Ausgabe 
17.2.1901
 
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Uusfelung

Nr. 7. 8. Jahrg.

f Rebaktionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uhr,

Nedoktion:

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An das werkthätige Volk!

Unter Führung des Junkertums, der rückschrittlichsten Schicht des Volks, ist es den Agrariern gelungen, die Mehrheit der deutschen Regierungen für eine wesentliche Erhöhung der Getreidezölle zu gewinnen. Bei dem bevorstehenden Abschluß der Handelsverträge sollen sehr erheblich erhöhte Getreidezölle zur Geltung kommen, vorausgesetzt, daß die auswärtigen Staaten sich solche Bedingungen gefallen lassen.

Im Zusammenhang mit der geplanten sehr wesentlichen Erhöhung der etreidezölle soll eine Erhöhung der Zölle auf alle übrigen Erzeugnisse der Landwirtschaft(Vieh, Fleisch, Butter, Eier, Käse usw.) herbeigeführt werden. Ja, selbst Produkte, die bisher von Zöllen noch befreit waren, z. B. Obst, Gemüse, Kartoffeln sollen der agrarischen Habgier zum Opfer fallen und ebenfalls durch Zölle verteuert werden.

Eine Erhöhung der Zölle bewirkt aber eine entsprechende Erhöhung des Preises der betreffenden im Inland erzeugten Lebensmittel. Diese Preissteigerung ist der Zweck der Zölle. g

Es handelt sich also um eine starke Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel für die großen Massen, die den Einzelnen um so härter trifft, je kleiner sein Einkommen und je größer die Kopfzahl seiner Familie ist.

Die von den Junkern und ihrer agrarischen Gefolgschaft verlangte Erhöhung des Getreidezolls treibt den Inlandspreis des Roggens weit über den im Jahre 1895 durch den Antrag Kanitz verlangten Durchschnittspreis von Mk. 165 pro Tonne Roggen hinaus und macht für Viele, besonders bei ungünstigen Ernten, das Brot, das notwendigste Lebensmittel, zu einem unerschwinglichen Luxusartikel!

Den Hauptvorteil von dieser Plünderung der Arbeiterklasse und der kleinen Leute hat nur eine verhältnißmäßig geringe Zahl großer fab Schade 1 der Vorteil der mittleren Grundbesttzer nur geringfügig ist, die kleinen Bauern aber nicht nur keinen Vorteil, sondern e aden haben.

Das Einkommen aus der erhöhten Verzollung der notwendigsten Lebensmittel wächst, je größer die landwirtschaftliche Fläche ist, die bewirtschaftet wird. Sie bringt den Großgrundbesitzern pro Kopf viele Tausende und selbst Zehntausende Mark im Jahre ein.

5 Im Jahre 1898 erklärte der deutsche Kaiser gegen den Antrag Kanitz:Man kann mir nicht zumuten, Brot⸗

wucher zu treiben, und jetzt erklärt der erste Beamte des preußischen Staats und des Deutschen Reiches, der Reichskanzler Graf Bülow,

im preußischen Abgeordnetenhause unter dem Beifallssturm der Junker und Junkergenossen: Die preußische Regierung werde für eine ausreichende Erhöhung der Getreidezölle eintreten.

Wo bleibt da die Konsequenz?

Wo bleibt die so oft berufene Fürsorge für die arbeitenden Klassen?

Den Lebensmittelwucher gesetzlich zu sanktionieren und organisieren, ihm die Masse des Volkes tributpflichtig zu machen, soll nach der Absicht der Junker und Junkergenossen fortan eine der hauptsächlichsten Aufgaben des Staates sein derselben Junker und Junkerge nossen, die jede Steuererhöhung, die sie selbst trifft, als eine Vermögenskonsiskation brandmarken. Aber das werkthätige Volk, das nur das Notwendigste besitzt, soll abermals vom Notwer digsten geben, damit Jene in behäbiger Zufriedenheit und selbst im Ueberfluß leben können.

Was wird aber die weitere Folge sein, wenn solche Bestrebungen zum Siege gelangen?

Die unvermeidliche Verteuerung der Lebensmittel durch die Zölle bedeutet nicht die einzige Gefahr. Bei der Einführung höherer Lebensmittelzölle können nur ungünstige Handelsverträge abgeschlossen werden; Handel und Industrie würden unter diesen ungünstigen Verträgen oder gar bei dem Eintritt von Zollkriegen auf's Schwerste leiden; Hunderttausende von Familien liefen Gefahr, erwerbs- und brodlos zu werden; auf alle Fälle aber erlitte die gesammte werkthätige Bevölkerung eine erhebliche Verschlechterung ihrer Lebenslage, und sie würde in dieser Zeit der hereinbrechenden Krise, des Kohlenwuchers und der Wohnungsnot mit doppelten Ruten gepeitscht.

Der Brot⸗ und Lebensmittelwucher hat, so lange es notleidende Menschen giebt, alle Zeit als eine der schlechtesten, und so lange es ein Christentum giebt, als eine der unchristlichsten Handlungen gegolten.

5 115 0 diesen Lebensmittelwucher treten dieselben Leute ein, die dem Volke beständig empfehlen, zu beten: Unser täglich Brot

eb uns heute. 9 Mit der Erhöhung der Lebensmittelzölle ist aber auch ein politischer Zweck verbunden.

5 Das Junkertum soll als herrschende Klasse erhalten bleiben, dieses Junkertum, das alle Zeit unfähig war, aus eigener Kraft zu existieren, das aber seit Jahrhunderten an der Staatskrippe sitzt und alle Zeit die fettesten Posten in Armee⸗ und Staatsverwaltung in seinen Händen hatte. Der Zusammenbruch dieses Junkertums würde einen Triumph des werkthätigen Volkes bedeuten, und der soll um jeden Preis verhütet werden.

Männer und Frauen des werkthätigen Volkes! Oeffnet die Augen, erkennet die Gefahr und wehrt Euch!

Geht in die Versammlungen, zu denen Ihr berufen werdet, agitiert in Fabriken und Werkstätten, kämpft auf jede Weise gegen die

Euch drohende schwere Schädigung Eurer Existenz! Die später an Euch gelangenden, dem Reichstage einzureichenden Protestresolutionen müssen Millionen Unterschriften erhalten, insbe⸗

sondere auch die der Frauen, die als Verwalterinnen des Hauswesens jede weitere Verteuerung der Lebensmittel am schwersten empfinden.

Nur wenn Ihr millionenfältig Eure Stimmen erhebt, könnt Ihr das geplante Attentat verhindern. Nieder mit dem Brot- und Lebeusmittelwucher!

Nieder mit der Junker⸗ und Agrarierherrschaft! Auf zur That!

Berlin, den 10. Februar 1901.

Die sozialclemokratische Fraktion des Deutschen Peichstages.