Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 6. Unterhaltungs⸗Theil.
Neues Jahr— neuer Kampf!
Ein neues Jahr!— Das alte ist entschwunden, Mit ihm vorüber fünfzigjähr'ger Streit, Ein Kampf, gewaltig, reich an Wunden Und doch voll Ruhm, voll Herrlichkeit.
Das Schlachtseld decken todte Leiber Vom Jüngling bis zum greisen Mann; Am Schlachtfeld liegen Kinder, Weiber, Ihr bleiches Antlitz starrt uns an.
Im Kerker schmachten Kampfgenossen, Genossen frohnen überall.
Wir aber kämpfen unverdrossen,
Zu enden ihre, unsre Qual.
Ein neues Jahr!— Der Kampf wird weiter toben; Wir steh'n zusammen fest und treu. Ein neues Jahr: Das Banner flugs erhoben, Und trotzig tönt's aus jeder Reih“:
Den Geist, der uns beseelt, könnt ihr nicht morden, Den Geist sperrt ihr ins Loch nicht ein. Geknechtet find wir groß durch ihn geworden, Und weil er frei, wird er auch uns befrei'n.
Such', such'! Eine Erinnerung von Ed. Bauer.
Als jetzt allgemein bekannt dürfte vorausge⸗ setzt werden, daß auch unter dem Sozialisten⸗ gesetz die Genossen sich zusammenfanden, um die nothwendigen Geschäfte zu regeln.
So war es auch in St., einem Dorfe von da⸗ mals ca. 5000 Einwohnern, das heute noch den Ruf genießt, eine der rotesten Gemeinden im rotesten deutschen Bundesstaat zu sein.
War auch das Häuflein nicht groß, so konnte sich doch einer auf den anderen verlassen, und wurden oft Beschlüsse gefaßt und auch ausge⸗ führt, zu denen man jetzt— selbst gegen Bezahl⸗ ung!— sehr wenig oder gar keine Genossen bekommen würde.
Im genannten Orte hatte sich auch ein Buch⸗ drucker niedergelassen, der eine Art Vorstadtzeit⸗ ung mit„riesiger“ Auflage herausgab und sich recht und schlecht durchs Leben schlug. Da er sowie seine sehr intelligente Frau auch stark in Naturheilmethode machten und im Naturheil⸗ verein des Ortes sich des Oeftern an der De⸗ batte betheiligten, wurden sie mit den dort eben⸗ falls stark vertretenen Genossen bekannt und auf Wunsch auch bald zu den Parteisitzungen eingeladen.
Und damit war beiden Theilen gedient: S., so hieß der Buchdrucker, druckte, was von ihm verlangt wurde und ihm nur irgend möglich war, und verdiente dabei etwas, und die Ge⸗ nossen von Nah und Fern waren froh, jemand zu haben, der keine großen Umstände machte, bei den manchmal ganz kitzlichen Aufträgen.
Nun war man schon seit Langem mit dem Gemeindevorstand und einigen Stadträthen ob ihres allzu frechen Auftretens und so weiter höchst unzufrieden, und die Folge war schließ⸗ lich: einstimmig wurde beschlossen, denen ein⸗ mal öffentlich die Wahrheit ordentlich zu zei⸗ gen und zwar in Form eines Flugblatts.
Das Manuskript war bald fertig und's Drucken, nun— das besorgte der S., wenn er auch, wohl weniger aus Bescheidenheit, wieder wie auf manchem seiner Preßerzeugnisse, ir⸗ gend eine schweizerische oder luxemburgische Druckfirma darauf anbrachte.
Die Verbreitung des Flugblatts, das, ne⸗ benbei bemerkt, verschiedene niedliche Sachen und auch einige„zarte“ Seitenhiebe auf Staats⸗ einrichtungen usw. enthielt, wurde in der Dun⸗ kelheit und meist in Strümpfen und Hausschu⸗ hen vorgenommen und ging ohne Zwischenfall glatt von statten; beim darauffolgenden Ge⸗ neralappell war die ganze Mannschaft wohlbe⸗ halten zur Stelle.
Andern Tags war natürlich im ganzen Ort der Teufel los; da dort viel Hausindustrie be⸗
trieben wird, waren die Männer vielfach da⸗ heim, und bald schlüpfte der Nachbar zum Nach⸗ bar, auf den Straßen bildeten sich Gruppen und manchen trieb die Neugierde dazu, sich aus⸗ nahmsweise auch einmal am Vormittag einen Schoppen zu leisten.
Der Zweck des Flugblattes war vollkommen erreicht. i
Aber— muß es schon als kühn bezeichnet werden, gewissermaßen unter den Augen der Polizei etwas derartiges herzustellen, so grenzte es bei dem Genossen S. geradezu an bodenlosen Leichtsinn, den Satz des Flugblattes stehen zu lassen, das heißt die einzelnen Buchstaben nicht alle wieder an ihren bestimmten Platz zu thun und damit möglichst alle Spuren zu verwischen, daß sie zu so verbotenem Thun herangezogen worden waren. a
Es dauerte auch gar nicht lange, die einzel⸗ nen Fabrikpfeifen hatten kaum ihr Signal zum Wiederbeginn der Arbeit ertönen lassen, und Frau S. war noch mit der Zubereitung des Mittagsmahls beschäftigt, da rückten sie denn an: ein Amtmann, ein Oberkommissar, drei Fahnder, der am meisten angegriffene Gemein⸗ devorstand und als Sachverständiger— der Buchdruckereibesitzer B. aus L., der so gegen hundert Arbeiter beschäftigte.
Es wurde nun, da S. rundweg leugnete, das Flugblatt gedruckt zu haben, das ganze Haus umgedreht. Frau S. war recht behülflich und — während die übrigen noch in den Druckerei⸗ räumen herumwühlten, war sie mit Herrn B. schon im Wohnzimmer; nicht umsonst hatte ihr S. beim Empfang des Besuchs einen vielsagen⸗ den Blick zugeworfen.. N
Nun öffnete sie ganz bedächtig den Kleider⸗ spind, zog die Schublade heraus und breitete vor B. auf einem Stuhl verschiedene Zeitun⸗ gen und Bücher aus, dann begab sie sich an die Kommode, um— sogleich das in der Hand zu haben, was allgemein gesucht wurde.
Mit Jammern und der Bitte an Herrn B., ihrem Manne, der elend schimpfen würde, ja nichts von ihrem Ungeschick zu sagen, entfernte sie sich, mehr um ihre Aufregung zu verbergen, als Schaufel und Besen aus der Küche zu holen.
Herr B., der bei dem Experiment dicht dabei stand aund als Fachmann unbedingt gesehe snha⸗ ben mußte, daß Frau S. gerade den Satz des Flugblattes in recht„geschickter“ Weise zu Bo⸗ den fallen ließ, bückte sich und war behülflich, den Haufen auf die herbeigeholte Kehrichtschau⸗ fel zu dirigiren und dabei oder vielmehr wäh⸗ rend dem Augenblick, da Frau S. abwesend war, mußte er von den größeren Schriften, an denen man mit Leichtigkeit auch aus dem Haufen her⸗ aus den Satz des Flugblatts konstatiren konnte, eine Hand voll unter die Kommode geschleudert haben, denn S. fand dieselben, nachdem sich die Gäste verabschiedet und brachte sie in möglichster Plötzlichkeit an ihren Platz.
Kaum war mit vereinten Kräften der Bo⸗ den gesäubert, so tauchte auch schon der unter den Arbeitern bestgehaßte Fahnder F. mit sei⸗ nen Kollegen und so weiter auf, die nun ihrer⸗ seits Küche und Wohn- und Schlafzimmer einer gründlichen Inspektion unterzogen— es war aber alles vergebens.
Zum Glücke standen in den Wohnräumen noch verschiedene andere Schriftsätze, und dort stellte Frau S. ihr Gut in der Kehrrichtschaufel Anauffällig nieder. Der Gemeindevorstand und der schneidige F. machten sich noch in der Ge⸗ gend zu schaffen, aber eine kurze Bemerkung von Seiten des Herrn B.:„Das ist nichts!“ schnitt alle Weiterungen ab, und resultatlos zog die ganze Gesellschaft von dannen.—
In der Druckerei selbst war Genosse S. pein⸗ licher gewesen.
Buchdruckereibesitzer B. ist vor einigen Jah⸗ ren estorben; ist er auch nie öffentlich als unser Gegner aufgetreten, ein Anhänger un⸗ serer Sache war er durchaus nicht, und es muß doppelt anerkannt werden: damals hat er— mag er sich nun der ihm zugedachten Rolle ge⸗ schämt oder mögen ihn andere Motive bestimmt haben— seinen„Kollegen“ S. und damit wahr⸗ scheinlich auch verschiedene andere Genossen vor
1884, und da wehte in dem belagerten L. und Umgebung ein gar scharfer Wind.
Der Alkoholismus und seine Bekümpfung. (Forisetzung.)
Da diese aber wie die Arbeitsleistung nur durch die im Körper stattfindende Verbrennung von
den Wärmeverlust durch gesteigerte Nahrungs⸗ zufuhr sofort ersetzen. Kann er dies, so findet allmälig ein Ausgleich statt. Wenn aber ein schwacher, schlecht ernährter Mensch Branntwein trinkt, um sich zu erwärmen, so erreicht er damit das gerade Gegentheil, er wird nur in Folge des Wärmeverlustes noch mehr frieren, darauf⸗ hin zu abermaligem Branntweintrinken getrie⸗ ben und dann noch mehr geschädigt, bis sich schließlich alle schlimmen Wirkungen der Alko⸗ holvergiftung bei ihm einstellen und er zum Gewohnheitstrinker wird. Was anfänglich ein selten gebrauchtes Genußmittel, eine Arznei war, ist zum Lebensbedürfniß geworden!
Eine dritte Ursache, die den von Früh bis zum späten Abend sich abarbeitenden Proleta⸗ rier zum Schnapsgenuß treibt, ist das geistige wie körperliche Unbehagen, das er durch einen Rausch betäuben und vergessen will. Namentlich ungenügende, überfüllte und unschöne Wohn⸗ räume geben vielfach dazu Veranlassung, daß ihre Bewohner das Wirthshaus aufsuchen. Die stetig wachsende Wohnungsnoth tragt viel zur Verbreitung der Trunksucht bei. Im unfreund⸗ lichen, ungemüthlichen Heim sucht der Arme ent⸗ weder nach der Tagesarbeit bald seine schlechte Lagerstatt auf, und nimmt die Schnapsflasche mit, aus der er trinkt, bis er entschlummert und sein Elend nicht mehr fühlt. Oder er geht ins Wirthshaus, wo er mit Kameraden zusam⸗ men sich über die Oede seiner Existenz hinweg⸗ trinkt. Hierzu kommt noch der berechtigte Hang zur Geselligkeit, der das Kneipleben veranlaßt. Und da ein Wirth nicht mit Gästen bestehen kann, die wenig verzehren, andererseits in Ge⸗ sellschaft einer den andern zum Trinken anreizt, ebenso der Durst und Rauch in der Wirthsstube so endet die Unterhaltung nur zu oft mit Völ⸗ lerei, wie dies ja nicht nur bei den ärmsten und
daher am wenigsten unterrichteten Volksschichten zu beobachten ist, sondern auch bei den Wohlha⸗ benderen, namentlich den Studenten und Studirten.
Der Alkoholmißbrauch wird also durch so⸗ ziale Ursachen bedingt, folglich ist er auch nur durch soziale Maßnahmen zu beseitigen! Vor⸗ zubeugen und zu verhüten, daß die Bevölkerung der Trunksucht in die Arme getrieben wird, ist die große Aufgabe, die von der Hygiene der Sozialpolitik gestellt wird!
Die Zahl der Opfer des Alkoholismus ist eine erschreckend große und beständig wachsende. Allein in Berlin verfallen jährlich etwa 800 Personen dem„Delirium tremens“ im Deut⸗ schen Reiche liegen jährlich an 12000 Personen in Folge ihrer Trunksucht in den Krankenhäu⸗ sern, 32000 fallen der Armenpflege zur Last, 14000 Trinker sind in Strafanstalten, 9000 in Irsenanstalten. Ein Viertel sämmtlicher Geistesgestörten sind durch den Trunk erkrankt. In der Schweiz sind genaue statistische Erheb⸗ ungen angestellt worden, welche ergeben, daß von allen im Alter von 20—40 Jahren erfolg⸗ ten Todesfällen 11,2 Prozent, und von den im Alter von 40—60 Jahren erfolgten 15 Prozent den Folgen des Altoholismus zuzuschreiben sind, das heißt also: daß jeder zehnte Mann an den Folgen des Trinkens zu Grunde geht! In welchem Zusammenhang Alkoholgenuß und Verbrechen stehen, zeigen u. a. die im Jahre 1874 gemachten Beobachtungen des Gefängniß⸗ oberarztes Tr. Baer in Plötzensee bei Berlin, die sich auf 32 837 Strafgefangene in Preußen er⸗ strecken. Von diesen waren 42 Procent Trinker, und zwar 22 Prozent Gelegenheitstrinker und 20 Prozent Gewohnheitstrinker; Mord war in
46, Todtschlag in 63 Prozent der Fälle im Zu⸗
empfindlichen Strafen bewahrt. Man schrieb
Nahrungsstoffen stattfindet, so muß der Körper
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