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Sonnabend, den 23. Juli 1927. 5

„Evangelische Warte“

kordate die alte, morsch gewordene Macht neu zu

beleben und zu festigen.“

Dann veröffentlicht der Verfasser einen längeren Brief, der von einem bayrischen Geistlichen stammen soll. Der Verfasser führt Klage, daß die Geistlichen ihre Ansicht nicht frei und unbehindert zum Aus⸗ druck bringen könnten und in einer„systematischen Zwangsjacke“ steckten. Zuletzt offenbart der Ver⸗ fasser sein Streben, das in der Hauptsache dahin geht, durch Gesetz den Zölibat zu verbieten. Auch den Fall Wittich zieht Hildebrant an; aber es fehlt offenbar an eignen Geistesblitzen und so bleibt es beim Er⸗ wähnen des Falles. Im Ganzen ist der Leitartikel ein Aneinander⸗Reihen von Dingen, die wenig mit⸗ einander zu tun haben. Den Katholiken ist es un— verständlich, daß ein protestantisches Blatt sich in sol— cher Weise um katholische Angelegenheiten kümmert. Wir haben kein Verlangen, in die Fenster des Nach⸗ bars zu schauen, sondern befassen uns in der Haupt⸗ sache mit eigenen Angelegenheiten. Was über die systematische Zwangsjacke gesagt wird, deutet auf die Mentalität des Verfassers leines vielleicht be— dauernswerten Mannes) und bedarf keiner Wider— legung.

So man diesen Artikel liest, weiß man nicht, über was man sich mehr wundern soll: ob über die Naivität des Journal-Artikelschreibers oder über eine gewisse Doppelzüngigkeit. Jedenfalls kann man unseren Le— sern nur raten, sich den in der„Warte“ abgedruckten Ar⸗ tikel einmal zur Hand zu nehmen und die Journal— Betrachtung damit zu vergleichen. Die Doppelzüngig⸗ keit liegt darin, daß man mit dem Wort„Verfasser“ spielt, sodaß der Leser des Journalartikels nie weiß, ob unser Freund HildebrantKottbus, oder der Verfasser des Briefes gemeint ist. Ist das Absicht? Vielleicht wegen des letzten Satzes. Weiteres möchte ich unserem Kampfesbruder Hildebrant überlassen, falls er es überhaupt der Mühe wert hält, darauf etwas zu schrei⸗ ben.

Aber ein Satz sei herausgegriffen, der doch zu interessant ist, als daß man ihn in der Versenkung ver⸗ schwinden lasse:„Dem Katholiken ist es unverständlich, daß ein protestantisches Blatt sich in solcher Weise um katholische Angelegenheiten kümmert.“

Ja, mit den katholischen Angelegenheiten ist das eine dumme Geschichte. Z. B. nicht wahr, die Mischehe und das Mischehengesetz ist auch eine katholische Ange— legenheit?

Vor mir liegt eine Zuschrift aus dem Kreise Worms, nach der in einem Ort der katholische Geistliche an Pfingsten in seiner Predigt gesagt haben soll: „Einem Mädchen, das mit einem protestantischen Bur— schen geht, müßte man die Hände abhauen und die Nase und die Ohren abschneiden.“

Das sind nach dem„Mainzer Journal“ alles An⸗ gelegenheiten, um die wir Evangelische uns nicht zu kümmern haben.

Interessant sind ja auch die Ereignisse, die sich kürzlich an dem pädagogischen Institut in Mainz abge— spielt haben. Bekanntlich ist das Mainzer pädagogische Institut, das der Ausbildung der Volksschullehrer dient, ein simultanes Institut, d. h. in ihm werden die Lehrer aller Konfessionen gemäß der altbewährten hessischen Simultanschule ausgebildet. Das Institut ist der Tech⸗ nischen Hochschule Darmstadt angeschlossen, die gewiß keine Konfessionsanstalt ist. Wie an anderen Hoch— schulen wollte man auch in Mainz für die Studieren- den Aufenthaltsräume und billigen Mittagstisch (Mensa) schaffen. Sofort legte sich der in Mainz all- gewaltige katholische Caritasverband ins Zeug, um diese„Mensa“ in sein Haus zu bekommen. Da von an— derer Seite für den Mittagstisch gleiche Angebote vor— lagen, ging der Caritasverband so weit, um die Stu⸗ dierenden in sein eigenes Heim zu erhalten, daß er zu jedem Mittagstisch(0,80 J) noch 0,20, zulegen wollte. Das rief einen Protest der evangelischen Stu— dierenden hervor, die dies alles mit ihrem evangelischen Glauben nicht vereinbaren konnten. In ihrer Not

wandten sie sich auch an die Evangelische Volksgemein⸗ schaft, die durch verschiedene ihrer Mitglieder auch sofort energische Schritte unternahm. Der große, nahezu 4000 Mitglieder zählende simultane hessische Landes- Lehrer⸗ Verein wurde darauf aufmerksam gemacht, der auch un⸗ verzüglich protestierte. Welches war der Erfolg? Man wollte die Sache vom Läppchen ins Tüchelchen wickeln. Der Caritasverband hat u. a. in Mainz ein öffentliches Hotel stehen, dessen Einnahmen selbstredend in die Kas— sen des Verbandes fließen. Dahin wollte man die „Mensa“ legen. Warum dies? Damit der simultane Lehrerverein nicht mehr weiter protestieren könne, da ja jedes Hotel jedermann auch sonst zugänglich sei.(Das eigentliche Caritashaus, wohin die„Mensa“ zunächst sollte, steht nur Katholiken offen.) Daraufhin griff auf Beschwerde der evangelischen Studierenden und der Mit⸗ glieder der Evangelischen Volksgemeinschaft der Super⸗ intendent der Provinz Rheinhessen ein. Vereinten Bemühungen ist es gelungen, die Sache so weit in der Schwebe zu halten, daß in nächster Zeit zu erwarten steht, daß die Stadt Mainz, wie es auch das richtige ist, Räume zur Verfügung stellt, sowie für einen billigen Mittagstisch sorgt.

Dies dürfte wie ein Vorspiel zu den Kämpfen zu betrachten sein, die in der nächsten Zeit bei der öffent⸗ lichen Diskussion um das Reichsschulgesetz entbrennen werden. Wir werden, sobald der Entwurf des Gesetzes im Wortlaut vorliegt, in einem besonderen Artikel darauf zurückkommen. Die Evangelische Volksgemein⸗ schaft geht auch in diesen Kampf gerüstet hinein und wird ihren Standpunkt zu wahren wissen. G.

Die wohlorganisierte evangelische Gemeinde.

Eine sonderbare Ueberschrift wird da mancher Le— ser sagen. Wohlorganisiert? Das Wort dürfte im ersten Augenblick viele schrecken. Aber bitte keine Angst! Wenn man auch vielfach behauptet: wir leiden an Ueberorganisation, so wird doch wohl jeder zugeben müssen, daß Organisation die Grundlage eines jeglichen geordneten umfassenden Betriebes ist, sei es nun ein Verein, sei es eine Gemeinde oder Stadt, sei es ein Staat. So gehört auch eine Gemeinde, gerade die evangelische Gemeinde, organisiert.

Es ist in einer der letzten Nummern mit Bedauern von„verpaßten Gelegenheiten“ unserer Geistlichkeit ge— sprochen worden. In diesem Artikel sei für unsere Geistlichen, die die Gelegenheiten nicht verpassen, eine Lanze gebrochen! Der Verfasser dieses Artikels ist kein Geistlicher, das sei vorweg bemerkt; auch ist die Ge— meinde, die er beschreiben will, kein Traumgebilde, son— dern Wirklichkeit!

Gehen wir also einmal in diese Gemeinde und sehen wir uns ihre Organisationen an! Zum Wesen der Organisation gehört, daß sie umfassend sein muß, für die evangelische Gemeinde also: sie muß die Glieder jeglichen Lebensalters sammeln. So möge sich der Le— ser eine Diasporagemeinde von ca. 1500 Seelen vor— stellen.

Die Spitzenorganisationen sind der Evangelische Verein mit über 300 Mitgliedern und der Evangelische Frauenverein mit etwa der gleichen Mitgliederzahl. Schon durch diese beiden Verbände sind fast alle Fa— milien in irgendwelcher Art in evangelische Organi— sation eingeschlossen.

Der Evangelische Verein, dessen Mitglieder ein Mindestalter von 16 Jahren haben müssen, hat als Unterabteilungen zunächst eine Gesangsabteilung von 70 Damen und Herren, die auch als Kirchenchor fun— giert und dem hessischen Verband angeschlossen ist. Sie singt bei allen hohen kirchlichen Festen und veranstaltet selbständige künstlerische Konzerte. Weiterhin besteht in dem Verein eine Sterbekasse, die z. Zt. bei jedem Sterbfall 60 Mark auszahlt. Das Sterbegeld steigt im Augenblicke jährlich. Der Beitrag ist einschließlich Sterbekasse auf monatlich 0,50 Mark festgelegt. Dem

2 7 7 Ein stiller Musikant. Schluß.

Etwa 10 Jahre später kam ich auf einer längeren Reise durch eine der größeren mitteldeutschen Städte, deren Orchester— verein damals auch in weiteren Kreisen eines wohlverdienten Rufes genoß; nicht allein durch die eigenen tüchtigen Leistungen, sondern ebensosehr, weil die Direktion es verstand, mit ihren verhältnismäßig bescheidenen Mitteln fast für jedes Konzert auch von außen her irgendeinen bedeutenden Künstler heran— zuziehen.

Es war im Spätherbst und schon Abend, als ich ankam. Ein dort wohnender musikliebender Freund, der mich am Bahnhof erwartet hatte, kündigte mir an, es sei Orchestervereinskonzert heute abend; ich müsse sogleich mit ihm kommen, es sei die höchste Zeit. Ich wußte aus Erfahrung, gegen diesen Enthusiasten war nicht aufzukommen, und so übergab ich denn mein Gepäckschein nebst überschüssigem Reisegerät dem Diener irgendeines Hotels; gleich darauf saßen wir in einer Droschke, die uns gegen doppel— ten Fuhrlohn in raschem Trabe nach dem mir schon früher be— kannten„Museum“ brachte. Unterwegs hatte ich noch erfahren, daß für den heutigen Abend eine junge Sängerin gewonnen sei, eine Art von Unikum für klassische Musik, die außerdem die Schrulle habe, sich stets als die Schülerin eines gänzlich unbe— kannten Menschen aufzuführen.

Das Konzert hatte bei unserer Ankunft schon begonnen, und wir mußten an der geschlossenen Tür des Saales warten, bis die letzten Takte der Hebriden-Ouvertüre verklungen waren. Als die Türen wieder geöffnet wurden, steckte mein Freund mir ein inzwischen von ihm besorgtes Programm in die Brusttasche mei— nes Rockes, zog mich bei der Hand in den gefüllten Saal und hatte bald, ich weiß nicht wie, zwei Plätze für uns frei gemacht.

Nr. 30.

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Verein ist weiter angeschlossen eine evangelische Büche⸗ rei mit über 500 Bänden für jedes Lebensalter. Für Buch und Woche werden von den Erwachsenen 10 Pfg., von den Kindern 5 Pfg. gezahlt. Die Ausleihe erfolgt sonntäglich von 11 bis 12 Uhr.

Der Evangelische Frauenverein, der 14tägig seine Versammlungen abhält, hat sich eine Nähschule mit Tages- und Abendkurs angegliedert, in der er mit bestem Erfolg eine Lehrkraft beschäftigt. Außerdem hat er eine Wöchnerinnenhilfe in bedürftigen Fällen eingerichtet. Er ist dem hessischen Verband angeschlossen,

Es folgt der Jungmännerverein, der zum Hessen⸗ bund gehört. Wöchentlich versammelt er sich zweimal; die Zusammenkünfte sind abwechselnd für die Aelteren und für die Jüngeren, dann wieder gemeinsam. Als Unterabteilung fungiert ein Bläserchor.

Der Jungfrauenverein, der jede Woche einmal zu⸗ sammenkommt, hat eine kleine Mandolinenabteilung. Angeschlossen dem Verband weiblicher Jugend.

Für die schulpflichtigen Kinder besteht eine Jung⸗ schar für Knaben und eine für Mädchen. Aus beiden setzt sich die Chorschule zusammen, die ebenfalls bei allen kirchlichen Festen mitwirkt, u. a. bei jeder Taufe singt,

Für die Kleinsten besteht die Kinderschule, von einer Schwester geleitet, neben der eine Kranken schwester ihres Amtes waltet. Den Kleinsten begegnen wir auch als Lämmergruppe beim Kindergottesdienst, Die Schwesterstation unterhält eine Strickschule.

Außerdem besteht ein evangelischer Hilfsverein.

Alle diese Organisationen sammeln sich in der Ar⸗ beitsgemeinschaft, die sämtliche Veranstaltungen regelt, für gegenseitige Unterstützung sorgt usw.

Als letztes Glied ist nun die politische Organisation, eine Ortsgruppe der Evangelischen Volksgemeinschaft hinzugetreten.

An schönen Sonntagen versammelt sich mittags die Gemeinde auf einer Wiese, in der Nähe eines herr lichen Flusses gelegen. An hohem Maste wehen stolz die Wimpel der einzelnen Vereinigungen. Bänke laden zum Ruhen ein. Werktags an freien Mittagen tummelt sich hier unter Aufsicht die Jugend.

Ein gutes Bindeglied ist das Gemeindeblatt, der „Seimatgruß“, der allmonatlich in einer Auflage von 500 Stück erscheint und bis ins Ausland geht.

Selbstredend finden in allen Organisationen Vor träge statt. Der Ortsgeistliche ist durch eine Karthotel über seine Gemeindeglieder stets orientiert. Das ein⸗ zige, was der Gemeinde noch fehlt, ist ein eigenes Ge⸗ meindehaus mit einem geräumigen Saal, in dem Ver anstaltungen stattfinden können. Das Pfarrhaus hat vorläufig einen kleinen Versammlungsraum mit Har monium, sowie die Schwesternstation einen etwas größeren für ca. 80 Personen. So die Gemeinde abet weiterhin von dem guten evangelischen Geist, der sie nahezu 50 Jahre durchzieht, beseelt bleibt, wird auch das Gemeindehaus noch erbaut werden.

Was in dieser Gemeinde von 1500 Seelen möglich ist, müßte in größeren Gemeinden noch leichter möglich sein; in kleineren lassen sich Bruchteile davon jederzeit ermöglichen.

Der Geistliche einer derartigen Gemeinde hat eine gewaltige Aufgabe. Er kann sie nur erfüllen, wenn et dabei tatkräftigste Unterstützung von seinen Gemeinde gliedern erfährt. Er muß zur Hilfe evangelische, hilfs bereite, opferbereite Männer und Frauen um sich haben, Zusammenarbeit ist da Grundbedingung. Er hat aber auch dafür die Freude, sonntäglich vor einer gefüllten Kirche predigen zu können und im Kindergottesdienst nahezu die Gesamtheit der evangelischen Kinder zu sehen und eine gut besuchte Bibelstunde an jedem Donners; tag Abend halten zu können. Alle Stände müssen in evangelischem Geiste wetteifern. Luthergeist muß durch die Gemeinde ziehen. O, daß jede Gemeinde davon be— seelt wäre! Diese Zeilen seien ein Ansporn, das eine oder andere auch in der Gemeinde des Lesers zu ver suchen.

Das sei noch bemerkt: Kopfhängergeist, Muckertum herrschen in der geschilderten Gemeinde nicht. Nein, frohes, fröhliches, evangelisches Treiben. Kein Wun—

Neben mir saß ein alter weißhaariger Herr mit ein paar dunkeln Augen in dem feingeschnittenen Gesichte.„Nun also Mozart!“ sagte er vor sich hin und faltete die Hände auf dem gelbseidenen Taschentuche, das er über seine Knie gebreitet hatte.

Bald darauf, während ich bei dem hellen Licht der Gas— kronen die einfach, aber mit besonderem Farbensinn dekorierten Wände des Saales betrachtete, war gegenüber auf dem Podium die Sängerin aufgetreten: ein blasses Mädchen mit ein paar dunkeln Flechten an den Schläfen. Das Orchester intonierte die ersten Takte zu der Arie der Elvira aus dem zweiten Akte des Don Juan, und nun hob sie das Notenblatt in ihrer Hand: „In quali eccessi, o numi!“ Mir war, als hätte ich niemals einen zugleich so anspruchslosen und so ergreifenden Gesang ge— hört; der alte Herr an meiner Seite nickte immer nachdrücklicher mit dem Kopfe; das war die Kunst, die alles Erdenleid in Wohl— laut löste! Aber dann— wie alles Schöne— war es schon zu Ende, als eben das Ohr am trunkensten lauschte.

Ein paar scharf akzentuierte Bravos flogen durch den Saal, ein vereinzeltes Händeklatschen; aber der Beifall war nicht all— gemein. Der flott frisierte Kopf eines vor uns sitzenden jugen Mannes bog sich nach dem alten Herrn zurück.„Was sagst du, Onkel? Hübsche Stimme; aber etwas seltsam, autodidaktitsch!“

Der Alte blickte ihn mit sehr feinen Augen an.„So, mein Herr Neffe,“ sagte er,„hast du das herausgehört?“ Und mit einer höflichen Bewegung sich zu mir wendend, setzte er fast feierlich hinzu:„Das war der Mozart, wie ich ihn in meiner Jugend hörte!“

Aber das Konzert ging weiter. versuche des Vereins!“ flüsterte an Freund mir in die Ohren.

Und so war es in der Tat: ein Geigenquartett von einem lebenden Meister kam zur Aufführung, aber alle Sorgfalt und

„Nun kommen die Kunst⸗ der andern Seite mein

Sicherheit der Spielenden konnte diesen Kunstfiguren keine Seel einhauchen; ein müdes, zweckloses Umherschauen ging durch die Reihen der Zuhörer. Der alte Mozartianer an meiner Seit hatte schon ein paarmal den Ansatz eines Gähnkrampfes in sei⸗ nem gelbseidenen Schnupftuch verbissen; endlich war denn auch der dritte Satz, und zwar im Fünfachteltakte, glücklich an uns vorbeigehüpft.

Die Spieler traten ab, und die Pulte wurden zurückgesetzt; im Zuhörerraume aber saßen die meisten mit sehr dummen Ge— sichtern; sie wußten offenbar nicht, was sie aus der Sache machen, sollten.— Da trat die junge Sängerin wieder auf das Podium, eine kleine Notenrolle in der Hand. Ihr Antlitz trug einen schalkhaften, fast siegesbewußten Ausdruck, und mir kan schon der Verdacht, sie wolle den modernen Geigencancan durch ein noch entschiedeneres Bravourstück der Vox humana aus den Felde schlagen.—

Ich hatte mich zum Glück geirrt. Es galt ja auch noch nicht einmal eine Orchesterbegleitung: nur der Kapellmeister saß am Flügel, der inzwischen in den Vordergrund geschoben war. Ei, paar einleitende Akkorde wurden angeschlagen, und dann began ein Vorspiel von ebenso großer Einfachheit als süßem Wohllaut, wie ein frohes Aufleuchten flog es plötzlich durch den ganzen Saal, und dann kam es, mit der stillen Gewalt der Menschen⸗ stimme:

„Du liebe schöne Gotteswelt, Wie hast du mir das Herz erhellt!“

Aber was war denn das? Das kannte ich; das stand ja vorn auf dem weißen Blatte in meinem„Bürger“; das waren

ja die Worte meines alten Musikmeisters Christian Valentin.

Mein Gott, wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht! Von reinen jugendlichen Tönen getragen, klang es durch

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