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Mitteldeutsche SonntagsZeitung.
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Am Pathologischen Institut erwarteten die Angehörigen den Zug und der mit prächtigen Kranzen bedeckte Sarg wurde aufgenommen. Nun bewegte sich der Zug in fast elnstündigem Marsche durch Thonberg nach dem Friedhofe, ohne nennenswerte Störungen.
Die Straßen, durch welche der Zug sich bewegte, waren mit dichten Menschenmassen eingesäͤumt.
Am Grabe hielt der von dem Parteivorstand entsandte Abg. Pfaunkuch die Gedächtnisrede. Bei allem Schmerze über das frühe Hinschelden unseres Mitkaͤmpfers, dürfen wir uns nicht in Klagen ergehen, sagte der Reduer, sondern mit allen Kräften an der Verwirklichung seiner, unserer Ideale weiter arbeiten. Und im Kampfe dafür müssen wir uns Bruno Schönlank zum Muster nehmen. Wie jener große Vorkämpfer, den wir vor einem reichlichen Jahre begraben haben, so hat auch der, den wir soeben in die Gruft gesenkt haben, dem Proletariat den Weg gezeigt im Kampfe nach den höchsten Zielen. Hunderttausende folgten hinter Liebknechts Sarge und heute haben wir dasselbe erhebende und erschütternde Schauspiel, sehen wir Tausende sich vereinigen, ihrem Vorkämpfer und Waffen-
enossen die letzte Ehre am Grabe zu erweisen, hm den letzten Scheidegruß zu widmen. Weder ein Fürst, noch sonst ein Mächtiger kann sich solcher Auhäuglichkelt und Verehrung im Volke rühmen, wie dieser treue Bannerträger der Arbeiterbewegung. Hierauf ertönte der ergrei— fende Gesaug:„Still ruht ein Herz“, dem das von einem Musikchor intonterte Lied:„Ein Sohn des Volkes“ folgte. Damit hatte die Trauer— feter ihr Ende erreicht.
Das Verhalten der Polizei verdient Aner— kennung. Das von dem Komitee der Leipziger Genossen eingereichte Programm war ohne Ein— wand genehmigt worden, was in Sachsen viel bedeuten will.
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Durch den Tod Schoͤnlanks ist der Reichstagswahl kreis Breslau-West verwalst. Im Jahre 1898 wurde dort unser Genosse mit 14896 Stimmen im ersten Wahlgange gewählt. Die gesamten Gegner erhielten 12948. Von bürgerlichen Blättern wurden bereits Angaben über Schönlanks mutmaßlichen Nachfolger ge— macht und die Namen Bernsteln und Dr. Kar! Liebknecht genannt. Das ist natürlich müßiges Gerede. Dle Entscheidung darüber steht bei den Bres— lauer Pakteigenossen und diese haben sich mit der Frage noch nicht befaßt. Von Seiten des Parteivor— standes werden bei solchen Angelegenheiten nie Vor⸗ schläge gemacht, sondern die Aufstellung der Kandidaturen wird stets den einzelnen Kreisen überlassen.
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Politische Rundschau.
Gießen, den 7. November.
Ueber die Wirkung der Viehzölle,
wie sie nach dem neuen Zolltarif in Ansatz kommen, äußerte sich auf dem ostpreußischen Bezirkstag des deutschen Fleischerverbandes in Königsberg der Obermeister Keitel folgender- maßen:
Bei dem Tarifsatz für Schlachtvieh von Mk. 12 pro Doppelzeutner Lebendgewicht werde der Zollsatz für ein Stück Vieh im Gewicht von 7 Doppelzeutner Mk. 84 betragen, bei den großen böhmischen Ochsen, welche nach Süd- deutschland, Sachsen, Rheinprovinz und ver- einzelt nach Berlin auf den Markt gebracht werden, und die ein Gewicht von 10—12 Dop⸗ pelzentner aufwelsen, würde der Zollsatz Mk. 120-144 für das Stück betragen. Da ein Doppelzentuer Lebendgewicht gleich einem einfachen Zentner Schlachtgewicht ist, so macht ein Zollsatz von Mk. 12 pro Doppelzeutner Lebendgewicht 12 Pfennig auf das Pfund Schlachtgewicht aus. Das Schlachtgewicht aber sei noch lange nicht das Fleischgewicht. Jeder Laie müsse erkennen, daß bei einem Tfere, das im Ganzen gewogen wird, eine Anzahl von Teilen vorhanden sei, die fast gar keinen Wert haben und auf die deshalb auch ein Zoll nicht gelegt werden dürse, z. B. Knochen, Beine, Halsteile, Sehnen, Abfaͤlle, Flanken, Fett usw. So gehen vom Schlachtgewicht, wenig gerechnet,
weitere 20 vom Hundert ab, so daß sich der Zoll auf die voll verwertbaren Teile don 12 Pfennig auf 15 Pfennig, und bei den minder gut genährten Tieren auf 20 Pfg. das Pfund stellt.
Das Schweinefleisch wird nach der Rechnung des Herrn Keitel eine Preissteige⸗ rung von 20 bis 23 Pfennige erfahren. Sein Urteil über die Vieh- und Fleischzölle faßte der Obermeister dahin zusammen, daß die Aussichten für die Konsumenten traurkge selen und daß das Fleischergewerbe mit Schrecken der Zukunft eutgegensehe.— Schon jetzt genießt man Fleisch in Hunderttausenden von Arbester— famillen nur als Leckerbissen. Nach Annahme der Wucherzölle müssen die Arbeiter zu unfrei— willigen Vegetarianern werden.
Auch ein Opfer des Hunnenzuges.
Wegen Beleidigung des Generalkommandos und deutschen Truppen in China wurde der Redakteur des demokratischen Stuttgarter„Be— obachter“ vorige Woche zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Er hatte an dem Rachezuge scharfe Kritik geübt, beisplelsweise anläßlich der Hinrichtung des Mörders des Gesandten Ketteler geschrieben:„Diese Hin- richtung ist ganz und gar ungerechtfertigt und eine in der That schändliche Handlung! In der Note an die chinesische Regierung wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Er— mordung des deutschen Gesandten der Regierung zur Last falle und auf Befehl höherer Offiziere ausgeführt worden sei. Jener Unteroffizier ist also nicht der Mörder Kettelers, sondern einfach Vollstrecker eines Befehls seiner Oberen! Hätte er diesem Befehl nicht Folge geleistet, so wäre er wohl gar von seinem Vorgesetzten getötet worden! Und diesen Mann, der also nur seine Pflicht gethan und der in Deutschland ja so berühmten blinden Disziplin gehorcht hat, will man zum Sühnopfer für das vergossene Blut hinschlachten. Das ist kein Recht, sondern ganz ufame Willkür“ usw. Und in einem Neujahrs— Artikel hatte er in Bezug auf den Chinazug
gesagt:„Der Zug, der zur Befreiung der Gesandtschaften unternommen wurde, hat sich
in den schlimmsten Raubzug und Rachezug ver⸗ wandelt, den die Erde je gesehen hat.“ Unter den Zeugen befand sich auch der Kommandeur der Chinatruppen Generallieutnaut v. Lessel. Dieser sagte unter anderen aus, die a st x o⸗ nomischen Instrumente der Pekinger Sternwarte seien als Kriegsbeute weggeführt, wie mau eben im feindlichen Lande öffent— liches Eigenthum zur Deckung der Kriegskosten beschlagnahmt.
Der Kopf des Chinesen.
Die anfänglich offiziell abgeleugnete Geschichte, daß der Kopf des angeblichen Mörders des Gesandten v. Ketteler nach Deutschland gebracht worden sei, hat sich nun doch als wahr her⸗ ausgestelt. Der Staatssekretär des Ma⸗ rineamts erklärte in einem Schreiben an die „Münch. Neuesten Nachr.“, daß der Kopf von einem Arzt privatim zu eigenen wissenschaft⸗ lichen Zwecken und in der Absicht mitgebracht worden sei, ihn dem pathologischen In⸗ stitut zu übergeben.— Der Wissenschaft wird mit dem Kopfe wohl nicht viel gedient sein. Man wird trotz der Erklärung zu dem Glauben neigen, daß der Schädel als„Trophäe“ mit- geschleppt wurde, etwa so, wie ein Indianer die Skalps seiner Feinde an den Gürtel hängt. Für eine Kulturnatlon sieht das nicht häbsch aus.
Eine Mustervolksvertretung.
Die Erste Kammer des sächsischen Landtags besteht aus drei Prinzen, zehn Grafen, neun Rittergutsbesitzern, zwei Freiherrn, fünf Kammerherrn, drei hohen geistlichen Würden— trägern, einem Domherrn, einem Professor, drei Kommerzienräten, einem Geheimrat, steben Oberbürgermeistern, zwei Bürgermeistern, einem Minister a. D., einem Ministerialdirektor. Unter diesen 49„Volksvertretern“ sind einschließ⸗ lich der drei Prinzen 25 adelige und 29 sind Großgrundbesitzer. Eine nette„Volks“ver⸗
tretung! Danach kann man sich einen Begrif davon machen, welche Anschauungen die Tho keit eines solchen Parlaments beherrschen. Un in den andern deutschen Bundesstaaten sieht's nicht besser aus. 3
Wudtegenaee in Pforzheim in
Baden.* 10 0 Genosse Opifieius in Pforzheim hat sein
Mandat als Landtagsabgeordneter für Pforzheim Stadt niedergelegt, da die Nebsstonsverhandlun in seinem Prozesse erst im Februar stattfindch 9
des Betrugs steht, sein Mandat ausüben, ander⸗ seits aber auch Pforzheim nicht unvertreten 11 05 will. An seiner Stelle kandidirt Genosse
u m. Wahlmännerkolleglum zu wählen hat.
Abgesägter Zentrums ⸗Kandidat.
Zur Reichstagsersatzwahl in Wiesbaden 1 N
hatten die Zentrumsleute erst den Theologen Wedewer in Wiesbaden aufgestellt. Infolge von Intriguen in der eigenen Partei trat der⸗ selbe aber wieder zurück oder wurde zurück⸗
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getreten und nun kandidiert Kaufmann Fuchs⸗
Köln für das Zentrum. Sozialdemokratischer Wahlsieg.
Bel den Stadtverordnetenwahlen in Berlin errangen unsere Genossen in der dritten Klasse einen entscheidenden Sieg. In dieser Klasse
waren 16 Mandate zu erneuern, von welchen 1
dreizehn der Sozialdemokratie zufielen. Bravo!
Arbeitgeber als Steuerschnüffler.
Der Arbeitgeberverein in Harburg faßte einen Beschluß dahingehend, dem Ersuchen der Steuervoreinschätzungskommission zu entsprechen und ihr regelmäßig das Jahreseinkommen der Arbeiter mitzuteilen,„weil notorisch fest stehe, daß sich vielfach gutgestellte Ar beiter zum Schaden der Allgemeinheit gänzlich um die Steuerzahlung Nb drückten.“— Dabei hat die Voreinschätzungs⸗ kommission in Preußen gar nicht das Recht, vom Arbeitgeber Auskunft zu verlangen, dlese sind also nicht verpflichtet, derartige Aufforde⸗ rungen zu beantworten. Wie es scheint, efallen sich die Harburger aber in der Rolle des Denun⸗ zianten. Aber in ihren Kreisen fänden doch die frelwilligen Spitzel viel mehr Bethätigung; erst im vorigen Jahre wurde eine recht lange Liste publiziert, worauf zahlreiche patrtotische Unternehmer figurierten, welche den Staat um größere Summen geprellt, als das Einkommen eines Arbeiters in seinem dae. g Leben betraͤgt. Die jämmerliche Spitze gesell⸗ schaft in Harburg sollte also erst vor der eigenen Thüre kehren. d
Polizei- Ansichten über Arbeits losen⸗ Fürsorge.
Das Stadtverordneten Kollegium in Dres- den hatte sich mit der Frage der Errichtung öffentlicher Waͤrmehallen zu befussen. Dazu lag ein Gutachten des dortigen Polizeiprästdenten vor, das sich gegen die Errichtung solcher Unterkunftsräume ausspricht. Das als geheim bezeichnete Schriftstück läßt so recht erkennen, welches geringe Verständuis ein hoher Beamter von der durch Arbeitslosigkeit ergesse enen Notlage zahlreicher Arbeiter hat; es ist di ert vom engherzigsten Polizeigeist. 5
Die Arbeitsscheuen würden durch Errichtung von Waͤrmehallen vermehrt, sagt der Herr Polizelpräsident. Bel dem Mangel gewärmter Unterkunftsraume suchten auch solche Arbeitslose, welchen das Arbeiten aus Hang zum Müͤßigang schwer fällt, Beschäftigung zu erhalten. Ständen solchen Personen aber den ganzen Tag* gewärmte Aufenthaltsräume zur Verfügung, so en sie in kurzer Zeit das für die billige Kost in den Wärmehallen erforderliche Geld zusam mend etteln und sich die übrige Zeit in den Hallen her⸗ umtrel ben. Welter würden diese Wärmehallen nicht nur der Sammelpunkt schlechter Elemente aus Dresden, sondern auch derjenigen der nahen und welteren Um. debung werden. Die Bürgerschaft Dresdens die dazu die Kosten trage, in erhöhtem Maße belästigt werden.
werde also durch die Wärmen Gewiß sel
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