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Mtittensalische Sountags⸗Zeitung.
Nr. 3. i
Art sind ja im Allgemeinen selten; die in der Wahlagitation an den Kandidaten rück⸗ sichtslos geübte Kritik, bei welcher ihre Person und Eigenschaften in allseitige Beleuchtung ge⸗ rückt werden, verhinderte in der Regel die Wahl absolut unfähiger Leute. Wir sprechen hier nicht von unserer Partei; denn soweit diese in Betracht kommt, hat Jeder der von uns aufgestellten Kandidaten schon vorher ge— wissermaßen die Feuertaufe empfangen. Bei der freien, offenen Aussprache, der uneinge⸗ schränkten Kritik, die innerhalb der Parteikreise stattfindet, zeigt sich schon zur Genüge, wer als Volksvertreter zu fungieren fähig ist. Das ge⸗ schieht bei uns, einer großen, festgeschlossenen, gut organisierten Partei. Anders bei den Geg⸗ nern. Da wird oft genug, besonders in länd⸗ lichen Wahlkreisen, von ein paar Leuten der Kandidat aufgestellt, dabei weniger nach den allgemeinen Fähigkeiten und Kenntnissen, als vielmehr danach gefragt, ob der Betreffende bereit ist, die selbstsüchtigen Interessen eines „Standes“ zu vertreten. Da kaun es denn sehr leicht passieren, daß ein Mann zum Ab⸗ geordneten gewählt wird, der seiner Aufgabe durchaus nicht gewachsen ist und der, wenn er dies eingesehen, den parlamentarischen Arbeiten überhaupt fernbleibt. Damit ist aber der Wäh⸗ lerschaft nicht gedient; es ist daher begretflich, wenn der Abgeordnete für Gießen, Bürger⸗ meister Köhler von Langsdorf in der Ver⸗ sammlung am vergangenen Sonntag über die Gründe seines Fernbleibens vom Reichstag von einem verstimmten Wähler befragt wurde. Was antwortet aber der biedere Teutone? Es gäbe keine Diäten, und seine Mittel erlaubten ihm nicht, nach Berlin zu reien!
Diese Antwort dürfte nicht blos die anti⸗ semitischen Wähler und„seine Bauern“, sondern auch die Nattonalliberalen und Freisinnigen, die für ihn in der Stichwahl stimmten, gerade— zu verblüffen. Mit Recht werden sie fragen, wozu dann die Kosten der Wahl, wozu die Wahl selbst? Es wird ihnen auch nicht ein— leuchten, wenn sich Köhler auf den ganz selbst⸗ verständlichen Einwurf des unbequemen Fragers, daß er in diesem Falle die Wahl nicht an⸗ nehmen durfte, damit herauszureden suchte, er könnte in Berlin ja doch nichts aus⸗ richten. Nun, vielleicht treffen die Wähler des Herrn Köhler Anstalten, um die Mittel zur Reise ihres Abgeordneten nach Berlin auf⸗ zubringen. Wir stellen uns eventuell mit wobhl⸗ gemeinten Ratschlägen zur Verfügung. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man den Dresch— grafen Pückler gegen hohes Entree sehen ließe? Am Ende lassen auch einige jüdische Bankiers mit sich reden und suchen durch einen anständigen Beitrag die Vertretung des Kreises im Reichstag zu ermöglichen. Köhler brauchte sich in diesem Falle nicht zu genieren; denn wes en Böckel, Werner ꝛc. recht ist, muß ihm binsig sein. Möglicherweise erhält dann die Wählerschast von ihrem Mustervertreter auf etwaige Anfragen eine andere Antwort als am Sonntag, wo es hieß:„Euch vertrete ich über⸗ haupt nicht!“„Meine Bauern wählen mich doch!“
Politische Rundschau.
Gießen, den 21. Februar. Verbesserung der Mordwerkzeuge.
„Der Vorwärts teilt in bestimmtester Form mit, daß bei Krupp im Stillen bereits wie⸗ der an einer Aenderung der jetzigen Geschütze gearbeitet wird. Diese Umänderung sei vom finanziellen Standpunkt aus aber fast gleichbedeutend mit vollständiger Neuan⸗ schaffung.„Von den„alten⸗neuen“ Geschützen ist nämlich nur das Rohr zu gebrauchen. Von diesem wird der Zapfen abgearbeitet und das Rohr in die Wiege eingepaßt. Laffette, Rücklaufhemmung, Sporn u. s. w. sind voll⸗ ständig neu. Nach diesem System ist jetzt bei Krupp bereits ein preußisches Geschütz um— gearbeitet.“
Nach den Erklärungen des Kriegsministers auf die Anfrage im Reichstag kann darauf ge⸗ rechnet werden, daß auch diesmal nach der be⸗ kannten Praxis verfahren wird. Wenn die Neuarmirung zum guten Teil vollzogen ist, wird der Reichstag unter irgend welcher Be⸗ gründung vor das Muß⸗Bewilligen gestellt— und die Geschichte ist erledigt, das heißt so lange bis der Kruppsche Ueberpatriotismus im Inte⸗ resse des Vaterlandes wieder eine neue Erfin⸗ dung machen läßt.——
Bemerkt mag noch werden, daß bei den Proben mit dem neuen Geschütz die Rücklauf⸗ hemmung so vorzüglich funktioniert, daß ein beim Abschießen auf das Rad gelegtes Geld⸗ stück seinen Ruhepunkt behält.— Dafür werden die Geldstücke der Steuerzahler um so mehr in Bewegung gesetzt!
Kleinbauern gegen den Brotwucher.
Wir haben schon im Leitartikel der vor⸗ letzten Nr. darauf hingewiesen, daß sich, ent⸗ gegen den Behauptungen der Großagrarier und ihrer antisemitischen Nachläufer die Kleinbauern durchaus nicht für den Wucherzoll begeistern. Erfreulicherweise kommt man auch in den Reihen der Kleinbauern mehr und mehr zur Erkenntnis. So haben in verschiedenen Ort⸗ schaften der Kreise Colmar und Czarnikau (Bezirk Bromberg) Kleinbauern versamm⸗ lungen stattgefunden, in denen mit einer ein⸗ zigen Ausnahme einmütig folgende Resolution zur Annahme gelangte:
„Deutschland braucht Handelsverträge, um das, was es über den inländischen Be⸗ darf hinaus erzeugt, im Ausland absetzen zu können. Die Landleute sind daran interessiert, daß die jetzt über vier Milliarden betragen⸗ de Ausfuhr nicht zurückgeht oder aufhört, denn dann könnten sie ihre eigenen Erzeug⸗ nisse nicht mehr so wie jetzt verkaufen und verwerten. Eine Erhöhung der Kornzölle, die das Zustandekommen der Verträge hin⸗ dert, kann deshalb auch die Land wirtschaft nicht wollen. Mit solchen Kornzöllen sind auch hohe Futtermittelzölle verbunden, die der Viehzucht schaden, und hohe Industrie⸗ zölle, die die landwirtschaftlichen Beda nfs. artikel verteuern. Die Versammlung ersucht darum die Regierung und den Reichstag, die Politik der Handelsverträge, die sich be— währt hat, fortzusetzen.“
Mögen die Bauern auch anderwärts diesem Beispiel folgen und sich nicht durch die Agi⸗ tatoren aus der Rednerschule des„Bauern“ Dr. Diederich Hahn bethören lassen, zum eigenen Nachteil dem Junkertum die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Prügel statt Brot.
Im Meininger Landtag wurde vorige Woche über eine Interpellation der so⸗ zialdemokratischen Abgeordneten betr. die Stellung der Regierung zum Brot⸗ zoll verhandelt. Sehr originell war es, als der Staatsminister Heym erklärte, daß ihm offiziell von einer beabsichtigten Getreide- zollerhöhung nichts bekannt sei. Der Agrarier Frank aber empfahl die Prügel⸗ strafe, wenn sich infolge des erhöhten Brot⸗ preises die Diebstähle mehren sollten!
Wir gönnen es sonst niemanden, daß er hungern und darben müsse,— aber, dem Herrn wünschen wir, daß er möglichst bald da⸗ zu kommen möge! Freilich, dieser Sorte von „Notleidenden“ wird das nie passieren. Das bleibt denen vorbehalten, auf deren Kosten die Landwirtschaft gerettet werden soll.
Richtige Antwort.
Unsere Geuossen im hessischen Landtage haben den Antrag gestellt, die Regierung zu ersuchen, im Bundesrat dahin zu wirken, daß keinerlei Zollerhöhungen auf Lebensmittel ein⸗ geführt würden, insbesondere nicht bei den be⸗ vorstehenden Erneuerungen und Neuabschließun⸗ gen von Handelsverträgen.— Das ist die richtige Antwort auf den Antrag des Antise⸗ miten Köhler, der die hessische Regierung für einen Minimalzoll von 7 Mk. scharf machen will.
Von der Mittelstands rettung.
Das Gesetz gegen die Warenhäuser ist erlassen, um den Mittelstand im Handelsge⸗ werbe zu schützen. Die Sozialdemokratie hat von Anfang an behauptet, daß es einen solchen Schutz nicht gebe und daß er durch kein Gesetz herbeigezaubert werden könne. Sie ist darob von den meisten Ordnungsparteien, insonderheit den Zünftlern und Reaktionären aller Bekennt⸗ nisse und Rassen arg angefeindet worden. Die Erfahrungen, die man mit dem netten Gesetz macht, geben unserer Partei früher recht, als wir selbst das angenommen haben. Die Re⸗ gierung weiß uämlich schon jetzt nicht mehr, was sie mit dem Gesetz anfangen und wie sie es auslegen soll. Das Gesetz teilt nämlich die Waren in vier Gruppen. Verkauft ein Kaus⸗ mann Waren aus mehr als einer Gruppe, so unterliegt sein Betrieb bei hinreichendem Um⸗ satz der Warenhaussteuer. Bei dieser Einteilung der Waren hat das preußische Handelsministe⸗ rium nach der Kölnischen Zeitung u. a. fol⸗ gende widerspruchsvollen Entscheidungen ge⸗ troffen. Kämme in Metall und Horn gehören zur Gruppe D(Entscheidung vom 7. Novbr.), Kämme gehören zu keiner Gruppe(Eutscheidung vom 16. Nobbr.), Horn⸗ und Frisierkämme, Kinderkämme gehören zu keiner Gruppe(10. Dezbr.), ebenso Haarkämme(11. Dezbr.), ferner Frisier⸗ und Staubkämme(17. Dezbr.). Kämme aller Art gehören zu irgend einer Gruppe, aber nicht zur Gruppe B(28. Januar), Zahn⸗ und Nagelbürsten gehören zu keiner Gruppe (17. Dezbr. und 22. Januar), Bürsten aller Art gehören zur Gruppe A, Coder D(28. Jan.) und so weiter! Die maßgebende Instanz weiß also selbst nicht, welchen Gruppen es all die einzelnen verkaufbaren Säckelchen zuweisen soll. Mißverständnisse, Widersprüche, Chikanen aller Art entstehen aus dem Gesetze für denselben Mittelstand, zu dessen Schutz es erlassen war. — So schreibt ein erbitterter Kaufmann der Vossischen Zeitung:„So wie es mir geht. wird es vielen anderen gehen; ich habe von kleinen Anfängen mein Geschäft zu einer Höhe gebracht, die den normierten Umsatz von 400 000 Mark übersteigt, und führe in der Hauptsache die Waren der Gruppe D; einige andere Artikel, wie z. B. Regenschirme usw., muß ich nun fallen lassen, trotzdem ich darin einen sehr guten Umsatz erzielt habe, dagegen darf jeder meiner Konkurrenten, der den Umsatz von 400000 Mk. noch nicht erreicht hat, diese Artikel ruhig weiter verkaufen.“— Diese„Mittelstandsexistenz“ wird über den„Schutz“ des Gesetzes zweifellos sehr erbaut sein. Und wie dieser ergeht es allen anderen. Die Sozialdemokratie hat wieder
einmal recht behalten, in dieser Frage, wie bie
der„famosen Handwerksrettung“.
Dreschgraf Pückler
hatte sich am Dienstag vor der neunten Ber⸗ liner Strafkammer wieder wegen Aufrei⸗ zung zu Gewaltthätigkeiten zu verant⸗ worten. Der Anklage war eine seiner berühm⸗ ten Rede zu Grunde gelegt, in der er aufge⸗ fordert hatte, die Juden mit Stocken und Knüppeln rücksichtslos zu„verkeilen.“ Zwei Polizeileutenants bekundeten als Zeugen, diese Ausführungen hätten nur Heiterkeit erregt. Es erfolgte wiederum Freispruch. Die Ausführungen des Grafen seien nicht ernst zu nehmen.— Somit bleibt den Anti⸗ semiten ihre letzte Geldquelle erhalten. Für sie und ihren verehrten Grafen besteht für das ganze Jahr Narrenfreiheit.
Wahlsieg unserer Partei in Hamburg.
Bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg errangen unsere Genossen recht erfreuliche Erfolge. Es ist sogar, was man von keiner Seite erwartete, ein Sozialdemokrat in der Person des Genossen Stolten ge⸗— wählt worden. Dieser Sieg ist um so be⸗ merkenswerter, als das Hamburgische Wahl- gesetz, das übrigens erst 1897 einer„Reform“ unterzogen wurde, darauf zugeschnitten ist, die Arbeiter aus der Bürgerschaft fernzuhalten. Wähler ist erst, wer fünf Jahre lang 1200 Mk. versteuert! Auch auf Seiten unserer Genossen rech⸗
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