Ausgabe 
13.1.1901
 
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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 6. c Nr. 2. Der Alkoholismus und seine Lolksrestaurants zur Verfügung stellt, in denen Lesefrüchte. Bekäm fun Speisen und Getränke, mit Ausnahme von(Aussprüche hervorra ender Personen über Krieg und bee Branntwein, verabfolgt werden. Jedes Komite 5 Militarismus.) 9

Die Trunksucht kann also zunächst nur bekämpft werden durch Verbesserung des Einkommens der Arbeiter, Ver⸗ kürzung der Arbeitszeit, Beseitigung der Wohnungsnoth! Daran hat sich anzu⸗ schließen die Beschaffung von Erholungs⸗ stätten, in denen den Volksmassen Gelegen⸗ heit zu geselligem Beisammensein und geistiger Ausbildung gegeben ist, ohne daß Brannt⸗ wein verabfolgt wird oder mitgebracht werden darf. Einen mäßigen Biergenuß ebenfalls zu verbieten, würde nur den Erfolg haben, daß gerade diejenigen Volksschichten, die es am nöthigsten haben, vor Alkoholmißbrauch geschützt zu werden, doch in die Schänke getrieben und damit der Verführung zum Schnapstrinken aus⸗ gefetzt werden, weil, wie heute nun einmal die Verhältnisse liegen, die Mehrzahl der Arbeiter irgend ein alkoholisches Reizmittel nicht eut⸗ behren mag und kann, sei es in Folge der Ueberanstrengung, set es Mangels genügender Einsicht und Selbstbeherrschung.

Deshalb finden auch die Bestrebungen der absoluten Abstinenzler, Enthaltsam⸗ keitsanhänger, Temperenzler(Mäßig⸗ keitsfreunde) oder wie sie sich in England nennen: Teatotaler(tihtoteler) keinen nennenswerthen Erfolg. Sie schießen über das Ziel hinaus, auch wenn ihnen die Gesetzgebung mit Ein⸗ schränkung der Schankkonzessionen zu Hilfe kommt, wie dies in Rußland, Schweden, der Schweiz und einigen Staaten Nordamerikas der Fall ist. In ein abfolut alkoholfreies Lokal gehen die an geistige Getränke Gewöhnten nicht oder nur sehr schwierig und vereinzelt. Verbietet man hnen den Aufenthalt in den Schänken, so nehmen sie sich den Schnaps mit nach Hause, und be⸗ chränkt man die Menge des an den einzelnen zu verkaufenden Branntweins, dann wird nur der Schmuggel und Betrug groß gezogen; wer ich betrinken will, findet doch Mittel und Wege, sich sein Quantum zu verschaffen. Den Trun⸗ kenen aber zu bestrafen, wie dies mehrfach auch im deutschen Reichstag(zuletzt 1892) vor⸗ geschlagen wurde, heißt die soziale Ungerechtig⸗ keit zum Gesetz erheben. Denn der wohl⸗ habende Trunkene besitzt hinreichende Geld⸗ und Hilfsmittel, um sich dem Auge der Polizei zu entziehen; nur der Arme wird ihr, anstatt in der Droschke oder Equipage nach Hause zu fahren, singend und lärmend eutgegentaumeln! Und wie schwierig ist es, festzustellen, ob Je⸗ mand trunksüchtig ist oder nicht! Soll eine in gewissen Zeitränmen wiederholte Feststellung eines Rausches das Maßgebende dafür sein, dann wird jene schon oben hervorgehobene soziale Ungerechtigkeit nach verstärkt, denn beim Armen läßt sich durch die Polizei ein leichter Rausch leichter feststellen als die schwerste, oft wieder⸗ holte Trunkenheit beim Reichen, der sich dieser Aufsicht bequem entziehen kann!

Ebenso ungeeignet zur Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs ist die Vertheuerung des Branntweins durch hohe Steuern. Ja, sie verschrimmert das Uebel noch, denn sie macht den Trinker noch ärmer, nimmt ihm dadurch noch mehr Geld ab, das er für seine Ernährung verwenden könnte, verschlechtert diese also und erhöht daburch die Gefahr, daß der Schnaps getrunken wird, um den Mangel an Nahrung zu verdecken.

Nicht mit Zwangsmaßregeln kann man den Alkoholismus bekämpfen, sondern nur durch soziale Maßnahmen, unter denen die Er⸗ holungsstätten eine nicht unbedeutende Rolle spielen können, wenn sie von Uebertreibungen frei gehalten werden. Auch Räume, in denen gar keine alkoholischen Getränke aus⸗ geschenkt werden, können von Nutzen sein, aber wohl mehr für die heranwachsende Generation, die sich noch nicht an das Trinken gewöhnt hat, als für die herangewachsene. In Rußland hat der Staat in jeder großen Stadt Temperenz⸗ komites ins Leben gerufen, denen die Aufgabe zufällt, die ärmeren Volksschichten von den ch mutzigenTraktirs, den Wirthshäusern, weg⸗ u ziehen, indem man ihnen geräumige und luftige

erhält von der Regierung eine Unterstützung, die jährlich mindestens 50000 Rubel beträgt und aus den Einnahmen der Alkoholverwaltung entnommen wird. 1898 gab es in Rußland 1713 Volksrestaurants, in denen kein Brannt⸗ wein verabfolgt wurde. Außerdem suchen die Komites die Volksbildung zu heben, indem sie 747 Volksbibliotheken, 800 Vortragssäle, 91 Theater zur Verfügung stellten ein Tropfen auf einen heißen Stein!

Richtig ist, daß die Hebung der Volks⸗ bildung eines der besten Kampfesmittel gegen den Alkoholismus ist. Wer sich geistig ausge⸗ bildet hat, vermag bessere, edlere Vergnügungen sich zu schaffen, als sie ihm der Rausch gewährt. Aufklärung des Geistes führt die Bevölkerung dahin, daß sie die Umneblung desselben durch Alkohol verschmäht. Auch spezielle Belehrung über die Schädigungen, die der Alkoholmiß⸗ brauch anrichtet, ist von Nöthen. Vorträge, Flugschriften, Artikel in den vom Volke ge⸗ lesenen Zeitungen gehören zu den Hilfsmitteln, die neben den sozialen Maßnahmen nicht ent⸗ behrt werden können. Besonders ist immer und immer wieder darauf hinzuweisen, daß der⸗ jenige ein Verbrechen an seinen Kindern begeht, der ihnen Schnaps vorsetzt. Auch Bier und Wein sollten Kinder bis zum 14. Lebensjahr nicht erhalten; sie sind sowohl als sogenannte Stärkungsmittel entbehrlich, als auch beranlassen sie gerade bei einem jugendlichen Gehirn die schlimmsten Schädigungen der Geistes⸗ thätigkeit.

Das Bier ist, wie Professor Rosenthal⸗ Erlangen zutreffend ausführt,einer der wich⸗ tigsten Hebel des Kulturfortschritts, indem es den barbarischen und zivilisationsfeindlichen Schnaps verdrängt und seine milde Wirkung an Stelle des verderblicheren und gefährlicheren setzt. Wo kein Wein wächst, der billig genug ist, um Volksgetränk zu werden, da haben wir alle Ursache den Bierkonsum zu begünstigen, um den Schnaps zu bekämpfen.

Selbstverständlich soll nicht dem Uebermaß im Biergenuß gefröhnt werden! Und wer sich gänzlich jedes alkoholischen Getränkes enthält, wird am besten seine Gesundheit, namentlich seine geistige Vollkraft bis ins hohe Alter und in allen Lebenslagen bewahren! Aber bei einer Bevölkerung, die an alkoholische Reizmittel ge⸗ wöhnt ist, darf man den Schnaps nicht durch Temperenzbewegungen verdrängen zu können glauben; es werden stets nur die ohnehin nicht branntweintrinkende Kreise sein, die sich schließ⸗ lich zur Abstinenz bekehren lassen. Auch hie⸗ rin schließen wir uns der Ansicht des Professor Rosenthal an, daß so lange es nicht möglich, das Bedürfniß nach Alkohol ganz zu beseitigen, es im Interesse des Volkswohls durchaus nötig ist, den Genuß von Bier(auch durch Steuer- freiheit desselben) zu begünstigen, da es überall, wo es leicht zugänglich ist, dem Schnaps er⸗ folgreich Feld abgewinnt.

Außerdem ist dadurch, daß man den ärmeren Volksschichten alkoholfreie Anregungs⸗ mittel, so Kaffee, Thee und Kakao, billig und bequem zugänglich macht, das Schnaps⸗ trinken einzudämmen und daher die Errichtung von Volkskaffeehallen nützlich.

Von Grund aus kann aber das Uebel nur bekämpft werden, indem das Einkommen der Bevölkerung durchwegs auf solche Höhe gehoben wird, daß eine genügende und wohl schmeckende Nahrung beschafft zu werden vermag, während gleichzeitig Verkürzung der Ar⸗ beitszeit vor Uebermüdung schützt, gesunde und angenehme Wohnräume wie Er⸗ holungsstätten es ermöglichen, die Muße⸗ stunden fern von jeder Anreizung zum Trinken zu verbringen, und eine genügende Volks⸗ bildung lehrt, sie in geistig edler Weise aus⸗ zufüllen und die Schädigungen, die der Alkohol⸗ mißbrauch hervorruft, zu erkennen.

Die Erfüllung dieser Forderung liegt auf dem Gebiet des Kampfes, den die Arbeiterklasse zur Erringung der politisch und wirtschaftlichen Macht führt.

Der Krieg ist nichts als organisirte Barbarei, eine Erbschaft aus dem Zustand der Wildheit, welcher durch wohl ausgedachte Einrichtungen verkleidet und ausgeschmückt wurde, wie nicht weniger durch trügerische Beredsamkeit.

Ludwig, König bon Holland.

Ein Bund der europäischen Nationen muß durch Vertreter jedes Landes zusammengehalten werden, deren erster Ausspruch sein muß:Der Krieg wird für unmöglich erklärt. Die zweite Basis muß ein Gesetz sein, nach welchem alle Völkerstreitigkeiten durch den internationalen Kongreß geschlichtet werden. Auf diese Weise wird der Krieg diese Geißel und Schmach der Menschheit für immer ausgerottet werden.

General Garibaldi.

Wollte ein großer Staat nur die Hälfte seines Kriegsbrennholzes zum Bauholz des Friedens verbrauchen, wollte er nur halb so viel Kosten aufwenden, um Menschen, als um Unmenschen heranzubilden, und halb so viel zu entwickeln als zu verwickeln, ständen die Völker ganz anders und stärker da.

Jean Paul Friedrich Richter

Humoristisches.

Im Eifer. Vorsitzender(die Versammlung schließend): Seien wir einig, meine Herren, wie uns der Herr Vor⸗ redner soeben ermuntert hat, denn wenn wir einig sind, bilden wir eine Macht, gegen welche selbst die Götter vergeblich kämpfen!

Eingefroren. Wenn ich so seh' die Thaten Von unsern Diplomaten, Wie ihnen die Chinesen Stets über sind gewesen, Die Russen auch, die schlauen, Sie übers Ohr gehauen, Da glaub' ich's unbeschworen: Ihr Witz ist eingefroren!

Hunnenbriefe.Vollblut⸗Agarier(beim Fest⸗ essenh: Ich frage Sie, meine Herren, was thut das niedere Volk mit der Bildung? Wie konnte ein so ver⸗ nünftiger Mann wie Friedrich Wilhelm I. auf die Idee kommen, Volksschulen zu gründen? Jetzt haben wir die Bescheerung; jedes Kameel schreibt Briefe.

(Simpl)

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Marburg Samstag, den 19. Januar, Abends 9 Uhr:

Oeffentliche Varteiversammlung

im Lokale des Herrn D. Jesberg Wehrdaerweg.

Tagesordnung: 1. Komunal⸗Angelegen⸗ heiten. Referent: Stadtverord. E. Krumm, Gießen; 2. Verschiedenes. 5 Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert

zahlreiches Erscheinen.

Der Vertrauensmann.

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Johannes Hecker.

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