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Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 19.
Er kritisierte zunächst den Inhalt der Mai⸗ festzeitung, bestreitet, daß es richtig sei, wenn diese von der sozialistengesetzlichen Zeit sagte: „aller Idealismus erstarb in wüstem Interessen⸗ hasse. Bereichert euch, war die Losung. Ser⸗ vilität, Byzantinismus, Muckerei begann ver⸗ heerend zu grassieren. Um des Geschäfts willen war man zu jedem Verrat bereit, log und betrog man. Das wiberlichste Strebertum wurde zum Geiste dieser Zeit.“ Stimmt das ewa nicht? Wir meinen, des alles trifft auch heute noch auf das Bürgertum zu. Man braucht nur die Augen aufzuthun, um zu sehen.
Dann wird den Sozialisten gesagt, daß sie den Mund zu voll nehmen, wenn sie von der Weltmacht des internatonalen Sozialismus reden. Diese Weltmacht habe noch nicht den kleinsten noch größten Krieg verhindern können. Zunächst ist das wohl etwas viel von der Sozialdemokratie verlangt; sie hat die poli⸗ tische Macht noch nicht erobert; sind wir so⸗ weit, so wird es keine Kriege mehr geben. Uebrigens sind wir der Meinung, daß im Hin⸗ blick auf die Sozialdemokratie vielleicht schon oft internationale Konflikte unterblieben, weil die Machthaber den heftigsten Protest der Massen gegen den Massen word fürchteten.— Wenn es dann von ihr weiter heißt:„Heute aber existiert neben ihr noch eine Anzahl recht kräftiger und zukunftsfreudiger, auch siegeszuversichtlicher Parteien, und wenn eine Partei von ihren letzten Idealen Erhebliches resigniert dahinge⸗ geben hat, so ist es die Sozialdemokratie, die auf ihren erträumten Idealstaat heute längst weise Verzicht geleistet hat“, so kann man sich nur schwer eines Lächelns erwehren. Wo sind denn die„zukunftsfreudigen“ Parteien? Sind es etwa die Junker?„Siegeszuversichtlich“ mögen die allerdings sein und sie haben leider alle Ursache dazu. Keine der bürgerlichen Parteien vettritt aber höhere Menschheitsideale, nicht die Juteressen der Gesamtheit, sondern ihte eigenen.
Das Amtsblatt stellt weiter noch ganz merkwürdige und total falsche Behauptungen über die Maifeier auf. Diese sei heute, so orakelt es, eine ganz andere,„als sie die Führer der Soztalisten vor 12 Jahren erträumt hätten.“ Die Maifeiern seien„friedliche Volksfeste geworden“, Konflikte wären unterblieben, die Forderung der Arbeitsruhe werde „mehr in den Hintergrund gedrängt“. Soviel Worte, soviel Unwahrheiten. Zunächst dachte vor 12 Jahrn überhaupt noch niemand an die Maifeier. Und vor 11 Jahren, bei der ersten, „erträumten“ die Führer sich nicht nur keine Wunderdinge von dieser internatinalen Demon— stration, eine ganze Anzahl war sogar dagegen. Aber mit jedem Jahre ist die Kundgebung machtooller und imposanter geworden, ihre agttarorische Kraft ist gar nicht zu bestreiten. Etwas anders als friedliche Volksfeste sollten die Malfeiern nie sein; Konflikte hervorzu⸗ rufen hat die Sozialdemokratie stefs den Polizeispitzeln überlassen. Angesichts der Thatsache, daß die Zahl der am 1. Mai Feiernden jedes Jahr zunimmt, ist die Be⸗ hauptung des G. A., Arbeitsruhe werde weniger geübt und kaum noch gefordert, geradezu lächerlich. Daß viele Arbeiter nicht feiern können, weil sie sonst ihre Existenz gefährden, sollte schließlich auch dem G. A. bekannt sein. Feigheit, Knechtseligkeit, übertriebenes Pflicht⸗ gefuͤhl mag bei einem anderen Teil die Ursache
der Nichtesustellung der Arbeit am 1. Mai sein.
Daraus erklärt sich leicht, daß die Arbeitsruhe iu manchen Gegenden noch nicht in größerem Um⸗ fange eintrat.„Offenkundiger Vertragsbruch“ soll es nach dem„Anz.“ sein, wenn sich der Arbeiter mitten in der Woche einen Feiertag erlaubt. Daun wäre es auch Vertragsbruch, wenn ein katholischer Arbeiter seinen Feiertag hält, der nicht allgemein gefeiert wird. Und wie oft zwingt der Unternehmer seinen Ausbeutungs⸗ objeklen Feiertage auf! Ueber den„Vertrags— bruch“ schlafen wir ruhig, keine Bedenken tragend, thu Arbeitern anzuralen.
Nein, die Sozialdemokratie hat von ihren Ztelen noch nicht ein Jota aufgegeben. Sie verfolgt noch immer ihr altes, programmatisch
festgelegtes, revolutionäres Ziel: Die Umwandlung der kapitalistischen Pro⸗ duktion in gesellschaftliche. Dies wird sie auch nie aus den Augen verlieren.
Von Nah und fern.
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Gießener Angelegenheiten.
— Das Maifest im Walde am vorigen Sonntag war vom Wetter außerordentlich be— günstigt und stärker besucht als in früheren Jahren. Es mögen wohl 1000— 1200 Personen auf dem Festplatze gewesen sein. In Bezug auf das Wetter trat thatsächlich das berühmte „Schweineglück der Sozialdemokratie“ iu Er⸗ scheinung; schon der Montag brachte Regen⸗ wetter, das, wenn es am Sonntag eingetreten wäre, das Waldfest unmöglich gemacht hätte. Die Festrede des Genossen Krumm fand allge— meinen Beifall. Jung und Alt vergnügte sich bis zum Eintritt der Dunkelheit durch Spiel und Tanz. Gegen ½9 Uhr wurde der Heim- marsch angetreten. Am Bahnübergange mußten die Heimkehrenden längere Zeit warten, weil der zu erwartende Eisenbahnzug etwas länger als gewöhnlich ausblieb. Deshalb glaubten einige, der betr. Bahnwärter habe absichtlich die Barrière früher geschlossen und machten ihm Vorhalte. Der Mann war aber durchaus im Rechte; sein Verhalten muß als taktvoll und vorsichtig anerkannt werden.— Auch in den übrigen Orten, die ihre Maifeier am Sonntag abhielten, erfreuten sich die Veranstaltungen eines guten Besuches. Ju Altenbuseck sprach Genosse Beckmann unter großem Beifalle. Für Trohe und Daubringen war es leider nicht möglich gewesen, einen Redner zu bekom⸗ men, trotzdem sich der Vertrauensmann um einen solchen nach Frankfurt gewandt hatte. Das ist immer sehr fatal, manchmal aber auch nicht zu ändern. Solche Vorkommnisse sollten elnzelne Genossen kleinerer Otte veranlassen, sich ihre weitere Ausbildung angelegen sein zu lassen, damit sie gelegentlich einspringen können. — Recht gut war auch die Feier in Watzen⸗ boru⸗Steinberg besucht. Die Ausführungen des Genossen Vetters wurden beifällig auf— genommen.
— Ausflüge. Am Donnerstag, 16. Mai (Himmelfahrtstag), unternehmen die Mitglieder des Wahlvereins einen Ausflug nach Leihgestern. Treffpunkt an der Aktienbrauerei morgens 7 Uhr. — Der Schneiderverband(Filiale Gießen) beabsichtigt am zweiten Pfingstfetertage vormittags die Wetzlarer Kollegen zu besuchen.
— Gewerbe⸗Gericht. Am Donnerstag wurde das Urteil in einem interessanten Falle verkündet, über den bereits im vorigen Termine verhandelt war. Ein Tagelöhner der Brauerei Deninnghoff hatte seine Kündigung erhalten. Gleich darauf erkrankte er jedoch und war eine Woche arbeitsunfähig. Er arbeitete
dann noch den Rest seiner 14 tägigen Kündigungs⸗
frist. Für die Zeit seiner Krankheit hatte er keinen Lohn erhalten. Unter Hinweis auf § 616 des Bürgerl. Gesetzbuches verlangt er den Lohn für die Woche seiner Krankheit ab— züglich des Krankengeldes in der Höhe von ca. Mk. 10.
Der erwähnte§ 616 lautet bekanntlich: „Der zur Dienstleistung Verpflichtete wird des Anspruchs auf die Vergütung nicht dadurch verlustig, daß er für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird. Er muß sich jedoch den Betrag anrechnen lassen, welcher ihm für die Zeit der Verhinderung aus einer auf Grund gesetzlicher Verpflichtung bestehenden Kranken- oder Unfallversicherung zukommt.“
Die Klage wurde abgewiesen; eine Woche sei in diesem Falle eine erhebliche Zeit.
— Durchgebrannt ist am vorigen Sams⸗ tag ein bei den Bahnhofsumbauten beschäftigter Schachtmeister. Er nahm den 14tägigen Ar⸗
beitslohn für 40 Mann 1250 Mk. mit.
— Antisemitisches⸗Liberales. Der hiesige Kaufmännische Verein hat in seiner letzten Generalversammlung beschlossen, dem antisemitischen Handlungsgehülfen⸗Verband seine Räume im Kaufmännischen Vereinshaus ferner nicht zur Verfügung zu stellen. Unser Ge nosse Krumm sprach und stimmte in genannter Versammlung gegen den Ausschluß, den er unklug und thöricht nannte. Wie recht Krumm hatte, geht aus der Reklame hervor, die die Märtyrer machen. Das Offenbacher Antisemitenblatt beschäftiat sich schon in zwei Nummern mit der welterschütternden Be— gebenheit und auf diese Art ist die sonst in weitesten Kreisen unbekannte Sektion Gießen obengenannten Verbandes berühmt geworden und die treu⸗teutschen Seelen im ganzen Lande schwelgen in Entrüstung ob solchen Frevels. — In besouders boshafter Weise beschäftigt sich die„Volkswacht“ mit dem Gießener Sta dt⸗ vordneten Herrn Emil Schmall. Herr Schmall hätte sich in dieser Versammlung besonders ener gisch gegen die antisemitischen Bestrebungen der Handlungsgehülfen gewandt. Darob schreibt das Antisemitenblatt entrüstet:„Wir wundern uns, daß der Stadtverordnete Schmall besonders als eifriger Verteidiger seiner jüdischen Mit⸗ bürger namhaft gemacht ist. Wir erinnern uns einer Zeit, da der betreffende Herr in einer Versammlung in Rodheim a. d. Bieber ein dreifaches Hoch auf zwei antisemitische Reichstagsabgeordnete ausgebracht, daß er am anderen Tag sich zum Frühschoppen im antisemitischen Lager, bei unserem Freund Luft eingefunden hat und in Berlin deu beiden obenerwähnten antisemitischen Reichstagsabgrordneten auf Schritt und Tritt gefolgt ist. Damals war allerdings der Gel d— beutel in Gefahr, denn der betreffende Herr ist Zigarrenfabrikant und damals lag die Tabak⸗ steuer in der Luft. So sieht ein freisinniger Charakterkopf aus!“ Da das Autisemiten⸗ Organ immer im siegreichen Krieg mit der Wahrheit lebte, nehmen wir auch in diesem Falle an, daß es aus süßer alter Gewohnheit fluukert, sollte es aber einmal ausnahmsweise etwas Wahres geschrieben haben; dann wäre allerdings das Auftreten des Herrn Schmall gegen die Handlungsgehülfen mindestens als „wunderbar“ zu bezeichnen.
Lollar.
Eine Versammlung des Sozialdemo⸗ kratischen Wahlvereins findet am Sonn⸗ tag, den 12. Mat, vormittags ½11 Uhr im Lokale von Schupp statt.— Ferner ist auf Dienstag den 14. Mai, abends ¼9 Uhr eine Metallarbeiterversammlung in das Lokal von Weinrich 1 8 Zahlreiches Erscheinen ist in beiden Versammlungen not- wendig.
in der Höhe von
Friedberg.
l. Die Maffeier in Steinhäusers Garten war von mehr als 600 Personen besucht und nahm einen prächtigen Verlauf. Genosse Busold hielt die Festrede und erntete lebhaften Beifall. Ebeuso gefielen die von Genosse Stenzel ge⸗ stellten„lebenden Bilder“ sowie auch die Pyramiden des Athletenklubs„Germania“. Die Festteilnehmer vergnügten sich bis spät nachts durch Musik und Tanz; nicht die ge⸗ ringste Störung kam vor.
Ein Gegenstück zu dem gutverlaufenen Maifeste bildet die Turufahrt der Friedberger Turner, die sie im Verein mit ihren Nauheimer Turnbrüdern nach Cransberg unternahmen. Vielleicht wollten sie ihre Mitglieder von der Beteiligung an der Maiseier abhalten? Genug, es kam bei der Abfahrt von dort zu einer Schlägerei. Eiuer der Leiter des hiesigen Vereins wurde zwecks vorläufiger Feststellung seiner Personalien verhaftet.— Auch bei einer am gleichen Tage im Saalbau abgehaltenen Tanzmusik prügelte mau sich schließlich.
In Rodheim bei Friedberg war die Mal⸗ feier ebenfalls stark besucht. Nach der Festrede,
die hier Genosse Repp hielt und die begeisterten
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