Ausgabe 
23.6.1901
 
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung.

Nr. 25.

Unterhaltungs-Ceil.

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A Eine Lahrt durch Estelbien. Von Hans Ostwald. Nachdruck verboten. II. Bei den Sachsengängern.

Ein eindringliches Beispiel, wie die Herren Landwirte für ihre Arbeiter sorgen, welches Glück den Arbeiter unter agrarischer Obhut erwartet, drängte sich mir in Thorn auf:

Die Sachsengänger, die in größeren und kleineren Trupps die Stadt durchstreifen, an den Ecken beisammenstehen und eine Semmel oder ein Stück Brot zerpflückend, auf der Bord⸗ schwelle der Bürgersteige sitzen. Wenn gerade schöne Tage sind, wenn die Sonne vom hellen Maihimmel Frühlingswärme herabstrahlt, legen sie sich wohl auch quer über die Straße und sonnen sich, wie die Hauskatzen. Sie sind da⸗ bei von einer rührenden Einfalt. Sie glauben, so eine schmale deutsche Stadtstraße sei nichts anderes als eine russische Dorfgasse ein weiter Dorfplatz.

Gleich am ersten Nachmittag sah ich, wie sich vier der Mädchen mit den sackartigen Jacken und den grellbunten Kopftüchern auf die Bord⸗ schwelle einer der belebtesten Straßen setzten, die barfüßigen Beine von sich streckten und dann so stumpf und müde vor sich hinstarrten, daß sie nicht die geringste Aufmerksamkeit für das Leben um sich herum übrig hatten. So hätte nicht viel gefehlt, daß die elektrische Straßen⸗ bahn ihnen die kräftigen Füße abgefahren sie hatten nicht gewußt, wozu die eisernen Stangen, die Schienen, da im Pflaster lagen.

Früher sah man hier nicht so viele dieser Zugvögel. Da fingen die Agenten und die Unternehmer, die Inspektoren und Aufseher die aus Kujavien Kommenden schon am Bahnhofe ab. Zu jedem Zuge eilten sie. Und es kam nicht selten vor, daß die Agenten oder Unter⸗ nehmer sich irgend eines Trupps wegen schlugen.

Jetzt ereignet sich das nicht mehr. Wenig⸗ stens nicht in diesem Jahre. Da liegen die Sachsengänger ein, zwei, drei und auch vier Tage, ja oft länger als eine Woche beschäfti⸗ gungslos in Thorn und warten vergeblich auf einen Agenten. Aber die Agrarier schreien über Leuteno tn!

Ja, was seit Jahren unerhört ist: viele der Sachsengänger gehen diesmal wieder zurück.

Unter diesen Umständen ist es natürlich, daß sich in Thorn immer größere Gruppen bilden, daß es in diesem Jahre ein richtiges Sammel⸗ becken russisch-polnischer Landarbeiter ist.

In einem dunklen Drange haben sie bald herausgefunden, wo sie während der Wartezeit wohl gelitten sind.

Am Weichselufer hat die städtische Verwal⸗ tung ein Holzhaus errichtet; mehrere luftige Schankräume im unteren Stock, daneben Küche

und Wohnräume des Wirtes; ein großer Boden

zieht sich über die Zimmer hin.

Sonderbare Geigenklänge und leiser rhyth⸗ mischer Gesang, der wie aus Gefängnismauern zu kommen schien, so schwermütig, so verstohlen klang er, lockte mich in das Haus. Ich über⸗ schritt den Hof. Dann kam ich in die Küche. Da saß am Herd eine alte Frau. In Lumpen und Flicken. Bleich, verfallen, stierte sie düster vor sich hin. Ab und zu schüttelte sie sich wie im Fieberschauer.

In dem Raume neben der Küche saßen und lagen etwa zwanzig Mädchen und Burschen auf den Brettern des Fußbodens. Sie sprachen laut und lachten.

Aber die Geigenklänge und den Gesang fand ich nicht bei ihnen.

Ich stieg die Treppe hinauf, die bei der nächsten Thür mündete. Hier oben, im Zwie⸗ licht des Bodens saßen sie bei einander, wie ein Volk Hühner. An der einen geöffneten Lucke drängten sich etwa dreißig Menschen zu⸗

sammen. Und an einem Balken lehnte ein stämmiger, junger Mensch und strich mit lä⸗ chelndem Gesicht über seine Fiedel. Dabei be⸗ wegte er im lebhaftesten Takt eines slavischen Tanzes seinen Kopf. Und alle, die um ihn sich gelagert, sangen gedämpft die Weise mit.

In mehreren Ecken saßen junge Mütter, blaß und verhungert. Familien mit Kindern im vierten, sechsten, neunten Lebensjahre hatten sich mit einer Kiste oder einem Packen einen Mittelpunkt geschaffen, der gewissermaßen ihr Heim bildete. Im Ganzen mochten etwa fünfzig Menschen hier oben hausen. Trotz der geöffneten Luken füllte ein dumpfer Geruch den Giebel⸗ boden. Aber das schien die Wenigsten zu stören; fie stopften sich gleichmütig ihr trockenes Brot in den Mund.

Ja, kaum der Zwanzigste, den ich essen sah, hatte zu seinem Brot ein Stück Wurst oder Speck. Sie waren sehr genügsam. So genüg⸗ sam, daß es dem gutmütigen Wirt zu viel wurde. Ich sprach nachher unten mit ihm. Er war ganz erregt. So etwas sei noch nicht dagewesen. Ueber Hundertundfünfzig nächtigten bei ihm. Sie kämen einfach und ohne ein Wort blieben sie oben auf seinem Boden. Ja, wenn sie noch was verzehrten!

Aber sie lebten von Brot und Kaffee. Der Zehnte trinke erst mal einen Schnaps. Das sei das Einzige: eine Tasse Kaffe für fünf Pfennige.Ja, wenn ich nicht darauf rechnete, daß sie bei mir einkehren, wenn sie mit dem vollen Beutel zurückkommen, dann hätte ich ste schon längst zum Teufel gejagt. Keiner zahlt einen Pfennig für das Quartier. Was habe ich denn davon?

Ein Gast fragte, ob er nicht Angst habe, daß sie ihm das Holzhaus in Brand stecken könnten.Ih, meinte er,wo so viel Menschen zusammen sind, da geschieht nichts. Wenn da einer ein brennendes Streichholz fortwirft, tritt es der andere aus. Und wo so viele schlafen, sind immer einige wach, die es sofort sehen, wenn es brennt.

Aber einige Gäste hielten es doch für be⸗ denklich, die vielen Menschen zusammenzupferchen auf einem Holzboden, von dem nur eine schmale Stiege herableitet.

Ach, antwortete der Gastwirt,denken Sie hundertundfünfzig Menschen! Ich wollte sehen, wie diese Menschenmasse sich in der Nacht da oben zurechtfand, was dann für eine Atn osphäre herrschte.

Inzwischen beobachtete ich sie draußen. Ich bemerkte, daß die Kinder lebhaft und geweckt waren. Ein Mädchen ging in einen Bäcker⸗ laden und kaufte Semmeln. Mit wie scharfen Augen sie die größten heraussuchte. Manch deutsches Kind hätte das nicht gewagt. Das hätte blöde dagestanden und sich das in die Hand stecken lassen, was ihm die Bäckerfrau ausgesucht. Sogar bei anderen Einkäufen traten die Kinder selbständig hervor.

Auf dem Markt stand vor einer Bude eine Mutter mit ihrem Jungen und verhandelte wegen eines Paares alter Stiefel mit dem Budenbesttzer. Wie der etwa zwölfjährige Junge die Stiesel untersuchte, hin⸗ und herdrehte! Wie er dem Verkäufer alle Mängel, alle Schwächen der beiden Fußbekleidungen nach⸗ wies! Und dann um den Preis feilschte. Die Mutter war still und schweigsam dabei. So abgestumpft und resigniert, wie nur Polen, Slaven sein

Mit gewissen Jahren, in einem bestimmten Alter kommt nach nutzlosem Kampf das Phlegma über ste. Wie groß das ist, sah ich gleich vor dem Rathause. Da erhebt sich das Kopernikus⸗ Denkmal mit dem globusartigen Attribut des Himmelsenträtselers. Zu beiden Seiten des Denkmals sind ein paar Steinbänke. Auf ihnen lagen mehrere Gruppen der Sachsengänger. Ein Straßenfeger spreugte den Marktplatz und bespritzte sie dabei gehörig, sie rührten sich nicht vom Fleck.

Und welche Kraft im Ertragen, welche Gleich⸗ gültigkeit gegen Unbequemlichkeiten und Wider⸗ liches fand ich abends bei ihnen. Es hatten sich weit über hundert Menschen auf dem Boden zusammengedrängt. Ein unbeschreiblicher Dunst

entströmte diesen halbwachen oder schnarchenden Menschen. Dazu stinkende Säuglingswäsche an den Wänden. Aber sie lagen ganz zufrieden in dieser Stickluft.

Es ist wirklich sonderbar, daß die Regierung das duldet, daß sie nicht ebenso wie von den Auswanderungsgesellschaften von den Agrariern fordert, daß sie für ihre Leute Stationen er⸗ richten, wo sie wenigstens ein einigermaßen menschliches Unterkommen finden. Denn wenn die Sachsengänger auch alles in Geduld ertragen das ist eben nur eine Gewohnheit, die das Muß erzeugt hat. Sah ich doch neben allen Zurückgebliebenen auch manch Fortgeschrittenen: ein Zeichen, daß dies Volk auch entwickelungs⸗ fähig ist. So manchen, dem man ansah, daß er bereits einmal in Deutschland gewesen, trug einen deutschen Hut und gewichste Stiefeletten. Auch weiße Plättwäsche und kleine schwarze Schleifenschlipse bemerkte ich an mehreren.

Einige Frauen trugen nicht mehr die plumpe Sackjacke. Sie hatten sich dafür, allerdings in die unbequemere, ungesundere, enganschließende Taille, gezwängt. Aber zugleich hatten sie auch die Ordnungsliebe und Sauberkeit ihrer Vor⸗ bilder angenommen. Ihre Kleinen waren in gefällige Waschkleidchen gesteckt. Die Haare der Kinder waren glatt gekämmt und hingen ihnen nicht so zerzaust und verfilzt um die Köpfe wie den andern Kleinen.

Das waren nur die äußeren Zeichen der Entwickelungsfähigkeit.

Aber ich sah auch manches, das von einem nicht unbedeutenden, achtunggebietenden Innen⸗ leben erzählte.

Dem einen der Kinder, das mir in seiner Wohlgepflegtheit und Drolligkeit so gut gefiel, wollte ich ein Zehnpfennigstück in die Hand drücken. Es schloß krampfhaft die kleine Faust und zog sie ängstlich zurück vor dem Nickel.

Eine Alte sagte:

Nimm, nimm! Geld! Ist Geld!

Doch die Mutter sagte:

Ach soll sich nichts schenken lassen!

Ein Bursche schob seinem Mädchen eine Decke zu. Sie wies sie zurück und breitete sie über ihn aus.

Da warf er sie ihr unwirsch hin. Sie sollte nicht frieren.

Sie aber ließ sich nicht irre machen und legte die Decke wieder über ihn. So ging der Streit um die Decke eine ganze Weile.

Trotzdem es nun hier oben so voll war, daß man stets gegen einen Körper stieß, wenn man vorwärts ging, kamen immer noch neue Gruppen die Treppen herauf.

Ich fragte sie, was sie denn hier nur wollten, wenn niemand sie in Arbeit nähme.

Ach blos noch bis morgen, Herr dann weg zurück blos bis morgen....

Damit drängten sie sich zwischen die Schläfer. Und die rückten zusammen, so weit es nur gehen wollte. Rückten immer wieder zusammen.

Rechtssprechung.

§ 616 des Bürgerl. Gesetz⸗Buches. Kürzlich verhandelte das Gewerbegericht in Wiesbaden einen prinzipiell wichtigen Fall. Ein Stuhlmachergehilfe hatte vom 10. 23. Mai eine militärische Uebung absolviert. Weder vor noch nach derselben erfolgte von Seiten des Arbeitgebers oder von Seiten des Arbeit⸗ nehmers eine Kündigung und der Gehilfe trat nach beendigter Uebung sofort wieder in das Arbeitsverhältnis. Der Meister verweigerte aber die Zahlung von 36 Mk. für die Zeit der militärischen Uebung. Das Gewerbegericht ging jedoch von der Ansicht aus, daß nach § 616 des B. G.⸗B. der Arbeitgeber ver⸗ pflichtet sei, dem Arbeitnehmer während einer militärischen Uebungszeit den Lohn weiterzuzahlen, wenn vorher von keiner Seite eine Kündigung erfolgte. Der Beklagte wurde verurteilt, den Lohn von 36 Mk. aus⸗ zuzahlen. Davon gehen die Beträge für Ver⸗ pflegung und Sold im Betrage von Mk. 17,08 ab. Vor nicht langer Zeit entschted das

Gießener Gewerbegericht in einem ähnlichen

Falle anders. Damals verlangte ein Arbeiter

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