Ausgabe 
6.1.1901
 
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Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 1. 55 5 1 wird also fortan in nationalliberalem Sinne ge⸗Zufriedene undunzufriedene Arbeiter Von Nah Und ern. leitet werden. bei ihren Festlichkeiten.

Gießener Angelegenheiten. Ein ungebetener Gast für Viele lat der Winter genau mit dem Beginn des neuen Jahres bei uns seinen Einzug gehalten und hat sein Regiment gleich mit ungewohnter Strenge angetreten. Die Temperatur fiel in den letzten Nächten bis 1012 Grad Kälte, auch um die Mittagszeit stieg das Thermometer nicht über 34 Grad. Nach den Witterungsbe⸗ richten aus dem übrigen Deutschland dürfte die Kälte anhalten. Für die Arbeiterschaft ist dies durchaus nicht erfreulich. Während die wohlhabenden Kreiese den Frost herbeisehnen, damit sie dem Eissport huldigen lönnen, leidet der nichtbesitzende Proletarier unter der wirth⸗ schaftlichen Krise und der Kohlen⸗ theuerung. Das Gespenst der Arbeitslosig⸗ keit hat schon vielen Familien die Festesfreude vergällt und wird durch den Frost eine weitere Ausdehnung erfahren. Und die Kohlennoth, die den Haushalt der Aermsten jetzt schon schwer be⸗ lastet, wird dies nach Eintritt der Kälte erst recht thun. Hoffen wird deshalb, daß die Winterkälte nicht allzulange anhält. Merkwürdigerweise wurde bisher die städtische Kohlenab⸗ gabe nicht in dem Maße in Anspruch genom⸗ men, als man erwarten sollte. Für viele Fa⸗ milien werden allerdings die Transportschwie rigkeiten in Frage kommen. Arbeiter, die den ganzen Tag über außer Hause beschäftigt sind, können die Einrichtung gar nicht in Anspruch nehmen, wenn kleinere Kinder vorhanden sind und die Frau genöthigt ist, dieselben zu beauf⸗ sichtigen. Könnten den Abnehmern die Kohlen zugestellt werden, vielleicht gegen eine kleine Vergütung, wäre das ein großer Vortheil.

Ein grausiges Unglück ereignete sich kurz vor Jahresschluß in dem Hause Kir⸗ chenplatz 11, in demselben, wo unsere Redaktion sich befindet. Am Sylvesterabend, etwa gegen halb neun Uhr Abends verbrannte die Ehefrau des Arbeiters Schneider auf gräßliche Weise. Sie war um diese Zeit damit beschäf⸗ tigt, ihr Schlafzimmer zu ordnen. Dabei muß sie in Krämpfe verfallen sein, wie das schon mehrfach vorkam, wobei die Petroleumlampe explodirte und das Bett und die Kleider der Frau sofort in Flammen standen. Hilferufe konnte sie nicht ausstoßen, erst zufällig wurde sie in ihrer fürchterlichen Lage durch ein Kind entdeckt, worauf dann die Nachbarn herbei eilten und den Brand löschten. Mit sehr schwe⸗ ren Brandwunden bedeckt, wurde die Verun⸗ glückte in die Klinik verbracht, wo sie in der Nacht zum 2. Januar ihren Qualen erlegen ist. Das traurige Schicksal der arbeitsamen u ud ordentlichen Frau erregt hier allgemeine Theil nahme.

Erste Hilfe bei Unglücksfällen. Bei dem oben geschilderten Unglücksfalle machte sich der Mangel einer Rettungsstation, von wel⸗ cher aus durch sachverständige Leute die erste Hilfe bei solchen Ereignissen erfolgen könnte, in empfindlicher Weise fühlbar. Während der herbeigerufene Arzt sofort zur Stelle war, dauerte es eine lange Zeit, bis endlich die Ueber führung der fürchterlich leidenden Frau nach der Klinik stattfinden konnte. Mehrere Drosch⸗ kenkutscher weigerten sich, die Verunglückte zu fahren; schließlich wurde der Transport auf Veranlassung der Pol, zei in einem verstaubten, für gewöhnlich im Spritzenhaus unterge brachten Krankenwagen ausgeführt, in dem auch Selbstmörder ꝛc. transprotirt werden. Das ist ein grober Mißstand. Für eine Stadt wie Gie ßen muß es eine Leichtigkeit sein, wenigstens ein Lokal in der Mitte der Stadt zu unterhal⸗ ten, wo stets geschulte Leute zur ersten Hilfe- leistung zur Verfügung stehen und das mit den nöthigen Instrumenten, Transportmitteln ꝛc. ausgestattet ist. Vielleicht nehmen unsere Ge⸗ nossen in der Stadtverordneten-Versammlung, Gelegenheit, Anregungen in diesem Sinne zu geben.

Nationalliberales Blatt. Die Gießener Neuesten Nachrichten theilen in ih⸗ rer Nummer vom vorigen Sonntag mit, da Herr Redakteur Hoppstädter, der im Jahr 1893 in Altena⸗Iserlohn als Nationalli beraler zum Reichstage kandidirte, demnächst die Redaktion des Blattes übernehmen wird. Es

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Bei dieser Gelegenheit sei eine Notiz erwähnt, die fich in Nr 3 derG. N. N., flüdet De wird erzählt, daß in Hamburg ein erheblicher Theil Maurer aus der Partei ausge⸗ treten sei, weil sie sich der Bestimmungvon oben herab nicht hätten fügen wollen, daß die Akkordarbeit im Maurergewerbe gänzlich besei⸗ tigt werde. Uns ist von der Geschichte nicht das Mindeste bekannt. Die Beseitigung der Akkordarbeit ist übrigens keine Partei-, sondern eine gewerkschaftlische Forderung, es fällt der Partei niemals ein, eine solche Be⸗ stimmungvon oben herab zu geben. Schöne Gesellschaft überhaupt, die wegen solcher Baga⸗ tellen aus der Partei austritt!

Wieseck.

ch. Vom Arbeiterbildungsverein wurde am vorigen Sonntag ein Familienabend abge halten, der äußerst zahlreich besucht war und den besten Verlauf nahm. Durch Vorträge ernsten und heiteren Inhalts unterhielten sich die Theil⸗ nehmer aufs Beste. Eine Verloosung nützlicher Haushaltungsgegenstände folgte zum Schlusse. Ferner ist noch die weitere, recht erfreuliche Thatsache zu erwähnen, daß bei dieser Gelegen⸗ leit die Gründung eines Arbeitergesang⸗ vereins angeregt wurde, welchem beizutreten auch gleich eine große Anzahl der Anwesenden sich bereit erklärte. Wieseck sollte eigentlich schon längst seinen Arbeitergesangverein haben, hof⸗ fentlich kommt es jetzt zur Gründung eines solchen. 1

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Aus Wetzlar.

tl. Arbeiterentlassun gen. Die abflauende Geschäftskonjunktur macht sich auch hier in Wetzlar bereits empfindlich bemerkbar. Vom hiesigen Walzwerk sind schon eine ganze Anzahl Arbeiter entlassen worden, während ver schiedene andere Werke zahlreiche Feierschichten einlegen. Das bei den ohnehin schlecht gelohnten Arbeitern herrschende Elend wird dadurch natür⸗ lich noch mehr verschärft. Dabei kommen durch⸗ aus nicht wenig Familien in Betracht. Bei dieser Sachlage lesen sich die Aufrufe zu Sam m⸗ lungen für die Buren, die wahrhaftig nicht auf die paar deutschen Pfennige angewiesen sind und die für das Bismarckdenkmal, das so über⸗ flüssig ist, wie ein Kropf, wie der reinste Hohn. Wenn die guten Leute vomAlldeutschen Ver⸗ band Elend mildern wollten, so hätten sie hier bei uns genügend Gelegenheit dazu und brauch- ten nicht in die Ferne zu schweifen. Für das Bismarckdenkmal ging, wie uns mitgetheilt wird, der Herr Landrathsamts⸗Ver⸗ walter persönlich sammeln. Dadurch wurde die Sammlung allerdings ergiebiger, für Manche war das aber höchst unangenehm. Wir finden das sehr begreiflich.

Krieg im Krie gerverein. Als kürz⸗ lich die Vorstandswahl im hiesigen Krieger⸗ verein vorgenommen werden sollte, verlang ten die Offiziere, daß ihnen das Vorrecht eingeräumt werde, unter sich einige Mann in den Vorstand zu wählen. Dem konnte nicht stattgegeben werden, weil das einfach gegen das Statut verstößt. Darüber kam es zum Krach. Die deutsche Kameradschaftlichkeit ging in die Brüche, die Herren Offiziere erklärten ihren Austritt und werden wohl nun einen Offiziers Kriegerverein gründen. Ob dengewöhnlichen Mitgliedern nicht bald die Ueberzeugung auf dämmert, daß sie von gewissen Leuten nur als Staffage gebraucht, sonst aber als eine ge⸗ ringere Menschenklasse betrachtet werden?

In Sachen des Offenbacher Conflikts entschied der Provinzialausschuß der Provinz Starkenburg auf den Rekurs des Ober- bürgermeisters Brink in Offenbach unter Auf⸗ hebung der Entscheidung des Kreisausschusses zu Ossenbach dahin, daß der Beschluß der Stadt⸗ verordneten-Versammlung, vier vorberathende Ausschüsse der Stadtverordneten, die nicht unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters stehen sollten, zu bilden, ungiltig und aufzuheben sei. Der Stadt wurde die Zahlung eines Aversio nalbetrages(Vergleichssumme) von 25 Mark auferlegt. Ob bei diesem Entscheid unsere Ge nossen sich beruhigen werden, bleibt abzuwarten.

Zu dieser Angelegenheit kündigt unser Of⸗ senbacher Parteiblatt an, daß gegen diese Ent⸗ scheidung Beschwerde bei dem Ministerium er⸗ hoben werden wird. Warten wir also ab, was die oberste Instanz zu der Sache sagt.

5 Am zweiten Weihnachtsfeiertage hielten in Mainz, wie unser dortiges Parteiorgan be⸗ richtet, sowohl dieordentlichen(Innungs⸗ schäfchen) wie dieminderwerthigen(Organi⸗ sirten) Bäckergehilfen jede sür sich einen Ball ab. Der Ball derMinderwerthigen verlief in schönster Ordnung und hielt die Theil⸗ nehmer bis in der Frühe gemüthlich beisammen. Der Ball derOrdentlichen, welcher zur hö⸗ heren Weihe von den Innungsmeistern besucht war, hatte schon einen stürmischen Anfang, da die Polizei schon vor Mitternacht gezwungen war, einem Innungsschäfchen den Revolver ab⸗

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zunehmen. Wie wir gehört haben, soll die Sache noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Vielleicht schöpfen die Arrangeure dieses Balles aus den diversen Vorkommnissen die Erfahrung, in Zu⸗ kunft mit den Organisirten Hand in Hand zu gehen. Das dürfte für die Bäckereiarbeiter vor⸗ theilhafter sein, als das Streben, sich in der Sonne innungsmeisterlicher Huld zu wärmen. Letzteres können sich auch die Gießener Bäckergehilfen zu Herzen nehmen.

Wieder Einer.

Große Unterschlagungen hat der vor einiger Zeit verstorbene geistliche Verwalter und Stadtrath Ludin in Karlsruhe begangen. Wie sich jetzt herausstellt, hat der noch am Grabe gefeierte Ehrenmann Unterschlagungen in der Höhe von 185000 Mk. verübt, die er durch dreiste Fälschungen zu Wege gebracht und durch überaus geschickte Manipula⸗ lionen Jahre lang zu vertuschen gewußt hat. Besonders schwer betroffen von den Verun⸗ treuungen ist der Verein zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder im Großherzogthum Ba⸗ den, dessen Rechner und Verwaltungsmitglied Ludin seit 1883 gewesen war.

Guter Schwabenstreich.

Von einer bei den neulichen Wahlen in Württemberg vorgekommenen gelungenen Wahlgeschichte berichtet der demokratische StuttgarterBeobachter. Fürst Hohenlohe⸗ Langenburgern, es sei sein dringender Wunsch, in der fürstlichen Residenzstadt Langenburg eine gefährliche Neigung bestehe, demokratisch zu wählen. Er schrieb deshalb seinen biederen Langenburgern, es sei sein drinegender Wunsch, daß nicht der bürgerliche Demokrat Haußmann gewählt werde. Also sagten die Langenburger: Man muß dem Fürsten folgen und wählten 68 Mann hoch den Sozialdemokraten Fischer!

Folgen des Sternberg⸗Prozesses.

Auch gegen den Re htsanwalt Justizrath Sello ist nunmehr die förmliche gerichtliche Voruntersuchung wegen Begünstigung eröffnet worden. Wie derVorwärts mittheilt, ist beim Tode Meerscheidt-Hüllessem's Cyankali in Wirksamkeit getreten. Dadurch wird die sonst doch einigermaßen verwunderliche Thatsache der Obduktion der Leiche sehr ver⸗ ständlich, ebenso die Nachricht von der Fortfüh⸗ rung der Untersuchung gegen den verstorbenen Polizeidirektor.

Korektur des Löbtauer Zuchthausurtheils.

Aus dem Zuchthause zu Waldheim sind vorige Woche die Bauarbeiter Pfeifer und Leiber entlassen worden. Sie waren zu sechs Jahren Zuchthaus verurtheilt, Opfer jenes furchtbaren Urtheils des Dresdener Schwurge⸗ richts, das im Anfang des Jahres 1899 nicht nur in ganz Deutschland, sondern weit über dessen Grenzen hinaus ein gewaltiges Aufsehen erregte. Wie demVorwärts von unter⸗ richteter Seite mitgetheilt wird, hätten die da⸗ mals betheiligten Geschworenen ein aus⸗ führlich begründetes Gnadengesuch einge reicht. Das von sämmtlichen Geschworenen unterzeichnete Gesuch, welches mehr als eine Bitte um Gnade enthalten hätte, sei von der sächsischen Regierung abschläglich beschieden worden.

Wahltreis Marburg Kirchhain.

St. Marburg, den 4. Januar 1901. Sylvesterfeier. Der hiesige Bezirks⸗ verein des Verbandes der deutschen Buchdrucker hatte am Sylvesterabend im Cafee Quentin eine kleine Feier veranstaltet, welche einen recht zufriedenstellenden Verlauf nahm. Große Hei⸗ terkeit erregten besonders die Scherzverlosun⸗

hochangesehene.

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