Ausgabe 
18.8.1901
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 33. 0

regelrechte Keilereien ausarteten. Zahlreiche Personen wurden durch Messer⸗ stiche verletzt und mußten teilweise wund⸗ ärzlichen Beistand in Anspruch nehmen.

Einen ähnlichen Verlauf nahm das Fest dergutgesinnten Turner in Hoof bei Cassel. Darüber berichtet dieHess. Dorfzeitung:

Sechs Vereine mit gleichen Bestrebungen verschönern die Feier durch ihre Anwesenheit; es wird viel geturnt, noch mehr getrunken, unsagbar viel gebrüllt und dann folgenFreiübungen ohne Commando. Die Schaar theilt sich in zweit Gruppen, teils mit Biergläsern, teils mit Messern versehen, und mit erstaunlicher Sicherheit sausen Biergläser auf die erhitzten Köpfe, die stumpfen Taschenmesser werden nicht weniger zielsicher geschwungen, und als das Zeichen um Festzug ertönt: Vorn die Kapelle, 1 11155 die drei heilgebliebenen Festteilnehmer, so zeigt sich die

Turnerschaft dem staunenden Volke.

Natürlich diepatriotische Turnerschaft. Jeden vaterländisch Gesinnten muß das Vor⸗ handensein und die Bethätigung von so viel deutscher Kraft und Kampfeslust mit inniger Freude erfüllen. Sozialdemokratische Vereine bringen solche Hunnenschlachten bei ihren Festen nicht zu Stande. Heil! Heil! 8

Marktberichte.

Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 10. August: Butter per Pfd. Mk. 1.10 1.25, Hühnereier 1 St. 67 Pfg., Enteneier 1 St. 7 8 Pfg. Gänseeier per St. 11 12 Pfg., Käse 1 St. 58 Pfg., Käsematte 2 St. 58 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 5.00 9,00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.00 10.00. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.75 bis 0.90, Hühner per St. Mk. 1.00 1.50 Hahnen per Stück Mk. 0.70 1.20, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.20, Gänse per Pfd. Mk. 00.0 0.00.

Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66 76 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 6064 Pfg., Schweinefleisch 64 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60 66 Pfg., Hammelfleisch 50 70 Pfg. e

Der Kornzoll. Epigramme von Edgar Steiger. Chor der Junker: Der Arbeiter:

Hurra! Der Kanzler lebe hoch! Es kriselt schon das ganze Jahr, Viel höher, als die Zölle noch!] Und hapert mit den Löhnen. Wir Junker triumphieren. Jetzt soll ich mir zum Winter gar Hurra! Der Kanzler ging 0 Das Schwarzbrot abgewöhnen. Joch.

2 ir ieren! f . Der Sozialdemokrat:

Der Liberale: dere Bülow, Dante Wel if ümmt sich, was ein Häk⸗ Euch gleich 5 115 chen 1 7 Im Hetzen und im Wühlen? Und jedes Näschen rümpft sich. Ihr gießt, wie keiner eich immste Junker wird 7 Reich, 8 gekirrt Wasser auf uns're Mühlen! MitWeizen 6 Mark 50

Der Offiziosus:

Was soll, Ihr Herren, der Skan⸗ dal,

Das leidige Protestieren?

Ihr nennt Euch ja doch liberal,

80 übt Euch im Spendieren!

Der Bund der Land⸗ wirte: Wenn Einer mir die Schulden blecht, So lass' ich mich nicht lumpen Und kommeübers Jahr erst recht, Aufs neu ihn anzupumpen!

Der Kanalgegner: Auf ewig heut' vergessen sei. Was ich noch jüngst gesprochen. Jetzt bin ich wieder königstreu Bis auf den letzten Knochen.

Der Kleinbauer: Der Kornpreis steigt ersehn⸗ tes Ziel! Jetzt könnt'ich michverschnaufen, Besäß' ich Aermster nur so viel, Um etwas zu verkaufen!

Der Industrielle:

Verlor denn alles den Verstand? Es singen rings die Leute: Gerettet ist das Vaterland, Die Industrie ist pleite!

Der Kaufmann:

Wir leben im Jahrhundert des Verkehrs,

So sagen stolz die Mächt'gen und Gelehrten,

Mir aber scheint es fast, als wär's

Mehr das Jahrhundert des Verkehrten.

Das Zentrum:

Wer hilft mir Aermsten aus dem Sumpf?

Mir wird ganz melancholisch. Ich weiß: Katholisch ist zwar Trumpf,

Doch, ist der Zoll katholisch?

Der Bäcker:

Die Obrigkeit thut, was sie soll; Doch darf, was sie, auch unser⸗ einer:

Verdoppelt sie fürs Korn den Zoll,

Mach' ich die Brötchen vier⸗ mal kleiner!

Der diplomatische Agent für Handels⸗ verträge:

Was jetzt auch kommen mag, mir ist es schnuppe.

Nur wunderr's mich, daß sie sich nicht genieren:

Erst spucken sie mir höflich in die Suppe,

Dann soll ich ander'n Leuten sie servieren!

Einer aus Byzanz:

Wer sagt, daß Zoll den Preis erhöht, Der sündigt an der Majestät. Besinnt Euch doch ein wenig! Schon Shakespeare spricht Wißt ihr's denn nicht?, Daß jeder Zoll ein König! (Jugend.)

Anterhaltungs-Cril.

2 Kriegerische Abenteuer eines Kriedsertigen. Erzählung von Heinrich Zschokke.

Neununddreißigster Geburtstag.

Am 6. Oktober 1806 ich wohnte in einem etwas erhaben gelegenen kleinen Gelehrtenstübchen zu Berlin war mein neununddreißigster Geburtstag. Als ich erwachte, die Kirchen⸗ glocken läuteten schon, es war an einem Sonntag, überlief mich kalter Schauder. Denn, dacht' ich, übers Jahr ist dein vierzigster Geburtstag; der vierzigste!

Im neunzehnten Jahre erwartet der Jüng⸗ ling noch mit Vergnügen die Ehre des Zwan⸗ zigers; denn so lange er in den Zehnern läuft, hält ihn die Welt unreif zu allerlei Dingen, für die er wohl reif sein möchte. Aber im neunundzwanzigsten Jahre bringt der junge Mann schon sauersüße Miene zum dreißigsten Geburtstag. Die Flatter⸗ und Flitterzeit des Lebens ist vorbei. Aher gar der vierzigste! ach, vierzig Jahre! Und ohne Amt, und ohne Lebensgenossin!

In diesem Falle war ich; wahrscheinlich nicht aus eigner Schuld. Daher beschloß ich in meinem geheimen Rat, so lange ich noch Mitglied vom Orden der Hagestolzen bleiben müsse, nie älter als neununddreißig, nie jünger als achtunddreißig zu sein, und sollte ich darüber neunundachtzig werden und neunundneunzig.

Mit diesem verzweiflungsvollen, doch weisen Entschluß stand ich auf und wählte meine Sonntagskleider. Aber, wie gesagt, die Seele war voll bittern Schmerzes.

Bald vierzig, und noch einsam! noch immer nichts, als ein armer Candidatus theologiae, ohne Anstellung, ohne Aussichten! nicht einmal die Lehrerstelle an einer Stadtschule hatte ich eringen können. Wozu meine ganze Gelehrsamkeit, mein dreißigjähriger Fleiß, mein, ich darf's wohl sagen, reiner Lebenswandel? Ich hatte keine Verwandte, keine Fürsprecher, keine Gönner. Da lief ich noch immer, Woche aus, Woche ein, von Straße zu Straße, Privat⸗ unterricht zu geben, mir ein ärmliches, freuden⸗ loses Leben zu fristen. In Erholungsstunden war ich Schriftsteller, arbeitete in Journalen und Almanachen. Ach, das ist saure Arbeit! Die Buchhändler zahlten mir die Pracht⸗ schöpfungen meiner Musen nur mit Kupfer⸗ münze.

Man hatte mich zwar überall lieb; man lobte meine Talente, aber keiner half mir höchstens ward ich zu Gast geladen. O ihr Himmelsträume meiner Jugend, wie hattet ihr mich getäuscht! Andere, die nicht gearbeitet hatten, wie ich, freuten sich der Goldernten. Nun bedauerten sie mich. Hätten sie mich lieber gehaßt! Und die gute Friederike, ach sie war mir vergebens treu! auch sie mußte verblühen, wie eine Alpenblume in der Einsamkeit, die niemand kennt.

Hier schossen mir die Thränen ins Auge. Ich überließ mich ungehindert meinem Schmerz. Ich schluchzte und weinte, wie ein Kind. O, hätte mich mein guter Vater das geringste Handwerk erlernen lassen!

Friederike war seit neun Jahren meine versprochene Braut. Fromm, wie eine leidende Heilige, stand sie so unverwandt und vergessen und arm in der Welt, wie ich; sah nur auf mich. Sie war eines Hofrats Tochter, der nach einem Bankerott plötzlich gestorben war. Ihre alte Mutter, die in einer kleinen Stadt der Neumark an der polnischen Grenze in kläg⸗ lichen Umständen lebte, war zu arm, um ihre Tochter bei sich zu haben. Friederike diente in einem Hause zu Berlin, als Gesellschafterin einer gnädigen Frau, oder redlicher gesprochen, als Kammerjungfer, und unterstützte die

bedürftige Mutter. Trotz meines fröhlichen

Humors wäre ich oft verzweifelt, hätte mich

die edle Friederike nicht wie mein besserer 0

Engel, wieder erhoben.

Nun aber rückt' ich den Vierzigern zu, und Friederike war schon sechsundzwanzig! Ich noch immer ein armer frommer Candidatus theologiae, und sie Kammerjungfer.

Der Brief.

Unter diesen trostlosen Betrachtungen hatte ich mich angekleidet. Da ward geklopft. Der Briefträger trat herein. Ein dicker Brief; er kostete mich fünf Groschen. Schwere Ausgabe für eine fast zum Boden leere Kandidatenkassel

Ich warf mich gemächlich auf meinen Stroh. sessel hin, um ein Viertelstündchen aus Adresse

und Siegel den Schreiber zu erraten. Das

thue ich immer gerne, meine Neugier zu be⸗ kämpfen; nebenbei auch, mich am Spiele schöner Hoffnungen zu ergötzen, deren Erfüllung mir aus dem Brief entgegensteigen könnte. Die Frage war, ob ihn öffnen, oder das Lesen biz morgen verschieben? Denn heute war mein Geburtstag mochte ich keine, vielleicht üble, Nachricht lesen. Sie wäre mir schlimme Vorbe⸗ deutung fürs ganze Jahr gewesen. Man ist abergläubisch, wenn man unglücklich ist, trotz aller Freigeisterei nebenbei.

Ich zog das Los. Es entschied für Nicht⸗ entstegeln. Böses Zeichen!Nein, dem Schicksal Trotz geboten, und die abergläubische Furcht verbannt! flüsterte in mir die Neugier im Panzerrock des Heldenmutes. Weg war

das Siegel, und ich las las, und meine

Augen wurden von Thränen dunkel.

Ich

mußte den Brief weglegen, um mich zu fassen.

Ich las ihn wieder o ewige Vorsehung, 9

Friederike! Ich warf den Brief hin, und mich auf die Knie, und beugte meine Stirn auf den Erdboden nieder und weinte vielleicht die ersten Thränen des Entzückens in meinem Leben, und dankte dem Allversorger im Himmel für so viel Gnade.

Der Brief kam nämlich von einem einzigen Gönner, einem Handelsmanne in Frankfurt am Main, in dessen Familie ich lange als Hauslehrer, gelebt hatte. Durch Zufall, durch Verwendung meines gütigen Freundes hatte ich in den Patrimonialgütern eines mediatisierten Reichsgrafen den förmlichen Ruf als Pfarrer erhalten, mit siebenhundert Gulden Gehalt, freier Wohnung, Garten, Holz u. s. w., und dazu noch die Hoffnung, wenn ich das Glüch

hätte, dem Herrn Reichsgrafen persönlich zu gefallen, Lehrer seines jungen Sohnes, 30 u dem

sonderer Gehaltszulage, zu werden. Ende sollte ich mich am neunzehnten Oktober unfehlbar in Magdeburg einfinden, wo an diesem Tage der Herr Graf auf einer Reise eintreffen würde, und mich zu sehen verlangte. Mein Frankfurter Mäcen konnte mir vom

Charakter des Grafen, seines Freundes, nicht

Lobeserhebungen genug machen. Im Briefe

lag die Vokation(Berufung) selbst eingeschlossen,

vom Grafen unterschrieben.

So stand ich nun unverhofft am Ziele

meiner zwanzigjährigen Wünsche! Ich vol⸗

lendete in der Geschwindigkeit meinen Anzug,

und, mit der Vokation in der Tasche, ging ich sogleich nein, flog ich zu der Freundin.

Ihre Herrschaft war zum Glück in der Kirche. Ich fand Friederiken allein. Sie erschrak, als sie mich sah. Ich war atemlos. Mein Gesicht glühte. Meine Augen funkelten. Sie führte mich ängstlich in ihr Stübchen. Ich wollte ihr mein Glück verkündigen, aber ich konnte nicht reden. Ich weinte schloß sie mit Heftigkeit an mein Herz, und legte mein brennendes Gesicht auf ihre Schulter.

Sie zitterte erschrocken in meinen Armen. Welches Unglück ist Ihnen denn begegnet, daß es Ihren alten schönen Mut so ganz zermalmt hat? sagte ste.Ach, Friederike! rief ich:des Leidens ist mein Herz gewohnt; ich wollte wohl das schwerste Schicksal mit Lächeln begrüßen.

) Beschützer von Kunst und Wissenschaft.

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einzigen

Aber die Freude ist mir ein unge?

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