Sonnabend, den 5. Februar 1927.
„Gvangelische Warte“
Belange willen aus ihrer politischen Neutralitiät herauszutreten, um der weithin hertschenden Unzu⸗ friedenheit mit dem bisherigen System nachzugeben und selbst für die tatkräftige Vertretung ihrer Be⸗ agg zu sorgen.“ ir freuen uns ehrlich darüber, daß heute die Möglichkeit und indirekt auch bis zu einem gewissen Grad auch die Notwendigkeit einer evangelischen Par⸗ tei von kirchenbehördlicher Seite in Nassau zugegeben wird. Um eine leere Drohung kann es sich nach dem Charakter des Blattes jedenfalls nicht handeln. Hof⸗ 5 findet sich der letzte Rest der guten Einsicht recht ld, da nach unserer Auffassung der Zeitpunkt für die Schaffung einer evangelischen Partei nicht erst noch kommen muß, sondern schon lange gegeben ist. Die Frage der Besetzung öffentlicher Aemter ist auch nur einet von den vielen Gründen, die uns auf den Plan tiefen. Denkt die Nassaulsche Landeskirche auch an das onkordat? Denkt sie an die öffentlich geduldeten, 1 sogar unterstützten gegenreformatorischen Bestre⸗ bungen, an die öffentlichen Schmähungen und Bekei⸗ digungen? Denkt sie daran, daß die sozialen Fragen in den Parlamenten nicht im christlichen, evangelischen Sinne behandelt werden, daß der herrschende Materia⸗ lismus der Fruchtbarmachung unserer im Christentum wurzelnden sittlichen Kräfte entgegensteht?
Wenn die Kirche das alles bedenkt, dann muß sie guf unserer Seite sein. Geht sie trotzdem andere Wege, dann dürfen wir wohl erwarten, daß sie nicht unsere Wege als falsch bezeichnet. Wir haben es auf beiden Seiten mit Menschen zu tun, mit evangelischen Men⸗ schen, für die es einen Anspruch auf Unfehlbarkeit nicht gibt.
Gewiß würden wir uns über die Mitarbeit der Kirche freuen, aber wir fordern sie nicht. Was wir für unsere Laien⸗Bewegung fordern, ist die kirchliche Neutralität, die man den bestehenden Parteien gegen⸗ uber pflegt und betont. E
Aus unserer Bewegung.
Vom Redekursus in Gensingen. Unserem Berichte in voriger Nummer der„Evan⸗ gelischen Warte“ haben wir noch folgendes nachzu⸗
tragen: Die große öffentliche Versammlung am Abend
Mitteilung der Reichsgeschäftsstelle
An alle Ortsgruppen und Einzelmitglieder!
Das Jahr 1927 hat für die Evangelische Volksgemeinschaft einen verheißungsvollen Anfang genom⸗ men. Mitte Januar hielten wir im Kreise Büdingen in Oberhessen 12, meist recht gute Versammlungen
ab, die uns in Stadt und Land viele neue Mitglieder und Freunde brachten.
Der zweite Nednerkursus in
Gensingen in Rheinhessen war ein Erlebnis für alle Teilnehmer. Einer unserer süddeutschen Freunde schreibt: „Die Tage in Gensingen vom 22. bis 24. Januar 1927 mit ihren einzigartigen Eindrücken haben uns klar gezeigt, daß die Evangelische Volksgemeinschaft die kommende große Evangelische Partei Deutschlands wird, die berufen ist, das deutsche Volk aus seiner inneren und äußeren Not zu retten“.
Jetzt gilt's, die Werbearbeit für unsere gute Sache allerorts aufzunehmen! Es ist darum unbedingt nötig, daß mindestens der erste Vierteljahresbeitrag in den Ortsgruppen so⸗ gleich erhoben und spätestens bis zum 15. Februar eingesandt wird.
Geld!
Zur Werbearbeit gehört
Auch die Einzelmitglieder wollen bis
zum 15. Februar den Jahresbeitrag überweisen! Alle Zahlungen erbitten wir auf unser Konto⸗Nummer 593
bei der Bezirkssparkasse Nidda(Postscheckkonto 8907 Frankfurt a. M.).
Wir bemerken noch, daß durch die
Frankfurter Reichstagung der Jahresmindestbeitrag auf drei Mark festgesetzt worden ist.
Mit evangelischem Gruß! Reichsgeschäftsstelle der Evangelischen Volksgemeinschaft Weidner.
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des 23. Januar im Saale der Gastwirtschaft Gabriel May war von über 600 Leuten besetzt, die teilweise von über eine Stunde Wegs her gekommen waren. Am darauffolgenden Montag wurde alsdann einstim⸗ mig folgende Kundgebung angenommen:
„Die anläßlich des zweiten Rednerkurses der Evangelischen Volksgemeinschaft in Gensingen über⸗ aus zahlreich versammelten evangelischen Volksge⸗ nossen sind nach Vorträgen von Reichsgeschäftsführer Weidner, Stadtverordneten Kümper⸗Frankfurt am Main, Lehrer Greb-Weisenau, Schriftleiter Ham- burger⸗-Staden, Julius Zirkelbach-Nürnberg, Karl Linke⸗Barmen und der Pfarrer Veller-Mainz⸗Bret⸗ zenheim und Gerlach-Bad⸗Münster überzeugt, daß
die Evangelische Volksgemeinschaft, die heute schon von namhaften Deutschen als die kommende große evangelische Partei Deutschlands angesehen wird, für das um sein Dasein schwet ringende, schaffende Volk mit aller Kraft eintreten wird. Die Versamm⸗ lung weiß der neuen Bewegung Dank, daß sie das Evangelium auf allen Gebieten des menschlichen Lebens— auch in der Politik— zu der entscheiden⸗ den Macht machen will. Sie ruft darum allen Evangelischen in Stadt und Land zu:„Schließt Euch der Evangelischen Volksgemeinschaft an, die allein als die treue Hüterin der evangelischen Belange im öffentlichen Leben gelten kann.“
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Im Familienkreis
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Tod oder Leben!
Von Pfarrer a. D. Graf.
Ganz Europa und Amerika ist an allen Ecken und Enden voll von Mördern und Selbstmördern. Darum ist Europa⸗ Amerika, die weiße Rasse, dem Untergang ausgesetzt. Die Völ⸗ tet und Menschen sind ihre eigenen größten Feinde und Ver⸗ derber an Leib und Seele. Det Krieg ist nur einer der ver⸗ schiedenen Massenmörder. Die gedankenlosen Friedensschwärmer EPazifisten“). Völkerbundsschwärmer vergessen zahlreiche an⸗ dere, viel größere Massenmördet neben Krieg und Revolution. Ich nenne eine Anzahl: 1. Nikotin oder Rauchgifte, Kokain, Morphium, die herkömmlichen Selbstmorde, in Europa jährlich sechzig Tausend! 2. Alkohol, NRauschgifte.(Die Amerikaner be⸗ kämpfen in guter Meinung den Alkohol verkehrt durch Verbot.) Der Mensch soll in freiem Gehorsam und in Liebe zu Gott, zu den Menschen und zu sich selber tausendfach das Böse, Schlechte verwerfen, das Gute wählen, denken, reden, tun, nicht in knech⸗ lischem Zwang und aus Verbot. Durch Vorbild und Lehre, Unterricht in Haus(Familie)⸗ Schule, Kirche, in Wort, Schrift, Bild, durch gute Verordnungen muß der Mensch, zumal der Ehrist, zum freien Gehorsam in tausend Pflichten, Aufgaben, Regeln des Lebens und der Gesundheit an Leib und Seele er— zogen, geübt, gestärkt werden. Warum verbieten die törichten Amerikaner nicht die Automobile, welche innerhalb drei Jahren 200 000 Menschen und Millionen Tiere getötet haben? 3. Als dritten Massenmörder, hundertmal, tausendmal größer als der
Mörder Alkohol, nenne ich Unkeuschheit, Unzucht, Unkeuschheits⸗ krankheiten, Unkeuschheitsmorde, Unkeuschheitsselbstmorde. Der heilige, gerechte Gott ruft dem tief gefallenen Europa-Amerika zu:„Viele Millionen Kinder habt ihr in den letzten Jahrzehnten gemordet, Millionen Kinder mordet ihr jährlich, obgleich die Erde vierzig mal so viel Menschen ernähren könnte, als sie hat und trotz meines Gebotes: Seid fruchtbar und mehret euch! Nun nehme ich euch durch Krieg, Revolution, Krankheiten Mil⸗ lionen Leute! Hierher gehört auch der teuflische Mädchen⸗ handel, durch welchen jährlich mehrere hundert tausend gesunde Mädchen zur Unzucht verkauft und gemordet werden. 4. Wie⸗ der ein Massenmörder ist das Wohnungsgift, Wohnungsnot, Wohnungstod, auch größer als der Mörder Alkohol. Sorget für gesunde Schlafräume, Schlafhäuser, Schlafhallen. Millionen große Wohn- und Schlafräume stehen in der Nacht leer. Da könnten viele tausendmal tausend Leute bei Verwandten, Freun⸗ den, Nachbarn, Bekannten nachts Unterkunft finden, wenn Re⸗ ligion, Liebe, wahrer, edler„Sozialismus“ herrschen würden. 5. Tuberkulose, Schwindsucht, wieder ein viel größerer Massen⸗ mörder als Alkohol, und allermeist die Folgen der vier vorher genannten Massenmörder. 6. Das Geld, der Dollar. Das Geld bringt unbeschreibliches Unheil, Sünden, Schanden, Laster, Lug und Trug, Diebstahl, Raub, Mord, Krieg. Der Weltkrieg ist vom Gelde gemacht worden, von den Großfinanzmännern, Groß⸗ banken in Newyork, London, Paris, Berlin, Wien usw. Warum verbieten die törichten Amerikaner nicht das Geld, den Dollar, die Großbanken, Börsen 7. Schwarzer Tod, schlechte Presse, schlechte Bücher, Schriften, Blätter, Bilder. Und dieser Riesen⸗
dem Johannes versicherte, daß er den freieren Anschauungen huldige und Urles Bestimmungen maßgebend seien.———
Aus der regenfeuchten Erde stieg balsamischer Hauch, es roll⸗ ten noch die letzten Tropfen auf den Blattflächen entlang und hingen vom Lichtstrahl durchleuchtet wie Perlengehänge an den Endzipfelchen.„Die Erde atmet“, sagt der Mensch, um das Wohlbehagen auszudrücken, das sein eigener Körper in dieser ätherischen Luft empfindet.
Hans hatte die Hände unter dem Kopf verschränkt und lehnte halb sitzend gegen einen großen Holzstoß vor der Mäl⸗ zerei. Eine unerklärliche Unruhe trieb ihn aus jedem Raum, er überlegte, ob er nicht gut tue, alle Etikettenrücksichten über den Haufen zu werfen und seiner Arle selbst zu dieser unge⸗ wohnten Morgenstunde einen Besuch abzustatten.
Da kam die Morgenpost und brachte ihm einen Brief von Königsborn. Sein Bruder Gerhard schrieb, die Mutter sei schwer erkrankt, er müsse schlimmster Nachricht gewärtig, sein, der Arzt stände dem Leiden unschlüssig gegenüber.
Schnell kleidete er sich an, er wollte Urle benachrichtigen, aber schon auf dem Wege dorthin folgte die Depesche: Sofort kommen!
Die Mutter in Lebensgefahr, es drängte allen Groll zu⸗ rück, die Kindesliebe überflutete alles was trennend zwischen ihnen gestanden. Er wendete direkt um, in fliegender Hast packte er seine Sachen, sandte Urle nur ein kurzes Billet und reiste sofort ab.
Schnell deckte der Wald das schwindende Städtchen, dann jagte der Zug an endlosen Aeckern, friedlichen Dörfern, zahllofen Windmühlen vorüber, die sich in gleichförmigem Takt drehten
und klapperten, bis die Heide das fruchtbare Gelände abschloß,
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wo einzelne Cedern ihr kärgliches Dasein zwischen immergrünen, starkduftenden Wachholdersträuchen fristeten.
Ein leeres Gefühl der Einsamkeit beschlich ihn, als läge so freudenarm, wie die nebelumflorte Heide seine Zukunft vor ihm, aber wenn es auch durch Tränen und Trauer ging, es mußte ja sein junges Glück hindurch leuchten, bis er es geborgen hatte.
Unendlich lang kam ihm heute die Reise vor, Flügel hätte er haben mögen, um der leidenden Mutter die bangen Warte⸗ stunden abzukürzen. Als kurzer Aufenthalt ihm die Zeit ließ, depeschierte er mit welchem Zuge er eintreffen werde, dann konnte der Wagen an der Bahn sein, der wohl ohnedem schon auf die in Frage kommenden Züge warten würde.
„Wie steht es Daheim“, diese bangen Worte richtete er noch vor dem üblichen Gruß an den Kutscher.
„Jo Herr“, er kraute sich verlegen hinter dem Ohr,„jestern jings jo jett besser, awer sied de Rheidorfer Paster da war, es et sehr schlimm!“
„Den mag der Deuwel frikassieren“, schimpfte Hans,„fahrt schnell zu, das Gepäck kann später vom Milchkutscher besorgt werden“.
Daheim fand er schon alle Geschwister versammelt, die ver⸗ heiratete Schwester und der erst kurz verheiratete zweite Bruder Nudi mit seiner Frau Ludmilla, welcher in Cöln als Fabrik⸗ besitzer(er war als Kapitalist einfach Teilhaber geworden) ein großes Haus führte.
Johannes verlangte zuerst zur Mutter,— ein trauriges Wiedersehen fürwahr! Erschüttert kniete er nieder und küßte ihr beide Hände, bis jetzt kannte er die große Frau ja nur als Urbild der Kraft.
Der Arzt kam und ging,— sie verlangte die Sterbesacra⸗
mörder bringt 8. den geistlichen Tod, Unglauben, Gottlosigkeit. alletlei Untugenden, Sünden, Schanden, Lafter. Das ist der größte Mörder, weil er den Leib und die Seele mordet und der Urheber, die Quelle, Ursache aller genannten Massenmördet ist. Unglaube, Gottlosigkeit, Verachtung Gottes, Verachtung der Gottesdienste, Sonntage, Gebete, frommer Lieder, das alles ist die Quelle, Ursache aller Uebel, Motde und Selbstmorde der Leute und Völker, die Utsache des Völkerhasses, des Parteihaders, des Religionshasses. Die Katholiken und Evangelischen bilden trotz der Trennung doch die eine Christenheit, das Eine Christenvolk, die Eine Christengemeinde mit 600 Millionen Be⸗ kennern in vielen Tausend Einzelgemeinden, die sogenannte Eine„Kirche“, das Gottesreich auf Erden. Unser Christengott kennt keine„seligmachende“ oder gar„alleinseligmachende Kirche“, weil dieser Name oder Ausdruck die größte Torheit, Un⸗ wahrheit ist. Keine Kirche, keine Konfessionskirche, kein Chri⸗ stenvolk(weder das katholische, noch das evangelische) macht selig. Nur Gott macht selig, nur Christus, nur Gottes Wort, nur Gottes Geist, nur der fromme Glaube, das fromme Leben macht sellg, in der Zeit und in der Ewigkeit. Das lehrt klar die Bibel an zahlreichen Stellen, welche über selig und Selig⸗ keit reden. Im Himmel aber fragt Gott nicht: warst du katho⸗ lisch, warst du evangelisch? Gott fragt nur: warst du gläubig, fromm? Hast du mich verehrt, mir gedient durch Gottesdienft, Gotteswort, Gebet und frommes Lied? Liebe und Friede soll herrschen zwischen dem katholischen und evangelischen Christen⸗ volk(„Kirche“); die Christen der Konfessionskirchen sollen ein⸗ ander geben ein gutes Vorbild christlicher Frömmigkeit, ein
mente und wieder war alles in fieberhafter Aufregung, zum ersten Mal blickte Johannes dem Tod, dem grausamen Herrscher der Menschheit in das blutlose Antlitz.
Allein verlangte sie ihren jüngsten Sohn zu sprechen und die Frau auf ihrem Totenbette schrie auf:„Nimm die Last von meiner Seele,— wie ein Fluch lastet es auf mir,— Du sollst, Du mußt Deinen Beruf aufgeben, ich kann sonft nicht seelig werden, denn Du gehst auf sündigem Weg! Du lockt, Du verbreitest die Sünde!“
„Mutter!“ es war der Schreckensruf einer gequälten Man⸗ nesseele,„willst Du mich wieder in eine ungewisse Zukunft stoßen!“
„Vorwürfe in meiner Todesstunde?— nicht Dein Glück, wohnt?“
„Ich kann nicht Mutter!“ Urles Gesicht, die lachenden Augen tauchten vor seinem geistigen Auge auf, warum muß ein Mensch den andern hemmen glücklich zu sein? Flehend bebte es von seinen Lippen:„Mutter, laß mich weiter auf meinem Weg!“
„Wenn Du Deiner Mutter Fluch tragen willst und mich mit in die ewige Verdammnis reißen, dann geh!“— Matt falteten sich ihre Hände, flüsternd bewegten sich ihre blassen Lip⸗ pen, mit geschlossenen Augen lag sie da.
„Mutter!“ schrie er geängstigt auf.
„Das ist mein Sohn, dem ich das größte Seelenheil erkaufen wollte!“ murmelte sie verständlicher.—„Maria, gebenedeite Mutter Gottes, laß mich sterben, auch wenn ich ruhelos dahin⸗ fahren muß“, immer matter wurde ihre Stimme, sie bebte ver— sagend, flüsternd.
Warum sahest Du hinter Klostermauern, wo der Friede
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