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Sonnabend, den 20. August 1927.

„Evangelische Warte“

Evangelische Volksgemeinschaĩt

ist der

politische Zusammenschluß

der Evangelischen Deutschlands zur Wahrung der evangelischen Interessen im deutschen Reichstag und in den Parlamenten der Länder und der Kommunen.

glaube ich, meine ehemalige Frau eine Aufforderung vom Generalvikariat Köln erhalten, dortselbst zu er— scheinen. Es ist dies nun absolut keine Schikane mei⸗ nerseits, sondern leider eine reine Formsache, die ich selbst in Kauf nehmen muß. Bevor ich latholisch ge— traut werden kann, ist lediglich der Form halber ein sogenanntes geistliches Gericht abzuhalten. Dieses geistliche Gericht soll versuchen, die beiden ehemaligen evangelischen Eheschließenden über ihre Auffassung bei Eingehung der damaligen Ehe zu befragen. Diese Aufforderung ist, sofern die erste Aufforderung nicht befolgt wird, noch zweimal zu wiederholen, also drei— mal, alle 14 Tage, sofern keine Aufforderung beant— wortet wird. Erfolgt keine Anwort, so wird Herr N. vernommen und das Verfahren geschlossen.“

Am 17. 11. 1925 verheiratete sich die geschiedene Ehefrau C. zum zweiten Male. Am 15. 1. 1927 kam die erste Aufforderung des sogenannten geistlichen Gerichts, die folgenden Inhalt hatte:

„Sie werden hiermit höflichst gebeten, am Mitt— woch, den 19. Januar, nachmittags 5 Uhr, im Pfarr- haus X. gütigst erscheinen zu wollen, um in der Ehe— angelegenheit C.— F. vor dem zu diesem Zweck im Auftrage des bischöflichen Offizialates gebildeten Ge— richtes verhört zu werden. Das Gericht setzt sich zu— sammen aus Herrn Pfarrer O., dem vom bischöflichen Offizialate bestellten Richter, und den von diesem be— orderten Herren, Kaplan W. als Verteidiger und Kaplan R. als Aktuar. Diese Einladung wollen Sie gefl. zum Verhör mitbringen.

gez. O., Pfarrer.

Den anderen Tag kam Kaplan R. persönlich, um Frau M. zu bewegen, in dem genannten Termin zu er⸗ scheinen. Dies wurde endgültig abgelehnt. Trotzdem versuchte am nächsten Tage Herr Pfarrer O. in einer einstündigen Unterredung nochmals, Frau M. zu be— wegen, ihre Aussagen zu Protokoll zu geben. Auch die— ses wurde abgelehnt, womit die Angelegenheit bis heute ihren Abschluß gefunden hat.

Soweit sind wir also schon in Preußen, auch ohne Konkordat. Neben der ausschließlich staatlichen Gerichts barkeit, als Ausdruck der Staatshoheit eine geistliche Gerichtsbarkeit, die jene beeinträchtigt und korrigiert! Neben deutschem Reichs- und Landrecht römisch-kanoni— sches Recht als gültiger Maßstab der bürgerlichen deut— schen Verhältnisse! Die Ehre einer Frau und die heilige Gemeinschaft der Ehe betastet durch die inquisitorischen Fragen römischer Geistlichen!“

Die D. E. K. stellt im Anschluß an diesen Bericht die auch uns sehr berechtigt erscheinenden Fragen: „Und das soll Rechtens werden in deutschem Land durch den Abschluß eines Konkordats? Dazu wollen deutsche Abgeordnete die Hand reichen?“

Zum Konkordat.

Zum Konkordat hat der bekannte Friedri“ Ritter von Lama im„Deutschen Volksblatt“ 1927 Nr. 137 einen bezeichnenden Beitrag geliefert. Er knüpft an den Satz der„Frankfurter Zeitung“:„Nach dem Ver— schwinden der habsburgischen Monarchie, die für den Vatikan eine sehr große Rolle spielte, nach den Wand— lungen in Deutschland, nach dem Erstehen der neuen Staaten im Osten Europas lag es nahe, zu versuchen,

Viola Tricolor. Von Theodor Storm. 2. Fortsetzung.

Am Abend war das Konzert.— Die großen Toten, Haydn und Mozart, waren an den Hörern vorübergezogen, und eben verklang auch der letzte Akkord von Beethovens C-Moll-Quartett, und statt der feierlichen Stille, in der allein die Töne auf und nieder glänzten, rauschte jetzt das Geplauder der fortdrängenden Zuhörer durch den weiten Raum. Rudolf stand neben dem Stuhle seiner jungen Frau.„Es ist aus, Ines,“ saget er, sich

zu ihr niederbeugend;„oder hörst du noch immer etwas?“

Sje saß noch wie horchend, ihre Augen nach dem Podium gerichtet, auf dem nur noch die leeren Pulte standen. Jetzt reichte sie ihrem Manne die Hand.„Laß uns heimgehen, Ru⸗ dolf,“ sagte sie aufstehend,

An der Tür wurde sie von ihrem Hausarzt und dessen Frau aufgehalten, den einzigen Menschen, mit denen Ines bis jetzt in einen näheren Verkehr getreten war.

„Nun?“ sagte der Doktor und nickte ihnen mit dem Aus— druck innerster Befriedigung zu.„Aber kommen Sie mit uns, es ist ja auf dem Wege; nach so etwas muß man noch ein Stündchen zusammensitzen.“

Rudolf wollte schon mit heiterer Zustimmung antworten, als er sich leise am Aermel gezupft fühlte und die Augen seiner Frau mit dem Ausdruck dringenden Bittens auf sich gerichtet sah. Er verstand sie wohl.„Ich verweise die Entscheidung an die höhere Instang,“ sagte er scherzend.

Und Ines wußte unerbittlich den nicht so leicht zu besie genden Doktor auf einen anderen Abend zu vertrösten.

Als sie am Hause ihrer Freunde sich von diesen verabschiedet hatten, atmete sie auf wie befreit.

dem Katholizismus neue feste Stellungen zu sichern. Wir sehen gerade jetzt in Deutschland, in den Konkor⸗ datsfragen, mit welchem Zielbewußtsein der Vatikan vorgeht.“ Lama erklärt, daß es bei der Beurteilung der Politit des Papstes meist am richtigen Maßstab für ein gerechtes Urteil fehle, weil man„das Wirken des Pap⸗ stes nicht übernatürlich erfasse.“ Selbstverständlich be— mühe sich der Papst, unter den ganz neuen Verhältnis— sen eine gewisse Stabilität herzustellen und„die katholi— schen Belange möglichst weitgehend zu wahren.“ Dar⸗ auf fährt Lama fort:„Wer die Dinge so schaut, wie sie historisch gekommen sind, der hat für die verschiedenen Kombinationen über vatikanische Konkordatspolitik nur ein Lächeln. Und es gehört die ganze traditionelle An— maßung des Protestantismus dazu, der sich selbst gewis— sermaßen für den Hauptzweck der Weltgeschichte hält, wenn immer und immer wieder dem Papste eine Po— litik ankonstruiert wird, die von der Rücksicht auf den Protestantismus beherrscht oder bestimmt wird, also jene konfessionelle Einkreisungspolitik, die ein Bestand— teil eines großen gegenreformatorischen Planes sein soll. Dem ist nicht so. Höchstens kann man sagen, daß die Vorsehung selbst die Dinge in einer Weise gestaltet hat, daß sich dem Vatikan stets ein Eingreifen in einer Art aufzwang, die, von größerem Abstand besehen, zu solcher Auffassung führen kann. Uns scheint, als liege dem zugleich so etwas wie eine geheime Befürchtung zu Grunde, der Protestantismus könne am Ende vielleicht doch nur vorübergehende Bedeutung haben und sich im— mer mehr dem Zeitpunkt nähern, da sein Daseinszweck mit seiner Aufgabe erlischt. Jedenfalls steht das dem Katholizismus innewohnende ruhige Bewußtsein seiner einzigen Daseinsberechtigung, das sich auf die göttliche Verheißung seiner ewigen Dauer stützt, in merkwürdi— gem Gegensatz zu jener Nervosität, die ein besonderes Kennzeichen des anderen Lagers wie seiner Mentalität ist. Und jene absolute Ruhe ist auch der vatikanischen Diplomatie eigen, macht sie ihren Gegnern nahezu un— heimlich.“

Demnach verfolgt zwar nicht direkt der Papst, aber die „Vorsehung“ durch den Papst die konfessionelle Ein⸗ kreisungspolitit und den großen gegenreformatorischen Plan. Und der Katholizismus hat„einzige“ Daseins⸗ berechtigung, der Protestantismus„nur vorübergehende Bedeutung“. Grund genug, gegenüber dem Konkordat auf Posten zu sein!

i er Evangelischen Volksgemeinschaft.

1. Fortsetzung. 8 4. Aufbau der EV.

Die EV. gliedert sich nach den Reichswahlkreisen. Die Mitglieder in einem Ort und seiner Umgebung sammeln sich in Ortsgruppen. Die Ortsgruppen eines Kreises schließen sich im Kreisverein zusammen. Die Kreisvereine werden in jedem Reichswahlkreis zu einem Wahlkreisverband zusammengefaßt. Der Vorstand der Ortsgruppe besteht in der Regel aus dem Vorsitzenden, Schriftführer, Rechner und zwei Beisitzern. Aehnlich bilden der Kreisverein und der Wahlkreisverband den Vorstand. In jedem Reichswahlkreis ist eine Haupt—

„Was hast du heute gegen unsere lieben Doktorsleute?“ fragte Rudolf.

Sie drückte sich fest in den Arm ihres Mannes.„Nichts“, sagte sie;„aber es war so schön heute abend; ich muß nun ganz mit dir allein sein.“

Sie schritten rascher ihrem Hause zu.

„Sieh nur,“ sagte er,„im Wohnzimmer unten ist schon Licht, unsere alte Anne wird den Teetisch schon gerüstet haben. Du hattest recht, daheim ist doch noch besser als bei anderen.“

Sie nickte nur und drückte ihm still die Hand.— Dann traten sie in ihr Haus; lebhaft öffnete sie die Stubentür und schlug die Vorhänge zurück.

Auf dem Tische, wo einst die Vase mit den Rosen gestan— den hatte, brannte jetzt eine große Bronzelampe und beleuchtete einen schwarzhagrigen Kinderkopf, der sschlafend auf die mage⸗ ren Aermchen hingesunken war; die Ecken eines Bilderbuchs ragten nur eben darunter hervor.

Die junge Frau blieb wie erstarrt in der Tür stehen; das Kind war ganz aus ihrem Gedankenkreise verschwunden gewesen. Ein Zug herber Enttäuschug flog um ihre schönen Lippen.„Du, Nesi!“ stieß sie hervor, als ihr Mann sie vollends in das Zim⸗ mer hineingeführt hatte.„Was machst du denn noch hier?“

Nesi erwachte und sprang auf.„Ich wollte auf euch war⸗ ten,“ sagte sie, indem sie halb lächelnd mit der Hand über ihre blinzelnden Augen fuhr.

„Das ist unrecht von Anne; du hättest längst zu Bette sein sollen.“

Ines wandte sich ab und trat an das Fenster; sie fühlte, wie ihr die Tränen aus den Augen quollen. Ein unentwirr⸗

bares Gemisch von bitteren Gefühlen wühlte in ihrer Brust; Heimweh, Mitleid mit sich selber, Reue über ihr eLieblosig—

keit gegen das Kind des geliebten Mannes; sie wußte selber

geschäftsstelle zu errichten. Einzelpersonen erwerben

die Mitgliedschaft durch Anmeldung bei der Reichsge⸗

schäftsstelle. 8 Die Leitung der EV. Die Organe der EV. sind: 1. Der engere Vorstand⸗

2. der Gesamtvorstand(der geschäftsführende Haupt⸗ ö

ausschuß); 3. die Reichstagung. § 6.

Der engere Vorstand.

Der engere Vorstand besteht aus vier Vorsitzenden und dem Reichsgeschäftsführer. Die vier Vorsitzenden (und vier Stellvertreter desselben) werden durch dit Reichstagung auf drei Jahre gewählt. Der erste Vor— sitzende und der Reichsgeschäftsführer vertreten die EN nach außen. vorstand und der RT. gefaßten Beschlüsse auszuführen und über alle Angelegenheiten der EV. zu beschließen,

die wegen ihrer Dringlichkeit dem Gesamtvorstand odere der Reichstagung nicht mehr vorgelegt werden können!

In diesem Falle dürfen die beabsichtigten Maßnahmen nur ausgeführt werden, wenn der Beschluß des engeren Vorstandes einstimmig gefaßt worden ist.

8 7. Der Gesamtvorstand(geschästsführende Hauptausschuß), Der Gesamtvorstand besteht aus dem engeren Vor stand, den Obmännern der Reichswahlkreise, deren Stellvertretern und sämtlichen Abgeordneten der EV Er berät und beschließt über alle wichtigen Angelegen— heiten der EV. 98

Die Reichstagung.

Die Reichstagung ist die oberste Instanz der ER, Alle anderen Organe der EV. sind der Reichstagung verantwortlich. Die RT. stellt das Programm fest und erläßt allgemeine Kundgebungen. Bierbei ist eine Mehrheit von zwei Drittel der erschienenen Mitgliedet erforderlich.

Die RT. wird einberufen, wenn die politische Lage es erfordert, mindestens aber einmal in jedem Jahte, Der Ort der RT. wird durch diese bestimmt.

(Schluß folgt.)

Auf der Warte.

Nach längerer Zeit kommt wieder einmal von China, in dem in letzter Zeit nur kleine Kampfhand⸗ lungen stattfanden, eine bedeutsame Nachricht. Einet der bekanntesten Heerführer, der Oberkommandierende der nationalistischen Streitkräfte, der reichlich von Pech verfolgt war, General Tschiangkaischek, ist von sei⸗ nem Posten zurückgetreten. Eine Zersplitterung seine Armee ist dadurch sehr wahrscheinlich.— Die Sacco Vanzetti⸗Weltbewegung, über die wir in der letzten Nummer schon berichteten, hat dazu geführt, daß fllt die beiden Verurteilten knapp eine halbe Stunde vos dem festgesetzten Termin ihrer Hinrichtung ein Stra, aufschub bis zum 22. August eintrat. In der Zwischen zeit werden von höchsten Instanzen die Akten noch ei malüberprüft. Das amerikanische Komitee, das sich der beiden annimmt, schafft unentwegt, um eine Wie deraufnahme des Prozesses zu erreichen.— Aus Portu

nicht, was alles jetzt sie überkam; aber— und mit der Wollust und der Ungerechtigkeit des Schmerzes sprach sie es sich selbet vor— das war es: ihrer Ehe fehlte die Jugend, und sie selbes war doch noch so jung!

Als sie sich umwandte, war das Zimmer leer.— Wo wa die schöne Stunde, auf die sie sich gefreut?— Sie dachte nich daran, daß sie sie selbst verscheucht hatte.

—— Das Kind, welches mit fast erschreckten Augen den ihm unverständlichen Vorgang zugesehen hatte, war von den Vater still hinausgeführt worden.

„Geduld!“ sprach er zu sich selber, als er, den Arm um Nes geschlungen, mit ihr die Treppe hinaufstieg; und auch er, 1 einem andern Sinne, setzte hinzu:„Sie ist ja noch so jung.“

Eine Kette von Gedanken und Plänen tauchte in ihm auf mechanisch öffnete er das Zimmer, wo Nesi mit der alten Anm schlief und in dem sie von dieser schon erwartet wurde. E. küßte sie und sprach:„Ich werde Mama von dir gute Nach sagen.“ Dann wollte er zu seiner Frau hinabgehen; aber e kehrte wieder um und trat am Ende des Korridors in sei Studierzimmer.

Auf dem Aufsatze des Schreibtisches stand eine klein

Der engere Vorstand hat die vom Gesamt⸗

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Bronzelampe aus Pompeji, die er kürzlich erst erworben un versuchshalber mit Oel gefüllt hatte; er nahm sie herab, zun

dete sie an und stellte sie wieder an ihren Ort unter da d.

Bildnis der Verstorbenen; ein Glas mit Blumen, das auf de Platte des Tisches gestanden, setzte er daneben. Er tat die! fast gedankenlos; nur, als müsse er auch seinen Händen zu kur geben, während es ihm in Kopf und Herz arbeitete. Dann tra er dicht daneben an das Fenster und öffnete beide Flügel des selben.

Der Himmel war voll Wolken; das Licht des Monde konnte nicht herabgelangen. Drunten in dem kleinen Garte

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