Sonnabend, den 2. April 1927.
F e N
„Evangelische Warte“
Im Familienkreis
N e
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Ein freundliches Wort.
In einem Badeort war in einer Verkaufsbude ein junges Mädchen als Verkäuferin angestellt. Jedermann hatte sie gern um ihres gefälligen, heiteren Wesens willen. Eine christliche Frau hatte schon manches bei ihr gekauft und sie liebgewonnen. Heute jedoch eilte sie rasch an der Bude vorüber, bemerkte aber doch, wie die Verkäuferin, den Kopf in die Hände gestützt, bit⸗ terlich weinend in einer Ecke saß. Wohl mahnte sie ihr mit⸗ leidiges Herz, dem jungen Mädchen einige teilnehmende Worte zu sagen; allein es war ein gemeinschaftlicher Ausflug verab⸗ redet, die Freundinnen warteten, sie durfte nicht zu spät kom⸗ men. Rechtzeitig traf sie ein, aber das Bild der Weinenden ließ den ganzen Nachmittag keine fröhliche Stimmung in ihr aufkommen.— Aber was war das für ein Auflauf auf der Straße, als sie endlich abends müde und unbefriedigt heim⸗ kehrte? Die Polizei brachte eben eine Leiche, die im Fluß aufgefangen worden war. Die Dame erkannte sofort tief er⸗ schüttert die Züge der jungen Verkäuferin. Ein böser Verdacht, der auf dieselbe gefallen war, hatte sie zu diesem Schritt der Verzweiflung getrieben— eine offene Aussprache, ein guter Rat hätte sie wahrscheinlich retten können; aber es war zu spät.
O, wenn du jemand weinen siehst, Oft ist's ein kleines Leid, Das dir zu lindern möglich ist Durch wenig Freundlichkeit. Oft unter seinem Kreuze bricht Zusammen fast ein Herz. Du kannst es trösten, gehe nicht Vorüber an dem Schmerz.
Weißt du, wie wohl ein liebes Wort Oft tut zur rechten Zeit? Die Bitterkeit nimmt sanft es fort, Erleichtert jedes Leid. Ja, selbst vor der Verzweiflung hat Solch Wort gerettet schon. Ein gutes Wort find't gute Statt Und trägt in sich den Lohn.
Gehst du vorüber an dem Schmerz, Der dir begegnen mag, Vielleicht— verschließest du dein Herz— Folgt dir die Reue nach. Wie schmerzlich ist es, wenn fortan Der Vorwurf mit dir geht: Vielleicht hätt' es ein Wort getan, Doch nun— ist es zu spät!
(Blätter aus dem Stuttgarter Diakonissenhaus.
Vom Grüßen.
Warum fällt manchen Menschen das Grüßen so schwer? Da sind ein paar Leute, die sich mir wegen Kleinigkeiten verpflichtet fühlen mögen, die mir jedesmal leid tun, wenn ich sie von fern sehe. Wie mögen sie es wohl diesmal anstellen, um ihren Hut nicht rücken zu müssen? Gern würde ich ihnen die Verlegenheit ersparen und zuerst den Hut ziehen. Aber das geht nicht. Sie starren wie hypnotisiert in ein Schaufenster oder drehen sich um und blicken jemand nach, als ob sie ihn durch und durch schauen wollten. Einer von ihnen rennt sogar immer in einen Haus⸗ gang. In diesen Fällen kann man noch eine Erklärung finden. Es ist ein peinlich empfundenes Dankgefühl. Diesem Miß⸗ behagen will man ausweichen, dadurch, daß man nicht hinschaut.
Völlig unerklärlich wird die Sache jedoch, wenn man Men⸗ schen begegnet, die man kennt, ohne daß ein Dank— oder Schuld⸗ gefühl sich störend einmischt, die ungefähr„gleich viel“ sind wie wir, wo keiner„mehr“ ist als der andere. Vom Moment des Erblickens bis zum Greifen nach dem Hut spielt sich da oft ein Miniaturdrama ab in blitzartigem Wechsel von Furcht und Hoffnung, bei dem die Gesichtsmaske die entscheidende Rolle spielt, Furcht sich etwas zu vergeben und Hoffnung geehrt zu werden lassen, da oft im Augenblick wahre physiognomische Ka⸗ binettstücke entstehen. Es ist das Geltungsbedürfnis, der Kampf um die soziale Rangstufe, der hier in der symbolischen Handlung des Grußes ausgekämpft wird. Da geht es zu wie im Krieg. Man sucht die wahren Absichten des Gegners durch Verstellung und List zu erforschen; man zwingt ihn Farbe zu bekennen. Da wird gearbeitet mit Ueberrumplung, mit„Scheinangriff“(des Hutes), der den gegnerischen Hut zum Weichen bringen soll. Oder man versucht durch ein Lächeln oder Nicken den gegnerischen Hut um den Bruchteil einer Sekunde eher in Bewegung zu setzen als den eigenen. Es kommt auch oft so, daß beide hart— näckig bleiben, sich gegenseitig anstarren und ohne Gruß mitein—
ander zu reden anfangen. Meist beginnt das Gespräch dann mit einem„Na?“ Dieses„Na?“ kann gedeutet werden als „Du kannst wohl nicht zuerst grüßen?“ oder als„Wie gehts?“ Dieser Kampf ist jedoch unentschieden. Der wird das nächste Mal wieder ausgefochten. Da gibt es Menschen, die sich früher einmal kannten. Sie verkehrten jahrelang nur noch in der stummen Sprache des Grußes. Es ist aber keine lebendige Be⸗ ziehung mehr darin. Die jedesmalige Begegnung stellt sie vor die Frage:„Wollen wir weitermachen?“ Und sie machen weiter, aber nicht gern. Das ist der„sauer“ gewordene Gruß, sauer in doppelter Bedeutung.
Das„Auf⸗den⸗Gruß⸗warten“ kann oft inpertinente Formen
schluß. Der, der immer zuerst grüßte, ließ es auf einmal darauf ankommen, da war der andere ganz starr und grüßte dann ironisch in so übertriebener Weise, daß sie von da ab sich über⸗ haupt nicht mehr anschauten. Ich kannte ein wahres Grußgenie, einen Virtuosen der sozialen Abstufung des Grußes vom un⸗ scheinbaren Lüften bis zum Hutziehen bis zur Erde. Dieser Mann trug in sich einen unsichtbaren, aber genauen Maßstab für die soziale Enschätzung. War ein ihm Begegnender in eine höhere Gehaltsklasse gekommen, hatte er eine Erbschaft gemacht, eine Beförderung oder Ehrung erfahren, so drückte sich das mathe⸗ matisch genau in der Spannweite seines Grußes aus. Aber auch soziale Wertverminderungen zeigte dieser Seismograph un— trüglich an.
Wie alles so ist heute auch der Gruß vielfach entseelt und mechanisiert. Früher sagte man„Gott zum Gruß!“ oder„Grüß Gott!“ Herrlicheres gibt es nicht als diese Begrüßung zwischen zwei Menschen, auch nichts Herzlicheres. Heute bekommt man meist„Den Teufel zum Gruß“. Mit Heuchelei, Uebelnehmerei, Impertinenz, Liebedienerei, Hoffart und noch vielen anderen schönen Dingen ähnlicher Art hat der Feind den Gruß zu infi⸗ zieren verstanden. Er will immer Feindschaft setzen zwischen Seele und Seele. Unmerklich packt der Feind die Menschen bei ihren schwachen Seiten. Im Gruß bekommen und geben die Menschen dann sich nicht mehr, wie sie vor Gott sind und sein sollen, sondern wie sie der Teufel will. Nicht die Liebe und gegenseitige Achtung haben das Wort dabei, sondern die Ri— valität, die Ansprüche des Ich; seine Eitelkeit und seine Illu— sionen haben auch diese liebliche Beziehung von Mensch zu Mensch vielfach zur Karikatur gemacht. Auch beim Grüßen kommt die ganze Unnatur und Herzensdürre der gottentfremdeten modernen Seele zum Ausdruck.
Für den Christen ist das Grüßen kein Problem. Er muß lachen über die seltsamen Kapriolen, die die Weltmenschen des Grüßens oder Gegrüßtwerdens wegen machen. Angesichts dieser Torheiten wird er erst recht seiner inneren Unabhänggkeit froh, weil er einer völlig andern Wertbestimmung sich unterworfen weiß, als die ist, welche ein Gruß oder die Form eines Grußes verleihen oder versagen kann. Hans Pförtner.
(Aus dem Evang. Gemeindeblatt f. München Nr. 4.)
Takt. Eine Schul bubengeschichte.
Es war mittags halb ein Uhr. Der Lattenzaun in der Nähe des Schulhauses hatte große Aehnlichkeit mit einem Telegraphen— draht hoch oben in der Luft, auf den sich eine Schar munterer Zwitschervögel gesetzt. Nur daß der Lattenzaun ziemlich nahe der Erde war, und daß darauf lauter muntere Schulbuben saßen. Man hörte gleich, sie hatten etwas Außergewöhnliches zu be— sprechen und tauschten sich ihre gegenseitigen Meinungen ziem— lich vernehmbar aus.„Unsere Mutter hat es mir doch selbst erzählt,“ schrie einer aufgeregt,„es ist wirklich wahr, heute kommt er zum erstenmal wieder in die Schule, und er hat ein Stelzbein bekommen, und damit muß er nun, so lang er lebt, herumstelzen. Und ich soll ihm den Apfel geben, damit er sich freut.“
„Da kann er ja gewiß nicht mehr mittun beim Ballspiel, wo er sonst der flinkste war, wenn er ein Holzbein hat— mich nimmt wunder, wie das aussieht“, meinte ein anderer dazwischen.
„Ja, mich auch— ich bleib' hier sitzen, bis er kommt, er kommt gewiß bald!“
„Ihr seid bloß neugierig!“ krähte der langbeinige Dieter, der so freche Augen hatte,„so neugierig wie die Weiber— und den Apfel kannst du mir auch geben, den braucht das„Stelzbein“ nicht. Er ist ja selber schuld, daß sie ihm das Bein abgenommen haben; warum hängt er sich an den Wagen und fällt so dumm herunter! Ich will ihn einmal fragen, ob er immer noch Lust
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annehmen. Ein solches Grußdrama fand einmal folgenden Ab⸗
Aber da sprang plötzlich einer vom Lattenzaun herunter, ein schlankes, sehniges Bürschlein, und aus den blauen Augen sprühten vernichtende Blitze, und helle Röte schoß ihm ins Ge— sicht bis unter das blonde Kraushaar.
„Was sagst du, Dieter? Was willst du ihn fragen, Dieter? Ich sag' dir, halt dein ungewaschenes Maul, das sag' ich dir, und sonst...“ dem langen Dieter so nahe um die Nase herum, daß der scheu
und knurrend zurückwich. Er kannte diese Faust, wie sie sie alle
kannten er mochte nicht in nähere Berührung damit kommen „Hört einmal zu,“ wandte sich der Blondkopf an die anderen,
„es bleibt keiner auf dem Lattenzaun, bis der arme Kerl kommt.
und wenn einer von euch Ehre und Gefühl im Leibe hat, der schaut ihn nicht besonders an. Wir tun alle so, als ob gar nichts anderes an ihm wäre, und als ob wir das Stelzbein nicht sähen, Und das Ballspiel, wo er immer so gern dabei war, wird vor läufig nicht mehr gemacht. Keiner schlägt's vor. Sein Unglüc weiß er schon selber gut genug, und wer ihn noch extra mit einem Wort oder Blick daran erinnert, der ist mein Feind! Jetzt geh' ich in die Schule.“
Einer nach dem andern sprang nun behend vom Zaun, „Er hat ganz recht, kommt!“ sagten sie.
„So'n frecher Lümmel, der Dieter! Es ist wahr, wir müsseß dem Karl drüber weg helfen, daß er denkt, es wär' noch alle; wie früher.“
Ueberdies wollte keiner sich den mutigen Blonden zun Feind machen; denn er war der geschickteste von allen und sonf zu jedem freundlich und gefällig in jeder Weise. Alle mochten ihn leiden, nur der Dieter nicht, der fürchtete ihn; denn daz schlanke Bürschlein hatte Muskeln wie Stahl und konnte 31 Zeiten keinen Spaß vertragen.„So'n Großhans!“ murrte et hinter dem Blonden drein, hatte aber doch nicht den Mut, sich ihm offen zu widersetzen.
Und dann kam der arme Karl mit dem Stelzbein. Setz Gesicht war durchsichtig blaß und schmal geworden, und dit früher so lustigen Augen schlug er scheu und mißtrauisch 31 Boden.„Tag Karl!“ sagte einer nach dem andern nur so im Vorbeigehn, gerade so wie früher. Ein mißtrauischer Blick glitt zu den Kameraden hin, und leise Röte huschte über das melan cholische Bubengesicht.
„Weißt du's auch schon,“ fing nun der blonde Krauskopf 5t harmlosem Ton ein Gespräch an,„daß das lustige schwarze Lies chen wahrscheinlich blind wird vom Scharlach— gelt, schrecklich! Es ist das Furchtbarste, was einem passieren kann, so nie un! nie mehr etwas sehen zu können. Du, und jetzt sind wir anz geometrische Zeichnen gekommen, fein, nicht? Könnt' ich's bloß wie du, das war doch immer dein Steckenpferd.“ So plaudert der Schlanke, und die anderen warfen hie und da ein harmlosez Wort dazwischen, bis sie den Karl richtig ins Gespräch gezogen hatten. Immer mehr verloren die traurigen Augen ihren miß' trauischen, scheuen Ausdruck. Man sah, das Interesse an dei Schuldingen war wieder erwacht und ließ ihn wirklich vergessen daß es heute ein anderes mit ihm war als vordem. Dann kan auch der Lehrer.„Guten Tag, Karl“, sagte er gerade so einfach wie vorhin seine Kameraden.„Es ist recht, daß du wieder bei uns bist.“— Nichts war in seinem Ton anders als früher, nut die Hand drückte er ihm sehr warm und sehr fest und sah ihn
Damit fuchtelte er mit seiner sehnigen Faust.
einen Augenblick tief und voll Liebe in die Augen. Dann be⸗ obachtete er in den folgenden Stunden scharf die übrigen Mit schüler, und zuletzt glitt ein warmer Schein und ein zufriedenez Lächeln über seine klaren Züge. Er sah ihnen allen nach, al sie nach Schulschluß sich langsamer und stiller als sonst entfernten, mit dem Karl in der Mitte.„So wild sie sind, sie haben daz Herz am rechten Fleck, die Rangen, und sie besitzen— Tall, sagte der Lehrer leise.„Möchte er ihnen erhalten bleiben!“
Ein Zeugnis.
Ein unverfälschtes Zeugnis, daß man auch in Arbeiter kreisen noch Kirche will, bringt das Kommunistenblatt„Dit rote Fahne“ in einem Bericht über die Silvesterfeier im Don zu Berlin. So spöttelnd wie möglich schreibt der Berichterstal ter:„Als am Silvesterabend die ersten Tuten ein schüchterne; Konzert versuchten und die ersten Kognaks heimlich gekostel wurden, machte ich mich feierlich und würdevoll auf die Strümpfe und landete kurz vor 12 Uhr am Dom.„Verdammt viel Menschen sind hier“, dachte ich,„die werden doch dieses Jahr Silvester nicht alle im Lustgarten feiern wollen, daß machen sie doch im allgemeinen immer etwas weiter westlich“ Näher herangekommen, war ich im Nu im tollsten Gedräng⸗ „Warum machen die denn nicht die Türen auf, die brauchen doch die Leute hier nicht auf der Straße feiern zu lassen,“ bi merkte ich bescheiden zu meiner Nachbarin(Rock bis unter die Knöchel und mit Besenborte, Kneifer auf der Spitznase, Gt sangbuch unter dem Arm). Keine Antwort.„Na, vielleich betet sie gerade,“ dachte ich wieder,„wirst man lieber dei Maul halten.“ Mittlerweile hatte ich mich die Treppen hinauf gedrängelt, und siehe da, die Türen waren ja auf, aber da Laden war schon voll.“ So geht es in witzig sein sollenden Stil weiter, dann kommt das Ende:„Eine Bemerkung hinte her: Fabrikbesitzer, so richtige Vollblutbourgeois, zählte ich vie leicht drei, ebenso drei Pelzmäntel. Dazu vielleicht fünfzig bessere Handwerksmeister nebst Frauen, alle anderen waren Proleten.“— Ein gutes Rezept.
Ein Rezept für Hausfrauen, um gute Dienstboten 5 machen, schrieb ein erfahrener Arzt seiner sich verheiratendel Tochter ins Wirtschaftsbuch. Hier ist es: Die Hausfrau nehm 2 Pfund Selbstbeherrschung, 1% Pfund Geduld, 17 Pfund G“ rechtigkeit, 1 Pfund Ueberlegung, 1 Pfund Dispizlin, 1 Pfun) Milde, mische das alles mit der gleichen Qualität eigener wir schaftlicher Tüchtigkeit und nehme davon täglich wo nöti stündlich, die gehörige Dosis nüchtern; überhaupt halte sie d Medizin immer zur Hand, um, wann nötig, davon zu nehmen — Dieses Rezept, das in den Ehrenzeugnissen von W. Branz gestanden hat, paßt für Männer ebenso.
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