Hesohlt gut. Wolkengasse 20.
Johannes Hecker.
besohlt billig- Wolkengasse 20.
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Gießen, Sonntag, den 10. März 1901.
8. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Mitteldeutsche
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Bei mindesteng
Die Frauen
und die Brotverteuerung. Jede Preissteigerung notwendiger Lebens⸗
mittel oder Haushaltungsartikel wird den Frauen und natürlich in erster Linie den Arbeiterfrauen
am empfindlichsten fühlbar. Ihnen fällt die wahrhaftig nicht leichte Aufgabe zu, mit dem kärglichen Lohne, den ihr der Mann des Sams⸗ tags überreicht, alle Bedürfnisse der Familie bestreiten zu müssen. Wie heißt es da oft die Pfennige einteilen! Und bei aller noch so raffi⸗ nierten Rechnung will es auf keiner Ecke zu⸗ reichen, zu ihrem großen Schmerze muß die Hausfrau sehr ost am Allernotwendigsten sparen und zwacken. Wie gerne würde sie ihren Kindern, die sie in der Entwickelung zurückbleiben sieht, reichlichere und kräftigere Nahrung reichen! Wie bitter notwendig wäre die Anschaffung neuer Kleider und Schuhe für die Familie! Aber das Geld fehlt dazu, es muß also weiter gedarbt und entbehrt werden, Eltern und Kinder müssen weiter in abgeschabten Kleidern, durch⸗ löchertem Schuhwerk einhergehen. Von einer menschenwürdigen Lebenshaltung ist gar nicht die Rede; auf einen Lebensgenuß mußte der größte Teil des Volkes längst ver⸗ zichten. Das ist der normale, der gewöhnliche Zustand in allen Arbeiterfamilien, wie jede Arbeiterfrau bestätigen wird.
Noch schlimmer gestaltet sich aber die Lage, wenn widrige Schicksale die Familie verfolgen. Eine, wenn auch nur kurze Krankheit eines Familiengliedes, wenige Tage Arbeitslosigkeit des Ernährers genügen, das Elend in der schärfsten Form heraufzubeschwören, jede etwa noch vorhandene Hoffnung auf bessere Zeiten endgültig zu vernichten. Familienglück, Lebens⸗ und Schaffensfreude ist dahin. Mit stumpfer
1 Ergebenheit trägt der Arme seine schwere Last.
„Das ist nun einmal so!“ hat es immer gegeben!“„Das ist die von Gott gewollte Ordnung der Dinge!“ Mit solchen und ähnlichen Redensarten suchen die Besitzenden, suchen die Prediger christlicher Nächstenliebe die herrschenden, himmelschreienden Zustände zu beschönigen und zu entschuldigen.
Wißt Ihr aber auch, Frauen, wie Euch durch eine handvoll Blutsauger Lebensmittel und notwendige Haushaltungsartikel künstlich verteuert, dem arbeitenden Volke von jener
„Reiche und Arme
Sippe alljährlich Millionen abgepreßt werden?
Durch künstliche Machinationen steigerte der „Seifenring“— die Vereinigung der Seifen⸗ fabrikanten— den Preis der Seife ganz be⸗ deutend; für den Zucker, der ein wichtiges Volksnahrungsmittel darstellt, muß der Deutsche das Doppelte des Preises zahlen, den der Engländer für den in Deutschland er⸗ zeugten Zucker bezahlt— eine Folge der Zoll⸗ gesetzgebung. Die millionenreichen Kohlenbarone diktierten Kraft ihrer Vereinigung Wucherpreise, erräuberten sich dadurch weitere Millionen. Warum können sie das? Weil sie sich leider maßgebenden Einfluß bei der Gesetzgebung ge⸗ sichert haben; weil es leider das große Heer der Besitzlosen versäumte, seine Interessen wahr⸗ zunehmen. Die Taschen des Volkes könnten niemals in dieser unverschämten Weise geplün⸗ dert werden, wenn sich die unteren Klassen nachdrücklich zur Wehre gesetzt, mehr um die
öffentlichen Angelegenheiten gekümmert, und wenn namentlich die Frauen energischer ihre Stimme in der Oeffentlichkeit erhoben, ihre Rechte geltend gemacht hätten! Ganz mit
Recht sagte kürzlich der nationalsoziale Pfarrer
Naumann, daß keine Regierung im Stande sei, entgegen dem Proteste der Millionen deut⸗ scher Frauen die Getreidezollerhöhung und damit die Brotverteuerung durchzu⸗ führen. Gewiß, gegen diesen neuen, von den reichen und reichsten Großgrundbesitzern geplanten Raubzug, gegen die neue, schwere Belastung der Armen, gegen die dadurch bedingte Verschlechte⸗ rung ihrer Lebenshaltung müssen sich die Frauen auf das Energischste verteidigen.
Deshalb sollte auch jede Frau und jedes Mädchen den Aufruf der Vertrauensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands be⸗ herzigen, den diese an die Frauen richtet und der folgendermaßen lautet:
„Die sozialdemokratische Partei hat das ge⸗ samte werkthätige Volk zum energischen Protest und Kampf gegen den drohenden Brot⸗ und Lebensmittelwucher aufgerufen, mittels dessen das Junkertum unter Mitschuld der Regierung und das Gros der bürgerlichen Parteien seine Taschen auf Kosten der kleinen und armen Leute zu füllen gedenkt. Niemand wird von dem vorbereiteten Raubzug schwerer getroffen als die Frau der arbeitenden Massen, sie, die als Arbeiterin ihre Existenz mit Hungerlöhnen fristen muß, sie, die als Hausfrau mit dem kärglichsten Einkommen zu wirtschaften gezwungen ist. Genossnnen, wirkt deshalb allerorten mit der höchsten Rührigkeit und ohne Rücksicht auf persönliche Opfer dafür, daß die proletarischen Frauen in dichten Scharen in Reih und Glied der Kämpfer wider Junkermacht und Junker⸗ raffgier stehen, das sie millionenstimmig Protest wider die geplante Politik der Volksaushunger⸗ ung erheben. Ihr alle könnt, Ihr alle müßt zu Agitatorinnen werdeu, welche dem Kampfe des Volkes für sein tägliches Brot unter den Frauen Streitkräfte werben. Seid in Eurem Familien- und Freundeskreise, in Euerer Werk⸗ statt und Fabrik thätig, damit auch die letzte Proletarierin über die heraufziehende Gefahr und die Pflicht der Abwehr aufgeklärt werde. Unterstützt die politisch und gewerkschaftlich or⸗ ganisierten Arbeiter bei ihren Bemühungen, die breiten Massen Derer zum Kampfe zu führen, welche gewissenlos der Ausplünderung überantwortet werden sollen. Laßt Euch an⸗ gelegen sein, für einen Massenbesuch der sozial⸗ demokratischen Protestversammlungen seitens der Frauen zu agitieren. Setzt Euch mit den Genossen ins Einvernehmen, damit dort wo es ohne Beeinträchtigung des allgemeinen Protestes geschehen kann, besondere Frauenversammlungen einberufen werden, in denen die Arbeiterinnen, die proletarischen Hausfrauen und Mütter laut und nachdrücklich die Losung erschallen lassen: Nieder mit den Brotwucher! Fort mit allen Zöllen und Abgaben auf Lebensmittel! Nieder mit der Junkermacht! Sorgt dafür, daß die später beim Reichstage einzureichende Petition die Unterschriften von Millionen von Frauen erhält. Kurz, spannt alle Euere Kräfte an, damit die proletarische Frauenwelt an dem entbrannten Kampfe einen so umfassenden und energischen Anteil nimmt, wie es ihre Lebens⸗
interessen gebieten. Genossinnen, führt Euere Schwestern in den Kampf wider die Macht, welche die festeste Stütze der Reaktion ist, die Euch alle Euere Bürgerrechte vorenthält, die geringen politischen Freiheiten der Arbeiterklasse bedroht und jede ernste soziale Reform zu ihren Gunsten zurückweist. In jede Hütte, Dach⸗ kammer und Fabrik töne Euer Ruf: Prole⸗ tarierinnen, verteidigt Euer tägliches Brot! Mütter, verteidigt das Brot Euerer Kinder! Heraus zum Kampfe!“
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Soweit der Aufruf, mit dem wir sehr ein⸗ verstanden sind. Aber der Protest al lein ge⸗ nügt nicht, er ist bald verhallt. Wirksamer schützen die Frauen ihre Existenzbedingungen, wenn sie ihre Männer auffordern, sich he b⸗ hafter an den politischen Kämpfen zu be⸗ teiligen, sich der einzigen und wahren Volkspartei, der Sozialdemokratie anzuschließen! Vor Allem aber ist die nachhaltige Unterstützung der Arbeiter⸗ presse notwendig! Indem die Frauen der Arbeiterpresse in ihren Kreisen Eingang verschaffen, weiteste Verbreitung sichern, stärken sie zugleich das beste Kampfmittel gegen Aus⸗ beutung und Unterdrückung und für Wohl⸗ fahrt und Freiheit!
Unterstützt daher nach besten Kräften das einzige Arbeiterblatt Oberhessens die„Mittel- deutsche Sonntags-Zeitung!
Politische Rundschau.
Gießen, den 7. März.
Neues hessisches Wahlgesetz.
Der hessischen Zweiten Kammer übermittelte die Regierung am Dienstag eine Vorlage betr. Aenderung des Landtags wahlgesetzes. Nach dem Entwurf soll die aus 55(bisher nur 50) Abgeordneten bestehende Zweite Kammer aus geheimen und direkten Wahlen hervorgehen. die Grundzüge sind im Wesentlichen folgende: Wahlberechtigt ist jeder Hesse, der das 25. Lebens jahr zurückgelegt hat, drei Jahre die hess. Staatsangehörigkeit besitzt u. ebensolange im Lande wohnt. Die Städte Darmstadt und Mainz haben je drei Abgeordnete, die Städte Gießen, Worms und Offenbach je zwei Abgeordnete zu wählen. Die Oberbürgermeister der drei größten Städte sollen Sitz und Stimme in der Ersten Kammer erhalten. Der Entwurf hestimmt außerdem, daß die Wahl durch in ge⸗ schlossenem Couvert abzugebende Stimmzettel erfolgen soll.
Demnach enthält der Entwurf manche Ver⸗ besserung gegenüber dem seither geltenden Wahl⸗ gesetze. Durch die Bestimmung aber, daß nur der wahlberechtigt ist, der drei Jahre im Großherzogtum Hessen wohnt, wird das Wahlrecht für viele Arbeiter illuso⸗ risch. Hoffentlich gelingt es noch, diese harte Bestimmung zu beseitigen.
Ein Attentat.
Am Donnerstag Abend warf in Bremen ein neunzehnjähriger Mensch Namens Wei⸗ land ein Eisenstück nach dem Kaiser, der


