Ausgabe 
10.11.1901
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Stadtverordneten gewählt; das ist eine sehr lange Zeit und es kann dem städtischen Gemein⸗ wesen ein großer Schaden zugefügt werden, wenn Leute in die Stadtverordneten⸗Versamm⸗ lung kommen, welche das Interesse der Ge⸗ samtheit dem einiger Gewerbtreibenden und Cliquen nachzustellen geneigt sind. Bedeutende Ausgaben sind in den letzten Jahren für Dinge gemacht worden, die keinem einzigen Einwohner etwas nützen, während höchst notwendige Einrichtungen lange zurückgestellt werden oder ganz liegen bleiben. Wie notwendig wäre der Bau eines Krankenhauses! Dafür ist aber kein Geld da, für die alte Ruine am Brand werden aber Hunderttansend und noch mehr Mark verpulvert! In der Volksschule werden noch immer viel zu viel Kinder in einer Klasse zusammengepfercht, so daß die Schul⸗ bildung der Arbeiterkinder zurückbleibt. Und gerade durch ungenügende Schulbildung der Arbeiterschaft wird deren Knechtung möglich und verewigt! Fehle deshalb kein Ange⸗ höriger des werkthätigen Volkes an der Wahl⸗ urne! Veranlasse auch jeder Parteigenosse seine Freunde, Bekannten, Nachbarn zur Abgabe des sozialdem. Stimmzettels! Am Wahltag tüchtig zu arbeiten ist Ehrenpflicht jedes Genossen, wer nur irgend Zeit hat, stelle sich zur Flugblatt⸗ verteilung am Sonntag bei dem Komitee in der Wirtschaft Orbig zur Verfügung. Im Uebrigen verweisen wir noch auf das Inserat unseres Komitees in heutiger Nummer. L Am Samstag Abend fand imMainzer Hof, Grünbergerstraße, eine gut besuchte Bs⸗ zirksversammlung statt, in welcher Gen. Krumm über die bevorstehenden Stadtverord netenwahlen sprach. Er zeigte an verschiedenen Beispielen, wie notwendig eine stärkere Ver⸗ tretung der Arbeiter und Minderbemittelten im Stadtrat sei. Für nutzlose Dinge würden ganz bedeutende Summen bewilligt; der Umbau des alten Rathauses koste 22000 Mk., die Renovation der alten Ruine am Brand komme sicher auf 100 000 Mk., für das Kriegerdenkmal find mehr als 15000 Mk. ausgegeben worden, außerdem koste das dabei benötigte Wasser jährlich 600 Mk. Zu allen diesen Dingen, die oft genug von ein⸗ zelnen sich vordrängenden Leutenangeregt würden, müsse eben auch die große Masse der kleinen Steuerzahler beisteuern, obwohl diese Aufwendungen keinesfalls im Interesse der Gesamtheit liegen. Dagegen versucht man Ein⸗ nahmeqüellen der Stadt zu verstopfen. Eine Handvoll Installateure wollen, daß die Stadt die Gas⸗ und Wasserinstallation aufgebe, was für das Gemeinwesen einen Schaden von jähr⸗ lich 16000 Mk. bedeute. Jene zünftlerischen Cliquen sind immer bei der Hand, wenn es gilt, sich auf Kosten der Stadt Vorteile zuzu⸗ schanzen. Auch die biederen Bäckermeister suchten ihren Vorteil und wollten der Stadt bei ihrem starken Brotbedarf den seitherigen Rabatt nicht mehr gewährea. Das sei glücklich abgeschlagen worden, aber eine Anzahl bürgerlicher Stadt⸗ verordneter habe die Bäckermeister unterstützt. Deshalb sei die Wahl solcher Männer notwendig, welche nicht Privatinteressen vertreten, sondern das Wohl der Stadt, der Gesamtheit im Auge behalten. An die Ausführungen Krumms schloß sich eine angeregte Diskusston. Im Laufe der⸗ selben wurde betont, daß von Seiten der Bürger⸗ lichen, aber leider auch mancher Arbeiter ver⸗ ächtlich von denGesellen und Arbeitern ge⸗ sprochen würde, die als Kandidaten unserer Partei aufgestellt siud. Daß sei einfach albern. Was die meisten der jetzigen Stadtväter leisteten, könne ein jeder unserer Kandidaten auch, diese wären sogar den Bürgerlichen in Bezug auf allgemeine Kenntnisse über, sicher hätten sie aber mehr Einsicht in die wirtschaftlichen Verhältnisse. Eine größere Zahl Vertreter der minderbe⸗ mittelten Einwohner in der Stadtverordneten⸗ versammlung sei ein Gebot der Notwendigkeit. Mit dem Versprechen in diesem Sinne zu wirken, trennten sich die Versammlungsteilnehmer. Diesen Samstag findet eine Bezirksversammlung in der Wirtschaft Dörfflein, Rodheimerstraße, für den Stadtbezirk rechts der Lahn statt. Zeitgemäße Mahnung. Ein Ge⸗ nosse schreibt uns: Leider giebt es auch noch

unter denjenigen Arbeitern und kleinen Leuten,

die sich als zu unserer Partei gehörig betrachten, eine große Anzahl solcher, die aus Gleichgültig⸗ keit oder Saumseligkeit von ihrem Wahlrechte keinen Gebrauch machen und z. B. die Stadt⸗ verordnetenwahlen nicht für wichtig genug halten, sich deshalb zu bemühen. Denen rufe ich die poetische Mahnung zu, mit der Friedrich Stolze bei der ersten Wahl zum Reichstage des nord⸗ deutschen Bundes die Frankfurter anfeuerte:

Wählt, Berjer, wählt,

Ihr wißt ja, was uns fehlt.

Wählt mer nor kää Schleppeträger,

Wetterfahne, Stellejäger!

Liwerante, Brockeschnapper,

Stimmvieh, Ja Herrn, Hosehapper!

Juwelgreis, Philisterzöpp,

Haasefüß un Wasserköpp!

Männer ohne Forcht un Schreck,

Die net lääfe gleich eweck,

Wann derrsch donnert, blitzt um klervt

Un die Sach gefehrlich werd,

Die sich wehr'n for unser Stadt,

Herzhaft, wann se's nethig hat!

DerGieß. Anz. jubelt über die Niederlage unserer Offenbacher Genossen bei den⸗ Stadtveroꝛd⸗ netenwahlen und empfiehlt dem Gießener Bürgertum das Vorgehen des Offenbacher Mischmaschs als Muster. Das Amtsblatt will also, daß die zahlreichen Arbeiter und kleinen Steuerzahler in der Stadtverordnetenver⸗ sammlung keins Vertreter und somit kein Mecht

hineinzureden. Und gerade in Offenbach bestunden unter der nationalliberalen Herrschaft skandalöse Zustände!

Rezitation. Zu der Rezitation des Schau⸗ spieilsBartel Turaser, die Herre Schauspielen Walkott

Mit gewohnter Meistarschaft entledigte sich der Rezitator seiner Aufgabe und ernzete lebhaften Beifall.

Macher notiz brachte derGieß. Anz. vorige Woche anläßlich der Beendigung des Nordhäuser Tabakarbeiterstreiks. Da wurde frischweg in Schweinburg⸗ Manier behauptet, die Sozial⸗ demokratie habe die Leutein den Streik gehetzt. Daß das ein plumper Schwindel ist, daß vielmehr die Fabrikanten es waren, die

recht der Arbeiter den Streik provozirten, muß auch demAnz. bekannt sein, wenn wir nicht irren, äußerte er sich el bst mehrmals in Riesem Sinne. Das Blatt sollte sich dach ein wenig genieren, solche von Schweinburgs Lüge fabrik: ausgehende Erbärmlichkeiten unbesehen aufzu⸗ nehmen.

aus dem Nreise griedberg-Püdir gen.

* Eine Vertranensmännerkonfereng des Wahlkreises Friedbeng⸗ Büdingen tagte am Sonntag in Rodheim u d. K. Zweck derselben War die Besprechung über die. Kandidatenfrage. Das einleitende Referat hatte Genosse Repp⸗ Friedberg übe nommen. Er gab, zunächst einen kurzen Rüccblick üben die Le⸗ wegung im Kreise, wie dizfelbe durch intensive Arbeit der Genossen in un Stadium getreten ist, wo wir ernsllich mid der Eroberung des Kreises zu rechnen haben, pas auch das Resaltat der 9 8er Wahl gezeigt habe. Trotzdem wir anerkennen müssen, dacz Genosse Prinz, unser seitheriger Kandidat, inmer, so, welt in seinen Kräften stand, seine Pflicht und Schuldigkeit gethan hat, könne doch die Thadsache nicht abge⸗ stritten werden, daß das Wahlresultan bei der letzten Wahl ein wein günstigenes gewesen. wäre, wenn Genosse Prinz auch seihst rednerisch hätte thätig sein können. Daß der Kandidat nicht im Kreise wohne, sei ebenfals ungünstig. Prinz Herde den Anforderungen, die der Kreis an ihn als Kandidat stellen wüsse, kaum entsprechen können, deshalb sei es besser, einen Genossen aus dem Kreise mit der Kandidatur zu betrauen. Man habe hier den Genossen Busold, der schon jahrelang im Kreise thätig sei, den man als tüchtigen und pflichttreuen Genossen kennt. Referent schlägt im Anftrage des Kreiswahl⸗ vereins Busold als Kandidaten vor. An der darauffolgenden Debatte beteiligten sich die Genossen Letsch⸗Vilbel, Knaf⸗Büdingen, Kühn⸗ FriedberWolff⸗Büdesheim, K. Armbrust⸗Vilbel, Lotschke⸗Schwalheim. Die Redner sprachen sich

alle im Sinne des Referenten aus.

haben sollen, mib in die kommunalen Angelegenheiten

Eine elende, schwindelhafteScharf⸗ Der Darwinismus im geäüstigen und⸗

durch den frechen Angriff auf das Vereinigungs⸗ 8 Schuhmachermeister in Wetzlon waren vorige Woche auf Einladung des Hendwerkskam mer⸗ sekretäns Herrn Heinzenbeng zusammmgee⸗ kommen, um über die Gründung einer Zwangs-

8

Busold

*

der Hochkonjunktur, lich fast unbemerkt an ihm vorübergehen. e aus Berlin am Donnerstag Abend gab⸗ hatte sich eine zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden, die- mit gespannter Aufmerzfamkeit dem Vortrage launschte.

sich mehr und nicht mit Zangsinnung, lingsbrief und ähnlichen schönen Dingen anzu⸗ AJämpfen ist.

braucht sich nicht noch

dankte für das Pertrauen, versprach mit allen Kräften für den Sieg unserer Sache wirken zu wollen und bat die Genossen um ihre Unter⸗ stützung. Die Konferenz war von 27 Dele⸗ girten aus 21 Orten besucht. Im Sykale Rullmann fand eine Volksversammlung statt, in welcher Busold über die Erhöhung der Lebens⸗ mittelzölle sprach.

In Düdels heim bei Büdingen findet diesen Sonntag eine Volks versammlung statt, in welcher Genosse Bufold⸗Friedberg über den Zolltarif sprechen wird.

J. Erhebungen über die Lage der Industrie stellt die Regierung zur Zeit am Dabei wurden über den Stand des Bauhand⸗ werks durch einen unserer Parteigenossen fol⸗ gende Zahlen ermittelt.

Zahl der bei Friedberger Bauhandwerkern beschäftigten Arheiter am:

1. Juli 1900 535 1. Oktsber 1900 667

1. fo 1901 286 Diese Zahlen reden eine fuochtbare Spraches, um so schlimmer, da die Lehrlinge, die doch, an Zahl fast gleich geblieben find, dabei mit⸗ gerechnet sind. Wenn man ihre Zahl mit 1005 annimmt, was nicht so hoch gegriffen ist, so⸗ ergiebt sich nach Abzug derselbem eine Abnahme:

von Arbeitern gegen das Vorjahr von 67 Proz.

Also ¼ aller Arbeiter ist entlassen worden. Wie mag es erst anderwärts stehen, da Fried⸗ berg doch im Rufe steht, daß sowohl die Zeiten als auch die Krisen gewöhn⸗

Aus dem Rreise Wegztar.

b. Vortrag. Im Saale zum Schützen garten in Wetzlar wird am Montag Abend Schriststeller Ztelowsky aus Frankfurt über:

sozialen Leben einen Vortrag halten. Für jeden unserer Genossen wird dern Vortrag, des, sind wir überzeugt, eine Fülle des Interessanten und Lehrreichen bieten und wir können den Besuch desselben nur empfehlen. Arrang ent: ist er von derLese⸗Bereinigung Wetzlar.

bh. Ein vernünftiger Baschluß. We

innung zu beraten und wie 8 der Einber nen wünschte, eine solche zu beschl ehen. Trotz allen Anstiengung vermochte der Herr Sekret an din

Jünger Hans Sachs nicht dan der Nütz lichten einer derartigen Einrichtung zu überzeugen Einstimmigkeit wurde die Cründung abgelehnt. Ganz mit Recht werden sich die Meistencgesagt

mit

haben, daß gegen die grade in diesem Bewerbe mehr ausbreitende Großinduzrie

Meistertitel, Lehr⸗

haben wir doch wohl der kleine Jandwerker Nuten zu birden. Daß er das aber mit Gründung von Inzungen thut, zeigte neulich der Fall. in Marberg, wo ein. Meister von der Innung mit 10 Mk. Strafe belegt wurde, weil er einen Gesellen ein⸗ gestellt harte, der Jahr vorben von einen andern Marburger Meister enlassen worden war. Uebrigens sind schon sehn miele Inn schwärmar bekehrt. worden; eat vorige Woche löste sich wieder Re Wagnen⸗Zwangsinzung in Nüxaberg auf,

h. Unter der schlechten Geschäfts⸗ konzanktur ladet ein großer Teil der Wetzlarer Arbeiter recht empfindlich. Von dem Unter⸗ nehmerthum geschieht auch nichts, die Wirkungen der Geschäften einigermaßen zu mildern. Wollspinnerei nur noch 3 Woche mit verkürzter Auf der Sophienhütte werden immerwähren Lohnabzüge gemacht, die bis zu 90 Pfg. pro Tag betragen. 0 ist größer als es von außen den Anschein hat; jedenfalls hätten der Reichstags ·

eblar alle Ursache, sich diese Je mal näher anzusehen und sich

Zwang ahnedies schan genug,

So wird in der Tage in der

abg. für stände ratung des Wuchertarifs

bei Be⸗ danach zu richten,

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Das Elend in Arbeiter- 1

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