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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nacht von Samstag auf Sonntag in seinem Hause in Frankfurt plötzlich verstorben. Nachdem er noch am Nachmittage einen Spazier⸗ gang unternommen und sich bis spät Abends mit Lesen beschäftigt hatte, machte Nachts ein Herzschlag seinem bewegten Leben ein Ende. Man fand ihn Sonntag früh tot im Bette. Sein Tod war rasch und schmerzlos, ähnlich wie der unseres alten Liebknecht im vorigen Jahre. Miquel stand auch ziemlich im gleichen Alter mit unserm Genossen, er war am 21. Febr. 1828 im Hannöverschen geboren, ist also 73 Jahre alt geworden. Sein Lebenslauf ist ein recht interessanter. Schon als junger Student zeigte er hervorragende Geistes gaben und bedeutendes Talent, er war Revolutionär und Demokrat und hielt mit den Gründern des Sozialismus Freundschaft. Er selbst sagte in einem Briefe an Karl Marx im Jahre 1850, den Bebel
auf dem Kölner Parteitag verlas, unter Anderem
über seine Vergangenheit:
„Es wäre nun freilich eine Dummheit, wollte ich verlangen, daß Sie mir gleich alles Vertrauen schenken. Damit Sie aber doch etwas von meiner Vergangenheit wissen, bemerke ich, daß ich mit Blind in H.(soll heißen Heidelberg) studierte, dort vor der Revolution zu der„radikalen Partei“ gehörte, als solcher in der Revolution, wie alle anderen„Ideen“ verfocht, nach Hannover geschickt wurde, um Bauernaufstände zu organisieren, von da in Göttingen anfangs in klein⸗ bürgerlichem Sinne die gelehrte, büreaukratische und Phllisterpartei aus dem Felde schlagen half und endlich eine Arbeiterpartei zu organisieren suchte. Sie sehen, meine Vergangenheit bietet wenig Garantien. Es ist wahr, ich für mein Teil kann nichts weiter thun, als Sie versichern, daß Ihre Zwecke die meinigen sind. Kommunist— und— Atheist— will ich, wie Sie, die Diktatur der Arbeiterklasse! Meine Mittel wähle ich einzig und allein nach der Zweckmäßigkeit. Dadurch aber trenne ich mich von Ihnen, daß ich fest überzeugt bin: die nächste Revolution bringt das Kleinbürgertum ans Ruder, die Arbeiterpartei wird den Sieg er⸗ fechten der hohen Bourgeoisie und den feuda⸗ len Resten gegenüber, dann aber von den Demo⸗ kraten bei Seite geschoben werden.“
Bald schwor er aber seinen Kommunismus ab, um wie viele dieser begeisterten Bourgeois⸗ junglinge„sein Huhn in den Topf zu bekommen“ wie sich einmal einer derselben, der„rote Becker“ als Oberbürgermeister von Köln ausgedrückt haben soll. Er gründete mit Bennigsen und Anderen den Nationalverein und spielte dort eine große Rolle. Dann schloß er sich der nationalliberalen Partei an, die ihn bald in den Reichstag und den preußischen Landtag entsandte. Von 1867 bis 1882 war er Mitglied des letzteren, seitdem(als Bürgermeister von Frankfurt) des Herrenhauses, seit 1884 des preußischen Staatsrats, 1867—1876 und seit 1887 des Reichstags. Er wurde zunächst Bürgermeister von Osnabrück; mit dem Beginn der Gründerjahre war er Mitdirektor der Ber— liner Diskontobank, als welcher er bis 1873 seine Schäflein ins Trockene brachte. Dann wurde er Bürgermeister von Frankfurt, von wo er im Jahre 1890 ins preußische Ministerium als Finanzminister und stellvertretender Präsi⸗ dent berufen wurde. In dieser Thätigkeit war sein Name mit fast allen reaktionären Maß⸗ nahmen verbunden; wenn irgend eine Intrigue, irgend eine Zweideutigkeit aufgedeckt wurde, durfte man sicher sein, Miquel als den Draht- zieher nennen zu hören.
Anerkannt muß werden, daß er in Bezug auf die Steuerreform Bedeutendes geleistet hat. Seine zweideutige Haltung der Kanalvorlage gegenüber, die er als Minister zu vertreten hatte, gegen die er aber hinterrücks intrigierte, kostete ihm seine Stellung. Er mußte gehen, trotzdem er sich gut Freund mit der Junkersippe gehalten hatte, deren Interessen er nach jeder Richtung hin zu fördern suchte.
So hat er seinen Ruhestand nicht lange genießen können. Die Vermutung ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen, daß seine plötz⸗ liche Entlassung, durch die sein Ehrgeiz auf's Empfiadlichste getroffen wurde, den Tod mit beschleunigen half.
Mit der Möglichkeit einer Reichstags⸗ auflösung rechnet ziemlich sicher die„Deutsche Tagesztg.“
und giebt ihren Freunden im Lande den Rat, zsich für alle Fälle so gerüstet zu halten, daß sie durch nichts überrascht werden“. Auch die „Freis. Ztg.“ möchte ihren Freunden diesen Rat geben. Nach ihrer Ansicht liegt in der bevorstehenden parlamentarischen Session eine Auflösung des Reichstages oder auch des Ab⸗ geordnetenhauses keineswegs außer dem Bereich der Möglichkeit. Unseren Parteigenossen wird weder die eine noch die andere Auflösung über⸗ raschend kommen; sie sind auf alle Fälle vor⸗ bereitet. Unsere Organisation zu vervollständigen und zu kräftigen, muß trotzdem stets unsere vornehmste Aufgabe sein.
Der Zar auf Reisen.
Große Paraden zu Wasser und zu Lande fanden vergangene Woche in der Nähe von Danzig und Königsberg statt.„Väterchen“ Nikolaus von Rußland war bei Wilhelm II. zu Gaste. Den geduldigen Lesern der„gutge⸗ sinnten“ Blätter wurden in spaltenlangen Aus⸗ führungen die Tischreden, Trinksprüche, die Uniformen und der Inhalt der Speisekarten eingehend beschrieben.— Von Danzig aus wird der Herrscher des Knutenreiches nach Frankreich reisen, wo die Republikaner vor ihm katzbuckeln werden. Wie verlautet, wird auch der sozia⸗ listische Handelsminister an dem Empfange teil⸗ nehmen, wodurch er natürlich die Kluft zwischen sich und der Partei noch erweitert. Er ist demnach kaum noch als zur Sozialdemokratie gehörig zu bezeichnen.
Zum China⸗Rummel.
Das berühmte Frieden sprotokoll, an dem die Diplomaten nun so ungefähr/ Jahre herumdokterierten, ist jetzt endlich am vorigen Samstag unterzeichnet worden. Unter Anderem ist darin Folgendes festgesetzt: Die Truppen müssen alle öffentlichen Orte, darunter die ver⸗ botene Stadt und den Sommerpalast vor dem 17. September räumen, und alle Expeditions⸗ truppen, mit Ausnahme der permanenten Be⸗ satzungen, müssen bis 22. September zurückge⸗ zogen sein. Den Engländern und Amertkanern ist erlaubt, die Tempel besetzt zu halten, bis ihre Baracken fertig sind.— Die Deutschen bauen ein Wachtgebäude auf der Mauer, was ihrem Abkommen mit den Chinesen entgegen ist. Die Belgier bleiben außerhalb der Ver⸗ teidigungswerke, bis ihre Gesandtschaft aufgebaut ist.— Chinesische Truppen haben bereits den Polizeidienst übernommen und zahlreiche Arbeiter setzen die zerstörten Häuser und Straßen in den Stand.
Die Zwecklosigkeit des chinesischen Kreuzzuges und die Verkehrtheit der bisher verfolgten Chinapolitik kommt jetzt auch den tollsten Weltmachtsphantasten und Khakipatrioten zum Bewußtsein. Einem Teil derselben lag allerdings die für Deutschland so wenig
rühmliche, aber desto kostspieligere China⸗
Affäre schon längst recht schwer im Magen. Jetzt äußern sich unzwelfelhafte„Patrioten“⸗ Blätter in ganz demselben Sinne, wie es die sozialdemokratische Presse von Anfang an gethan, wofür sie aber in der unflätigsten Weise be⸗ schimpft wurde, nämlich, daß man hätte die Finger von der Geschichte weglassen sollen. Vom nationalliberalen„Hann. Kourier“ führt zum Beispiel das„Hamb. Echo“ folgende Aeußerung an:
„Mit Gewalt können die Zivilisation und ihre Begleiter, Handel und Verkehr, nicht in das Riesenreich hineingetragen werden. Das Heil für China muß aus China selbst kommen. Die europäischen Mächte werden daher gut thun, zwar alle Reformbestrebungen in China nach Möglichkeit, offen und heimlich, zu unterstützen, im Uebrigen aber die Chi⸗ nesen sich selbst zu überlassen Eine Reaktion gegen die unter der Mandschu⸗ Dynastie eingerissene Mißwirtschaft ist unaus⸗ bleiblich. Die Revolution wird eines Tages ausbrechen und das Signal zu einem Bruder⸗ krieg geben, der viele Jahre hindurch dauern kann. Dann kommt Alles darauf an, daß die europäischen Mächte, wie auch die Ameri⸗ kaner und Japaner, frei von falscher Gefühls⸗
duselei, die Dinge in China geh
lassen, wie sie wollen, ohne sich se in diefelden einzum ichen 0
Na, also! Nur kommt die Einsicht zu spät
von Millionen auf dem Buckel. Schicksal der Chinabeute.
Wie unser Parteiorgan in Wilhelmshaven
mitteilt, sind die Instrumente der Pekinger
Sternwarte, die der Dampfer„Palakia“
aus China mitbrachte und dort ausschiffte, nach
Potsdam transportiert worden. Hoffentlich hat man die widerrechtlich annektierten Gegen. stände nur deshalb nach Potsdam geschafft,
meint unser Zentralorgan, um sie dem Sühne⸗ prinzen wieder mit nach China zu geben. Frei lich wird man sowohl für die entstehenden Fracht⸗ kosten als auch für die Wiederaufstellung an dem früheren Platze aufzukommen haben. Für diese Kosten wird natürlich der Offizier ersatz⸗ pflichtig gemacht werden müssen, auf dessen gehe die Mitnahme der Gegenstände geschah.
Graf Posadowsky,
Staatssekretär im Reichsamt des Innern, be⸗ rühmt durch den 12000 Mark-Bettel bei
den Industriellen, soll sich mit Rücktrittsge⸗
danken tragen. Als sein Nachfolger wird der jetzige Finanzminister Rheinbaben genannt. Die Agrarier werden seinen Abgang sicher bedauern.
Vergeltung.
Vorige Woche hat der Tod die Zahl jener dunklen Ehrenmänner, die der Volksmund unter der Bezeichnung Lockspitzel zusammenfaßt, um einen vermindert. Aus Danzig kam die Nachricht, daß in der Irrenanstalt zu Neustadt, wohin er vor etwa einem Jahre wegen Gehirn⸗ erweichung verbracht werden mußte, der frühere Kriminal⸗Polizist Naporra verstorben ist. Mit ihm ist ein Mensch ins Grab gesunken, der das Unglück vieler braven Arbeiter und ihrer Familien auf dem Gewissen hat. Er war es, der sich während der sozialistengesetz⸗
lichen Zeit als Spitzel in die Kreise unserer
Berliner Genossen einschlich, revolutionäre Re⸗
densarten führte, sich auch an der Verbreitung
verbotener Flugblätter beteiligte, um dann unsere Genossen ans Messer zu liefern. Solche Krea⸗ turen züchtete das System des verflossenen Polizeiministers Puttkamer zu Dutzenden;
man brauchte diese moralisch verkommenen Subjekte zur Rettung des Staates, zum Schutze der heiligen„Ordnung“. Burschen dieser Art kam es nicht darauf an, vor Gericht einen
Meineid zu schwören, dadurch einen Arbeiter
ins Gefängnis zu bringen und sich damit nach obenhin als unentbehrliche Staatsstützen zu
empfehlen. Als bei den Beratungen über die Verlängerung des Schandgesetzes im Reichstage unsere Genossen das Treiben dieses lichtscheuen
Gesindels brandmarkten, bezeichnete Puttkamer diese seine getreuen Knechte zwar als„Nicht- Gentlemen“, nahm ste aber trotzdem in Schutz und erklärte, ihnen eine„eklatante Genugthuung“ verschaffen zu wollen, die sie dann in Gestalt des„allgemeinen Ehrenzeichens“ erhielten. Naporra hat nun, wie schon mancher andere dieser Nicht⸗Gentlemen seinen Lohn dafür. In gleich kläglicher Weise endeten gerade unsere wütendsten Verfolger während und nach dem Sozialistengesetze, Polizisten, Polizeträte, Staats⸗ anwälte, Richter. Sollte das Zufall sein oder
können wir darin die rächende Nemesis erblicken?
Kapitalisten⸗Prosite.
Welch' riesige Verdienste die Glasfabr
kanten aus ihren Arbeitern herausschinden, darüber gewährte eine Verhandlung vor dem Gewerbegericht Kreuznach Einblick. Acht Glasmacher, die vor Ausbruch des Streiks einen halbjährigen Arbeitsvertrag unterschrieben hatten, das Arbeitsverhältnis aber nicht an⸗ traten, wurden von der Direktion der Kreuz: nacher Glashütte jeder zu einem Schadenersatz von Mk. 2000 verklagt. Das Gericht verur- teilte jeden der acht Arbeiter für vierzehn Tage zu einer vorläufigen teilweisen Entschädigung
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jetzt hat der deutsche Michel schon die hunderte
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