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24.3.1901
 
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Gießen, Sonntag, den 24. März 1901.

8. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr

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Stumm Nr. II.

Nach dem Eisenkönig der Glaskönig! Kaum hat der unumschränkte Herrscher von Saarabien, der Allgewaltige von Neunkirchen, für immer die Augen geschlossen, so ist ihm auch schon ein würdiger Nachfolger erstanden, der sich bemüht, in seine Fußtapfen zu treten, den Spuren des Reichs⸗Oberscharfmachers getreulich zu folgen, die bekanntermaßen zur Aufrichtung einer Will⸗ kürherrschaft des Unternehmertums über die Arbeiter führen. Mit Stumm starb das Scharfmachertum nicht aus. Gleich ihm lechzen viele andere profitgierige Industriekönige nach Zuchthausgesetz, nach Knebelung und Rechtlos⸗ machung der Arbeiter. Das beweist ein ver⸗ trauliches Schriftstück, welches der milli⸗ onenreiche Glasfabrikant F. C. Th. Heye in Nienburg an der Weser an seine Kollegen und jedenfalls auch an die Regierungen ver⸗ schickt hat. Es ist einBericht über den Streik der Glasmacher in den Werken des Genannten in Nienburg a. d. W. und Schauen⸗ stein. Dort befinden sich schon seit vielen Wochen die Glasmacher im opfermütigen Kampfe für ihre Organisation und ihr gutes Recht. Das vertrauliche Schreiben wurde gleichzeitig imHamburger Echo und in derFränkischen Tagespost veröffentlicht. Wes' Geistes Kind dieser Herr Heye ist und welche Wünsche er hegt, geht aus folgenden Stellen seinesBe⸗ richtes hervor:

Die Vorgänge bis zum Ausbruch des hiesigen Streikes haben sich in ganz ähnlicher Weise wie im Sommer 1900 vollzogen, als es zum Streik auf meiner Fabrik Schauen⸗ stein kam. Aufgehetzt durch den Gastwirt Henkel in Nienburg als sog. Vertrauensmann und durch den Zigarrenmacher Wilhelm aus Hannover als geschäftsmäßigen Agi⸗ tator fanatisiert, wurde es bei den hiesigen Glasmachern zur fixen Idee, daß sie Herren auf der Fabrik werden müßten... Zum Beispiel der Wunsch des Arbeiterausschusses, nur in solchen Fällen von Entlassungen, welche die Arbeiter besonders interessteren, gehört zu werden und auch dann nicht mal Einspruch erheben zu wollen, sieht so harmlos aus, daß vielleicht ein Unbeteiligter die Not⸗ wendigkeit der Zurückweisung dieser Forde⸗ rung nicht sofort einsehen kann. Dieser sog. Wunsch birgt aber außer einer direkten Unter⸗ grabung der notwendigen Autorität der Vorgesetzten die leicht ersichtliche ständige Gefahr von Differenzen zwischen den Ar⸗ beitern und der Betriebsleitung in sich, wenn die Letztere trotz Anhörung des Ausschusses die Entlassung eines Glasmachers nicht zu⸗ rücknehmen kann. An einer Unterbreitung seiner Ansichten über eine Entlassung bei der Direktion liegt dem Arbeiterausschuß im Grunde genommen gar nichts, er muß Er⸗ folge haben mit seinen Unterbreitungen, sonst steht er in den Augen seiner Auftraggeber doch nur auf Seiten der Fabrik und gilt als Verräter. Darin liegt eben die große Gefahr aller ähnlichen Zugeständnisse, es soll und muß etwas erreicht werden, das die großen Massen befriedigt und zugleich kitzelt. 1

Nachdem so vor den Arbeiterausschüssen

graulich gemacht ist, wird die Regierung fol⸗ gendermaßen in Angst gejagt:

Aber die Regierung muß sich sagen, daß die private Industrie den Kampf gegen die Herrschaft der Sozialdemokratie nicht allein für sich, sondern auch für die Regierung führt. Ist die Industrie unter die Botmäßigkeit der Sozialdemokraten gebracht, dann werden die Betriebe der Re⸗ gierung sich einer Selbständigkeit auch nicht mehr lange zu erfreuen haben; die staat⸗ lichen Uͤènternehmungen, wie der Ei⸗ senbahn⸗ und Postbetrieb, werden von den sozialdemokratischen Führern unbedingt abhängig() werden, wenn erst mal die jetzige Vorkämpferin, die Industrie, gefallen ist.

Natürlich greifen die Arbeiter aus lauter

Frivolität zum Streik, der doch für sie und ihre Angehörigen die schlimmsten Entbehrungen im Gefolge hat! Und zu welchem Zweck der gute Kapitalist Wohnungen für dieundank⸗ baren Arbeiter errichtet, plaudert er naiver Weise aus:

Arbeiter werden durch Streik und Sauferei zu Nichtsthun erzogen und nur, um den sozialdemokratischen Führern das gute Leben durch die Groschen der Arbeiter möglich zu machen. Ich habe hier die besten Ar beiter wohnungen gebaut und eingerichtet, glaubte dadurch Einfluß auf die Bewohner zu ge⸗ winnen, gute luftige Schule ist von mir hier ebenso wie in Schauenstein und Anna⸗ hütte gebaut und eingerichtet, Badehäuser zur unentgeltlichen Benützung wurden von mir geschaffen, Pflegerinnen für Kranke an⸗ gestellt und von mir bezahlt, eine Sterbe kasse mit großem Kapital dotiert, um bei Todesfall der Frau oder des Mannes der Familie mit Geldunterstützung von 50 Mk. zu helfen. Jedem Arbeiter ist eine anständige und gerechte Behandlung zu Teil geworden und das Ende einer 28 jährigen Thätigkeit hier ist der Streik und der Untergang des schönen Werkes, weil die Arbeiter eine un⸗ endlich weitgehende Freiheit fordern. Die Ruin für dieselben sind die an jedem Sonntag stattfindenden Versammlungen, in welchen dieselben, durch Bier und Schnaps erhitzt, mit sozialdemokratischen Reden von gewerbsmäßigen Hetzern in ihrer ganzen Denkungsart vergiftet werden. Für diese Menschen sind und werden alle Wohl- thätigkeits⸗Institute, als Unfall⸗Berufsge⸗ nossenschaft, Invaliden-⸗Versicherung, erdacht und eingeführt und der Dank für die großen Leistungen besteht im frivolstem Streik.

Darum das Zuchthaus gesetz her, da⸗ mit der vielfache Millionär bei dem Ausbeu⸗ tungsgeschäft durch nichts gestört wird, damit die Arbeiter willenlos der kapitalistischen Will⸗ kür preisgegeben sind! Und so stöhnt der kgl. Preußische Geheime Kommerzienrat am Ende seines Klageliedes:

Ein Unglück ist es; daß das Gesetz zum Schutze der Arbeitswilligen von der Regierung nicht durch gedrückt worden ist, dann könnten solche Flausen, wie diese nicht vorgeschützt werden. Wenn nicht mehr gegen das Vorgehen der soztaldemokratischen Hetzer gethan

wird, dann geht die Deutsche Industrie ihrem Untergang entgegen, denn wo Arbeiter die Verwaltung der Werke beherrschen, kann keine Industrie prosperieren.

Welch ein Gemütsmensch, dieser 70 fache Millionär! Wie eindringlich weiß er der Re⸗ gierung die furchtbare Not der Großindustriellen vorzuführen. Und wie beweglich weiß er von den hohen Löhnen, die er angeblich zahlt, den Wohnungen, die er gebaut hat, zu erzählen! Und welche Scheusale sind diese in einem der ungesündesten Berufe aus gemergelten Glasarbeiter! Von den Agitatoren, die sich von den Arbeitergroschen mästen, mit Schnaps und Hetzreden verführt, wollen sie ja was wollen sie denn? wollen sie sich das ihnen gesetzlich garantierte Koalitionsrecht nicht rauben lassen!

Seit 10 Jahren kämpfen die armen Glas⸗ arbeiter um ihre Organisation. Seit 10 Jahren wehren sie sich gegen die brutalsten Maßrege⸗ lungen, gegen das erbärmlich feige System der schwarzen Listen, durch das Herr Heye und seine Kollegen erreichen wollen, daß kein Glasarbeiter in Deutschland je wieder Arbeit bekommt, also mitsamt Frau und Kindern dem Hungertode über⸗ liefert wird, der es wagt, die Anordnungen des Nienburger Scharfmachers nicht für den Inbegriff aller Gerechtigkeit und Weisheit an⸗ zusehen.

Notgedrungen mußten die Glasarbeiter zum Streik greifen, wenn ihre Organisation nicht dem Untergang geweiht sein sollte. Wie bescheiden waren ihre Forderungen:

1) Wiedereinstellung der gemaßregelten Kollegen. 2) Beilegung des Streiks in Schauen⸗ stein unter Gewährung der Nienburger Ver⸗ hältunisse. 3) Anerkennung der Organisation. 4) 60 Mk. Miethsentschädigung jährlich an die Glaspfleger.

Und wie brutal war die Antwort! Dem Arbeiterausschuß, der sich auf das Ernstlichste num eine friedliche Lösung bemühte, wurden folgende Forderungen unterbreitet:

Ein jeder Glasarbeiter hat zu unterschreiben,

1) innerhalb eines Jahres an keinem Streik theilzunehmen; 2) sich dafür zu verpflichten, daß auf der Glasfabrik Himly, Holscher u. Co., Nienburg, nicht gestreikt wird; 3) keine Unter⸗ stützung an Streikende zu zahlen. Falls die Arbeiter diese Bedingungen nicht annehmen, würden bei Himly, Holscher u. Co., Nien⸗ burg, und der Glasfabrik in Gerresheim Maßregel ungenstattfinden, dieande⸗ ren Glasfabriken würden Lohnre⸗ reduktionen von 10 bis 13 Prozent vornehmen.

Und weil die Arbeiter diese ungeheuerlichen Zumuthungen ablehnten, schreit der Sechs⸗ Dutzend⸗Millionär an der Weser und Elbe nach dem Zuchthausgesetz!! a

Sache der deutschen Arbeiterschaft ist es jetzt, den Glasarbeiter treu zur Seite zu stehen. Aus den Wohnungen, die der Herr Kom- merzienrat für seine Arbeiter gebaut hat, weil erglaubte, dadurch Einfluß auf die Bewohner zu gewinnen, das heißt: sie an die Scholle zu fesseln, werden jetzt die Arbeiter vertrieben, mit Frau und Kind auf die Straße gesetzt! Und in der