährige Knabe spielte in dem schattigen Wege am Schoorgraben, als sich bei dem Kinde plötzlich Uebelkeit und Er⸗ brechen einstellte. Eiligst wurde der Heimweg angetreten und hier stellte es sich heraus, daß der Bube massenhaft in der Süd-Anlage auf dem Promenadewege liegenden Goldregen— Samen gekaut hatte. Nach einem gegebenen
Die Versammlung erkennt in der geplanten Ver⸗ legung der Viehmärkte auf den Seltersberg, auf die Westseite der Main-⸗Weser⸗Bahn eine schwere Schädigung nicht nur derjenigen Stadtteile, welche seither vom Marktverkehr direkt und vorzugsweise begünstigt waren, sondern der ganzen Stadt. Die Versammlung vermißt alle triftigen Gründe, welche die Ueberzeugung von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Ver⸗ legung darthun könnten. Der Platz am Schlachthause — zu Viehmarktszwecken bereits vor Jahren angekauft — ist geeignet und kann zweckmäßig allen sanitären Anforderungen entsprechend hergerichtet werden. Mittels der bisherigen Lahnbrücke, welche ohnehin durch die Bieberthalbahn eine Verbreiterung erfahren muß oder auf andere leicht auszuführende Weise ist ohne allzu er⸗ hebliche Kosten die notwendige Verbindung mit der neuen Hammstraße resp. dem Güterbahnhofe herbeizu⸗ führen.
Die Versammlung ist der Ansicht, daß an den Märkten die Stadt nur in dem Sinne Interesse hat, als sich durch sie der Verkehr, Handel und Wandel entwickeln und heben läßt, daß sie aber in keiner Weise an einer nur den Wünschen einer Anzahl Großhändler oder deren Bequemlichkeit Rechnung tragenden kostspieligen Einrich⸗ tungen interessirt ist, welche zudem geeignet sind, die Steuerzahler der gesamten Stadt empfindlich zu schädigen. Die Versammlung,— die Gesamtheit der Gießener Bürgerschaft vertretend,— mißbilligt deshalb den Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung vom 18. l. M. auf das Schärfste und beauftragt ihren Ausschuß die⸗ selbe aus sachlichem wie aus dem formellen Grunde, daß die bezügliche Sitzung nicht ordnungsmäßig be⸗ rufen war, anzufechten. 1
Butzbach, 29. Juni. Am Sonntag, den
5. Juli findet hierselbst der 2. Kreis-Feuer wehrtag des Kreises Friedberg statt. Morgens um 8 Uhr wird in der Turnhalle die In⸗ struktion für die Kommandanten des Be⸗ zirks Butzbach ausgegeben, um 11 Uhr findet eine Beratung in der landwirtschaftl. Halle statt, der sich ein gemein sam es Essen da⸗ selbst anschließt. Sehr interessant wird die am Nachmittag angesetzte Vorführung der Freiw. Feuerwehr Butzbachs, bestehend in Fuß⸗ und Geräte⸗Uebungen, sowie ein Brandangriff sich gestalten, dem sich Konzert anschließen soll.
Vermischtes.
— Allerlei Kellnergeschichten. Der Ethno⸗ graph Professor Wilhelm Joest erzählt in der„National⸗ Zeitung“: Berlin scheint wirklich internationale Groß⸗ stadt zu werden. Vorgestern besuchte ich mit drei Herren, die an demselben Tage auf dem kürzesten Wege(13 Tage) von Mexiko hier eingetroffen waren, die Gewerbe⸗Aus⸗ stellung. Wir beschlossen, bei Adlon⸗Dressel zu essen. Einer meiner Freunde hatte beim Eintreten einen Herrn bemerkt, mit dem er aus geschäftlichen Gründen ein Zu⸗ sammentreffen gern vermieden hätte. Er sagte mir darum, um nicht von den erwartungsvoll uns umstehenden Kell⸗ nern verstanden zu werden, auf spanisch:„Lassen Sie
der in Wehmut geknickte Jüngling heute nicht ohne einige Kopfkniffe davongekommen, denn die Arbeit ging ihm diesmal sehr langsam von der Hand. Bevor er sie überhaupt angriff, setzte er sich in den gewissen Sessel, der ihm seit gestern abends ge— wissermaßen geheiligt erschien. Unter der schwachen Beleuchtung einer Flamme des Kvonleuchters er⸗ wartete er seufzend das Aufdämmern des trüben Wintertages, dessen Düsterkeit so sehr mit der grauen Oede in seiner jungen Brust zu harmonieren schien. Die Bewegung, mit der er dann endlich— den Kehrbesen handhabte, um damit in erster Linie den Boden an der„geweihten Stelle“ zu streicheln, hatte etwas Hamlet artiges.
Plötzlich fuhr er mit einem leisen Schrei empor; beim Zurückziehen des Reinigungsinstrumentes war ein kleines, hellschimmerndes Ding gegen seine Stiefelspitzen gekollert. Patsch! fiel die Besenstange zu Boden— Nazi wie ein Habicht auf den ihm vom Zufall geschenkten Gegenstand los, über dessen
klar wurde. Und wirklich— ein sinnigeres Symbol hätte ihm nicht bescheert werden können als das, das er da aus dem Staub der Diele aufhob.
Es war— ein Herz, nämlich ein blauemailliertes Berlok in Herzform, so klein, daß es mit einem Fünfpfennigstück beinahe hätte bedeckt werden können. Auf der Vorderseite trug es in feingezogenen Gold— die Inschrift„Napoli“ und darüber einen eingegrabenen Stern mit einer kleinen Perle als Mittelstück. Ein Kranz noch winzigerer Perlen lief als Raud um die Seitenrundungen des Berloks, so einen eingekerbten Rahmen darum bildend. Daß der verhältnismäßig schwere Gegenstand aus ge— diegenem Golde sein könnte und die vielen Perlen darauf einen bedeutenden Wert präsentieren, das kam dem unwissenden Burschen nicht in den Sinn. Die feine Emaille war ihm„bayrisch blauer Lack“, das Ganze nur deshalb ein unschätzbares Kleinod, weil es der angeschwärmten Unbekannten gehört hatte. Das Ding war wahrscheinlich an einem Armreif gehangen; eine festsitzende goldene Oese oben in der Mittelvertiefung des Herzens mußte das Ringelchen getragen haben, mit dem es an das Armband gefesselt gewesen.
Zunächst drückte Nazi das Berlok an die Lippen — das war nach Allem, was er in Romanen über ähnliche Situationen gelesen hatte, seine Schuldig keit; dann drehte er es nach allen Seiten und prüfte mit dem Daumennagel, ob es nicht etwa wie
Bedeutung und Herkunft er sich mit der Divinations⸗
ein Medaillon zu öffnen sei. Diese Versuche er⸗
gabe eines über Nacht erblühten Herzens im Fluge
wiesen sich als vergeblich; das Berlok war also massiv.
Einige Minuten dachte er noch darüber nach, ob es nicht seine Pflicht sei, alles zu unternehmen, um den Gegenstand der Verlustträgerin zurückzu— stellen. Aber wohin hätte er sich denn wenden sollen? Im besten Falle konnte er nur warten, ob die Dame oder ihr Bruder nicht wiederkommen würde, nach dem Dings zu fragen. Bis dahin aber durft⸗ er es doch wenigstens in seine Ver— wahrung nehmen. Die glückliche Ahnung jedoch, daß ihm dies blaue Herz als Erinnerungszeichen nicht streitig gemacht werden würde, erfüllte ihn schon dabei mit heimlichem Jubel.
Wie er es hüten wollte! Wie seinen Augapfel! Nie, nie sollte es ihn verlassen. Es sollte ihm als sein„Talisman“ dereinst noch in's Grab mitge— geben werden. Wie romantisch!
Gestern hatte er sein Taschentuch, mit dem er dem Herrn die verschüttete Haarfärbetinktur vom Pelzärmel abgetrocknet, als das einzige Andenken an die interessante Kundschaft im verborgensten Schrankfach daheim aufbewahrt; gut, es sollte da bleiben, aber nur als Souvenier zweiten Ranges. Erinnerten ihn die gelbbraunen Flecken in dem Tuche an das Haar, das mit jener Flüssigkeit ge⸗ sättigt worden war, so hatte er in diesem blauen Herzen ein Ding gewonnen, das durch den persön— lichen Gebrauch seiner Eigentümerin geheiligt worden war. Ein kostlicher Schatz für den schmachtenden
Finder!“
—
II
Es war in einer Mainacht des Jahres 1894, als Herr Emmerich v. Fröden— erst seit einer Woche als Attaché einer deutschen Gesandtschaft nach Wien versetzt— sein Junggesellenheim zu einer Stunde betrat, die erstaunlich früh genannt werden mußte im Hinblick auf den Umstand, daß er heute, gleich den letzten Abenden, in einem jener Gesellschaftszirkel auf dem neuen Boden verweilt hatte, in die ihn sein Chef einzuführen ver⸗ pflichtet war.
Der junge Bediente war bei der unerwarteten Heimkunft seines Herrn nicht wenig betroffen und nahm sich sogar die Freiheit zu einer zarten Frage, ob sich der Gebieter vielleicht unwohl fühle, wurde aber schroff abgewiesen. Das passierte ihm von dieser Seite zum ersten Male. Herr v. Fröden, in dessen Diensten er schon seit einigen Jahren stand, war sonst ein sehr gütiger, leutseliger Herr und wenn auch nichts weniger als ein Lebemann im Sinne seiner Gesellschaftsklasse, so doch von heiterem Temperamente. Die Versetzung nach Wien hatte er als eine Aussicht auf angenehme Zerstreuung be⸗ grüßt und sich in den ersten Tagen in der gemüt⸗ lichen Kaiserstadt an der Donau auch offenbar sehr behaglich gefühlt. Erst vorgestern, als er von einem Besuche der eben eröffneten Internationalen Kunstausstellung heimgekehrt war, hatte sich so etwas wie ein Schatten auf seiner Miene gezeigt. Seine gegenwärtige Laune aber war mehr als düster.
Gortsetzung folgt.)
—————
**


