Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 34.
Seite 6.
17 65 7 Anterhaltungs-Ceil.
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Siedesfreiheit.
Frei, wie des Adlers mächtiges Gefieder, Erhebe sich zur Sonne der Gesang
Und ungehindert, wie des Sturmes Drang, Ergieße sich der Strom der Lieder!
Denn in der Freiheit nur gedeiht das Schöne, Nur fessellos ergreift es das Gemüt.
Wie uns das Reich des Lenzes frei umblüht, Umwog' uns auch das Reich der Töne!
Dann ruht der Himmel auf der Cieder Schwingen, Das Höchste, was die freie Seele kennt, Die freudig sich vom Druck des Staubes trennt, Sum Aetherzelt empor zu dringen.
Schnabel.
Kriegerische Abenteuer eines Lriedfextigen. Erzählung von Heinrich Zschokke.
1(Fortsetzung)
„Wissen Sie noch,“ rief ich,„als wir uns im Garten von Sanssouci zum erstenmal gestanden, wie lieb wir uns waren? Es sind nun neun Jahre. O Friederike! und den Schwur der Tugend und Liebe, den wir damals unter dem steruenvollen Himmel vor dem Allgegenwärtigen schworen, haben wir, wenn gleich hoffnungslos, doch treu gehalten, bis heute.“ „Willst du mir nun folgen, Friederike?“— setzte ich leise hinzu und schüchtern; zum erstenmal nannte ich sie du—„dich erwartet eine länd⸗ liche Wohnung, ein freundlicher Garten, ein— willst du mein Glück mit mir teilen?— sieh her, da ist die Vokation, ich bin Pfarrer geworden.“
Sie las die Briefe. Freude umstrahlte ihr schönes Antlitz immer heller, je weiter sie las. So reizend war sie mir nie erschienen. Dann ließ sie die Hände sinken mit den Briefen, und sah stumm und errötend zu mir empor, und
über ihre Wangen perlten einige Thränen nieder.„Ich gehe mit dir, wohin du willst,
Ferdinand!“ stammelte sie, und sank schluch⸗ zend an meine Brust. O das erste„du“ von ihren Lippen und meinen Taufnamen, den ich für mich seit dem Tode meiner geliebten Mutter von keinem Menschen mehr gehört hatte!
Wir waren seliger, als die Engel im höchsten aller Freudenhimmel. Nach einer Weile riß sich die Liebliche von mir los, streckte die gefalteten Hände weinend empor, sank dann auf die Knie, und lag mit dem Gesicht auf dem Stuhl in der Stellung einer Betenden.
Endlich richtete sie sich wieder auf, und indem sie mich mit unbeschreiblich schönem Lächeln ansah, war ihre erste Frage:„Ist denn das alles wahr? Es ist mir wie Traum. Zeigen Sie mir doch die Briefe. Ich weiß kein Wort mehr von allem, was darin steht.“
Verlobung und Abschied.
„Es versteht sich von sel t,“ sagte ich,„den Boden meiner Pfarrei betrete ich nicht, ohne vermählt zu sein. Wie könnte ich auch in den ersten Tagen meines Berufs die weltliche Sorge
um Anordnung unserer kleinen Wirtschaft übernehmen? Wo ist meine Studierstube? wo unser Wohnzimmer? Du, Friederike, mußt mir doch des alles zeigen. Du mußt mir das
freude Haus zur freundlichen Heimat machen. Nur vergiß mir nicht, ein Arbeitsstü ein Fenste in deinen Blumengarter
hjahr zuweilen sehen
1 0 damit ich i l ann, wenn ich studiere, und du draußen pflanzest.“
Sie errötete, lächelte verschämt und wollte davon nichts hören. Aber doch sprach sie von neuen Fensterumhängen, und wie der Garten eingerichtet werden müsse, und ob es nicht besser und wohlfeiler sei, alles, was man gebrauche, in Frankfurt einzukaufen? Dann auch von
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der alten Mama, die wir zu uns nehmen wollten, und von Küche und Keller.
Unter solchen Umständen blieb nun wohl nichts anderes übrig, als ernst ans Werk zu schreiten, die gnädige Herrschaft um Friederikens Entlassung anzugehen, mein Kandidatenstübchen und meine Lektionen aufzukündigen, uns als Brautleute von der Kanzel proklamieren zu lassen usw.
Alles ging in löblicher Ordnung von Statten. Glückwünsche und kleine Geschenke träufelten mir von allen Seiten zu. Ich war bald reicher, als ich seit vielen Jahren gewesen. Einer meiner Berliner Freunde, dessen Kinder ich unterrichtet hatte, bot mir zu der bevorstehenden Reise nach Magdeburg seinen leichten Reise⸗ wagen an, den ich nicht ausschlug. 125
Ich versah mich mit den nötigen Pässen. Es war stürmische Zeit; Krieg und Kriegsge⸗ schrei rings umher. Unser König stand mit seinem Heer schon in Thüringen dem bisher unbezwungenen Napoleon gegenüber. Doch blieben wir ziemlich unbesorgt. Es war gar nicht daran zu zweifeln, daß die Franzosen gleich in den ersten vierzehn Tagen über den Rhein zurückgejagt sein würden. Aus Spekulation hatte ich wirklich in meinem Dach⸗ stübchen schon fünfundzwanzig preußische Krieg⸗ und Siegeslieder gemacht, worin ich alle künftig zu liefernden Schlachten so genau beschrieben, daß nur der Name des Schlachtfeldes hinzuzusetzen übrig blieb. Ich hoffte damit von Buchhändlern in Berlin einen schönen Thaler Geld zu gewinnen. Aus Vorsicht steckte ich das Manuskript der Siegeslieder gleich zu mir, um nötigenfalls schon in Magdeburg die ersten drucken zu lassen. i
Am 14. Oktober, am Tage des Untergangs der alten preußischen Herrlichkeit bei Jena und Auerstädt, nahm ich von Friederiken Abschied. Seit neun Jahren die erste Trennung! Gleich nach meiner Rückkehr von Magdeburg sollte unsere Hochzeit in Berlin und die Abreise zum Pfarrhause sein. So reizend auch die Fernsicht schimmerte, konnten wir uns doch beim Abschiede damit nicht trösten. Uns war, als würden wir auf ewig voneinander gerissen. Ich leugnete zwar als Doktor der Philosophie herzhaft alles Ahnungsvermögen des Menscheu hinweg; aber als Bräutigam glaubte ich mit frommer Ein⸗ falt daran.—„Ferdinand! Ferdinand! Gott sei mit dir! sei glücklich! aber wir sehen uns nie wieder!“ rief Friederike schluchzend.
Reise nach Magdeburg.
Am 15. Oktober fuhr ich vergnügt, wie ein Gott, zum Brandenburger Thor hinaus; meine Vokation und die Siegeslieder in der Tasche. In Potsdam mußte ich einiger Geschäfte willen übernachten. Sanssouck.— Im Garten und auf der klassischen Stelle, wo einst die siebenzehnjährige Friederike mir ewige Liebe schwor, erneuerte ich nach neun Jahren mein treues Gelübde. Dann schrieb ich der Teuren bis tief in die Nacht eine Iliade von meinen Hoffnungen und Träumen; schilderte die Seligkeit unseres künf⸗ tigen häuslichen Lebens in der Pfarrwohnung, fern vom Getümmel der großen Welt.
„Du und ich, Friederike, was bedürfen wir mehr, um den ganzen Himmel auf die Erde
niederzuziehen? Unsere Hütte, unser Gärtchen wird für uns der schönste Teil von Gottes Schöpfungen heißen. Unbeneidet von andern, werden wir selbst Engel nicht beneiden.“ Unter den Melodien des letzten Wunsches
waren nur buntere, gl des Wachens. Früh ging auf den Weg. Ich war me und das Roß gar fromm wegs pflog ich vorübergehen die ich in Magdeburg mi wollte, um mich ihm von der glänze zu zeigen, oder mi im Pfarrhause
5 ade en 2. mit Friederiken, wenn ich sie
herumführen würde, und sagen
könnte: sieh, Engel, dies ist dein Königreich. Zur Abwechselung hielt ich im Geist auch wohl meine Antrittspredigt in der Kirche, vor allem versammelten Volk, das in mir seiten Seelen⸗
Abends ging ich hinaus nach
der Welt giebt, die das Leben nicht verkürzt von Salis entschlummerte ich— meine Träume
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hirten ehrte, und vor der anwesenden hohen Herrschaft. Ich sprach sehr rührend; kein Auge in der Gemeinde blieb trocken. Man betete mich fast an. Meine Friederike fiel mir um den Hals und gab mir den süßesten allen Lohnes, einen Kuß.
Zu Brandenburg war im Wirtshaus alles sehr lebendig. Man sprach von großen Schlachten, die zwischen Napoleon und dem geliebten König vorgefallen sein sollten; Prinz Louis Ferdinands Heldentod bei Saalfeld sei furchtbar gerächt worden; in den Thüringer Wäldern hemmen die Leichname der erschlagenen Weltüberwinder den Lauf der Ströme.—„Und wie ist's dem Kaiser Napoleon ergangen?“ fragte ich da⸗ zwischen.— Man vermißt ihn—„Und der Marschall Lannes?“— Tot.—„Und Davoust?“ — Tot!—„Und Ney?“— Tot! alles tot!—
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Da konnte ich mich nicht länger halten—
ich griff nach meiner Tasche, um die Sieges⸗ hymnen herauszuziehen. Ein alter Mann hinter mir setzte seine Pfeife ab, und bückte sich, wie von ungefähr, und murmelte mir mit der tiefsten Baßstimme ins Ohr:„Wollte Gott, es wäre an dem! aber ich weiß, alles ist falsch. Es ist gewiß großes Unglück begegnet.“
Die Hand ward mir bei diesen Worten in der Tasche lahm. Ich ließ die tyrtäischen Gesänge einstweilen an Ort und Stelle.„Großes Unglück? Und ich in Magdeburg? Konnte sich Napoleon mit seiner Armee nicht zwischen mich und Friederiken drängen?“ Es ergriff mich, wie Fieberfrost.
Aber außer dem alten, unheilweissagenden Manne jubelte das Volk im Wirtszimmer so laut, so überzeugend; jeder beschrieb die Schlachten und Siege des Königs so umständlich mit allen Nebenereignissen, daß man dergleichen schlechter⸗ dings nur mit eigenen Augen gesehen oder nur von Augenzeugen erfahren haben konnte. Ich pflichtete, wie billig, der Stimmenmehrheit bei und ging ruhig schlafen.
(Fortsetzung folgt.)
Die Schädlichkeit der Arbeit.
Ueber dieses Thema veröffentlichte in einer der letzten Nummern der Wiener Zeit der Leipziger Schriftsteller Rudolf Kleinpaul einen interessanten, trotz des spröden Stoffes im an⸗ genehmsten Plauderton gehaltenen Artikel. Es wird unsere Leser interessieren, die geistvollen Ausführungen kennen zu lernen. Kleinpaul schreibt:
„Is nix ungesunner als dat Kranksin“, sagt der alte Mecklenburger. Aber ich weiß, was noch ungesunder ist und das Kranksein erst erzeugt: das ist das Arbeiten!
Was hat man nicht alles zum Lobe des fleißigen Arbeiters gesagt? Wie viele Sprüch⸗ wörter giebt es, die den Segen der Arbeit rühmen!— Arbeit macht das Leben süß, lindert jede Last, der nur hat Bekümmernis, der die Arbeit haßt. Arbeit ist des Bürgers Zierde, Arbeit pflanzt Rosen auf die Wangen. Arbeit ist des Blutes Balsam und der beste Schlaftrunk. Dergleichen paßt gar nicht mehr in unsere Verhältnisse. Die Zeit ist lange vorüber, wo die Arbeit eine Lust und eine Wohlthat war, vorüber wie der goldene Boden des Hand⸗ werks. Wenn man einmal das furchtbare Heer der Berufs⸗ und Gewerbekrankheiten, der Staub⸗ einatmungskrankheiten, der Gaseinatmungs⸗ krankheiten, der Elsenbahnkrankheiten erblickt
so findet man, daß es fast keine Arbeit auf
und nicht über kurz oder lang zu Krankheit und Siechtum führte.
Die Arbeit hat einen Krüppel aus der hheit gemacht, einen Krüppel mit einem bein und einer Schusterbrust, mit einer zauerlunge und einem Waschfrauenherzen, em Exerzierknochen und einem Eisenbahn⸗ rückgrat— das ist die Zierde des Bürgers und die Arbeit, die das Leben süß macht!
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Arbeit ist gut, Arbeit ist notwendig um das Leben zu erhalten, das heißt un Brot zu haben und reich zu werden(H. Aber einseitig und mechanisch, wie ste na
chgerade geworden ist, gewährt sie doch nur Brot, indem
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Brod!
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