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Nr,. 45.
Gießen, Sonntag, den 10. November 1901.
8. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Zum internationalen Boykott der englischen Handelsschiffe.
Der von den Amsterda mer Hafenarbeitern ausgehende Plan, zu Gunsten der Buren einen internationalen Boykott gegen die eng⸗ lischen Schiffe zu verhängen, begegnet sympa⸗ thischer Aufnahme. Nicht nur haben sich die Dockarbeiter zahlreicher Hafenstädte mit dem Vorschlag einverstanden erklärt, auch sonst wird in den Kreisen aller Derjenigen, welche der Schlächterei in Südafrika ein Ende gemacht wissen wollen, das opferwillige Vorgehen der Arbeiter anerkannt. Auch der Präsident der internationalen Arbeiterföderation in London ließ den Amsterdamer Komitee seine Sympathie mit dem Boykottplane aussprechen und sicherte das Einverständnis der Föderation zu, sobald die Arbeiter der bedeutenderen europäischen Häfen zum Handeln bereit seien. Daß ein allgemeiner, streng durchgeführter Boykott der englischen Handelsschiffe England einen empfindlichen Schaden zufügen würde, darüber kann kein Zweifel sein. Der Beschluß der Amsterdamer Dockarbeiter hat denn auch in der Oeffentlichkeit einen gewaltigen Eindruck gemacht.
Ob aber eine derartige Sperre in finanzieller und organisatorischer Beziehung durchgeführt werden kann, ist eine andere Frage, die der Vorsitzende des deutschen Seemanns⸗Verbandes, Paul Müller, in einem im„Vorwärts“ erschienenen Artikel verneint. Er bezeichnet den Boykott als eine Utopie und erachtet es überhaupt als unzulässig, daß ein bestimmter Industrie⸗ oder Erwerbszweig eines Landes für die politischen Verbrechen einer Landes⸗ regierung bluten soll und ist im übrigen von der Unmöglichkeit seiner auch nur relativen Ausführung überzeugt. Seine Ausführung, wird behauptet, wäre nur im internationalen Rahmen möglich, denn eine Sperrung der eng⸗ lischen Schiffe in nur holländischen Häfen würde zwecklos sein, indem dann englische Schiffe ein⸗ sach in deutsche, französische, belgische ꝛc. Häfen anlaufen, dort ihre Ladungen entlöschen und diese entlöschten Waren dann per Bahn den Weg nach Holland wandern lassen würde und umgekehrt. Vorbedingung für die wirksame Durchführung einer derartigen Aktion ist aber elne stramme und auch leistungsfähige Organisation. Aber gerade in Bezug auf diese Frage hapert es in fast allen Schiffahrt treibenden Nationen, speziell in Holland, unter den Hafenarbeitern, Seeleuten ꝛc. sehr. Höchstens 1015 Prozent der im Betriebe beschäftigten Arbeiter sind der gewerkschaftlichen Disziplin unterworfen. Und mit den Barmitteln ist es in den meisten Nationen auch sehr traurig be⸗ stellt. In Dentschland hat überdies die Krise die Folge gehabt, daß Tausende von Hafen⸗ arbeitern und Seeleuten bereits seit Wochen arbeitslos auf der Landstraße umherirren.
Wie aber stellen sich die englischen Ar⸗ beiter selbst zu dem Plan, der ohne deren Mit⸗ thun undurchführbar ist? Anzunehmen ist aus naheliegenden Gründen, daß die englischen Arbeiter sich nicht solidarisch erklären werden, es ist vielmehr damit zu rechnen, daß sie den eng⸗ lischen Rhedern im Abwehrkampf hilfreich zur
Seite stehen werden. Die Vernichtung des englischen Handels und der Schiffahrt bedeutet die Vernichtung ihrer eigenen Existenz! Sie werden sich ohne weiteres in den verschiedenen Hafenorten des Kontinents stationieren lassen, um so den englischen Handel uod Verkehr not⸗ dürftig aufrecht zu erhalten, was ihnen bei der augenblicklichen und aller Voraussicht nach an⸗ haltenden Flaue im Schiffahrtsbetrieb aller Nationen nicht allzu schwer fallen dürfte. Der Artikel Müllers widerlegt noch die optimistische Auffassung, daß in diesem Kampf die Kapitalisten der Arbeiterorganisation keine Schwierigkeiten machen, im Gegenteil ihr Vorgehen unterstützen würden, mit dem Hinweis auf die inter na⸗ tionale Interessen⸗Gemeinschaft des Schiffahrtskapitals. Im Gegenteil würde eine gemeinschaftliche Wendung des gesamten Unternehmertums gegen die Arbeiterschaft zu erwarten sein. Der deutsche Verband kommt aus allen diesen Gründen zur Ableh⸗ nung des Vorschlags, als eines utopischen.
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Vertreter 36 politischer und gewerkschaftlicher Organisationen Amsterdams beschäf⸗ tigten sich vergangene Woche mit der Boykott⸗ frage. Nach lebhafter Debatte wurde eine Re⸗ solution angenommen, worin die Versammlung ihre Sympathie mit dem Plan der Transport- arbeiter kundgiebt, des weiteren aber der Wunsch ausgesprochen wird, daß die organisierten Ar⸗ beiter nicht nur mit dem Transvaalkrieg ein Ende machen, sondern dasselbe Mittel auch gegen andere Kriege, z. B. den Atjeh⸗Krieg (der Holländer gegen die Eingeborenen im Norden Sumatras) und den Krieg auf den Philippinen, in Anwendung bringen.
Der Wunsch, durch Sperren und Arbeits- einstellungen den Krieg überhaupt zu be⸗ kämpfen, ist nur logisch, so meint dazu der „Vorwärts“, aber er beweist zugleich das aus⸗ sichtslose der ganzen Bewegung. Wohin sollten die Arbeiter kommen, wenn sie bei jeder Gelegeu⸗ heit durch internationale Arbeitseinstellungen die Kriegsgelüste heute dieser, morgen jener Nation bekämpfen wollten. Die Idee des nationalen Generalstreiks ist noch ein engherzig⸗ prosaischer Gedanke gegenüber diesem Welt⸗ boykott mit beständig sich ändernder Frontlinie. So leicht ist leider die Macht des den Krieg stets neu zeugenden Kapitalismus nicht zu brechen.
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Tölpelhaft wie immer benehmen sich in dieser Frage die deutschen Antisemiteriche. Das Offenbacher Blattl des berühmten Hirschel er⸗ zählt seinen Lesern daß die Dockarbeiter ver⸗ schiedener Hafenstädte dem Boykott⸗Gedanken zustimmten. Daran schließt es folgendes Ge⸗ belfer:„Gegner sind nur die Handelskammern und infolgedessen auch die deutsche Sozial⸗ demokratie.“— Wenn die Sozialdemokratie je einen Streik moralisch unterstützte, bei dem es sich um noch so berechtigte Arbeiter ⸗Interessen und um deren heiligste Rechte handelte, wie wurde sie da auch von der antisemitischen Schaumschläger⸗Gesellschaft beschimpft! Da hieß es regelmäßig:„Die sozialdemokratischen Streik⸗ hetzer haben zufriedene Arbeiter aufgehetzt, die Familien dem Hunger und Elend preisgegeben!“
So und ähnlich lauteten da die Redensarten. Jetzt schimpft der antisemitische Rohrspatz wieder, weil die Sozialdemokratie die Frage des Boykotts objektiv prüft und vor übereilten Schritten warnt. Will er etwa die dann ihren Verdienst ver⸗ lierenden Arbeiter unterstützen? Die Kasse der Urteutschen dürfte dazu nicht ganz ausreichen.
Beerdigung Sruno Schönlanks.
Unter riesiger Beteiligung der Bevölkerung Leipzigs und Umgebung ist am Sonntag unser Genosse Dr. Schönlank begraben worden. Etwa 25—3 0000 Personen gingen in dem nach den Gewerkschaften in 54 Gruppen geord⸗ neten Leichenzuge. Rote Fahnen durften im Zuge nicht mitgeführt werden; auch mußten vor dem Eintritt in den Friedhof die roten Schleifen von den zahllosen Kränzen abge⸗ nommen werden. Bevor der Zug nach dem Friedhofe ging, wurde eine Trauerfeier in dem geschmückten und schwarz ausgeschlagenen Saale des„Pantheon“ abgehalten.
Nach Vortrag eines Liedes durch die Leip⸗ ziger parteigenössischen Gesangvereine feierte Genosse Grenz⸗Leipzig die Verdienste des Verstorbenen um die Bewegung in Leipzig und gab dem tiefen Schmerze Ausdruck, der ange⸗ sichts seines tragischen und harten Schicksals jedem Genossen erfülle. Grenz erzählte, daß Schönlank über die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes nicht im Zweifel gewesen sei. Als ihm seine Frau in den letzten Tagen besuchte und er sie in einem lichten Augenblicke erkannte, wandte er sich mit lautem Aufschrei ab und sprach nicht mehr.— Schönlank sei einer der wenigen Männer der Wissenschaft gewesen, die die Not aus eigener Erfahrung kannten. Wir ehren sein Andenken, indem wir ihn nachzueifern suchen. Hierauf sprach der Redaktionskollege des Entschlafenen, Genosse Pollender, der ihm den Dank für seine aufopfernde Arbeit an der Leipziger Volkszeitung aussprach. Der weitere Redner war Heimann Breslau, durch den die Genossen des Wahlkreises Breslau⸗ West ihren Reichstagsabgeordneten den letzten Scheidegruß nachriefen. Dann sprachen noch Schmidt⸗München, Schröder-Berlin und Rudolf⸗Mürnberg, welche seitens der genannten Städte delegiert waren. i
Während der Trauerfeierlichkeiten im Pan⸗ theon hatten sich die Leipziger Parteigenossen zum Trauerzuge formiert. In den weiten Straßen und Plätzen sammelten sich die ver⸗ schiedenen Korperationen. Immer zahlreicher wurde die Menge, die trotz der ungünstigen Tageszeit in den Straßen in der Nähe des Pantheons zusammenströmte. 1½ Uhr setzte sich der schier endlose Zug unter den Klängen eines Trauermarsches in Bewegung. Dem Zuge voran gingen die Kranzträger, welche die etwa 200 von den Parteivereinen, Reichstagswahl⸗ kreisen, Gewerkschaften und Privaten ꝛc. gestif⸗ teten Blumenspenden trugen. Darauf folgten die auswärtigen Delegierten, deren Zahl etwa 500 betragen mochte und unter denen sich die Reichstagsabgeordneten Fischer, Kaden, Geyer, Schippel, Südekum, Herzfeld, Pfannkuch, Tutzauer und Hofmann be⸗ fanden.


