Sonnabend, den 2. Juli 1927.
Paulus und der Sport. Gut, sagte ich mir, der Mann ist modern. Er wußte auch allerlei Gutes von körper⸗ licher Ertüchtigung zu sagen. Aber, aber: Der Sport macht der Kirche zu viel Konkurrenz:„Wo finden wir heute Nachmittag unsre Jugend? Im Jünglingsverein? In der Familie? Bei einem guten Buch? O nein! Draußen auf dem Sportplatz! Der Sport hat sich die Herzen der Jugend erobert, nur an ihn denkt sie.“ Ich bin nach der Kirche zum Herrn Vikar gegangen und habe ihm gratuliert:„Die evangelischen Geistlichen wissen so oft den Weg zur Jugend nicht zu finden. Sie wissen ihn! Kommen Sie heute Nachmittag mit uns zum Sportplatz, SC. Saar spielt gegen Borussia Neun⸗ kirchen. Sie sollen sehen, da finden Sie die besten Ihrer Jungens.“ Er ist nicht mitgegangen. Aber un⸗ ser Kaplan, der war da. Ja, das ist ein Sportsmann. Täglich, wenn ich auf meinen Krankenbesuchen am Turnplatz vorbeikomme, sehe ich ihn mit seinen Buben spielen. Die Protestanten bleiben oft stehen und lachen, denn es sieht zu drollig aus, wenn er in seiner Begeisterung hinter dem Ball hersaust, daß die langen Zipfel seines schwarzen Kittels fliegen. Aber seine Jungens gehen für ihn durchs Feuer. Die katholische Kirche hat es verstanden, den Zug unserer Jugend zum Sport in ihren Dienst zu stellen. Die„deutsche Jugend— kraft“ ist eine in christkatholischem Sinne geleitete Sportvereinigung, die wirklich ernsten Sport treibt und nicht nur so tut als ob. Sie hat es fertig bekommen, wenigstens bei uns im Saargebiet, fast alle katholischen Mitglieder aus den alten, guten Vereinen der Deut— schen Turnerschaft zu sich hinüberzuziehen.
Die Bedeutung der Leibesübungen wird in den nächsten Jahren in unserem Volk noch zunehmen. Da⸗ rum müssen wir bemüht sein, dem Sport die Wege zu weisen, die uns gefallen. Das geht aber nicht, solange wir draußen stehen und mit Worten seine Schäden gei— ßeln. Sondern nur dadurch, daß wir mitmachen Damit meine ich aber nicht, daß wir ausgesprochen evangelische Sportvereine gründen, sondern daß wir in die bestehenden Organisationen eintreten und Einfluß zu gewinnen suchen. Ich kenne so viele Akademiker, die führende Rollen im Sport einnehmen. Die jungen Menschen sind ja so froh, wenn sich eine höhergestellte Persönlichkeit der Verwaltung ihrer Vereinigung an⸗ nimmt. Da liegt eine Aufgabe für unsere jüngeren Theologen. Wenn sie ihr aus dem Wege gehen, so ver⸗ passen sie eine gute Gelegenheit, sich ein wertvolles Ar— beitsfeld zu erringen.
So wie die Gedanken unserer Jugend beim Sport, so sind die Gedanken unserer Männer bei der Politik.
Wir haben hier im Saargebiet bis vor 15 Jahren konservativ oder nationalliberal gewählt. Nicht etwa, weil unsere Arbeiter sich so durchaus zufrieden mit ihrer Lage gefühlt hätten. O nein, sie fühlten sich recht oft bedrückt durch ihre Arbeitgeber, aber sie wagten es nicht, offen Widerstand zu leisten. Es erschien ihnen so aus⸗ sichtslos. Da waren es zuerst die katholischen Geist⸗ lichen, die sich des Arbeiters annahmen. Kaplan Das⸗ bach fing an, seinen Einfluß geltend zu machen, und in den katholischen Pfarrhäusern sammelten sich alle, die bedrückten Herzens waren, alle, die sich freimachen woll— ten vom System„der Bevormundung“.
Der katholische Bergmann hat es seinen Geistlichen nicht vergessen, daß sie damals zu ihm gestanden haben. Ueber Krieg, Revolution und Versailler Vertrag hin⸗ aus hat er seiner Kirche die Treue bewahrt. Die ab⸗ solute Mehrheit im saarländischen Landtag hat das Zentrum.
Der evangelische Geistliche aber war leine Aus— nahme soll es gegeben haben) der Freund der Bergver— waltung. Er hielt die großen Reden an Kaisers Ge⸗ burtstag und war beliebt bei jedermann, denn auch der Arbeiter kam zu ihm, wenn er etwas von der Gruben— verwaltung erreichen wollte, denn er wußte, das Wort des Pfarrers gilt viel beim Oberbergrat.
Ich weiß nicht, ob es drüben in Deutschland ebenso war wie hier. In Mecklenburg und Pommern jeden- falls lagen die Verhältnisse ganz ähnlich. Auch dort hielt der evangelische Geistliche zum Arbeitgeber. Was sollte er auch anders machen, es war ja sein Patron, der
FF . 5 Ein stiller Musikant.
2. Fortsetzung.
Wir rauchten, wir plauderten, und das Gespräch ging hin und her.„Nein,“ sagte er,„die Dinger die man Konser vatorien nennt gab es derzeit wohl noch nicht in unserem Deutschland; ich war zu einem tüchtigen Klaviermeister in die Lehre getan und habe mich dort ein paar Jahre lang mit Theorie und Technik redlich abgearbeitet. Außer mir war noch einer da, der schon nach kurzer Zeit den Hofpianistentitel in der Tasche hatte; und doch, wenn ich bisweilen so saß und seinem Spiele zuhörte, hab' ich mir's nicht ausreden können, daß ich, Christian Valentin, das al besser machen würde wenn ja, wenn nur die Finger und die Gedanken bei mir so fix zusammengegangen wären. hen,“ setzte er hinzu, indem er mit dem Daumen und kleinen Finger ein paar weite Spannungen auf der Tischdecke machte, aran liegt es nicht;
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Vielleicht“, warf ich ein,„sind Sie gegen sich selber zu gen nhaft gewesen; den gröberen Naturen kommt niemals etwas bischen Finger und Gedanken.“
Er schüttelte den Kopf. Es ist doch anders; und wenn
auch ich kann das nicht regieren Bevor ich mich hier dauernd niederließ, habe ich längere Zeit in einer anderen Stadt als Musiklehrer gelebt; und da man keine Konzertvorträge von mir verlangte, so habe ich dort vielleicht das Meinige geleistet Auch war es mir trotz des damals überall nur mäßigen Ho
norars schon in den ersten Jahren e S
lungen, ein Sümmchen für die Zukunft hinzulegen; ob für ein einsames Junggesellenalter,
oder ob——
CCC N
„Evangelische Warte“
Nr. 27
Mann, der die Kirche finanzierte! Darum will ich auch unsern Pfarrern durchaus keinen persönlichen Vorwurf machen. Ich weiß, sie haben alle nach ihrer Ueber⸗ zeugung gehandelt, treu und bieder, so, wie es ihnen der gute, alte„Reichsbote“ vorschrieb.
Dennoch müssen wir heute zugeben, daß unsere Kirche es nicht verstanden hat, das Streben nach Selbst⸗ bestimmung unseres Arbeiters auszunutzen, sondern die Massen kirchenseindlichen Kräften überlassen hat, weil sie nur versuchte, den Arbeiter in Parteien hinüberzu⸗ ziehen, die vom Arbeitgeber geschaffen waren und in erster Linie dessen Belange vertraten. Da wandte sich ein großer Teil der Arbeiter von der Kirche und schenkte seinen Reichtum an Glauben und Opferfreudigkeit sei⸗ ner Gewerkschaft. l
Ich weiß, daß diese meine Schilderung nicht auf alle Gegenden Deutschlands paßt. Manch einer wird mir zurufen: In unserer Gemeinde ist es noch anders. Nun gut, aber das ändert nicht, daß ich im großen und ganzen recht habe. Vor allem aber wird die Entwick⸗ lung in den kommenden Jahren noch weiter in dieser Richtung gehen, wenn es nicht glückt, eine gewaltige Schwenkung zu machen.
Diese halte ich aber nur für möglich, wenn der Ar⸗ beiter merkt, daß man ihm in der Kirche nicht mehr sein Recht abspricht, für seine Klasse zu kämpfen, wenn er merkt, daß die Kirche selber Kritik übt an unserer Kul⸗ tur, einer Kultur, die nur wenigen Bemittelten zu Diensten steht; wenn er merkt, daß unsere Kirche mit ihm neue Wege sucht, eine Kultur zu schaffen, die unse— ren Arbeitern, d. h. unserm Volk, offensteht.
Wenn nicht alle Zeichen trügen, stehen wir vor einer Zeit, da die Menschheit sich abwenden wird vom Materialismus und wieder Achtung empfinden wird vor dem Ewigen. Gebe Gott, daß unsere evangelische Kirche berufen ist, die wieder nach Gott suchenden Men⸗ schen an sich zu ziehen und ihnen den Weg zu weisen, den Weg zum Kreuz.
Mord an der Demokratie!
Auch in Hessen wurde vom Landtag in seiner Sitzung am 23. Juni die Demokratie ermordet. Ein Abänderungsantrag der Abgg. Kaul(Soz.), Lenhart (Ztr.), Dr. von Helmolt(Bbd.), Scholz(D. Vp.), Rei⸗ ber(Dem.) und Kindt(Dutl.) zum Landtagswahlgesetz, wonach Wahlvorschläge noch nicht im Landtag vorhan⸗ dener Parteien von mindestens 7000 Wählern unter⸗ zeichnet und 5000 Rmk. beim Landtagswahlleiter hin⸗ terlegt sein müssen, wurde gegen die Stimmen der Kommunisten angenommen. Aus lauter Angst um ihre Mandate haben auch die demokratischen Parteien die Demokratie begraben helfen. Parteien, die zu solchen Mitteln greifen, fühlen den Boden unter sich wanken.
Wähler! Zeigt ihnen bei der kommenden Land⸗ tagswahl, daß sie ganz recht haben! Wählt keine Par⸗ teien, die das Landtagswahlrecht verschlechtert haben! Tretet ein für das freie unbeschränkte Wahlrecht! Wählt alle die Evangelische Volksgemeinschaft!
Demokratie?
Die formale Demokratie, die die Staatsum⸗ wälzung gebracht hat, kann nicht das Ende vom Liede sein; das Ende muß vielmehr sein eine bes— sere Volks- und Wirtschaftsordnung. Stegerwald.
Es scheint, als wenn sich ein Generalangriff auf die Freiheit der Verhältniswahl anbahne. Entbrannte vor dem Kriege ein scharfer politischer Kampf um die Freiheit der Wahl, schien es damals, als bedeute diese Freiheit eine der ersten Errungenschaften auf dem Wege der Demokratisierung, so muß man heute feststel⸗ len, daß im Rahmen der Demokratie diese Freiheit ab— zubröckeln beginnt und die Demokratie zur Erreichung bestimmter Ziele, die nicht auf der Linie liegen, zur verschleierten Diktatur greift.
Wenn im Staate Hamburg aus Anlaß der kom⸗ menden Parlamentswahlen(Bürgerschaftswahlen) ein Senatsantrag vorgelegt wird, der eine starke Veschrän⸗ kung der Wahlfreiheit vorsieht, so hat das nicht allein örtlich Bedeutung. Gelingt das Experiment, so wer⸗
den die Reichstagswahlen des nächsten Jahres und kommende Landtagswahlen unter gleichem Gesichts⸗ punkte stattfinden.
Das Parlament soll ein Spiegelbild des Volks⸗ willens sein. Die deutschen Parlamente sind tatsächlich ein getreues Spiegelbild, wenn auch ein weniger schönes, der politischen Zerrissenheit unseres Volkes. Dieses un⸗ schöne Bild ärgert naturgemäß die, welche im Parla⸗ mentarismus höchste Erfüllung sahen. Menschlich be⸗ greiflich. Wer ist nicht so eitel, daß er nicht aus dem Spiegel ein Bild zurückgeworfen sehen möchte, das ihm schmeichelt! Wenn nun das Bild politischer Zerrissen⸗ heit, das die Parlamente zurückwerfen, verzerrt und unschön ist, so liegt das in der Natur der Sache begrün⸗ det. Denn der an sich unpolitische Deutsche, begabt mit dem Erbübel aller Deutschen, will sich durchaus nicht einfügen in den Rahmen, den„weise Demokratie“ ihn gesteckt hat. Nach 1918 fast zwangsweise in das poli⸗ tische Leben hineingestoßen, findet sich der Wähler kaum heute zurecht. Splitterungen, Spaltungen, Bil⸗ dung von Gruppen und Grüppchen sind das Spiegelbild einer zwar harten, aber verständlichen Kritik am deut⸗ schen Parlamentarismus, der sich selbst seine Achtung und Würde untergraben hat. Die Demokratie wünscht nun das Bild zu verschönern, und zwar zwangsweise, also auf undemokratischem Wege, indem sie die Wir⸗ kung von Splitterparteien erschwert. Nach außen hin versucht man diese Erschwerung, die das Gesicht einer verschleierten Vergewaltigung nicht verbergen kann, mit dem Willen zur Gesundung zu entschuldigen. Ge⸗ wiß, die Tatsache des Bestehens von Splitterparteien erschwert dutzendmal die glatte parlamentarische Ar⸗ beit und die notwendig werdende Bildung von Regie⸗ rungen. Diese an sich bedauerlichen Erscheinungen durch undemokratischen Zwang, der einer Vergewaltigung gleichkommt, heilen zu wollen, heißt nichts anderes. als eine schwärende und eiternde Verwundung mit Heft⸗ pflaster zu verkleben, anstatt zu einer bitter notwendi⸗ gen ernsten Operation zu greifen, zu der man die Kraft nicht aufbringt, obwohl man andererseits am deutschen Volkskörper experimentale Pferdekuren genug versucht hat.
Man will eine Abänderung des Wahlgesetzes ein— bringen, und zwar noch während der Legislaturperiode der gegenwärtigen Bürgerschaftsvertretungen, weil ihre Zusammensetzung die Annahme des Senatsantrages zu garantieren scheint. Diese Abänderung sieht vor, daß für die sog.„großen Parteien“, die bisher mindestens 10 Abgeordnete im Parlament haben, die bisherige Uebung betr. Einreichung der Wahlvorschläge bestehen bleibt, während für solche Gruppen, die unter 10 Man⸗ daten haben, die Vorschrift eingeführt wird, daß die Unterzeichnung von mindestens 3000 Wahlberechtigten erforderlich ist. Gegen eine solche Forderung an sich wäre nichts einzuwenden, wenn sie allen Parteien zur Pflicht gemacht würde. Bleibt sie beschränkt auf kleine Parteien, so bedeutet sie nicht nur einen undemokrati⸗ schen Verstoß gegen die garantierte Rechtsgleichheit, son⸗ dern eine Vergewaltigung der freien Meinung, ledig⸗ lich gemildert durch das von Zufälligkeiten abhängige Mittel der parlamentarischen Abstimmung über einen solchen Antrag.
Daß für jeden Wahlvorschlag 3000 1 Kaution hinterlegt werden müssen und diese Kaution von allen Parteien verlangt wird, sieht äußerlich nach Rechts⸗ gleichheit aus, in Wirklichkeit wird damit nur zum Grundsatz erhoben, daß die kapitalkräftigen Parteien, die eine derartige Summe ohne weiteres aufzubringen vermögen, günstiger gestellt werden. Die Kaution ver⸗ fällt, wenn auf den betr. Vorschlag kein Mandat er⸗ zielt wird. Ist das eine Bestrafung für die Vermessen⸗ heit, bestimmte Gruppen von Wählern im Parlament vertreten zu sehen, oder sollen mit diesen verfallenen Kautionen die Unkosten verringert werden, die eine Wahl verursacht? Oder werden die so verfallenen Mittel für das Festessen der Sieger verwendet?— Wie unterscheiden sich dann noch Wahlen und Lotterie⸗ spiel?— In beiden Fällen wird ein Einsatz bezahlt, zieht man eine Niete, ist der Einsatz verloren und der Staat ist der glückliche Gewinner.
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1 Er nahm sein Glas und leerte es auf einen Zug.„So,“ sagte er,„nun habe ich mir Mut getrunken! Ihnen erzähl' ich es gern; ja, mir ist, als könnt' ich Ihnen noch einmal meinen Mozart sp
ielen!“
Er hatte meine beiden Hände ergriffen; seine blassen Wan— gen waren leicht gerötet.„Ich wohnte damals bei einem Buchbindermeister,“ begann er wieder,„der nebenbei ein kleines Antiquariat betrieb; oh, manches liebe Büchlein ist damals in meine Bibliothek gewandert! Wer mich aber auslachte, wenn ich mit solch einem Scharteklein wie mit einem kostbaren Raube nach meinem Zimmer hinaufstolperte, das war die eigene Toch— ter meines Antiquars; sie trug den schönen Namen Anna; aber sie hielt nicht viel von Büchern. Desto lieber sang sie; Volks- lieder und Opernarien— Gott weiß, woher ihre jungen Ohren das alles aufgefangen hatten! Und eine Stimme war das! Signora Katerina, die im selben Hause ein Mansardenstübchen inne hatte, war in stetiger Entrüstung, daß dieser ‚Kindskopf“ sich nicht von ihr wollte in die Schule nehmen lassen. ‚Mon— sieur Valentin!' rief sie einmal aus, als die Anna nach einer stand, sehen S Sie hat das Glück im Hause, aber sie stößt es mit ihren kleinen Füßen von sich, und dann— ja, ja, Kindchen; un⸗ versehens kommt das Alter! Wie ich hier vor Ihnen stehe, ich hätte Fürsten und Exzellenzen heiraten können!“
langen Ermahnung lachend vor ihr Sie dieses
Mädchen!
„Und ich, sagte der Kindskopf, kann noch einen Prinzen heiraten; und ich tu's gewiß, wenn er erst in seiner goldenen Kutsche vorgefahren kommt! Aber, Signora, können Sie mir das nachmachen?“ Und nun sang sie mit der unglaublichsten Zungenfertigkeit eines jener aus sinnlosen Silben zusammen⸗
gefügten Reimgesetze; vor- und rückwärts, hinauf und hinunter. Sehen Sie, Signora, das sind Naturgaben!“
„Die alte Kunstsängerin würdigte sie auf solchen Ueber— mut meist keiner Antwort; auch jetzt wickelte sie sich schweigend in ihren roten Schal, den sie selbst im Hause nie von ihren Schultern ließ, und stieg mit würdevoll erhobener Nase nach ihrem Mansardenstübchen hinauf.
„Als sie fort war, legte Aennchen die Hände auf den Rücken, und so vor mir stehend wie ein Vogel auf dem Zweige, hub sie aufs neue an zu singen: Schwäbische, bayrische Dirndel, juchhe!' Gleich einer Leuchfkugel stieg das Juchhe in die Luft!
Dann sah sie mich mit ihren braunen Augen an und fragte treuherzig: Das ist aber doch schön! Nicht wahr, Herr Va⸗ lentin?“
„Wir befanden uns auf meiner Stube, wohin Aennchen mir immer mein Abendbrot heraufbrachte. Ich hatte mich ans Klavier gesetzt.„Singen Sie weiter, Aennchen!' sagte ich; und so, während ich eine einfache Begleitung spielte, sang sie das Lied zu Ende, und dann ein zweites, ein drittes, und ich weiß nicht, wie viele ihrer hübschen und törichten Lieder noch. Ich weiß nur, mir war unsäglich wohl dabei.— Nein, wie ist's nur menschenmöglich,“ rief das liebe Kind;„kennen Sie denn alle meine Lieder? Aber wissen Sie was, Herr Valentin? Das hat durchs ganze Haus geschallt! Die Signora Katerina sitzt gewiß droben ganz in ihren Schal verwickelt!“
—„Seit jenem Tage gab es in Aennchens Kopfe keine musikalische Unmöglichkeit mehr für mich; ja allmählich be⸗ strickte auch mich selbst die einfältige Bewunderung und machte ganz zuversichtlich; einmal, da sie eben von mir gegangen ar, setzte ich mich sogar hin und berechnete eifrig meine Ver⸗
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