Ausgabe 
6.10.1901
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 40.

Gemäß unserer Forderung auf strengste Trennung von Kirche und Staat dürfen für kirchliche und religtöse Zwecke, sofern nicht gesetzliche oder vertragliche Verpflich⸗ tungen vorliegen, Gemeindemittel nicht verwendet werden, und ist auf Beseitigung solcher Bestimmungen, welche z. Z. einzelne Gemeinden noch zwingen, öffentliche Mittel für kirchliche oder religiöse Zwecke zu bewilligen, hinzuarbeiten.

4. Arbeiterfürsorge. Gründung vou Gemeinde⸗ Arbeitsämtern, welchen die unentgeltliche Arbeitsvermitte⸗ lung, die Aufnahme von kommunalen Arbeits⸗ und Arbeitslosen⸗Statistiken und unentgeltliche Auskunfts⸗ gebung in Fragen der Kranken-, Unfall-, Alters⸗ und Invaliditäts⸗Versicherung und sonstigen bürgerlichen Rechtsfragen obliegt und die zur Gewähr einer unpar⸗ teiischen Handhabung ihrer Geschäfte unter die Kontrolle der Gewerbegerichte zu stellen sind. Zweckentsprechende und lohnende Arbeitslosen⸗Beschäftigung im Winter. Erlaß von Polizeiverordnungen zum Schutz von Leben und Gesundheit der Arbeiter, wo immer dieselben nötig werden; insbesondere Schaffung von Ortsbaustatuten und Baupolizeiordnungen, die allen hygienischen und sonstigen Forderungen des Arbeiterschutzes entsprechen.

Allmähliche Kürzung der Arbeitszeit für die Gemeinde⸗ arbeiter auf 8 Stunden pre Tag. Gewährung eines jährlichen Urlaubs von mindestens acht Tagen bei voller Auszahlung des Lohnes und Gründung einer Pensions⸗ kasse für sämtliche Gemeindearbeiter. Völlige Koali⸗ tions freiheit für die Gemeindebediensteten.

5. Wohnungswesen. Erhaltung und Vermeh⸗ rung des Gemeinde⸗Grundeigentums. Erbauung von Gemeinde⸗Wohnhäusern, welche den Bedürfnissen der wirtschaftlich schwächeren Bevölkerung nach gesunden kleineren Wohnungen entsprechen. Festsetzung von Miet⸗ preisen für dieselben, die lediglich zur Deckung von Ver⸗ zinsung, Amortisation und Instandhaltung dienen sollen. Beteiligung der Mieter an der Verwaltung dieser Häuser. Unterstützung von Baugenossenschaften, welche nach diesem Prinzip thätig sind und das Eigentumsrecht der Gesamt⸗ heit wahren. Organisation von kommunalen Wohnungs⸗ ämtern, zum Zwecke regelmäßiger Wohnungsstatistik, zur Ausübung einer auf Beseitigung aller Mißstände in den Wohnungen gerichteten Wohnungs⸗Inspektion und als Zentralstelle für unentgeltlichen Wohnungs⸗Nachweis und Auskunfts⸗Erteilung in allen Fragen des Mietrechtes.

6. Schulforderungen. Einheitsschule, Unentgelt⸗ lichkeit des Schulunterrichts und der Lehrmittel. Förde⸗ rung befähigter Schüler durch weitere Ausbildung auf Gemeindekosten. Anstellung von Schulärzten zur ein⸗ gehenden Beaufsichtigung der Schüler und Schuleinrich⸗ tungen. Angliederung obligatorischen Kochschulunterrichts an den obersten Mädchenklassen und Verabreichung von Frühstück und, wo notwendig, Mittagessen an bedürftige Kinder, ohne daß dies als Armenunterstützung im Sinne des Gesetzes angesehen werden darf. Einrichtung von Schulwärmehallen für die Winterszeit, sowie von Schul⸗ dädern. Verminderung der Schülerzahl in den Klassen als Voraussetzung gedeihlichen Unterrichts.

Obligatorische Fortbildungsschulen für Mädchen. Größere Berücksichtigung des Handfertigkeitgunterrichts.

Für noch nicht schulpflichtige Kinder: Einrichtung sog.

Krippen für Säuglinge solcher Mütter, welche tagsüber außerhalb des Hauses dem Erwerb nachgehen müssen, auf Gemeindekosten, nach den Anforderungen der modernen Gesundheitspflege und unter weltlicher Leitung. Für Kinder vom 2. bis 6. Lebensjahre Gemeinde⸗Kinder⸗ garten ⸗Anstalten, ebenfalls unter Leitung weltlicher Kindergärtnerinnen.

7. Gesundheitswesen. Bildung von Gesund⸗ heitsämtern für Stadt und Kreis, unter Heranziehung von Aerzten, Vertretern der Stadt⸗ und Landgemeinde und Arbeitern. Durchführung von Wasserleitung und Kanalisation. Weitgehendste Herabsetzung der Wasser⸗ preise. Errichtung öffentlicher Volksbäder, Waschanstalten und Bleichen und Erwerb der Konzession neuer Apotheken durch die Gemeinden. Kostenlose obligatorische Des⸗ infektion der Wohnungen bei ansteckenden Krankheits⸗ fällen. Umfassende Straßenhygiene. Einrichtung von Asylen für Schwangere und Wöchnerinnen. Als Uebergang dazu Anstellung von Gemeinde⸗Wochenpflege⸗ tinnen, Unentgeltlichleit der Geburtshilfe. Billige Beschaffung von guter Milch für Säuglinge durch Er⸗ richtung städtischer Milchanstalten. Ferienkolonien für schwächliche und kranke Kinder. Verschmelzung sämt⸗ licher Ortskrankenkassen einer Gemeinde in eine einzige Kasse mit Familien⸗Verficherung.

8. Beerdigungswesen. Unentgeltlichkeit der Leichenbestattung und Uebernahme der Kosten auf die Gemeindekasse, Abschaffung der Klassenbeerdigung, Ein⸗ führung der allgemeinen Benützung der Leichenhallen; in größeren Städten Errichtung von Krematorien für die Anhänger der Leichen verbrennung.

9. Armenpflege. Ausreichende Fürsorge für arbeitsunfähige Arme. Namentlich Beseitigung des un⸗ würdigen Zustandes, daß Arme und Waisenkinder zur Unterhaltung an den Wenigstnehmenden ausgeboten und vergeben werden.

Beseitigung aller Beschränkungen der bürgerlichen Rechte infolge von Armenunterstützungen.

10. Verkehrs⸗ und Beleuchtungswesen. Alle Lokalverkehrsmittel(Trambahnen, Straßen⸗ und Ringbahnen, Fähren und Ueberfahrtsboote), Krafterzeug⸗ ungs⸗, Wasserversorgungs⸗ und Beleuchtungsmittel sind in Gemeindebetrieben zu errichten resp. zu übernehmen. Herstellung möglichst vieler und rascher Verbindungen der Städte mit den Vororten. Verbilligung der Gas⸗ und Clektrizitätspreise. Verkauf des bei der Gasfabri⸗ kation gewonnenen Koacks zum Selbstkostenpreis an die ärmere Bevölkerung.

11. Gemeindearbeiten. Uebernahme von Ge⸗ meindearbeiten in eigene Regie. Vergebung der Gemeinde⸗ arbeiten und Lieferungen an Diejenigen, welche die mit den Arbeiterorganisationen vereinbarten Lohnsätze und Arbeitszeit anerkennen und einhalten. Beseitigung des Submissionsunwesens durch Einheitspreise, welche von unbeteiligten Sachverständigen und den Bauämtern all⸗ jährlich vorzuschlagen und von den Gemeindevertretern festzustelleu sind.

Abenteuer eines Kriedfertigen. Erzählung von Hein rich Zschokke.

7(Fortsetzung) Stallknecht und Kutscher.

Ich mochte eine Stunde gelaufen sein denn der elenden, kotigen Straße zum Trotz lief ich mich außer Atem fand ich's rätlich, gemächlicher einher zu schreiten. Unter meinen müden Füßen spürte ich einen milden Sand; rings um mich her säuselte im Abendlüftchen ein Kieferhain; über meinem Haupte wallte der berühmte Silbermond durch graue, gebrochene Wolken. Ich fand meine Lage sehr romantisch, sogar poetisch; hätte aber doch ein gutprosaisches Nachtessen nebst Strohbett nicht verschmäht.

Die Frage entstand: wohin wollen Ste, Herr Exgeneraladjutant? wovon gedenken Sie in Zukunft zu leben? Ich wußte wahrhafti weder das eine noch das andere. Und es i fei daß man in der Welt zuweilen solche leinliche Nebendinge nicht weiß. Eben das reizt die Lust des Lebens, wenn man so auf Geratewohl im Weltall forschreitet, ohne zu wissen wohin. Neugier und Hoffnung tragen uns weiter. Ich habe einen reichen Mann gekannt, der vollauf zu leben hatte und den Spleen dazu. Vielleicht war sein Ueberdruß und Ekel am Einerlei des Lebens gerade eine

olge seines Reichtums. Er verachtete das

eben, das ihm nie eine Sorge machte. Er war nahe daran, Selbstmörder zu werden, ver⸗ mutlich um der langen Weile eines Daseins zu entgehen, mit dem er nichts zu machen wußte. Und was hielt ihn von einem Tage zum andern ab, den Faden seiner Stunden zu zerreißen? Die Haude⸗Spenersche Zeitung. Er wollte nur noch immer vor seinem Tode wissen, was aus der Welt werden würde? Und wenn er die Zeitungen gelesen hatte, dachte er: das wäre also nach meinem Tode geschehen, wenn ich mich 15 1 5 mit einer Kugel selbstranzioniert hätte. Es ist doch gut, daß ich dies noch vor meinem seligen Ende erfahren habe. Und so überlebte sich der herzbrave Mann von einem Zeitungstage zum andern, bis ein paar Kauf⸗ leute die Gefälligkeit hatten, ihm durch einen sehr höflichen Spitzbubenstreich, Bankerott genannt, einen großen Teil seines Vermögens abzunehmen. Nun hatte er Not zu arbeiten; und die Not heilte seinen Spleen. Der Hunger ist nie 9 le als wenn man nicht weiß, womit ihn stillen; und das Leben nie reizender, als wenn man nicht weiß, wie es retten.

Das mochten unterwegs im obenerwähnten säuselnden Kieferhain auch meine Gedanken sein. Ich schleppte mich auf müden Füßen weiter, voller Neugierde, was aus mir noch werden, und wohin ich am Ende von meinem Schicksal verschlagen würde. Da bellten Hunde da

leuchteten ferne Fenster ich kam also zu einem Dorfe.

Vor dem Wirtshause stand eine offene halbe Chaise mit zwei Rossen bespannt, und zwar in der gleichen Richtung des Wegs, den ich zu wählen hatte. Das Standbrett hinter dem Kasten der Chaise ich rekognoszierte das

Lokal hatte zum Glück keine Eisenstacheln

und Schutzwehren gegen blinde Passagiere, die sich gern auf fremde Kosten durch die Welt schleppen lassen. Also konnte ich und das war kein geringer Trost meinem matten Leichnam ein Ruheplätzchen schaffen, und mit Bequemlichkeit flüchten. Der Wagen war leer, also der Eigentümer noch im Wirtshaus. Ich wühlte in meinen Taschen kein roter Pfennig darin, und doch hätte ich gern ein Stück Brot gekauft. Betteln konnte ich nicht, als wolte aber wohl in Requisitton setzen. 80 wollte mein Glück versuchen, ich trat ins aus.

Da lag auf einem alten Futterkasten ein runder Hut, ein Bauernkittel und eine Peitsche. Heil dem braven Mann, der in der Welt die Geistesgegenwart erfunden hat! Wetter- 197 71 flog mein militärischer Sturmhut auf

en Boden, der grobe Filz auf meinen Kopf;

der blaue lange Ueberrock des Offiziers auf den Kasten; mein schlanker Leib in den breit⸗ schultrigen Bauernkittel. Hätte ich noch ein Schlachtschwert gehabt, ich würde es gegen die Peitsche vertauscht haben, welche ich dennoch als Zugabe in die Hand nahm, um mich irgendwo einmal meiner Haut wehren zu können, wenn auch nur gegen unhöfliche Dorfhunde.

Daß ich nun, als qualifizierter Dieb, an ein Nachtessen im gleichen Hause nicht denken konnte, verstand sich von selbst. Das war e genug. Aber doch hatte ich nun das

ergnügen, vor französischen Nachstellungen gestcherter, inkognito reisen zu können.

Ich stand noch in der Hausthür, mit dem

Gesicht auf der Dorfstraße herumspähend, wo ich verborgen den Wagen beobachten könnte, um bei der Abfahrt mein Plätzchen hintenauf in Besitz zu nehmen. Da sprang jählings hinter mir eine Thür auf eine französische Stimme donnerte ich bekam von zwei gottlosen Fäusten hinterrücks einen so gewaltigen Stoß vorwärts, daß ich, so lang ich war, vor mit hinstürzte in den Kot, so tief er war. Das eschah miteinander in wunderbarlicher Eilfertig⸗ eit. Noch jetzt begreife ich nicht, wie man zu dem allem in so wenigen Augenblicken die nötige Zeit fand.

Allons bougre, allons! rief der Fran. ose einmal um's andere, der mich für seinen uhrmann halten mochte. Ich war mit mir noch nicht im reinen, ob ich mich tot stellen, oder als Dieb aufspringen und davon laufen müsse, ehe ich gehenkt würde. Der Franzose entschted für keins von beiden; packte mich mit wahren Teufelskrallen beim Kleid im Nacken, riß mich in die Höhe, pflanzte mich neben das Vorderrad zum Fuhrsitz, und schrie:Sitzen dick auf! sprang in den Wagen und rief: Allons! en avant!) 5

Mir gleichviel! dachte ich, setzte zich an Kuschers Platz, gab den Pferden einen derben Hieb und jagte zum Dorfe hinaus. Statt des

bescheidenen Hintenauf hatte ich nun die Ehren⸗ stelle vorauf. Der um 6 5 Gaderobe und Beamtung betrogene Kutscher, nämlich mein Vorfahr, konnte nun statt meiner General- adjutantendienste thun, falls er nicht freiwillig die Kleider im Stich gelassen hatte, um dem Franzosen inkognito zu entwischen.

* Los, vorwärts! (Fortsetzung folgt.)

Humoristisches.

Unverfreren. Richter:Sie wissen also be⸗ stimmt, daß es der Dorfbader war, welcher Ihnen bel der Naufercl die drel Zähne ausgeschlagen hat) Zeuge:Natürlich, am nächsten Morgen war er sogar dei mir, und wollte fürs Stück noch füufzig Pfennig bezahlt haben!

Berschnappt. Mann:Das Dienstmädchen bat ja in jedem Strumpf ein Loch! Frau:O. die 0 5 Person; da hat sie gewiß wieder ein Paar von

an!

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