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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
„ E Nr. 10. N l 45
Pon Nah und Fern.
Mittetlungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗
kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste
Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir
bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Wießener Angelegenheiten.
— Der sozialdemokr. Wahlverein nahm in seiner Versammlung am 2. März den zurückgestellten Bericht über die Kreiskonferenz entgegen. Weiter wurde an Stelle des Schrift⸗ führers Dörr, der wegen anderweitiger Thätig⸗ keit den Posten abgeben muß, der Genosse Holtberg gewählt. Mit der Einberufung einer Protestversammlung gegen den Brotwucher, sowie mit dem Arrangement einer Märzfeier wird der Vorstand beauftragt.
— Brotwucher! Im Saale des Café Leib sindet am Dienstag den 12. März eine vom Freisinnigen Verein einberufene Versammlung statt, in der gegen die Er⸗ höhung der Getreidezölle Stellung genommen werden soll. Von unserer Seite wird Genosse Stadtverordneter Krumm das Wort ergreifen. Wir ersuchen die Genossen, sich recht zahl⸗ reich einzufinden.
— Auf die Erklärung des Herrn Erd⸗ mannsdörffer in der vorigen Nummer sendet uns Genosse Scheidemann folgende Antwort: 5„Es bleibt bei dem, was ich sofort über die Unterredung mit Herrn E. in jener Mar⸗ burger Versammlung den Genossen mitteilte, die mit mir am selben Tische saßen; es bleibt auch bei dem, was ich später in fraglicher Angelegenheit in der M.⸗S.⸗Z. erklärt habe. Ein Mißverständnis meinerseits ist gänzlich ausgeschlossen.
Aber ich bin nie ein Unmensch gewesen, ich will Herrn E. einen Wink geben, wie er sich immer noch aus der ihm begreiflicherweise sehr unangenehmen Affaire herausziehen kann. Er möge auf Ehre und Gewissen erklären, daß er mich nicht gegen die Autisemiten scharf machen wollte, daß er aber die Möglichkeit zugiebt, er köune sich versprochen haben.
Bekanntlich hat Herr E. seiner Zeit, nach⸗ dem ich ihm unaufhörlich zugesetzt hatte, nach Ablauf von zehn Wochen zugegeben, daß er mir in jener politischen Versammlung einen „Höflichkeits“ besuch gemacht habe. Nun wäre es ja nicht unmöglich, daß Herr E. in der Aufregung, die die Antisemiten durch zahlreiche Zwischenrufe bei ihm hervorgerufen hatten, sich in den Wor⸗ ten, die er an mich richtete, vergriffen, also, wie die Buchdrucker sagen: Zwiebelfische geredet haben könnte. Vielleicht hat er mir bei dem „Höflichkeits“besuch sagen wollen,„es sei schönes Wetter“,„die anwesenden Antisemiten wären besonders netie und anständige Leute“, oder so etwas ähnliches, hat dann irrtümlicher⸗ weise aber gesagt:„Nehmen Sie doch die Antisemiten gehörig vor.“
Ich begreife sehr wohl, daß Herr Hans Gustav Erdmannsdörffer jene Aufforderung an mich ebenso gern aus der Welt schaffen möchte, wie seine famose Broschüre: Die Juden und die Cholera. Aber der gute Mann möge sich nicht einbilden, daß er mit mir so leicht fertig wird, wie mit seinen ehemaligen Parteifreunden Hirschel und Köhler, über die er billige Siege davontrug.
Ich wiederhole: es bleibt bei meinen Darstellungen! Und von einem Mißverständnis meinerseits kann keine Rede sein.
Ph. Scheide mann.
(Von den Lesern der M.⸗S.⸗Z. dürfte kaum einer im Zweifel darüber sein, auf welcher Seite das Recht ist. Niemals würde Genosse Scheidemann derartiges behaupten, wenn es nicht vollkommen der Thatsache entspräche.— Für uns ist mit vorstehender Erklärung Scheide⸗ manns die Geschichte erledigt. D. R.)
X. Bäcker verein„Frühauf“. Mittwoch vor 8 Tagen hatte der Verein der Gießener Bäckergesellen, der obigen hübschen Namen führt, eine iuteressante Versammlung. Während man bei den bisherigen Zusammenkünften nur Kneip⸗ und Soldatenlieder heruntergeleiert hatte, fand in dieser Versammlung eine vernünftige
Besprechung der Arbeitsverhältnisse der Bäcker statt. Wie gewöhnlich wurde die Sitzung mit Harmonika ⸗Musik eingeleitet, worauf der Vor⸗ sitzende einige Mitteilungen machte. Dann er⸗ bat sich Dörr das Wort, um in längeren, sehr treffenden Ausführungen seine Kollegen zu er⸗ mahnen, der allgemeinen Arbeiterbewegung mehr Juteresse als seither zuzuwenden. Der an alle Arbeiter ergangene Ruf: Organistert Euch! hat auch für die Bäcker Geltung. Diesen sei ein Zusammenschluß und eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen notwendiger als manchen anderen gut organisierten Berufen. Ferner wies der Redner hin auf die Vorteile, die eine zentrale Organisation gegenüber einer lokalen bieten könne. Als Mitglied des Bäcker ver⸗ bandes erhalte der Kollege im ganzen deut⸗ schen Reiche Reiseunterstützung; die Arbeitslosen⸗ unterstützung dürfte ebenfalls bald eingeführt werden. Außerdem biete der Verband noch sonstige Vorteile. Viel besser als die Arbeiter seien die Meister verbündet; diese sollten sich die Gesellen zum Muster nehmen und sich dem Verbande anschließen. Es wurde schließlich eine im Sinne des Redners abgefaßte Resolution mit allen gegen eine Stimme angenommen, worauf sofort der größte Teil der Anwesenden ihren Beitritt zum Verbande erklärte.— Nun, höchste Zeit ist es, daß die hiesigen Bäcker endlich zur Einsicht gelangen.
— Schwurgericht. Wegen vollendeter Brandstiftung wurde der Tagelöhner Geisel aus Bauburg, Kreis Alsfeld, zu zwei Jahren 8 Monaten Zuchthaus verurteilt.
— g. Dynamit⸗Explosion. Auf dem Gießener Brauusteinbergwerk erfolgte am 22. Februar kurz vor 12 Uhr mittags eine Explosion mehrerer Dynamitpatronen, die bei der damals herrschenden kalten Witterung unvorsichtiger Weise in die Hütte, in der sich die Arbeiter bei ihren Mahlzeiten aufhalten, gebracht und in die Nähe des Ofens oder gar auf denselben zum Auftauen niedergelegt worden waren. Der Ofen ging dabei in Trümmer, Fenster flogen hinaus, Kaffeegefäße wurden zerschlagen, zum Teil auch den Arbeiter gehörige Kleider ruiniert, die während der Arbeit in der Hütte aufbewahrt werden. Allerdings werden die Kaffeegefaße vom Werke, dem sie gehören, er⸗ setzt; für die beschädigten Kleider giebts natürlich nichts. Ein Glück, daß der Vorfall sich nicht / Stun den später ereignete, wo 30—40 Leute zum Mittagessen sich in der Hütte versammeln, sicher wären in diesem Falle mehrere Menschen⸗ leben zu beklagen. So ist glücklicherweise Nie⸗ mand verletzt. Unter allen Umständen müßte aber mit dem Zeug etwas vorsichtiger umge⸗ gangen werden, keinesfalls ist eine derartige Hütte— es handelt sich um den Betrieb des Aufsehers Gibb— für Dynamit ein geeigneter Aufbewahrungsort.
Aus dem Kreise Friedberg.
o. Nationalsoziale Theorie und Praxis.„H. Bindewald, Vertraueusmaun der national⸗sozialen Partei für den Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen.“ So stand oft unter den Publikationen dieser Partei während der Reichstags⸗Wahl zu lesen. Es gab freilich auch eine Zeit, da sich Herr B. bescheiden mit dem Posten eines Kriegervereinspräsidenten be⸗ gnügte. Damals war er eben vom Fried⸗ berger Bezirkskommando abgegangen, hatte sein Geschäft eröffnet und besorgte die Ge⸗ schäfte der nationalliberalen Partei. Seine Gesellen verbreiteten— oft per Chaise— Stimmzettel auf dem Lande. Nach Gründung seiner Bettenfabrik hatte er bald einen festen Stamm Arbeiter, die immer treu zu ihm hielten und mit geringen Löhnen fürlieb nahmen. Selbst die Akkordarbeiter zeigten über öftere Herabsetzung ihrer sehr mäßigen Löhne keinen ernstlichen Unwillen. So hat sich Herr B. im Laufe der paar Jahre mit Hilfe dieser Getreuen eine ganz schöne Fabrik„er⸗ arbeitet.“ Mit der Zeit wechselte er die Ge⸗ sinnung, besuchte die nationolsozialen Partei⸗ tage, hielt sogar einen Vortrag über den 8 Stundentag, den er befürwortete. Dann er⸗ folgten einige Zeit keine weiteren Abzüge, da—⸗
gegen wurde die Arbeitszeit verkürzt und so glaubte eine Anzahl Arbeiter wirklich, daß Herr Bindewald sein soziales Herz entdeckt habe. Aber schnell genug mußten sie einsehen, daß alles eiteles Geflunker war. Kaum setzt nämlich die ungünstige Konjunktur ein, ruft auch schon Herr B. seine Leute zusammen und eröffnet ihnen, daß sie sich einen Abzug am Lohne gefallen lassen müßten, daß sie aber
um den Ausfall am Lohne zu decken, eine halbe
oder eine Stunde länger arbeiten dürften. Den Maschinenarbeitern will er nichts abziehen, sie sollen nur eine Stunde umsonst dazu arbeiten. Armer Sszialpolitiker! Deine Allergetreuesten fangen an, an deinem sozialen Verständnisse zu zweifeln. Allgemein hört man sie klagen, daß sie nicht auskommen könnten, und ganz beson⸗ ders auch die Behandlung durch den Werk⸗ führer Herrn E. wollen sie vicht länger er⸗ tragen. Auch daß keine Abrechnung gelegt wird über die vielen Strafabzüge, und daß ihnen ferner entgegen dem§ 115 Abs. 3 der Gew.⸗O. der Preis für das Bier statt zum Selbstkostenpreis zum ortsüblichen Händler⸗ preis berechnet wird, betrübt sie sehr. Sie
haben deshalb beschlossen, ohne die Versprech⸗
ungen des Herrn B. abzuwarten, sich unter⸗ einander über die weiteren Schritte einig zu werden. Der Glaube an die nationalsoziale und Bindewald'sche Arbeiterfreundlichkeit dürfte bei ihnen stark erschüttert sein.— Die national⸗ soziale„Hessische Landeszeitung“, die sich über den Streit in der Leipziger Volkszeitung nicht genug entrüsten konnte, sollte ihre Nase lieber mal etwas tiefer in die bei ihren Par teig e⸗ nossen herrschenden Arbeitsverhältnisse stecken.
o. Begehrenswerte Arbeitsstelle. Recht eigentümliche Geschäftspraktiken verfolgt Bäckermeister Hengst in Friedberg. Wie andere Bäcker läßt auch er Brot auf die Ortschaften fahren. Während nun in Friedberg der Laib erste Sorte 47 Pfg. kostet, nimmt Herr H.
auf den Ortschaften sehr verschiedene Preise.
In Ockstadt kostet das Brot 43, in Ober-Wöll⸗ 10 43, in Melbach 43, in Bad Nauheim 40
und 47, in Steinfurt 40, 45 und 47, in Wis⸗ selsheim 43, in Wölfersheim 40 und 47 Pfg.
Der Fahrbursche ist nun verschiedemtlich in den Preisen irre geworden, was auch kein Wunder ist und wenn dann sein Geld nicht stimmte, bekam
er dermaßen sein Lob, daß er es vorzog seine
Stelle zu verlassen. Bezeichnend ist noch, daß ihm Herr H. ein paar Schuhe, die er ihm ge⸗ schenkt hatte(Lohn hat er in den 3 Wochen noch keinen bekommen), bei der Entlassung
wieder abnahm, so daß der arme Bursche in 2 Schuhen fortgehen mußte, von denen der wie der Präsident
eire zum andern paßte, Krüger zum König Eduard, nur, daß sie beide verlumpt waren.
u. Eine interessante Mitteilung über die Geschäftspraktiken des Großkapitals machte dieser Tage ein Kaufmann
gegen die Warenhäuser. Bei der Wächters⸗
in einer in Fried- berg stattgehabten öffeutlichen Versammlung
bacher Steingut⸗Fabrik erschien vor einiger Zeit 1
ein Vertreter von Schmoller& Cie. in Frankfurt a. M. und wollte einen großen Posten in Bestellung geben.
sie an Warenhäuser nicht verkaufe. Der Herr entfernte sich mit dem Bemerken, daß sie die
Waren doch bekommen würden. Als Schmoller sein neues Warenhaus eröffnete, war man in Wächtersbach doch gespannt und schickte einen Vertreter nach Frankfurt und richtig, da stan⸗ den die steinernen Töpfe usw. der Wächters⸗ bacher Fabrik. Auf Nachforschungen der Firma ergab sich dann, n eine große Bestellung aufgegeben hatte zu liefern an die Speditionsfirma Altschüler& Co. in Frankfurt a. M. und von dort sind die Töpte wohlverpackt in Seckisten nach Schmoller u. Co. befördert worden.
Aus Wetzlar.
— t. Neuer Landrat. Verwalter des Landratsamtes, assessor Dr.
Die Firma erwiderte, daß..
Der bisherige
Regierungs⸗ Sartorius ist nunmehr zum Landrat des Kreises Wetzlar ernannt worden.
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