Mitteldeutsche Sonntagb⸗Zeitung.
Nr. 21.
b Unterhaltungs-Cril.
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Das Meisterstück. Erzählung von Robert Sch weichel.
6 a(Fortsetzung.)
„Thut's nicht die christ liche Lieb', so muß es der Verstand thun,“ sagte Berthold, der im Nachdenken die letzten Aeußerungen des Meisters überhört zu haben schien.„Der Ver⸗ stand muß die Leute zur Gem einsamkeit bringen. Es mag auch vordem in der Sach' manches Versehen gemacht sein. Man muß das Ding gescheidter anfangen. Ich meint' eben, wenn die Sach', wie Sie sagen, seit den ersten Christen immer wieder und wieder versucht wurde, nach⸗ ger steckt was d'rein, was gar nicht umzubringen t und darum muß sie am End' gelingen. Seim rechten End' angefaßt muß sie werden,
s ist's. Wir haben doch in der Zeit recht⸗ gaffen dazu gelernt.“
Der Färber schüttelte ungläubig den Kopf. Zeude, welche aufmerksam zuhörend die volle me auf dem Tisch versch ränkt und sich vor⸗ „eugt hatte, richtete sich mit einem tiesen aiemzug auf und sagte:„Vater, ich glaub', aß der Helder Recht hat.“
„Freilich, wenn Du es glaubst,“ scherzte der Alte.
„Es muß nur mit dem richtigen Verstand der rechte Mann kommen,“ rief Trude und zichtete, indem sie dunkelrot wurde, ihre glän⸗ enden Augen auf den jung eu Gesellen. Dieser mimmte ihr lebhaft zu, aber an sich selbst dachte
IV.
Berthold stand in der Werkstatt a m Schraub⸗ stock und feilte eifrig an einem Schlüssel. Seine Augen strahlten von einer in neren Freudigkeit. Er hatte den triftigsten Grund dazu; denn er gatte ein großes Geheimnis erfahren. Seit zestern wußte er nämlich, daß Trude einen gewissen Berthold Helder in ihr Herz geschlossen hatte, wie er sie.
Wenn er so plötzlich in kaum einem Viertel⸗ stündchen, das sie zufällig allein geweser, da⸗ hintergekommen war, wie er sie in seinem Arm gehalten, ihren schwellenden Mund, der so rot und so süß wie eine Kirsche, geküßt, er hätte es nicht sagen können. Der glückselige Rausch hatte ihn die ganze Nacht nicht schlasen lassen und er war noch trunken. Beim Frühmahl war ihm die rote Gundel fast hübsch vorge⸗ zommen, und er hatte traulich mit ihr gesch watzt; Anton, der Lehrling, kriegte einen freundschaft⸗ lichen Klapps von ihm und er hätte beinahe den Veit Eitelhans umarmt, der ihm bei jeder Gelegenheit ein Bein zu stellen suchte. Dem sonst so ernsten Menschen schwirrten lauter fröhliche Gedanken durch den Sinn. Der Schllässel, an dem er schaffte, war für den Stadtrat von Bodungen, der für schwer reich galt.„So deich der sein mag,“ dachte er,„in dem Herzers⸗ schrein, zu dem ich den Schlüssel hab', da sind noch viel größere Schätze verwahrt.“ Wie reich die Liebe seines Mädchens war, das ging ihm aber erst allmählig auf. Allerdings that er die seinige dazu und so mehrte sich der Schatz und es gab ein Blühen und Dusten mit dem Frühling um die Wette, der fich draußen mit jedem Tage reicher und entzü ckender entfaltete. Und daß die Tage jetzt llän ger wurden, das war ein neuer Zuwachs des Glückes. Laut Zunft⸗ und Polizeigesetz mußten die Gesellen Winters schon um neun Uhr, Sommers späte⸗ stens um zehn Uhr zu Hause sein, und die Frau Meisterin Schönhauer war eine unerbttt⸗ lich strenge Schließerin, und wer nicht pünktlich daheim war, der mußte die Nacht über draußen bleiben. Der Preuß' hatte es erfahren. Jetzt lohnte es schon, auch des abends nach St. Nikolaus zu wandern. Und wie köstlich war (8, beim Sternenschein in der blühenden Geis⸗
er dabei nicht.
blattlaube des Färbers am leise rauschenden Flusse mit der Geliebten zu sitzen!
Der Frühling lockte ihn nicht anders aus den alten Stadtmauern als zu einem Sonn⸗ tags⸗Spaziergang mit Trude und den ihrigen zwischen den grünen Feldern und in den raunenden Wald von Vogelsang. Sein Fell⸗ eisen wieder auf den Rücken zu nehmen, daran dachte er nicht mehr. Nein, er wollte ganz dableiben und sich als Meister setzen, sobald das vorgeschriebene Jahr um war. Er sann und machte Entwürse, und sobald er mit sich im Reinen war, ging er an die Ausführung seines Meisterwerkes. Es sollte den„Krautern“, den Meistern beweisen, daß er in der Fremde etwas Tüchtiges in seiner Kunst gelernt hätte.
Der Preuß', der einige Jahr älter als er war, sah scheel dazu. Er stichelte gelegentlich auf die Psuscher und Bönhasen und Meister Schönhauer pflichtete ihm bei, daß es ein Elend mit ihnen sei. Sie verdürben das Handwerk und seien schuld, daß das Stück Brot, das ein gelernter Meister mit seinem sauren Schweiß verdiene, in immer mehr Teile gehe.„Ja, der Teufel soll sie holen,“ fluchte Veit Eitelhans. „Es giebt schon so wie so in jedem Gewerk zu viel Meister.„Es müßt' Einem schwerer gemacht werden, das Meisterrecht zu erwerben. Die dreißig Thaler, so Einer dafür zahlen muß, oder ist's mehr? und die Tonne Bier, die zwei Schinken und der Braten, die er zum Meister⸗ schmaus geben muß, wollen just nicht viel sagen.“ Ueber das gutmütige Gesicht des Meisters ging ein Schmunzeln.„Dir wird's freilich zu leicht und das Geld hast Du wohl schon im Sack,“ rief er und lachte.
Veit, der ein glühend Stück Eisen in einer Zange über den Amboß hielt, machte seinem inneren Aerger durch Schimpfworte gegen Anton Luft, daß er den Blasebalg nicht ordentlich zöge. Berthold wandtez den Krauskopf von feinem Werktisch über die Schulter zurück, um auf die Aeußerungen Veit's etwas zu erwidern; er verschob es jedoch, weil eben die Thür zur Werlstatt sich aufthat. Wer hereinkam, konnte er von seiner Stelle aus nicht sehen und er kümmerte sich auch nicht darum, sondern wendete sich wieder zu seiner Arbeit. Es war die Meisterstochter. Veit ließ den schon erhobenen Hamm er sinken und fragte mit plumper Dienst⸗ sertigkeit?„Wünschet die Jungfer was?“ Gundel schien ihn gar nicht zu sehen; ihre blauen Augen richteten sich über ihn weg auf Berthold während sie antwortete:„Der Anton so runterkommen.“
„Aber Du siehst doch, daß er jetzt kein“ Zeit hat,“ rief der Vater. Gundel hielt es jedoch sür überflüssig, sich davon zu überzeugen. Mit der des Gehorsams sich eren Nachlässigkeit ließ sie von ihren schmalen Lippen die Worte fallen:„Die Mutter braucht ihn in der Küche,“ und begab sich an den Werttisch Berthold's, während der Vater verdrießlich dem Jungen winkte, daß er gehen sollte. Berthold ließ sich nicht stören. Gundel sah ihm eine kleine Weile schweigend zu; dann fragte sie, was er denn gar so fleißig schaffe 2„An meinem Meisterstück,“ antwortete er.„O, wirklich?“ rief sie wie erstaunt. Und als er darauf nickte, fügte sie auffallend leise hinzu:„Hat's damit solche Eile?“—„Ja, freilich!“ Es huschte wie ein Lächeln über ihr schmales sommersprossiges Gesicht und ein langer Blick senkte sich in seine dunk⸗ len Augen. In den Hüften sich wiegend, ging sie davon. Berthold starrte bestürzt vor sich hin. Eine unheimlche Ahnung überkam ihn. „Aber das ist ja Unsinn,“ wehrte er sie ab und arbeitete um so eifriger.
Bald darauf ging der Meister zum Frühstück. „Na, was wollte sie deun von Dir?“ fragte Eitelhans lauernd. Berthold fuhr herum und rief:„Du bist mir ein sauberer Kerl!“ Es kam ihm gelegen, jetzt seinen Unwillen von vorhin auszuschütten.„Was, sind wir Gesellen nicht durch die Zunftordnung an Händen und Füßen geknebelt? Kein Elied können wir rühren. Nur lauter Pflichten haben wir und kein Recht. Und Du red'st dem Meister noch zum Maul, daß es uns noch schwerer gemacht werden soll, aus dem Clend herauszukommen; daß wir für
den Jammerlohn, den wir kriegen, für die Meister schuften sollen bis an unser Ende, bis wir verrecken auf der Landstraß' oder im Spital!“
„Na, na, was zerhabst Du Dich denn,“ versetzte der Preuß' gelassen.„Dich können doch die Gesellen nicht kümmern, machst ja schon Dein Meisterstück. Aber dumm bist Du, daß Du es machst. Du könntest es ja viel einfacher und leichter haben; brauchst ja blos die Gundel zu heiraten und Dich in's fertige Netz zu setzen. Sie guckt sich ja nach Dir die Augen aus.“
Berthold versagte die Sprache. Der Andere lachte laut und höhnisch auf. Darüber raffte Berthold sich zusammen und rief nachdrücklich: „Such' Dir für Deine Späß' einen Narren aus! Ich die Gundel heiraten? Niemals!“
„Na, meinetwegen,“ zuckte Veit mit schein⸗ barem Gleichmut die Achseln.„Du wirst wohl eine an der Hand haben, die schöner ist, als die Gundel, was?“ Mit pfiffig zusammenge⸗ kniffenen Augen sah er Berthold an und ging, in sich hineinlachend, wieder an seine Arbeit, da jener ihm keine Antwort gab.
Wie jeder ehrlichen und gesunden Natur, war es Berthold peinlich, eine Neigung erweckt zu haben, die er nicht erwidern konnte. Um so größer war sein Mitleid mit der armen Gundel, und er schaffte mit verdoppeltem Fleiß an seinem Meisterstück, um sich ihr nur so bald als möglich aus den Augen zu bringen. Ganz von seiner Arbeit und seiner Liebe erfüllt, be⸗ merkte er nicht, daß in dem Hause seines Meisters das Wetter umschlug. Denn auch Veit Eitelhans war nicht müsstg. Er wartete seine Gelegenheit ab. Eines Sonnabends saß er nach dem Nachtessen auf der Bank vor dem Hause und blies aus einer Thonpfeife Rauch; wolken in die Luft. Der Meister war zu Bier gegangen. Seine Frau trat nach einer Weile unter die offene Hausthür; es war ein heißer Tag gewesen. Veit rückte bei Seite, um ihr auf der Bank Platz zu machen. Sie folgte jedoch der Einladung uicht.„Na, das Meister⸗ stück ist bald fertig,“ begann er, nach der Frau schielend. Als sie die Worte unbeachtet Iteß, fügte er hinzu:„Dann wird er ja wohl auch bald heiraten.“ Die Frau sah scharf nach ihm. „Unsereins mach es noch so treu und ehrlich meinen,“ fuhr er fort,„kommt Einer mit einer glatten Fratz, wie der Blitz find die Weiber
in ihn verschossen.“ f 14 8(Fortsetzung folgt.)
eee
Humoristisches.
Der gefoppte Alkoholfeind. Ein ergötzliches Geschichtchen erzählt der Theaterplauderer des Lumpaci Vagabundus im Wiener Burgtheater. Lewinsky, der berühmte Darsteller aller großen„Bösewichte“, hatte die Rolle des schnapsseligen Schusters Knierim übernommen. Nun ift der Künstler auch in weiteren Kreisen als völlig enthaltsam und überdies als Gemüse⸗Esser bekannt, was ihn nicht an der Durchführung der Rolle hinderte, nur im dritten Akt wäre er fast gescheitert, und zwar an der Bosheit eines Kollegen. In der Scene im Hause des Schreiners Hobelmann tritt Knie⸗ riem bekanntlich schon stark angesäuselt auf und verlangt dort noch ein Glas Schnaps. So that auch Lewinsky, der das ziemlich umfangreiche Gefäß rasch an die Lippen setzte und den Inhalt ebenso rasch hinter die Binde goß. Kaum war dies geschehen, als der Künstler in helle Wut geriet, denn— er hatte in dem Elas reines Wasser vermutet, statt dessen aber reinen Ro soglio(spr. Rosoljo— Rosenliqueur) gewöhnlichster Sorte hinunter⸗ gestürzt, genau nach Vorschrift Nestroys. Nach der Scene eilte Lewinsky hinter die Coulissen, um seinem Groll Luft zu machen, doch war der Uebelthäter, der die Sache angestiftet hatte, nicht zu entdecken. Damit aber zum Schaden der Spott nicht fehle, erklärten einige boshafte lachend dem Künstler, sie wollten nicht mit ihm sprechen — er röche zu stark nach Schnaps!—
Gerechte Entrüstung. Mutter:„Na, hier sieht's ja wieder nett aus, und außerdem hast Du schon wieder ein großes Loch im Strumpf, so daß sogar die große Zehe herausschaut!“— Der kleine Karl: „Du raisonnierst aber auch über alles! Die anderen Buben laufen barfuß und ich darf noch nicht eiumal mit einer nackten Zehe rumlaufen!“
PAE
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P K
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