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Seige 6.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 29.
i N „ Anterhaltungs-Ceil.
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wer ist ein eehter Demokrat?
Ein Mann, der offen spricht und denkt, Deß Geist parteilos, unbeschränkt,
Dem die Vernunft ein Kompaß ist, Nach dem sein Thun er stets ermißt; Der sittlich gut und rechtlich lebt,
Der nicht an alten Formeln klebt;
Vicht schmeichelt, um der Hohen Gunst, Gern unterstützet Fleiß und Uunst,
Der nicht sein Heil im Stillstand sieht, Nicht vor dem Geldsack betend kniet, Der redlich strebt nach Unterhalt,
Nicht bleibt beim Elend Andrer kalt Den Mährchen nicht und Fabel stört, Der sorgsam prüfet, was er hört,
Der nicht im Vorwitz gleich verdammt, Was nicht von seiner Farbe stammt, Der nicht in Täuschung wie schon oft, Das Heil der Welt von oben hofft, Der nur für Recht und Wahrheit glüht, Im Volk nicht stets Banditen sieht,
Der nicht den alten Schlendrian
Als Bürgerglück erkennt im Wahn, Der Gleichheit will, kein Vorrecht liebt, Nur dem Verdienst die Krone giebt, Der keine Nochgebor'nen kennt,
Wenn sich ihr Thun nicht redlich nennt; Nicht feig, nicht bänglich leckt und kriecht, Der willig dem Gesetz sich fügt,
Das frei vom Volk gemacht im Staat—
Der ist ein echter Demokrat.
Reichenbacher Wochenblatt, 18. Febr. 1851.
Der Schuhmacher von Ottersweiler. Erzählung von Elise Langer.
S
(Fortsetzung)
Nachdem er sich gesättigt, stopfte er seine kurze Pfeife und saß nun schmauchend beim Glase Bier, zum ersten Male seit langer Zeit mit einem Gefühl des Behagens. Unterdessen füllte sich die Wirtsstube mit Marktleuten. Dichter Rauch und Stimmengewirr erfüllten die Luft. Auf einem erhöhten Platz an der Thür produzierte bisweilen musikalisches Wan⸗ dervolk, wie es auf Jahrmärkten zusa mmen⸗ strömt, seine Künste. Da trat auch ein Paar herein, das die Zunächstsitzenden neugierig auf⸗ schauend machte.
„Zigeuner, seht doch,“ so flüsterte man und stieß sich mit dem Ellenbogen an. Und in der That konnte man namentlich die Frau für eine echte Zigeunerin halten. Unter ihrem gelben Kopftuch quoll tiefschwarzes Haar, in Löckchen gelöst, hervor und in dem blassen, bräunlichen Gesicht glühten und blitzten zwei dunkle Augen. In zierlicher, leichter Stellung, ein Tamburin in der erhobenen Linken, stand sie da. Ihr Begleiter, ein schlanker Bursche in Schlapphut und lose über die Schultern hängendem Mantel, og jetzt eine Geige hervor und begann eine kelodie zu spielen, nach deren Rhythmus die anmutige Frauengestalt sich hin und her wiegte. Es war kein eigentlicher Tanz. Ihre Füße bewegten sich kaum von der Stelle. Nur die Arme, der Leib, das Köpfchen folgten den
Tonwellen, in welche das Tamburiu von Zeit
zu Zeit sein Schellengeklingel hineinwarf. Mit dem schneller werdenden Takte steigerte sich auch das Feuer der Bewegung, bis endlich ein wilder Wirbel um sich selbst und ein dicker Geigenstrich die Vorstellung schloß.
Jetzt brach ein wahres Beifallstoben aus. Man stampfte, klatschte, schrie. Nur einer in der Menge regte sich nicht. Todtenblaß, den Hals vorgestreckt, die Augen so gierig auf das Paar gerichtet, als sollten sie ihm aus den Höhlen guellen, hatte er die ganze Zeit dagesessen. Dieser Eine war Jost Bachler, der Schuhmacher. In der Tänzerin hatte er sein Weib erkannt. Niemand von den Umsitzenden gab auf ihn Acht. Alles reckte die Köpfe und schaute nach dem
reizenden Weibe, das nun mit dem Tamburin den ihr gebührenden klingenden Lohn einsammeln ging. Lächelnd wanderte sie von Tisch zu Tisch, um jeden die Runde machend. Nun kam sie auch zu dem, an welchem Jost noch immer wie eine Bildsäule und verdeckt von den breiten Rücken seiner Nebenmänner saß.
Da, was war das? Ein Klingeln, ein Schrei. Der jetzt hoch aufgerichtete blasse Mann dort hatte dem Weibe das schon ziemlich gefüllte Tamburin aus der Hand geschlagen, daß die Münzen weit umher rollten, und hielt die vor Schreck halb Ohnmächtige an beiden Schultern wie mit eisernen Klammern gepackt. Alles erhob sich, drängte sich hinzu. Was war's mit den Beiden? War der Mann verrückt oder hatte er ein Recht auf sie? Einige suchten ihn von ihr loszureißen, Andere wollten diesen wehren. Es entstand ein Handgemenge, das in eine Prügelei auszuarten drohte. Da durchbrach der Geigenspieler plötzlich den dichten Knäul und warf sich auf Jost. Dieser ließ jetzt die Un⸗ glückliche fahren und wandte sich gegen seinen Angreifer.
„Du Hund, Du hast sie mir geraubt,“ schrie er und holte gegen den Wütenden aus, aber schon blitzte dessen Messer, das er Jost mitten in die Brust stieß. Wie eine aufgescheuchte Krähenschaar stürzte Alles hinaus, dem Mörder nach, den es aber nicht gelang festzunehmen. In kurzer Zeit war die Gaststube geleert bis auf Jost, der, von den entsetzten Wirtsleuten umringt, blutend am Boden lag.——
Gegen Abeud des dritten Tages erwartete Frau Bachler ihren Sohn aus der Stadt zu⸗ rück. Von Zeit zu Zeit trat sie in die Haus⸗ thür und schaute die von Weiden eingefaßte Landstraße hinab. Die Sonne ging unter, an dem grünlichen Frühlingshimmel traten einzelne Sterne und die Mondsichel golden hervor, aber wer nicht kam, war Jost. Die alte Frau saß bis tief in der Nacht auf der Thürschwelle, mit gespanntem Ohr auf jedes Rädergeroll in der Ferne lauschend. Immer umsonst. Als auch der nächste Tag den Sohn nicht brachte und sich dazu die Kunde im Dorfe verbreitete, daß ihm ein Unglück zugestoßen sei, da war ihr Entschluß gefaßt. Beim Morgengrauen des nächsten Tages bestellte sie ihr Haus, löschte die glimmende Asche auf dem Herde, streute den Hühnern reichlich Futter und übergab die Ziege dem Dorfhirten, der tutend mit seiner Heerde vorbeizog. Dann holte sie einen Tragkorb, packte ihn voll Heu und setzte den Knaben oben darauf. Den Korb nahm sie alsdann auf den den Rücken, ihren Regenschirm in die Hand und so trat sie, nachdem sie ihr Haus hinter sich abgeschlossen hatte, den drei Meilen weiten Weg nach der Stadt an.
Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Das Büblein schaute seelenvergnügt von seinem hohen Sitz in die blühende Welt hinein, mit Hüh und Hott sein Peitschchen schwingend, das ihm die Großmutter zur Unterhaltung in die Hand gegeben hatte. Das war ein lustiger Ritt, noch schöner, als wenn der Vater ihn auf die Schulter nahm oder auf den alten Schimmel hob. Jeden Augenblick gab es etwas zu sehen. Die Leute, die des Weges kamen, neckten sich mit dem Knaben und lachten über das seltsame Hähnchen, das die Alte zu Markte trug. Um Mittag wurde an einer schattigen Stelle Halt gemacht und das Kind mit Milch und Brot erquickt, welch beides die Alte im Korbe mitgenommen hatte. Dann ging es wieder tapfer weiter.
Noch bei guter Zeit war die Stadt erreicht und der Aufenthalt des Sohnes aufgefunden. Die Wirtsleute, bei denen das Unglück geschehen, hatten den Verwundeten bei sich aufgenommen, der uach dem Ausspruch des herbeigerufenen Arztes zwar nicht tödlich verletzt war, aber zu seiner Wiederherstellung längerer Zeit bedürfen würde. Der Wirt hatte ihn nscht behalten und nach dem Ausspann schaffen lassen wollen, in dem Jost sein Wägelein eingestellt und auf dem Heuboden genächtigt hatte. Allein die Wirtin bestand auf ihrem Sinn.—„Das wär' noch schöner,“ meinte sie,„wenn Eins nicht mal so viel Menschlichkeit hätt', sich eines Lands⸗ manns im Unglück anzunehmen. Oben in der
Kammer, wo ich meine Vorratsbetten hab', da
ist Platz genug, da kann er sich ausheilen.“
In der Stadt und auf dem Markt sprach man von nichts Anderem als von dem Mord⸗ anfall und der entlaufenen und wiedergefundenen Frau, deren Vorgeschichte nun auch zur Sprache kam. Und so entstand ein Gewebe aus etwas Wahrheit und viel Dichtung, zu dessen Einschlag die Erscheinung der Bachlerin mit dem Kinde einen neuen Durchschußfaden lieferte.
Ohne sich zu verruhen oder Speise und Trank
zu sich zu nehmen, verlangte die Frau ihren Sohn zu sehen. Nur den Korb setzte sie ab und nahm den Kleinen auf den Arm. Dann folgte sie der Wirtin die Stiege hinauf. Als ste in die schon dämmerige Kammer traten, in der der Kranke in starkem Wundfieber lag, erhob sich eine Gestalt vom Boden, die vor dem Bette gekniet hatte. Es war Babett, aber wer hätte in diesem abgehärmten Wesen die noch vor wenigen Tagen so blühende junge Frau erkannt! Von Reue und Seelenqualen gefoltert, hatte sie sich heimlich zu ihrem schwer gekränkten und durch ihre Schuld an den Rand des Grabes gebrachten Manne geschlichen, und die Wirtin, die den Zusammenhang ahnte, ihr dessen Pflege
überlassen. (Fortsetzung folgt.)
Sozialismus und Kunst.
(Schluß.)
Mit einem Schein von Berechtigung wendet man dagegen ein, die ästhetische Entwickelung werde gehemmt sein, wenn die Künstler in einem sozialistischen Staat der Hilfsquellen beraubt wären, die ihnen in der Zeit des Privateigentums die Gunst fürstlicher oder bürgerlicher Maecene erschloß; gerade von diesem Luxusbedürfnis der Reichen, sagt man, leben sie ja. Und doch ist der Einwand nur komisch. Er stammt von Bewunderern der bourgeoisen Gesellschaftsordnung. Die Bourgeoisie als Nährmutter der geistigen Arbeiter! Muß man wirklich erst daran erinnern, zu welchen Mitteln die meisten Geistesarbeiter heute ihre Zuflucht nehmen müssen, um sich das Stück trockenen Brotes zu verschaffen, das Berlioz sich am Denkmal Heinrichs des Vierten mit Rosinen versüßte? Schiller war Professor der Geschichte. Balzac bekam kaum ein paar lumpige tausend Franken für seine zehntausend Seiten füllende Komödie der Menschheit. Ehe Ludwig der Zweite in Wagners Leben eingriff, war der Meister gezwungen, eine Begleitung für zwei Kornet à Piston zur„Favoritin“ zu schreiben. Beethoven schrieb am Ende seines Lebens an seinen Freund Ries über eine Sonate, sie sei unter den elendesten Verhältnissen entstanden; denn es sei traurig, für das liebe Brot schreiben zu müssen.„Und so weit bin ich nun!“ Unter den größten Schöpfern verdankt die weitaus größte Zahl derer, die nicht im schwärzesten Elend lebten, ihre Existenz entweder einer Be⸗ schäftigung, die ihrer Kunst ganz fern lag, einem einträglichen Nebenamt oder der späten Gunst des immer nachhinkenden Publikums.
Nach jeder Richtung würde die kommunistische der heutigen Gesellschaft überlegen sein.„Die neben ihrer Kunst einen anderen Beruf ausüben müßten, hätten mehr freie Zeit. Die jetzt für irgend einen bürgerlichen oder königlichen Maecen arbeiten, würden dann— wie einst Rembrandt und Hals— für Gemeinschaften, Gruppen, öffentliche Anstalten thätig sein, deren Kollektiv ⸗ luxus die Eitelkeit und Knauserei des privaten Luxus verdunkeln würde. Und die endlich, die mit amtlichen Sphären nichts zu thun haben wollen und sich lieber direkt an das Publikum wenden, könnten dann von dem Ertrag ihres Pinsels oder ihrer Feder viel leichter und besser leben, weil sie ein viel größeres, reiferes und verständigeres Publikum hätten als jetzt. Ganz thöricht ist der Einwand, die Menge werde ein schlechter Richter sein und die glanzende, ins Auge fallende Mittelmäßigkeit der schlichten Größe des ursprünglichen Talentes vorziehen. Lehrt die Erfahrung nicht, daß der hartnäckigste Widerstand gegen die neuen Kunstformen nicht von der Masse, sondern im Gegenteil von den
Geh bein
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