Nr. 30.

Gießen, Sonntag, den 28. Juli 1901.

8. Jahrg.

Redaktion:

Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Bei mindestens

Hunnenbriefe.

Kommt ihr an, so wißt: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht! Wie vor 1000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Ueberlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so 500 der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch Euch in einer Weise bethätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!

Diese Worte sprach Wilhelm II. am 27. Juli 1900 zu dem ersten Trupp der nach China ziehendenFreiwilligen im Augenblicke ihrer Abreise. Dem Bekanntwerden dieser Rede folgte innerhalb und außerhalb Deutschlands allge⸗ meines Schütteln des Kopfes. Was, ein an der Spitze der Zivilisation marschierendes Volk wie das Deutsche, wollte das Völkerrecht bei Seite setzen, eine barbarische, hunnische Kriegs⸗ führung pflegen? Unmöglich zu glauben! So unglaublich, daß diegutgesinnte Presse die kaiserliche Rede fälschte und ihren Lesern vorlog, der betreffende Satz habe gelautet: Pardon wird Euch nicht gegeben ꝛc. Aber die Lüge hatte kurze Beine, sehr bald bestätigte der Reichsanzeiger die erstere Lesart als die richtige.

Nur wenige Stimmen erhoben sich für die in Wilhelmshaven proklamierte Art der Kriegs⸗ führung. Unter anderm trat der Führer der Nationalsozialen, der christlich-evangelische Pastor Naumann für hunnisches Vorgehen ein, was ihm den Ehrennamen des Hunnenpastors eintrug.

Die Rachekrieger dampften ab und schon nach wenigen Monaten ließen sie von sich hören. Sie meldeten aber nicht blos ihre. Ankunft in China, ihre Mitteilungen bewiesen, daß sie den ihnen bei der Abreise gegebenen Anweisungen gemäß gehandelt hatten. Viele der von den Kreuzfahrern an ihre Angehö⸗ rigen gerichteten Briefe gelangten natürlich in die Presse, mehrfach veröffentlichten sogar Ordnungsblätter zuerst derartige Hunnen⸗ briefe. Alle anständigen Leute verurteilten die in den Briefen geschilderten, von deutschen und andern europäischen Truppen verübten Greuel⸗ thaten, es erhob sich ein Entrüstungssturm, man verlangte von der Regierung Aufklärung, später interpellierten die sozialdemokratischen Abgeord⸗ neten im Reichstage die verantwortlichen Minister darüber. Der Kriegsminister zweifelte die Richtigkeit der in jenen Soldatenbriefen mitge⸗ teilten Thatsachen an, brachte es aber fertig, das grausame Vorgehen der Europäer gegen die Chinesen als eine Vergeltung für die von den Hunnen in Deutschland vor mehr als 1500 Jahren! verübten Grausamkeiten hinzustellen!

Mancher Chinakrieger mag wohlaufge⸗ schnitten haben, wie man das von Soldaten gewohnt ist. Aber man konnte an der Richtig⸗ keit der Mitteilungen und der Echtheit der Briefe um so weniger zweifeln, als verschiedene Thatsachen, zum Beispiel die an einem Sonntag Naächmittag vorgenommene Erschießung einiger sechzig oder siebzig Chinesen, die vorher ihr Grab selbst graben mußten, übereinstimmend von mehreren Seiten zugleich berichtet wurden.

Die Hunnenthaten der Rachekrieger wurden später aber auch von durchaus einwandfreien Augenzeugen, wie dem französischen Offizier Pierre Loti(siehe Nr. 25 der M. S.⸗Ztg.) dem Korrespondenten derFrkftr. Ztg. und noch anderer bürgerlicher Blätter bestätigt.

Trotzdem versucht nun ein großer Teil der reaktionären Presse die geschilderten Vorkomm⸗ nisse abzuleugnen, alleHunnenbriefe als Schwindeleien hinzustellen. Jetzt will sogar die amtlicheBerliner Korrespondenz einer ganzenLügenfabrik von Hunnenbriefen auf die Spur gekommen sein und sie stützt sich da⸗ bei auf folgenden schon im Mai in einem Kölner Blatte mitgeteilten Vorfall. Ein Unter⸗ offizier der China⸗Expedition habe ausgesagt, ein Handlungsgehilfe in Luzern habe ihm ein Packet adressierter Briefe zugesandt, mit der Bitte, sie von Peking aus an ihre Adressen des Handlungsgehilfen Freunde und Verwandte abzusenden. Der Verfasser dieser Briefe erzählte darin von schauerlichen Mordthaten und Grausamkeiten, die in China verübt worden wären. Damit wollte der Briefschreiber seinen Angehörigen weis machen, daß er selbst in China anwesend sei. Der Unteroffizier sandte aber die sieben Briefe nicht ab und sie kamen schließlich an die Heimats behörde des interessanten Handlungsbeflissenen.

Diese Geschichte, die, wenn sie wirklich wahr ist, höchstens die Rennomiersucht, nebenbei aber auch die Dummheit ihres Helden beweist, be⸗ nutzt nun die Berliner Korrespondenz dazu, alle Hunnenbriefe als Lügenfabrikate zu er⸗ klären, und versucht den Beweis zu führen, daß die europäischen Kulturverbreiter sich in China tadellos verhalten, kein Wässerchen ge⸗ trübt haben. Mit ihr fallen sämtliche Amts⸗, Kreis⸗ und auchunparteiische Blätter über die sozialdemokratische Presse wegen der Ver⸗ öffentlichung der Hunnenbriefe her, beschuldigen die Sozialdemokratie,den deutschen Namen besudelt zu haben. Dabei hat die traurige Gesellschaft nicht nur selbst solche abgedruckt, sondern sogar teilweise den Scheußlichkeiten Beifall gezollt!

Festslehende Thatsachen mit solchen lächer⸗ lichen Ammenmärchen entkräften zu wollen, ist doch allzu kindisch. Merkte denn auch die Ord⸗ nungspresse nicht, daß sie damit alle brief⸗ schreibenden Chinakrieger als Schwindler hinstellt? Kam in China nichts vor, was das Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen hatte, warum wurde den Soldaten verboten über die dortigen Vorkommnisse zu berichten? Und warum sind eine ganze Anzahl Kreuzzügler zu schweren Ge⸗ fängniß⸗ und Zuchthausstrafen verurteilt worden, was doch in der Heimat fast nie vorkommt?

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Vom Wuchertarif.

Allgemein wird zugegeben, daß die Zahlen⸗ angaben, die der StuttgarterBeobachter über die Sätze des neuen Zolltarifs machte und die wir in voriger Nummer mitgeteilt haben, in allen ihren Einzelheiten richtig sind. Zugleich wird von verschiedenen Seiten ange⸗ kündigt, daß die amtliche Veröffentlichung des Entwurfs bald erfolgen werde; seine Geheim⸗ haltung hat ja nach den jüngsten Enthüllungen

331½ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Ra batt

keinen Zweck mehr. So wird denn das deutsche Volk in aller Kürze erfahren, bis zu welcher volksaussaugerischen Höhe es der Junkersippe bis jetzt gelungen ist, ihre Brotwucherforderungen durchzusetzen.

Wie furchtbar die neuen Zollsätze auf die Lebenslage der Arbeiter zurückwirken würden, ganz abgesehen von der Unterbia⸗ dung der auf Export angewiesenen Industrien und der damit in Aussicht stehenden Arbeits⸗ losigkeit deutet derVorwärts durch einige Zahlen an. Nehmen wir entsprechend der Reichsstatistik an, daß der Konsum an Brot⸗ getreide 200 Kilo pro Kopf der Bevölkerung beträgt, so bedeutet schon eine Getreidezoller⸗ höhung von 3,50 auf 6 Mark pro Doppelzentner für eine fünfköpfige Arbeiterfamilie allein eine jährliche Mehrbelastung von 25 Mark.

Dazu kommen noch die Fleischzölle. Rechnen wir, daß die obige Arbeiterfamilie an Fleisch täglich nur Pfund inkl. Zubrot(Speck und Wurst ꝛc.) gebraucht, so ergiebt sich, niedrig gerechnet, eine weitere Mehrbelastung von 12 Mark

pro Jahr.

Allein die beabsichtigten Brot⸗ und Fleisch⸗ zollerhöhungen legen also der Arbeiterfamilie einen neuen Tribut von ca. 37 Mark auf, in Wirklichkeit noch um etwas mehr, da noch die Aufschläge des Mehlhändlers, Bäckers, Schlächters ꝛc. hinzukommen. Und hierbei sind die erhöhten Ausgaben für Butter, Käse, Eier ꝛc. noch nicht berücksichtigt.

Und warum soll der deutsche Arbeiter diese Verteuerung seines notdürftigen Lebensunter⸗ haltes auf sich nehmen, warum soll er die höchsten Brotwucher⸗Zölle in ganz Europa zahlen, höhere, wie sie der französische, der italienische, der spa⸗ nische Arbeiter zu zahlen gezwungen ist? Um einer reichen, größtenteils in Luxus lebenden Klasse bon Großgrund⸗ besitzern noch höhere Einkünfte zu sichern; einer Kaste, die mit Verachtung auf ihn herabsieht, die seinem Streben, auch für sich und die Seinen einen etwas größeren Anteil an den Kulturgütern zu erlangen, am liebsten mit brutaler Gewalt entgegenträte!

Deshalb rücksichtsloser Kampf dem

neuen Brot- und Fleisch wuchertarif! Politische Rundschau. Gießen den 25. Juli.

Der Zolltarif

hat in Amerika natürlich eine gewisse Aufregung hervorgerufen. Nach derFrkftr. Ztg. be⸗ zweifeln die Blätter einstweilen die Angaben über die Höhe der Zölle, da Zölle von solcher Höhe unbedingt zu energischen Maß⸗ regeln heraus forderten. Mehrere be⸗ kannte Politiker erklärten dem Korrespondenten, daß die angeblich geplante Zollerhöhung nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Rückwirkung haben müsse in der Weise, daß sie die Union England noch mehr in die Arme treibe.

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