Ausgabe 
21.4.1901
 
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Seite 6.

Nr. 16,

Von Nah und Lern.

Elberfelder Militärbesreiungsprozeß.

Vor Jahresfrist war ein aufsehenerregender Adel iu Elberfeld verhandelt worden. Es andelte sich um das Freimachen der Söhne wohlhabender Eltern vom Militär, indem die Militärpflichtigen durch Einnehmen von Pillen der verschiedensten Zusammensetzung Krankheiten angaben, die sie nie besaßen. Die zweite Auflage dieses Prozesses begann am Mittwoch vor acht Tagen in Elberfeld. Diesmal sind 33 Per⸗ sonen angeklagt, die das Freimachen vom Militär durch Bestechung bewirkten. Die Hauptangeklagten sind der 67jährige Rentier Hermann Baumann und die 46jährige Wittwe Ernst Dickhoff, welche ein förmliches Bureau eingerichtet und von den übrigen Angeklagten, meist Fabrikanten, Kaufleuten und Landwirten, Geld erhalten hatten, um Militärärzte damit zu bestechen. In die Affäre sind mitverwickelt Oberstabsarzt Dr. Schimmel vom 11. Husaren⸗ regiment in Düsseldorf, z. Z. verhaftet, und der vor 2 Jahren verabschledete Generalarzt Dr. Lindemann, früher in Münster. Die Verhandlung dauert voraussichtlich wochenlang; 209 Zeugen und 17 Sachverständige sind geladen. Die Kaufleute C. W. Tasche jun. und sen., die Habrikanten Heinr. Felde jun. und sen. sämmt⸗ h aus Remscheid, der Drogist Albert Garschagen wecklingshausen, dessen Vater der Spezereiwaren⸗ andler Albert Garschagen-Remscheid, sowie der luppenschmied Heinr. Hufschmidt⸗Remscheid und dessen Vater der Werkzeugfabrikant Albert Huf⸗ ichmidt gaben zu, mit dem Angeklagten Baumann in Verbindung gestanden zu haben. Die beiden Hufschmidt bekennen, ihm 2000 bezw. 3000 Mark dezahlt zu haben, ferner bekennen dieselben, von Baumann Pillen erhalten zu haben, durch welche Gelbsucht künstlich erzeugt wird. Baumann leugnete hartnäckig, die Zeugen zu kennen.

Zur Erwordung des Rittmeisters von Krosigk.

Kriminalkommissar von Backmann, der die ersten Ermittelungen zur Entdeckung des Mörders des Rittmeisters von Krosigk leitete, hat dem Kriegsminister Vortrag über die Ergebnisse seiner Untersuchung gehalten. Diese sind nicht so günstig, als man annimmt. Die Berliner Beamten hatten bei der Unbeliebtheit des getöteten Ritt⸗ meisters eine recht schwierige Aufgabe zu lösen. Gegen den zuletzt verhafteten und jetzt wieder freigelassenen Unteroffizier Domning lag so wenig Belastungsmaterial vor, daß der zustän⸗ dige Auditeur sich längere Zeit gegen die Verhaftung des Domning sträubte. Die beiden zuerst Verhafteten, Sergeant Häkel und Unter⸗ offizier Merten, sollen demnächst vor das Kriegs⸗ gericht der zweiten Division in Insterburg gestellt werden, doch rech net man in eingeweihten Kreisen schon jetzt mit einer Freisprechung der Angeschul⸗ digten.

Von einer blutigen That eines Priesters wird aus Neapel berichtet: Ein Priester, namens Piekro Potenza in Neapel, wohnte bei einer Witwe mit zwei Kindern. Er versuchte, durch die Reize der schönen Neapoletanerin bestrickt, mit dieser ein Liebes verhältnis anzufangen. Immer nieder von der tugendsamen Frau in seine Schranken zurückgewiesen, drohte er end lich sie zu ermorden, wenn sie seinen Wünschen nicht nachgebe. Da sich die Aermste der Bru⸗ talitäten nicht mehr er wehren konnte, entschloß jie sich, mit ihren Kindern nach Amerika auszu⸗ wandern. Sofort besorgte sich auch der Priester einen Auswandrerpaß. Nun endlich wandte sich die Frau an die Polizei. Anf dem Weg zur Quästur aber ereilte sie der Priester und schoß sie nieder. Als sich der die Mutter begleiteude Knabe jammernd über den Leichnam warf, tötete er auch biesen durch einen Revolverschuß.

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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

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A Das Meisterstück.

Erzählung von Robert Schweichel. 12 Der Herbst sonnte sich auf Thüringens

Bergen. Ein Wanderbursche kam von Westen auf der schlecht unterhaltenen Landstraße daher. Wo diese einen Buckel machte, blieb er auf⸗ atmend stehen, lehnte sich mit beiden Händen rückwärts auf seinen Knotenstock und schaute gespannten Auges auf die in geringer Ent⸗ fernung vor ihm liegende Stadt, aus deren altertümlichem Mauernkranz die schlanken Kirch⸗ türme hoch in die blaue Luft ragten. Es war die ehemals freie Reichsstadt Mühlhausen. Dort, auf dem Probach in der Vorstadt von St. Nikolaus, hatte er das Licht der Welt er⸗ blickt. Fünf Jahre lang war er in der Fremde gewesen und weit umhergekommen in dem von unzähligen Herrschaften zerstückten und zerrissenen Heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation, von dem auch klügere Leute wie Berthold Helder nicht begriffen, wie es nur noch zusammenhielt. Daß der morsche Bau bei dem ersten harten Stoße zusammenstürzen mußte, fühlte Mancher. Noch aber stand die Welt im Zeichen des Zopfes und Puders, der Schöapflästerchen und des Reifrocks. Dem Wanderbursche hing kein Zopf im Nacken; sein krauses, schwarzes Haar ließ sich nicht bändigen und auch sein Inneres sträubte sich gegen die weibische Mode, die dem Manne den Zopf aufzwang und den Bart verpönte.

Nicht das Heimweh führte Berthold Helder zurück. Es war ihm draußen gut ergangen, und in seiner Vaterstadt hatte er kaum etwas anderes erfahren; niemand harrte seiner Wiederkehr. Seine Eltern hatte er früh ver⸗ loren und seine Lehrzeit war nur durch Püffe, Stöße, Faustschläge und Prügel in sein Ge⸗ dächtnis eingegraben. Heute vermochte er wohl mit einigem Humor daran zu denken, wie die Meister das Lehrgeld, das für ihn gezahlt worden, in die Tasche gesteckt und obendrein eine Dienstmagd an ihm erspart hatte. Wasser vom Brunnen holen, Holz spalten, Oefen heizen, Stuben und Werkstätten fegen, Gemüse putzen, die Kinder warten und dergleichen mehr hatten sein Haupttagewerk ausgemacht. Die Schlosser⸗ kunst, in der er unterwiesen werden sollte, war Nebensache gewesen. Ein tüchtiger und ge schickter Arbeiter in seinem Fache war er erst in der Fremde geworden. Aber ein Gutes hatte die rohe Behandlung durch Meister und Gesellen während seiner vier Lehrjahre dennoch für ihn gehabt. Sie hatten ihm alle Gleichgültigkeit wider Unrecht, Gewalt und Tyrannei gründlich ausgetrieben.

Er war inzwischen mündig geworden und nur nach Hause gekommen, um mit dem Vor⸗ munde, der ihm vom Stadtrate gesetzt worden, Abrechnung zu halten. Dann wollte er wieder sein Bündel schnüren. Seiner ernsten Gemüts⸗ art hatte das lebhafte und muntere Wesen am Rhein besonders zugesagt, und er beabsichtigte, dort irgendwo als Meister sich zu setzen. Trotz alledem wurde ihm warm um's Herz, als seine dunkle Augen nun auf der Vaterstadt ruhten. War sie doch der einzige Ort auf der weiten Welt, wo er keiner polizeilichen Erlaubnis be⸗ durfte, um daselbst zu leben und zu sterben oder auch zu verderben, wenn es das Schicksal so fügte. Aber ihn auch ohne obrig⸗ keitliche Genehmigung zu betreten? Nein, das durfte er nicht, wie er sogleich erfuhr, als er jetzt, das Felleisen auf der linken Schulter, wie es für zuwandernde Handwerksgesellen zünftig ist, an das Thor der Vorstadt von St. Nikolaus kam. Er mußte erst über das

Woher und Wohin Red' und Antwort stehen und durch sein Wanderbuch sich ausweisen, bevor ihm der Weg freigegeben wurde.

Das spitzsteinige, unebene Straßenpflasten

that seinen müden Füßen weh. Die Neugierde

ließ es ihn jedoch vergessen und er schaute eifrig links und rechts, während er die Gasse

zum inneren Stadtthor hinunterhumpelte. Es hatte sich kaum etwas an den Häusern und

Häuschen verändert, die ihre Giebel der Straße zukehrten und die Löwenrachen und Drachen⸗

mäuler ihrer Dachrinnen weit über dieselben vorstreckten. Anders verhielt es sich mit den. Menschen, die ihm begegneten. Mancher kam ihm zwar bekannt vor, allein er war seiner Sache nicht gewiß; Mancher sah ihn auch scharf an, ging dann aber gleichgültig weiter. Es gab nur einen in Mühlhausen, mit dem er be⸗ freundet gewesen. Sie hatten zusammen den Konfirmanden-Unterricht bei dem Prediger an St. Nikolaus besucht, hatten auf der gleichen

Bank nebeneinander gesessen und auch bei der 1 8

Einsegnung Seite an Seite vor dem Altar ge⸗ standen. kommen, er zu einem Schlosser und Leo Weigand zu einem Tuchmacher, und die harte Zucht hatte sie nur selten einmal des Sonntags zu⸗ einander kommen lassen. Als er auf die

Wanderschaft gegangen, hatte Leo Weigand ihm

den Ranzen bis weit vor die Stadt, auf Frankenhausen zu, getragen. Er sah ihn wieder

deutlich vor sich, den Goliath, das war sein

Spitzname gewesen, weil er, seinem Alter vor⸗

ans, gar mächtig in die Höhe geschossen war. Was wohl aus ihm geworden sein mochte?

Auf die Wanderschaft war sicher auch er ge⸗ gangen, aber vermutlich schon längst wieder daheim. Ah, da war des Goliath Vaterhaus mit dem Wahrzeichen der Färber! Es lag in

der Nähe des inneren Stadtthores und war

ein gar eng Gehäuse, nur drei Fenster breit und zwei Geschosse hoch. Wie müde lehnte es sich an seinen Nachbar; der verwitterte Giebel mochte, wie der zernagte Thorturm, der Jahr⸗ hunderte manche überlebt haben. Berthold be⸗ trachtete es eine kleine Weile. In den beiden

Fenstern neben der Hausthür blühten Reseda

und Gelbveigelein, ein menschliches Wesen ließ sich nicht blicken. Plötzlich kam ihm der Einfall, daß er sich, ebensogut wie später, sogleich nach dem Jugendfreunde erkundigen könnte.

breiten Stirn und klopfte an die Stubenthür. Es blieb still. Schon wollte er sich entfernen, als die Thür sich aufthat und in dem Rahmen ein schlankes blühendes Mädchen erschien, das die Hand nach ihm ausstreckte, um ihm einen Zehrpfennig zu reichen. Er trat mit glühendem Gesicht zurück. Es war aber wohl weniger das Almosen, das die Glut entzündete, denn er hatte um ein solches während seiner Wander⸗ jahre ja manches liebe Mal an die Thüren klopfen müssen, war, wie der Kunstausdruck lautete, auf die Fahrt gestiegen, als der Anblick des hübschen Kindes. Nun errötete dieses bis zu den braunen Flechten, welche die weiße Stirn umkränzten.

Die Jungfer ist gar gut, stotterte er. Aber es ist mir nicht um's Fechten. Ich wollte blos was fragen.

(Fortsetzung folgt.)

Zur Gesundheitspflege der Schulkinder.

Ueber diesen Gegenstand veröffentlicht Dr. N. Ohne mus in unserem Harburger Partei⸗ organ eine längere Abhandlung, die den Eltern, deren Kinder jetzt in die Schule aufgenommen wurden, wertvolle Winke giebt und die deshalb entschieden Beachtung verdient. Wir entnehmen derselben Folgendes:

Die allgemeine Erfahrung hat festgestellt,.

daß Kinder vor dem vollendeten sechsten Lebens⸗ jahre in der Regel noch nicht die genügende

körperliche und geistige Reife erlangt haben, um ohne Schaden für ihre Gesundheit Schul⸗

unterricht zu empfangen. Wie zahlreiche Messungen ergeben haben, zeigt bis zu diesem

Alter das Gehirn, das Organ des Geistes,

eine sehr rasche Zuuahme an Maß und Gewicht,

Dann waren Beide in die Lehre ge⸗

Er trat deshalb ins Haus, nahm den kleinen Dreispitz ab, strich das schwarze Kraushaar aus der

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