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Nr. 20. Gießen, Sonntag, den 19. Mai 1901. 8. Jahrg. Ne daktion: Wabaftton schluß Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 U
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Eine gesunde Lehre.
Ueber die gegenwärtige politische und wirt⸗ schaftliche Lage schreibt unser Genosse Kraft — ein fruͤherer Ofsftzier— in der 0 Post“: Die Aussichten im deutschen Reich werden immer lleblicher: Brotwucher, in⸗ dustrielle Krisis, Arbeitslosigkeit sind in Sicht und nun drohen auch noch neue Steuern hinzuzukommen. Aber dielleicht werden alle diese Nöten doch auch ihr Gutes mit fich bringen. Vielleicht verursachen sie, daß das deutsche Volk endlich einmal gegen den Milliarden verschlingenden Militarismus,
egen den nicht minder kostspieligen Wasser⸗ port und die ebenfalls nicht billige Welt⸗ politik Front macht. Der Dentsche braucht entschieden ein paar magere Jahre, damit er die Gemeingefährlichkeit der vorgenannten Er⸗ scheinungen endlich einsteht und jenen Abge⸗ ordneten, die solche Erscheinungen ermöglichen, von ihren Sitzen herunterhilft. Die jetzt drohende Lektion wird wahrscheinlich gerade so, wie sie in Aussicht steht, besonders 8 werden, weil durch den Militarismus, die Ma
mehrungen und die Weltpolitik verursachten neuen Steuern just in dem Moment herein⸗ platzen, wo die Lebensmittelpreise steigen und die Einnahme finken. Ein solches„Zusammen⸗ wirken der Kräfte“ wird dem deutschen Volke wohl doch einmal gründlich zu denken geben; vielleicht wird sogar den„christlichen“ Arbeitern ein Licht darüber aufgehen, wie sie vom Zen⸗ trum, das die Militär⸗ und Marinevorlagen mit Hurra bewilligt und der Weltpolitik Bei⸗ fall klascht, am Narrenseil herumgeführt werden. Aufgabe der Sozialdemokratie wird es dann sein, die Stimmung im Volke auszunützen und den Kampf 1 Militarismus, Wassersport und Weltpolitik mit vollster Wucht aufzunehmen.
Man müßte ja wirklich an der menschlichen Vernunft 1 0 wenn es den Leuten, die nicht Minister oder Geheimräte sind, die weder
zu den Militär⸗ und Marinelieferanten, noch
zu den Kolonial, Orden⸗ und Aemterspekulanten gehören, nicht endlich zum Bewußtsein käme, daß der Militarismus, der Wassersport und die Weltpolitik nur sehr wenigen Leuten zum Vorteile gereichen.
Man bedenke nur, daß z. B. das deutsche Reich, trotzdem es alljährlich für die Armee, die Marine und die Kolonien nahezu eine Milliarde aufwendet, jetzt dennoch fast drei Milliarden Schulden hat, die für die näm⸗ lichen 5 aufgenommen wurden. Macht man sich klar, was dies bedeutet, so liegt die Ja nahe, ob man denn auch wirklich einen zivilisterten Staat vor sich hat. Man stelle sich vor, daß Milliarden, also ganze Berge von Gold ausgegeben wurden, um Werkzeuge zu kaufen, die zu nichts zu gebrauchen sind, als zum Zerstören von Häusern, zum Töten und Verstümmeln von Menschen. Und damit das Maß voll werde, sind diese feinen Instrumente, trotzdem ihre Anschaffung Unsummen verschlingt, gar nicht von Dauer, sondern werden jedesmal nach wenigen Jahren für veraltet erklärt und durch neue, die noch mehr kosten und noch mehr Zerstörungskraft besitzen, ersetzt. Weiter wurden schwimmende Festungen gebaut, reich ausgerüstet
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mit allerlet Mord⸗ und Demoliermaschinen, um mit ihrer Hilfe jenseits der Meere anderen Leuten, die uns gar nichts angehen und die uns nicht das geringste zu Leide gethan haben, ihr Land wegzunehmen. Brächten diese Er⸗ oberungen dem Staatssäckel wenigstens einen Profit, so könnte man sich am Ende eher da⸗ mit abfinden, denn es läge dann eben wieder einmal ein Stück kapitalistischer Praxis vor. Aber die Kolonieen tragen, abgesehen von Fieber, Malarta, Typhus und Ruhr, nicht nur nichts ein, sondern verschlingen all⸗ jährlich mehrere Dutzend Millionen. Doch es 1 ja heute zum guten Ton, daß ein Groß⸗ aat Kolonien besitzt, just so wie eine richtige Dame eine laugstielige Lergnette am schlanken Leibe baumeln hat. Und Deutschland, man bedenke Deutschland, das dank seiner genialen Politik sich demnächst zu einem modernen Rom, das alle Völker unterjocht, auswachsen wird, muß doch so herrliche imponierende Kolonien wie die Karolinen, Samoa, Kamerun, Kiaut⸗ schou usw. sein eigen nennen.
Derweilen solchermaßen die in erster Linie dem Proletariat abgenommenen Milliarden für Zwecke der Barbarei, der Unkultur und der Großmaunssucht hinausfliegen, stehen in Veutsch⸗ land baufällige Schulhäuser, miserabel eingerichtete Krankenhäuser, sterben Hundert⸗ tausende von Menschen an der Tuberkulose dahin, sind die unteren Klassen in enge, unge⸗ sunde Mietkasernen gepfercht, wandern viele Tausende arbeitslos in bitterster Not herum, müssen blinde und lahme Krüppel ihr Brot vor den Hausthüren erbetteln. Und so etwas nennt fich dann ein gut regierter Staat! Ja, es wird sogar von jenen, die das zweifelhafte Vergnügen haben, in dieser Weise regiert zu werden, verlangt, daß sie zufrieden sein, keine Opposttion machen und der Regierung Liebe, Vertrauen und tiefe Ehrfurcht entgegenbringen sollen. Wäre die Geschichte nicht 0 traurig, so möchte mau sich bei diesem Gedanken platt auf den Boden legen und wälzen vor Lachen.
Natürlich wird uns von„nationalgesiunten“ Menschenkindern geantwortet werden, daß Deutschland eine Armee und eine Flotte haben müsse, um sich Aller feindliche Angriffe wehren zu können. llerdings sind die glücklichen Zeiten noch nicht gekommen, wo die Völker einsehen werden, daß sie etwas Gescheiteres thun können, als sich für Dinge, die ihnen im Grunde „ganz wurscht“ sein köunen, für die ihnen 5 65 im entscheidenden Moment von trunkeuen Schwätzern und bezahlten Agenten ein Interesse suggeriert wird, gegenseitig totzuschießen. Aber trotzdem könnte Deutschland seine Landes ver⸗ teidigung um ein paar hundert Millionen billiger machen, wenn es sich gütigst auf die Verteidi⸗ gung beschränken und vor allem dem Kolonial⸗ humbug sowie dem Flottenkoller Valet sagen und von dem auch das reichste Volk zum Ruin treibenden System des stehenden Heeres zur Miliz übergehen wollte. Würde das deutsche Reich endlich einmal seine fast alljährlich wieber⸗ kehrenden Vermehrungen der Armee und Marine einstellen, dann würden auch die anderen euro⸗ päischen Großmächte nicht von Rüstung zu Rüstung gepeitscht werden. Ungeachtet aller seiner Friedensversicherungen ist Deutschland infolge seines auf die Spitze getriebenen Mili⸗
tarismuß und Marinismus eben doch der Hauptstörenfried von Europa. Ihm dtese ebeuso kostsplelige wie gefährliche Rolle auszutreiben, ist Sache des deutschen Volkes selbst. Wenn es in zwei Jahren vor leeren Schüsseln sitzt, wird es dies vielleicht begreifen.
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Gießen, den 15. Mai. Gegen den Brstwucher.
Beim Reichstage find nach dem letzten Ver⸗ zeichnis wieder 171 Petitionen gegen die Er⸗ höhung der Getreidezölle eingegangen, hingegen nur 10 dafür. Eine der ersteren trägt nicht weniger als 33036 Unterschriften.— Ferner erklärten fich eine große Anzahl städtischer Kollegien gegen die Zollerhöͤhung. Für eine diesbezügliche Petition stimmte der Magistrat in Kiel geschlossen; und das Stadtverord⸗ netenkollegium mit 27 gegen 2 Stimmen.— Auch der gothaische Landtag dürfte einem von unsern Geuossen gestellten, gegen den Brot⸗ wucher gerichteten Antrag zustimmen.— Schließlich sei noch eine in München⸗Gladbach stattgefundene, stark von christlichen Arbeitern besuchte Versammlung erwähnt, die in eutschiedenster Weise gegen jede Erhöhung der Getreidezölle protestierte.
Kein Junkerparlament.
Im Landtage für Koburg⸗Gotha wurde der Autrag 5 Einführung des geheimen, direkten Wahlrechts zum Landtag unter Benutzung von Isolirräumen und amtlicher Kouverts mit großer Mehrheit angenommen. Weiter ersuchte der Landtag die Regierung, den koburgischen Bundesratsbevollmäch⸗ tigten anzuweisen, im Bundesrate für die Annahme des Diätenbeschlusses des Reichs⸗ tages zu stimmen. Bekanntlich stellen unsere Genossen im Gothaischen Landtage beinahe die Hälfte der Abgeordneten; ihr Einfluß zeigt sich in vernünftigen Beschlüssen dieser Körperschaft.
Gegen die Warenhaussteuer
sprach sich eine große Versammlung in Dresden aus, die von Angehörigen aller Parteien besucht war. Ein Kaufmann bezeichnete die Umsatz⸗ steuer als Vermögenskonfiskation; Genosse Fleißner stellte fest, daß der Konsumverein in Löbtau in einem Jahre bei Mark 61000 Reingewinn 14708 Mk. Umsatzsteuer, also 31,5 Prozent zahlte.
„Ehrenrettung“ des Hängepeters.
Den höchst uurühmlich bekannten Kolonial⸗ helden Dr. Karl Peters, den„Hängekarl“, bemühen sich bürgerliche Blätter als Unschulds⸗ engel hinzustellen. Sie fallen über den Ge— nossen Bebel her und werfen ihm Verleum⸗ dung und Aehnliches vor, weil er im Reichs⸗ tage, als er die Schandthaten dieses famosen Kulturpionirs zur Sprache brachte, sich unter Anderem auch auf einen Brief des eugltschen Bischofs Tucker stützte, der sich später indeß als unecht erwies. ürzlich
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Bebel erklärte auch kürzlich


