Ausgabe 
25.8.1901
 
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Seit. 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 34.

rungsgesetzes vom 1. August 1901 an die Krankenversicherungspflicht auf die bei Behörden und Staatsbetrieben beschäftigten, nicht fest angestellten Personen ausgedehnt werde, welche bisher der Krankenversicherungspflicht nicht unterlagen, aber invalidenversicherungs⸗ pflichtig sind. Weiter wird bestimmt, daß alle diese Personen der staatlichen Betriebskranken⸗ habe für das Großherzogtum Hessen anzugehören aben.

Sießener Angelegenheiten.

Arbeiter, Achtung! Zu den Firmen, welche in Nordhausen den Arbeitern der Tabak⸗ branche das Koalationsrecht rauben wollen, gehört auch die Firma Saalfeld und Stein. Inhaber dieser Firma ist die Firma Georg Philipp Gail in Gießen.

Wir richten an alle Arbeiter und Partei⸗ genossen die dringende Bitte, keine Fabri⸗

kate der Firma Georg Philipp Gail in

Gießen zu konsumieren, so lange der Inhaber derselben den Nordhäuser⸗Koalationsrechtbe⸗ kämpfern zur Seite steht.

Also nochmals: Meidet die Gail'schen Rauch⸗ und Kautabake.

Der Streik dauert noch unverändert fort.

Gegen die Lebens mittelverteue⸗ rung! Wir machen unsere Genossen nochmals auf die Montag Abend 1/9 Uhr inLonys Bierkeller stattfindende Volksversammlung aufmerksam. Genosse Dr. David wird über: Die Schädigung des Volkes durch die Zoll⸗ politik sprechen. Sorge Jeder für zahlreichen Besuch. Selbstverständlich haben auch Frauen Zutritt, deren zahlreiche Anwesenheit ist so⸗ gar sehr erwünscht, haben sie doch mit am meisten unter der Lebensmittelteuerung zu leiden! Ferner machen wir noch auf die Petitionslisten aufmerksam und bitten die Genossen für zahl⸗ reiche Unterschriften sorgen zu wollen. Es muß aber bei der Zirkulation in den Werkstellen darauf gesehen werden, daß die Listen einiger⸗ maßen sauber bleiben. Wir wissen wohl, daß das seine Schwierigkeiten hat, aber es kann sich wohl jeder etwas in Acht nehmen. Besser ist es auch, die Unterschrift mit Tinte zu be⸗ wirken, wo es irgend angängig ist.

Genosse Scheidemann⸗Nürnberg wird ebenfalls in der Versammlung anwesend sein.

Im sozialdemokratischen Wahl⸗ verein wurden in der letzten Versammlung die auf der Landeskonferenz zu verhan⸗ delnden Gegenstände erörtert. Als Delegierter wurde Genosse Holtberg gewählt.

Der Konsum⸗Verein Gießen hielt am letzten Sonntag seine Generalversammlung in Lonys Bierkeller ab. Der provisorische Vorstand legte über seine bisherige Thätigkeit Rechenschaft ab, worauf die Wahl des Vor⸗ standes und Aufsichtsrates erfolgte. Die Mit⸗ gliederzahl ist im steten Wachsen begriffen, und man hofft in kurzer Zeit mit dem Warenverkauf beginnen zu können. 2

Krankenhaus-Kalamität. Kaum in einer Stadt von der Größe Gießens dürfte so schlecht für die erwerbsunfähigen Kranken gesorgt sein als hier. Zwar sind Kliniken, die allen Anforderungen entsprechen, mit tüchtigen Aerzten am Orte, die Stadt subventioniert diese Institute auch mit einem erheblichen Betrage aber sie hat nicht das Recht, irgend einen Einfluß auf die Leitung der Kliniken auszuüben. Wollen diese einen Kranken nicht aufnehmen, kann sie Niemand dazu zwingen, und der Kranke bleibt seinem Schicksal überlassen. Das giebt schon bei solchen mit ansteckender Krankheit Behafteten, die über einen eigenen Haushalt verfügen und sich deshalb zu Hause verpflegen können, aus allgemein hygienischen Gründen zu den schwersten Bedenken Anlaß, wieviel mehr noch bei ledigen Leuten, die sich überall herum⸗ drücken müssen. Schon mehrfach hatte die Orts⸗ krankenkasse Mühe, solche Kranke unterzubringen, sie mußten auswärts, in Marburg ꝛc. einquar⸗ tiert werden, sogar kam es vor, daß die Kasse in Wirtshäusern, Herbergen, kürzlich sogar in einer Roßschlächterei um Aufnahme der Kranken bitten mußte! Ob sich die Universitäts⸗ und Provinzialhauptstadt Gießen nicht bald zur Errichtung eines Krankenhauses aufschwingen

wird? Dafür scheint aber kein Geld vorhanden zu sein; für Kriegerdenkmäler und Renovationen alter Ruinen werden aber Hunderttausende verplempert.

Aus Friedberg.

Aus Niedermockstadt schreibt man uns: Die bevorstehenden Gemeindewahlen dürften in unserer Gemeinde zu lebhaften Kämpfen Veran⸗ lassung geben. Es sind vier Mandate zu erneuern, die diemaßgebenden Kreise schon unter sich verteilt haben. Dabei sind Kopf⸗ nicker herausgesucht, die hübsch zu den übrigen Gemeinderäten passen, damit es ja bei den Sitzungen zu keinen Differenzen kommt. Wohl haben wir eine starke Arbeiterzahl am Ort, die in der Lage sein würde, einige Mandate zu gewinnen, aber sie sind zu gleichgültig, von politischer oder gewerkschaftlicher Organisation keine Ahnung. Einige sind wahre Muster von Zufriedenheit und Bedürfnißlosigkeit, äußerten ste doch, ein Lohn von 2.20 Mk. genüge zum Lebensunterhalt! Denen kann man also gewiß keine Genußsucht und Begehrlichkeit vorwerfen!

Uebrigens dürfte die Frage der Errichtung einer Wasserleitung bei den Wahlen eine Rolle spielen. Wir haben hier genügend gute Brunnen, brauchen also eigentlich keine Wasser⸗ leitung, nur einige schreiendeWasserpolitiker haben diese Frage in Fluß gebracht. Es wäre wahrhaftig sehr nötig, daß ein sozialdemokrati⸗ scher Hecht in den gemeinderätlichen Karpfen⸗ teich käme.(Na, die Anlage einer Wasser⸗ leitung ist doch das dümmste nicht, was eine Gemeinde thun kann, jedenfalls besser, als wenn sie Kriegerdenkmäler errichtet. D. R.)

Kreis⸗Konferenz für den Wahlkreis Friedberg⸗Bũüdingen.

Die am 11. August in Vilbel stattgefundene Kreis⸗Konferenz hatte einen starken Besuch aufzu⸗ weisen. Bei der Eröffnung wies der Vertrauensmann Genosse Busold auf diese Thatsache hin und erinnert an die Zeit, wo die Kreiskonferenzen mit 4 bis 5 Teil⸗ nehmern abgehalten wurden. Hierauf gab er den Bericht über die Thätigkeit des Vertrauensmannes sowie des Vorstandes des Kreiswahlvereins. Für den Kreiswahl⸗ verein wurde energisch agitiert; der Vorstand hat viele Versammlungen zu diesem Zwecke abgehalten, an manchen Orten mit gutem Erfolg. Im Ganzen hat der Kreis⸗ wahlverein 500 Mitglieder; es sind dies 12 Prozent der bei der letzten Reichstagswahl abgegebenen sozial⸗ demokratischen Stimmen. Die Verbreitung der Kalender ging glatt von statten. Er wurde von der bäuerlichen Bevölkerung gut aufgenommen, da er billig war resp. nichts kostete. Dieser Kalender bildet oft die einzige Lektüre des Bauern. Schwere Agitationsarbeit stehe uns, bevor. Die drohende Erhöhung der Getreidezölle ruft uns auf die Schanzen, und wir müssen sehen, daß wir mit unserer Agitation in die entferntesten Orte dringen. Dazu ist die Mitarbeit der Genossen an den einzelnen Orten von Wichtigkeit. Sie müssen mehr selbst mit⸗ arbeiten und den Vorstand recht oft zur Agitation ein⸗ laden, damit auch dieser Kreis endlich in die Reihe der Wahlkreise eintritt, welche Abgeordnete unserer Partei in den Reichstag schicken.

Der Kassenbericht ergab eine Einnahme für die Kreiskasse von 729.35 Mk., eine Ausgabe von 506.09 Mk., sodaß ein Kassenbestand von 223.26 Mk. zu verzeichnen ist. Die Kolportage ergab inkl. der Ausstände eine Einnahme von 1048.78 Mk., eine Aus⸗ gabe von 966.59 Mk., sodaß ein Reingewinn von 82.19 Mk. zu verzeichnen ist. Dem Kassierer und Vorstande wurde einstimmig Decharge erteilt und bei der nachfolgenden Wahl der seitherige Vorstand wieder einstimmig gewählt.

UeberAgitation und Presse referierte Gen. Repp⸗Friedberg in längeren Ausführungen. Zunächst konstatiert er, daß die Herausgabe eines Kalenders allgemein befriedigt habe. Ferner beklagt er die Haltung derVolksstimme in verschiedenen Punkten. Ihm antwortet Maier⸗Frankfurt, der die Haltung der Volksstimme rechtfertigt. Ueber die Landes kon⸗ ferenz referierte Busold, der den Wunsch aussprach, daß jeder Parteiort einen Delegierten entsenden solle. Zu dem Parteitag in Lübeck referierte Gen. Kühn. Als Delegierter wurde Busold gewählt.

Wahlkreis Alsfeld Lauterbach.

t. Diesen Sonntag(25. August) findet im Lokale Kaut in Lauterbach eine Partei⸗ versammlung statt, in der zur Landeskonferenz und auch zur Aufstellung einer Reichstags⸗ Kanditatur Stellung genommen werden soll. (Siehe Inserat.)

Aus dem Kreise Wetzlar.

th. Hunnenthaten. Ueber eine in der Nacht vom Montag zum Dienstag in Werdorf vor⸗ gekommene Messerstecherei berichtet der Wetzl. Anz.:Vor der Wirtschaft Gombel wurde der Bahnarbeiter Fr. Lenz von dem Arbeiter einrich Meister durch einen Messerstich in den eib derart verletzt, daß der sofort hinzu⸗ gezogene Arzt die augenblickliche Ueberführung des Verletzten nach der Klinik zu Gießen an⸗ ordnete. Lenz liegt dortselbst hoffnungslos darnieder, während der Messerheld verhaftet und 2 Stunden nach der That schon dem Amtsgerichtsgefängnis in Ehringshausen einge⸗ liefert wurde. Ueber den Anlaß zu der be⸗ stialischen That konnte bislang nichts Näheres ermittelt werden. Daß doch solche Rohheiten vorwiegend in Gegenden passieren, wo Gottes⸗ furcht und fromme Sitte herrscht und die Leute patriotisch bis auf die Knochen sind.

Gemein deratswahlen in Hessen.

In Klein⸗Steinheim wurden unsere Genossen Häuser und Braun mit 184 und 174 Stimmen gewählt, ein dritter sozialdemo⸗ kratischer Kandidat unterlag mit einer Stimme Minderheit.

Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Offenbach

fand am Sonntag in Dreieichenhain statt. Anwesend waren außer dem Kreisvorstand 52 Delegierte aus 26 Orten. Scharfe Kritik erfuhren bei Besprechung der Tagesordnung zum Lübecker Parteitag die Beschlüsse des Schiedsgerichts und der Parteikontrolleure in Sachen der Hamburger Akkordmaurer, auch der Leipziger Buchdruckerkonflikt wurde in einer der dortigen Geschäftsleitung nicht günstigen Weise besprochen. Als Delegierte zum Parteitag wurden die Genossen Orb⸗ Offenbach und Amendt⸗Neu⸗Isenburg gewählt und beauftragt, in Lübeck für den Ausschluß der Hamburger Akkordmaurer einzutreten. Dann wurde noch das Kommunalprogramm be⸗ sprochen. Delegierten zum Parteitage ein gebundenes Mandat mitzugeben, halten wir nicht für richtig und wir müssen unsere Verwunderung darüber aussprechen, daß sich die Delegierten damit einverstanden erklärten.

Zur Gewerbegerichtsbeisitzer⸗Konferenz.

Verschiedene Städte haben den an sie von den Arbeitnehmer⸗Beisitzern gerichteten Ersuchen, Delegationen zur Konferenz in Lübeck auf städtische Kosten zu entsenden, stattge⸗ geben. Offenbach schickt einen Arbeitgeber und Arbeitnehmer; Frankfurt zwei Delegierte. Von Gießen haben wir noch nicht gehört, daß Arbeitnehmerbeisitzer einen diesbezüglichen Antrag an die Stadtverwaltung gestellt hätten. Dazu ist es aber jetzt die höchste Zeit, wenn man in Gießen nicht etwa abseits stehen will.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 22. August 1901.

Partei⸗Versammlung. Ver⸗ gangenen Samstag Abend fand hier im Lokale von D. Jesberg eine gut besuchte Partei⸗ versammlung statt. Nach der Rechnungsab⸗ lage der Kolportagekom mission und Wahl dreier Revisoren, sowie der Annahme eines Antrags, wonach künftig die übrig gebliebenen Exemplare der Zeitschriften aus der Kolportagekasse bezahlt und zur Agitation verwandt werden sollen, erhielt Gen. Abel das Wort zu seinem Referate über kommunale Angelegenheiten. Derselbe entledigte sich seiner Aufgabe in vorzüglicher Weise; er schilderte die Schwierigkeiten, mit denen wir hier zu kämpfen haben und erklärte sich für Aufstellung eines sog. Kommunal⸗ Programms. Vor allem aber müßte für eine bessere Disziplin in unseren Reihen gesorgt werden. Unser Hauptaugenmerk sei auf die Wohnungs⸗ und Schulfrage zu richten. Schließ⸗ lich empfahl er die Wiederaufnahme der Thätig⸗ keit seitens der in einer früheren Versammlung

gewählten Kommission, welche unter Mitwir⸗