Ausgabe 
7.4.1901
 
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und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie selbst wollen dieselben nicht mit einem Finger regen.(Matth. 23, H).Wehe Euch,

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schärften Arbeitslosigkeit,

Gießen, Sonntag, den 7. April 1901.

8. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Webaltionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 U

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gespalt. Bei mindestens

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dee Frühlingsglaube. g=

Nun ist vorbei des Winters Toben, Das die Natur in Frost gebannt, Und alles Blühen, alles Leben Umschloß mit rauhem ESisgewand.

Und wie das Raubgetier sich flüchtet In seine Höhlen nach der Nacht, So ist der Winter nun gewichen Des Sonnenlichtes Saubermacht.

Welch' Leben, welche Pracht und Fülle! Wo noch vor Wochen alles tot,

Dort blüht und singt und rauscht und strahlt es,

Vom Morgen bis zum Abendrot.

Nur du mein Volk bleibst ernst und traurig Bei all' dem Blühen, allem Sang Und keine Frühlingssonn' erwärmet Dein Herz zu stolzem Thaten-Drang.

Dein Leben ist ein ew'ger Winter, Der Geist und Körper niederhält Und jede Lust und Schattensfreude Im Daseinskampf dir vergällt.

Doch darfst du deshalb nicht verzagen, Nicht der Verzweiflung Gpfer sein; Auch dir erstrahlt nach finstern Tagen Des Frühlings heller Sonnenschein!

Schon schwingt dein Geist im kühnen Fluge Sich auf zur Freiheit lichten Höh'n, Schon ahnst auch du des Frühlings Kommen, Der Menschheit endlich Aufersteh'n.

Bald ist der letzte Stein gefallen Der festen Burg der Tyrannrei, Bald sind die Schranken all durchbrochen, Die dich gehemmt und du bist frei!

Drum auf mein Volk, zum heil'gen Streite, Wirf ab dein Elend und dein Leid, Dann wird und muß sie endlich kommen, Die heißersehnte Frühlingszeit. R. Preußler.

Ostern.

Wieder ist es für die nördliche Erdhälfte Frühling geworden.

Sehnsüchtiger als je wurde in diesem Jahre der Ankunft des Lenzes entgegengeharrt. Für die Millionen der Lohnsklaven und Besitzlosen bedeutet der Winter eine Periode schwererer Leiden, härterer Entbehrungen. Und der ver⸗ flossene dehnte seine Herrschaft ungebührlich lange aus; hartnäckig hielt er die Erde mit seiner Eiskruste umspannt, lange blieb er Sieger im Kampfe mit dem Frühling. Dazu ver⸗ Kohlenteuerung die Not. Desto inniger begrüßen die Armen die Wiederkehr des Lenzes; umso freudiger feiern sie das Fest des Frühlings, das Osterfest.

Ostern ist ebensowenig als Weihnachten und Pfingsten ein spezifisch christliches Fest.

Schon Jahrtausende vor Christo feierten es die Völker als das Fest der wiedererwachenden Natur. Die christliche Kirche ließ, zur Macht gelangt, die althergebrachten Feste bestehen, legte ihnen nur eine andere Bedeutung unter.

So wurde Ostern das Fest derAuferstehung Christi, desSohnes Gottes.

Unsere Blicke werden hingelenkt auf den Kampf und den Märtyrertod jenes edlen und reinen Menschen, nach dem die christliche Kirche sich nennt. Mit welchem Feuereifer bekämpfte er die Lüge und Heuchelei der Pfaffen, der Pharisäer und Schriftgelehrten, wie thatkräftig nahm er sich des armen Volkes gegen seine Bedrücker an! Wuchtige Anklagen schleuderte er der herrschenden Klasse entgegen. Sie binden schwere und unerträgliche Bürden

ihr Pharisäer und Schriftgelehrten, ihr Heuchler,

die ihr der Witwen Häuserfresset.(Matth. 23,14.)

Wehe euch, ihr Reichen, ihr habt euern Trost

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dahin. Er rief das Volk zum Kampfe auf

gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert! Er predigte den Umsturz.

Es ging, wie noch immer in der Geschichte bis heute. Den Freund der Wahrheit und

ber Armen klagten die Herrschenden, dieOrd⸗

nungsleute seiner Zeit der Volksverhetzung

und des Hochverrats an er mußte den schimpflichen Kreuzestod erleiden. Wir ehren

sein Andenken. Nicht im Sinne frömmelnder

Heuchler, die seine reine Lehre der G erechtig⸗ keit und Menschlichkeit verfälschen, zur Unterdrückung und Knebelung des Volkes miß⸗ brauchen. Wir ehren ihn, indem wir seinem Beispiele folgen und ohne Rücksicht auf Be⸗ schimpfungen und Verfolgungen gegen Lüge, Un⸗ gerechtigkeit und Ausbeutung ankämpfen.

Bete lige sich jeder nach besten Kräften an diesem Kampfe! Obwohl schon manches erreicht, bleibt noch sehr viel zu thun übrig! Und wie der Frühling siegt über Winters Gewalt, so werden unsere Ideale: Friede, Freiheit und Wohlfahrt für alle Menschen zum Siege gelangen, trotz der feindlichen Gewalten der Finsternis und des Rückschritts. In diesem

Sinne: Fröhliche Ostern!

Die hessische Laudtagswahlreform.

Vor einiger Zeit hat die hessische Regierung den Gesetzentwulf, die Landstände betreffend veröffentlicht. Durch diesen Gesetzentwurf, der, wie wir gerne zugeben wollen, eine Aenderung des bisher in Hessen bestehenden Wahlrechts zum Landtag in einigermaßen freiheitlicher Rich⸗ tung vorsieht, hat sich die Regierung heftige An⸗ griffe von Seiten des reaktionären Scharfmacher⸗ tums zugezogen. Von dieser Seite betrachtet man die Entwickelung der Dinge in Hessen schon seit längerer Zeit mit scheelen Augen. Schon mehrfach erregten gewisse Vorgänge und Regierungshandlungen, in denen auch der größte Angstmeier nichtsRadikales oder garRe⸗ volutionäres finden wird, den höchsten Miß⸗ fallen und Aerger der preußischen und anderer Rückwärtser, die sich nun einmal keinen Minister denken können, der sich nicht mit Haut und Haaren dem Junkertum und den Rittern vom Schlot verschrieben hat. Auch der vorliegende Gesetzentwurf geht den Scharf machern wider den Strich. So schrieb die ⸗Post die bekanntlich der verstorbene König Stumm finanziell unterstützte darüber:

Die Regierung macht diese Vorlage, ohne irgend welche Kompensationen

zu fordern oder gar erhalten zu haben.

Sie folgt dabei Anregungen, die aus der

Kammer heraus an sie ergangen sind. Von

irgend einem Versuch, das Wahlrecht und

etwa die Wahlkreise zeitgemäß zu ändern: unter Aufrechthaltung zuverlässiger Garantien gegen die Herrschaft der Masse, ist keine Rede... Man scheint sich in dem

Ruhme zu gefallen,das freisinnigste Wahl⸗

recht aller Bundesstaaten zu haben. Weite

Kreise der Bevölkerung sind, wie uns aus

Darmstadt geschrieben wird, von dieser Vor⸗

lage auf das Peinlichste berührt und

erblicken darin eine große Gefahr für die dortigen öffentlichen Zustände. Die Ver⸗ mehrung der Abgeordneten der Städte be⸗ deutet bei direkter Wahl ohne weiteres eine

Vermehrung der sozialdemokratischen

Sitze, und solche hat man in Darmstadt

bereits vier oder fünf.(Es sind ihrer sechs!

Red.) Wir können uns diesem uns zuge⸗

gangenen absprechenden Urteil über diese Vor⸗

lage nur anschließen, die auch wir im

staatserhaltenden Sinne für unheil⸗

voll ansehen müssen.

So und ähnlich ertönt das Wutgeheul der patentierten Ordnungshelden an der Spree und ihrer Soldschreiber. Man will der hessischen Regierung das Gruselu vor ihrer Vorlage bei⸗ bringen. In diesem edlen Bestreben werden

die preußischen Scharfmacher von ihren hes⸗ sischen Gesinnungsverwandten weidlich unter⸗ stützt; auch die Antisemiten, die natürlich bei jedem reaktionären Streich dabei sind, tuten in dasselbe Horn. Ihr Offenbacher Blatt faselt in seiner Nr. 21 davon, daß dieser Wahl⸗ gesetzentwurf eine Bevorzugung des Prole⸗ tariats bedeute, sogar zudessen Herrschaft führe,die einem Lande zum Verderben sei. Zunächst sind wir der Meinung, daß die Herr⸗ schaft des Proletariats ein Segen für das Land und das gesamte Dolk wäre. Dann gehört aber eine starke Portion bürgerlicher Beschränktheit und Angstmeierei dazu, solche Wirkung von dem vorliegenden Gesetze anzu⸗ nehmen. Vielleicht spricht das antisemitische Blatt derartige Befürchtungen auch nur aus, um die Verschlechterung des Entwurfes vorzu⸗ bereiten und noch rückschrittlichere Bestimmungen

als er ohnehin schon enthällt, hineinzubringen.

o Rabat: