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Gießen, Sonntag, den 26. Mai 1901.
8. Jahrg.
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Zum Pfingstfeste.
Pfingsten, das liebliche Fest, wie Goethe es nennt, ist wiederum gekommen. Sonnig liegt im schmucken Grün, im herrlichen Blüten⸗ kleide die Erde vor uns, jeden zum Genusse ihrer Pracht einladend. Leider köunen nur wenige dieser Einladung Folge leisten. Den größten Teile der Menschheit ist es versagt, sich an der Blütenpracht der wiedererwachten Natur zu erfreuen, in der würzigen Früh⸗ lingsluft sich zu erholen, das Wachsen, Blühen und Gedeihen zu verfolgen, im Buche der Natur zu lesen. Für viele existiert die bunte Wiese, der grüne Wald nicht, weil sie in hartem Daseinskampfe das Interesse daran verloren haben. Wer in immerwährender Sorge um die notwendigsten Lebensbedürfnisse für sich und die Seinen sich aufreiben und verzehren muß, bei dem wird die Lebensfreude, auf den Nullpunkt herabgedrückt sein, das blühende, lachende, sonnige Gefilde wird auf ihn wenig oder gar keinen Eindruck machen.
Er ist niedergedrückt, verstimmt!
Kaum vermag er an dem lieblichen Feste des Sommers, das schon lange vor Christus die Völker feierten, sein Herz zu erfreuen.
Das soll aber jeder Mensch! Lebens⸗ freude soll jeder empfinden; jeder soll sein Leben genieen! Genießen im guten Sinne gemeint. Höheren, reinen Lebensgeuuß allen zu ermöglichen, muß das Ziel des Vorwärts⸗ strebenden sein. Das war schließlich auch das Ziel des Christentums, das im Pfingstfeste die Ausgießung des heiligen Geistes auf die ersten Verkünder der christlichen Lehre feiert. Und unsere auf die Wohlfahrt Aller gerichtete soztaliftische Bewegung hat vieles Gemeinsame mit dem Christentum, wie es im Anfang war. Auch Christus stellte die Solidarität der Menschen als Hauptgrundsatz seiner Lehre auf und seine Jünger handelten in seinem Sinne, wenn ste furchtlos gegen Unterdrückung und Knechtschaft aukämpften, den herrschenden Klassen eutgegen⸗ traten und für den christlichen Zukunftsstaat agitierten. Keine Drohung schreckte sie zurück, sie achteten nicht der Gefahren, das Gespötte und der Hohn der Gegner konnte sie nicht irre machen.
Es war etwas Großes, was diese wenigen Proletarier unternahmen. Und mit welchem Opfermute griffen sie das Werk an, das ihnen doch nur Verfolgung, Leiden, Tod einbringen sollte! Sie gaben ihre Existenz, ihren bürger⸗ lichen Erwerb preis, um sich ganz der Agitatton fuͤr ihre große Sache hinzugeben.
Die christlichen Priester von heute machen es sich viel bequemer. Es ist etwas ganz Anderes, den herrschenden Klassen seiner Zeit den Krieg zu erklären, als im behäbigen Be⸗ fitze befindlich, von den Mächtigen gefördert, dem gedrückten Volke Gehorsam, Entfagung, Zufriedenheit zu predigen. Kein Prediger der christlichen Nächstenliebe von heute wird sich in die Lage der ersten christlichen Agitation hinein⸗ fühlen können; ebenso wenig wie er sich in die Lage des für sein Recht, seine Existenz, seine Freiheit kämpfenden besitzlosen Arbeiters hinein⸗ denken kann. Wir machen ihnen daraus keinen Vorwurf. Wir wissen, daß jeder Mensch bis
zu einem gewissen Grade ein Produkt der ihn umgebender Verhältnisse ist. Diejenigen Priester aber, die es ernst nehmen mit der Lehre Christi, sehen wir auch als Kämpfer für den Sozialis⸗ mus in unsere Reihe treten.
Die Pfingstreden der meisten Priester sind deshalb nur schöne Worte, nichts als Worte. Wir Sozialdemokraten aber begreifen die Pfingst⸗ stimmung der ersten Christen. Wir verstehen die Kampfesfreude, und dite begeisterte Sieges⸗ hoffnung so recht von innen heraus. Auch wir vertreten eine neue Idee, streben einem Ziele zu, dessen Erreichung Herrschsucht und Unver⸗ stand mit allen Mitteln der Gewalt und des Hasses zu vereiteln bestrebt ist. Wir kennen die Schwierigkeiten des Kampfes um Freiheit und Gerechtigkeit aus eigener Erfahrung.
Mögen Einzelne der gegnerischen Uebermacht auch weichen, den Verlockungen oder Drohungen der Gegner unterliegen, wie es auch bet den ersten Christen der Fall gewesen sein mag, das Ganze schreitet immer vorwärts, getragen von der inneren Macht, die auch Kleinmütige wieder aufzurichten im Stande ist, von der Kraft der Ueberzeugung, der Macht des heiligen Geistes!
Auch unsere Bewegung ist entstanden und wird getragen von der Macht dieses heiligen Geistes, der das Menschengeschlecht vor Still⸗ stand und Untergang bewahrt. Feiern wir darum Pfingsten dieser Kraft zu Ehren! Und nicht nur in den Festesstunden im Kreise der Kampfgenossen sollen wir uns in diesem Sinne bethätigen; nein, tagtäglich im Daseinskampfe! Wenn verblendeter 10 und freche Willkür eines Bedrückers dem Einzelnen bittere Stunden der Sorge bereitet, dann den Blick empor und vorwärts, wenn auch durch Leiden dem großen Ziele zu, der wirtschaftlichen und menschlichen Befreiung.
Ohne Kampf, ohne Opfer kein Erfolg. Was immer bisher erreicht wurde für die Besitzlosen, die wirtschaftlich Schwachen und Unterdrückten, — leider wenig— es ist das Resultat unab⸗ lässiger Arbeit mehrerer Generationen Wer einem großen Ziele zustrebt, weiß, das es nicht im Handumdrehen erreicht werden kann, fragt auch nicht danach, ob die gebrachten Opfer ihm selbst, oder erst späteren Geschlechtern zu Gute kommen. Nur vorwärts ist die Losung! In diesem Sinne feiern wir Pfingsten!
Gießen, den 23. Mai.
Die letzte Reichstags session.
Bis zum 26. November ist der Reichstag vertagt worden und damit die Session geschlossen, die mitten in den Stürmen des chinesischen Abenteuers begann. Mit der Diskussion über diesen Geniestreich der Bülow'schen Re⸗ gierung, über das verfassungswidrige Vorgehen derselben und die erbetene Indemnität, über den großen Pump und den Anfang des finan⸗ ziellen Reichselends begannen die Sitzungen. Daran reihte sich dann in würdiger Weise die Interpellation betreffend die 12000 Mark⸗ Affäre, in der die Regierung eine schwere moralische Niederlage erlitt, wenn auch der
schuldige Graf Posadowsky an seinem Amte kleben blieb. Von weiteren Interpellationen seien gleich die wichtigeren genannt: die vom Zentrum ausgehenden Aufragen betreffend die Kohlenteuerung und betreffend die Duelle im Heere, die Postinterpellation der Polen über die Nichtbeförderung von Briefen und Sendungen wegen polnischer Adressen und schließlich die Interpellation unserer Fraktion über das Griesheimer Bran dunglück.
Bei den Etatslesyngen, die stets einen erheblichen Teil der Tagung in Anspruch nehmen, sind die brennendsten politischen Fragen zur Besprechung gelangt. Beim Auswärtigen Amt die Engländerei, die Besuchsabweisung des Präsidenten Krüger; in der zwölftägigen Etats⸗ beratung des Reichsamts des Innern alle soztalpolitischen Fragen; beim Justizetat der Stillstand der Gesetzgebung, die gegen die Sozialdemokratie gerichtete Rechtsprechung, das Fehlen eines einheitlichen Arbeitsrechts, eines Reichsberggesetzes, die Rechtlosigkeit des Ge⸗ sindes usw.; beim Postetat die Lage der Unter⸗ beamten, die Maßnahmen gegen die Polen; beim Militäretat das Duellunwesen und Fälle von Soldatenmißhandlung. Die geringste Zeit nahmen in dieser Session die Marine⸗ und Kolonialetats in Anspruch.
Eine Reihe von Initiativanträgen der Parteien erstrebten die Ausdehnung der Gesetz⸗ gebung: der Toleranzantrag des Zentrums die Regelung der Reli gionsverhältnisse, die Abänderung des Gesetzes über den Reichs⸗ in balidenfonds ein Antrag des konservativen Nißler, ein solcher unserer Fraktion die Ab⸗ änderung des Gewerbegerichtsgesetzes. Von größerer Bedeutung waren ferner noch Lie Anträge betreffend die Wohnungsfrage, die Aufhebung der Theaterzensur und die Zahlung von Diäten.
Von den von der Regierung eingebrachten wichtigeren Gesetzentwürfen wurden erledigt: die Gesetze über das Urheberrecht und das Verlagsrecht, das Gesetz betreffend die Un⸗ fallfürsorge für Beamte und Personen des Soldatenstandes, das Gesetz betreffend die VBersorgung der Kriegs in validen und Hinterbliebenen, das Gesetz betreffend die privaten Versicherungsunter⸗ nehmungen.
Das sozialpolitische Ergebnis des bisherigen Teils der Sesston war ein äußerst dürftiges. Dafür hat aber die Reichstags⸗ mehrheit einen nie erlahmenden Bewilligungs⸗ eifer gezeigt, wenn es sich um die Förderung „patriotischer“ Zwecke, zum Beispiel der Hoh⸗ königsburgrenovation, handelte, und ihre Haltung war gegenüber den Bestrebungen der Arbeiter klasse so reaktionär wie nur irgend möglich.
Die Niederlage der Schuapsjunker.
Wir haben schon in der letzten Numuter die unerwartete und beschämende Niederlage, welche der letzte Verhandlungstag des Reichs⸗ tags den Ostelbiern brachte, mitgeteilt. Doch haben wir den Verlauf der Verhandlung noch nachzutragen. Seit Jahren heimsen die Agrarier durch die raffiniert ausgetüftelte Branntwieru⸗ steuer eine Liebesgabe von jährlich über 48 Rillionen Mark eis. Die von ber Regierung eingebrachte neue Brauntweinsteuervorlage, die


