Ausgabe 
7.4.1901
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

IA N N b Unterhaltungs-Ceil.

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Der Rebell.

Im Jahre 1848 war es, just am Grün⸗ donnerstag. Eis und Schnee waren den wärmenden Strahlen der Frühlingssonne ge⸗ wichen und zartes Grün drängte sich in Wald und Feld hervor, eine stille Revolution in der Natur. Aber auch die Menschen befanden sich in einer Revolution, die nicht so lautlos vorübergehen sollte. Droben auf der Scheideck, der Höhe des Passes zwischen dem Städtchen R. und dem Dorfe Sch. am süblichen Abhange des Schwarzwaldes, standen sich bewaffnete Männer gegenüber. Es waren etwa tausend Freischärler, die von den Hessen unter General v. Gagern bedrängt wurden. Das Scharmützel begann und eines der ersten Opfer war der hessische General. Auf beiden Seiten hatte man Tote und Verwundete zu beklagen. Das Scharmützel endete mit dem Rückzuge der

Freischar. i Die scheidende Sonne küßte die bleichen Gesichter der Toten. Unter einer Eiche lagen zwei Männer in ihrem Blute, der eine mit grauem Haar und Bart, der andere noch ein Jüngling. Der Greis ist tot, eine hessische Kugel hatte sein Herz durchbohrt; der Jüng⸗ ting, welcher nur verwundet war, erhebt sich, suchend schaut er umher da erblickt er neben sich den Toten: es ist sein Vater. Drohend streckt er die geballte Faust empor und seine Lippen murmeln einige unverständliche Worte, dann fällt er wieder in Ohnmacht. *

*

Siebenundvierzig Jahre sind seitdem ver⸗ flossen. Auf der Straße nach dem Dorfe Sch. im schönen Wiesenthal wankt ein gebeugter Greis daher. Schneeweiße Locken wallen unter seinem breitrandigen Hut hervor und ein langer Bart ziert sein Gesicht. Seine ärmlichen Kleider verraten den Proletarier.

Eben hat er das sogenannte alte Kloster erreicht und erschöpft sinkt er auf einen Stein nieder. Gleich rechts erhebt sich die Kloster⸗ kirche, die, aus dem Mittelalter stammend, zu⸗ erst ein katholisches Ordenskloster war; zur Reformationszeit wurde sie in eine evangelische Kirche umgewandelt. Vor einigen Jahren mußte sie wegen Baufälligkeit geschlossen werden, worauf sie ein Kapitalist erwarb, der das ehr⸗ würdige Gebäude in ein prächtiges Schloß um⸗ wandelte, aber soweit als möglich die alte Architektur erhalten ließ.

Der Greis stützt sein Gesicht in die Hand und verfällt in tiefes Nachdenken. In dieser Kirche, wo jetzt üppige weltliche Lust herrscht, wurde er getauft und konformiert und droben am Waldsaume liegt der Kirchhofe, wo seine Eltern schlafen; sein Vater starb als Kämpfer für Freiheit und Recht, er fiel als Freischärler am Gründonnerstag 1848 auf der Scheideck, wo auch er, der Sohn, verwundet wurde.

0 Wir kennen den Wanderer, es ist jener Tapfere, der am Abend des 20. April 1848 hoch droben im Wald als Schwerverwundeter an der Seite seines toten Vaters lag. Eine schwere Zeit mußte der Jüngling über sich ergehen lassen. Nach seiner Wiederher⸗ stellung erwartete ihn langjährige Gefängnis⸗ haft und später, nach seiner Freilassung, wurde er in seinem heimatlichen Dorfe verhöhnt und vertrieben, weil er seinerebellischen Gesinnungen nicht aufgeben wollte.

Er zog in die Stadt, um sich dort ein neues Heim zu gründen. Aber das Unglück verfolgte ihn auch hier. Als es ihm nach einer Reihe von Jahren gelungen war, zu einer ge⸗ wissen Selbständigkeit zu gelangen, raubte ihm der Tod seine Frau, dann verunglückte sein ältester Sohn in einer Maschinenfabrik und den Jüngsten holte sich der Moloch Militarismus als Opfer; er wurde bei einem Manöver von

einem Hitzschlag tötlich getroffen. Nun stand derRebell wieder allein: arm, alt und krank. Aber verlassen war er dennoch nicht. DerRebell hatte unentwegt zur Fahne der Freiheit, der Sozialdemokratie gehalten und die Parteigenossen vergalten es dem alten Kämpen, soweit sie dazu in der Lage waren.

Sie wußten, daß es der sehnlichste Wunsch des Alten war, noch einmal seine Heimat und die Stätte wieder zu sehen, wo er seine Brust den landsmännischen Kugeln dargeboten hatte. Eine kleine Sammlung brachte die Mittel hier⸗ zu auf und der alteRebell machte sich an einem schönen Maientag auf den Weg.

Jetzt ist er dem Ziele nahe und müde er⸗ hebt er sich vom Stein, um in das heimatliche Dorf einzuziehen. Verwundert sehen ihm die Bauern nach, keiner kennt ihn, keiner grüßt ihn, und still geht der Alte seines Wegs bis zum Gasthaus, wo er erst nach Vorzeigung der 1 Barmittel eine Schlafstelle angewiesen erhält.

Am lächsten Tage zieht's den Alten auf die Scheideck; auch die Eiche steht noch da, unter welcher er einstmals mit seinem Vater den Blutbund mit der Freiheit besiegelte. Heller erglänzen seine Augen, als die Sonnen⸗ strahlen den Platz mit goldenem Lichte um⸗ fluten, laut schmettern die Vögel und der Wald umgiebt ihn mit seinem geheimnisvollen Zauber. Und wieder streckt er die Hand dem Licht ent⸗ gegen, als winke er den Scharen zu, die sein geistiges Auge in ungezählten Schwaden heran⸗

brausen steht, zum Kampfe für Freiheit und

Recht. Langsam sinkt die Hand herab, das Haupt fällt auf die Brust und sanft nimmt der grüne Waldesbode nden zusammenbrechenden Körper auf und bettet ihn ihn in Moos und duftenden Blumen und Kräutern. Noch einmal schlägt der Greis die Augen auf, der blitzenden Sonne entgegen, dann schließen sie sich auf immer. Der alteRebell hauchte seinen letzten Atemzug auf dem Schlachtfeld aus. *

*

Nach einigen Tagen steht ein schmuckloser Armensarg im Spritzenhause des Dorfes Sch. In denselben ist der Alte zur letzten Ruhe ge⸗ bettet. Aus den Papieren, die sich in den Kleidern der Leiche auf der Scheideck vorfanden, wurde festgestellt, daß es der längst verschollene Hans Müller, bekannt unter dem Namender Rebell sei. Mit saurer Miene entschlossen sich die Bauern, die Beerdigung der Leiche zu übernehmen; sie schimpften weidlich auf den Rebellen, daß er ihnen im Tode noch Kosten verursachte.

Zum dritten Male läutete die Totenglocke und die vier Träger waren eben im Begriff, den schmucklosen Sarg aufzunehmen, als ein Zug Männer nahte, der von Kindern nach dem Spritzenhause zur Leiche geführt wurde.

Es waren Parteigenossen, die aus der Zeitung den Tod des Alten erfahren hatten. Sie säumten nicht, eine längere Bahnfahrt zu machen, um ihm noch das letzte Geleite geben zu können.

Schnell wurde der Sarg mit Kränzen und roten Bändern geschmückt, und in feierlichem Zuge ging's zum Kirchhofe. Verdutzt schauten die Bauern aus ihren Häusern heraus und dem Ortsbüttel ward's über den roten Schleifen ganzköllerisch zu Mute, aber er wagte es 1 dem Zuge Hindernisse in den Weg zu egen.

Auf dem Kirchhofe angelangt, hielt einer der Leidtragenden eine ergreifende Rede, die er mit den Worten Freiligrath's schloß:

So lagen die Tapfern an Wien und Spree:

So lagen die Turner am Eiderfluß;

So lagen auf jener Schwarzwaldhöh'

Die Freistaatmänner, gefällt vom Schuß.

So liegen und lagen sie hundertweis,

Die der März gefordert und der April;

So findet sie liegen die Rose des Mai's,

Daß ihr Grab sie bekränze freundlich und still. Hierauf wurde der Sarg in die Gruft ge⸗ senkt. Bald war der Hügel aufgeworfen und mit Kränzen und Blumen bedeckt, unter dem 5alte Rebell endlich seine Ruhe gefunden hatte.

N

Sozialdemokrat und Großherzog. 1

Zu diesem kürzlich viel erörterten Kapitel

Parteiorgans:

7 6 dichtete der Wochenplauderer unseres Hamburger 0 ¹ f

Der rote Ulrich von Offenbach Der hat das Eis gebrochen, Mit einem leibhaft'gen Großherzog Drei Viertelstunden gesprochen.

Der rote Ulrich von Offenbach, Geruhsam sitzt er am Ttsche

Und hält sein Bierglas gegen das Licht, Zu prüfen Farbe und Frische.

Da that d'e Flügelthür sich auf Was sind das für neue Gäste? Da kommt der hessische Großherzog Zum parlamentar'schen Feste.

Der Fürst grüßt höflich und sieht sich um, Ein Plätzchen sich selbst zu wählen,

Und setzt zum roten Ulrich sich hin,

Mit Dem sich was zu erzählen.

Der rote Ulrich von Offenbach Hat sich nicht lange besonnen Und hat gleich mit Serenissimus Vergnügt zu plaudern begonnen.

Ich denke, sie sprachen allerlei,

Von Bier und Holländer Käse

Und was man Neues vom Burenkrieg ImDarmstädter Tagblatt lese.

Dann sieht der Großherzog auf die Uhr: Nanu? Schon zehn Uhr! Ich denke, Daß nach der heimischen Klause ich Nunmehr meine Schritte lenke.

Gut' Nacht, Herr Ulrich, ich muß nach Haus Und darf nicht länger mehr zaudern.

Ich hoffe, wir seh'n uns dann und wann, Um wieder ein Stündchen zu plaudern.

Der rote Ulrich von Offenbach Hat noch ein Gläschen Ke

Und ist über sein Erlebnis wohl

Tief in Betrachtung versunken:

Ein netter Mann, unser Großberzog! Recht schlicht und keinerlei Posen! 5 Doch ist es gut. daß ich heut zog an Vorahnend die schwarzen Hosen.

Humoristisches.

Eifersüchtig. Richter(zum Angeklagten):Bei dem Einbruch in die Buchhandlung haben Sie, außer der Ladenkasse, auch noch ein Buch:Die Kunst, jungen Damen zu gefallen eingesteckt!

Die Frau des Angeklagten(aus dem Publikum heraus):Na, komm' Du mir nur nach Haus, Du alter Esel!

Umschwung.Sie haben mein Leben gerettet nun werde ich es Ihnen ganz weihen!

Bedaure, mein Fräulein ich bin schon ver⸗ heiratet! a

Na, dann hätten Sie mich auch von jemand anderem aus dem Wasser ziehen lassen können!

(Fl. Bl.)

Hereinfall. Das in Hechingen(Hohenzollern) erscheinende ZentrumsblattDer Zoller veröffentlichte folgendes ihm eingesandte Gedicht:

An das Zentrum. Kämpfe weiter für des Volkes Rechte, Achte nicht der Bösen schlecht Getrieb'! Mutig vorwärts, Gott will keine Knechte! Endlich wird der Wahrheit doch der Steg. Einen Trost mag Dir der Spruch gewähren: Längst des Volkes Herzen Dir gehören.

1*

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145 1 *

1

Wenn man sich die ersten Buchstaben der sechs 1

Zeilen des Gedichtes genauer ansieht, erkennt man mit Bedauern, daß ein arger Schalk das ultramontane Blättchen hineingelegt hat.(Kladderadatsch.)

Litterarisches.

Auf das bei J. H. W. Dietz Nachf. erschienene, 4 von Emanuel Wurm herausgegebene Lieferungs⸗

werk: Gesundheitsschutz in Staat, Gemeinde

und Familie machen wir wiederholt alle Genossen empfehlend aufmerksam. Aus dem Inhalt der eben er⸗ schienenen Hefte 21 und 22 heben wir hervor: Die

Jufektionskrankheiten.

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Koftmaß. Die Nahrungsmittel und ihre

Zubereitung. Tafeln, welche die darstellen.

Außerdem enthalten die Hefte zwe! Zusammensetzung der Nahrungsmittel

Das Werk wird in Lieferungen von je 32 Seiten 0 zum Preise von 20 Pfennig erscheinen und in 25 Heften

komplett vorliegen. Zu haben in allen Buchhandlungen.