Mitteldeutsche Sonntagszeitung.
dem vom„Vorwärts“ veröffentlichten Schrei⸗ ben heißt es unter Anderem:
Heute erhielt ich Ihren Brief, aus dem ich ersehe, daß Sie in ebenso schwerer Sorge sind wie wir selbst! Gott der Herr allein kennt diejenigen, durch deren Verschulden mein armer Mann, der stets einem Jeden ein Muster in Pflichttreue, Fleiß und Gewissen⸗ haftigkeit sein konnte, in diese so schreckliche Lage gebracht worden ist. Ich bin überzeugt, wenn Sie meinen Mann kennen würden, Sie würden es bereuen, auch nur ein Wort der An⸗ schuldigung über ihn geäußert zu haben. Er, dessen größte Freude es war, zu helfen, sollte sich an fremdem Hab und Gut versündigt ha⸗ ben? Das können nur diejenigen sagen, die ihn nicht kennen, oder solche, die gewissenlos genug sind, absichtlich Böses zu thun.— Sie schreiben, mein liebes Fräulein, mein Mann besäße 20 Millionen, er hat nicht den zehnten Theil davon und Alles, was er hatte, ist bereits in die Bank gegeben und sogar auch mein Be⸗ sitzthum mit angegriffen worden. Daher, mein liebes Fräulein treffen mich Ihre schweren An⸗ schuldigungen nicht, denn ich habe ein ruhiges Gewissen und ebenso erträgt auch mein Mann diese schwere Prüfung mit Ergebung und in festem Vertrauen auf unseres Herrn und Gottes Hülfe. Mein liebes Fräu⸗ lein, verlieren Sie auch nicht das Gottvertrauen, wenn wir alle Gott den Herrn bitten, daß er der gerechten Sache den Sieg verleihe, so wird er uns nicht verlassen, sondern uns gegen unsere Feinde be⸗ schützen, die uns zu verderben trachten. Daß Gott der Herr uns alle, die wir auf ihn hoffen, in seinen gnädigen Schutz nehmen und uns helfen möge, erfleht täglich in heißen Gebeten Frau M. Sanden, geb. Felzer.“ Sehr bequem ist es, die Geprellten, auf den Herrgott zu verweisen, der verlangt kein Geld!
Wann geht Posadowsky?
Antwort auf diese Frage giebt die„Münche⸗ ner Allg. Ztg.“, indem sie erklärt, der Abgang des Grafen Posadowsky gelte in parlamentari⸗ schen Kreisen als nahezu gewiß. Es frage sich nur, wer an seine Stelle käme, man streit darüber, ob Herr v. Rheinbaben oder Herr v. Bitter aus Posen der Nachfolger sein soll. Man will offenbar lange genug warten, um behaupten zu können, der Grund für seinen Rücktritt liege nicht in der Bettelbriefaffäre. Man will es nicht zugeben, daß ein Staatssekre⸗ tär des deutschen Reiches durch ein sozialdemo⸗ kratisches Blatt gestürzt werden könne., Aber gehen muß er doch!
Vom Hunnenthum.
Von den deutschen„Kulturverbreitern“ in China und ihrem barbarischen, hunnenmäßigen Vorgehen unterrichten uns verschiedene Schrift⸗ stücke, die in der letzten Zeit eingelaufen sind. In die ersten Zeiten der deutsch⸗christlichen Kul⸗ turthätigkeit in China führt ein Hunnenbrief zurück, den die„Rhein.⸗Westf. Arbeiterzeitung“ veröffentlicht und der in besonders roher Form bereits bekannte Scheußlichkeiten bestätigt. Es heißt in der Epistel:
„Den vierten Tag sind wir vor Peking angekommen. Auf dem Marsch so'nen Gestank, alle zehn Miauten kletterte man über einen halbverfaulten Chinesen oder über ein verfaultes Pferd, es war grausig.
Die erste Zeit in Peking war es zi⸗mlich ruhig. Der erste Sonntag war sehr indressaut, denn am Sonntag Nachmittag erschossen wir 74 Chiuesen, das war eine Sonntagsar beit. Den 12. September da war es, wo wir das erste Ge⸗ secht hatten, die Erstürmung der Festung Lianghiang.. Die Kugeln der Boxer und Chinesifchen Infanterie pfiffen über unsere Köpfe. Da war es aber grausig zugegangen. 56000 Chinesen wurden niedergemacht. Du mußt bedenken, was die Chinesen für Angst haben; wir haben die größten Tropenhüte, da denken die Chinesen, die wären von Eisen, da gingen keine Kugeln durch, und die langen Seitengewehre. Am vergangenen Montag machten wir wieder nach dem Gebirge, da kamen wir bloß zwei Stunden zu spät, sonst wären uns 20000 Boper in die Finger gelaufen. Das wäre aber ein Morden gewesen. Du glaubst gar nicht, daßt macht einem Spaß, so zu morden nach Herzens lust. Das sind die Früchte der christlich⸗germa⸗ nisch⸗militärischen Kultur:„Das macht einem Spaß, so zu morden!“
Bezeichnend für die Moral der Hunnen⸗ krieger ist eine vom 16. Oktober aus Tientsin datirte Feldpostkarte, die dem„Vorwärts“ im Original vorlag. Da schreibt der Kulturpionier: N hne nen e
liche Bestien, mit denen ich, ebensowenig jeder andere, nichts zu thun haben möchte. Nicht mit Mostrich zu genießen. Wir ver⸗ wenden sie nur zum Sachen nähen. Auch muß sich mitunter so ein Biest auf einen Esel setzen und einen kleinen Todesritt machen, bis sie zuletzt herunterfällt, das größte Vergnügen für uns. Auch muß so mancher Langzopf sein Leben lassen, wenn er nicht thun will, wie ihm befohlen. Privat- vergnügen jeder Art giebt es alle Tage, doch wagt sich keiner von ihnen auszurücken, da überall Posten stehen...“
Die germanische Sittlichkeit und die christ⸗ liche Nächstenliebe dieses freiwilligen Muster⸗ patrioten sind derart, daß wir mit Entsetzen uns vorstellen können, welche„Kräfte“ in dem europäischen Militarismus schlummern. Es ist keine Uebertreibung, es ist blutige Wahr⸗ heit: Die Zeiten des dreißigjährigen Krieges sind zurückgekehrt, da man es auch unter die köstlichsten Privatvergnügungen rechnete, die Weiber schimpflich zu quälen und Männer zu morden, wenn sie nicht thun wollen, was sie die„Reutter“ zu thun hießen. Wenn man die Thaten der Peters, Leist, Arenberg vertausend⸗ facht, so hat man in einem schwachen Abriß des chinesischen Feldzuges. Das Kulturgewissen des Volkes wird Rechenschaft von denen for— dern, die für diese Missethaten einer grauen⸗ haften Verrohung verantwortlich sind, auch wenn Herr v. Goßler, der preußische Kriegsminister, immer noch nichts amtlich von dem weiß, was in zahllosen Zeugnissen gen Himmel schreit.—
Die Kriegsmüdigkeit unserer Hunnen⸗ krieger geht aus einem anderen Briefe hervor, der eben durch die Presse geht. Darin heißt es:
„Wir sehnen uns alle nach Nachrichten aus
der Heimath, und noch mehr nach der
Rückkehr, vom Offizier herab bis zum
letzten Mann. Das Hühnerstehlen, Ab⸗
schießen von einzelnen meist wehr⸗ losen, ungefährlichen Chinesen und das Herumliegen in chinesi⸗ schem Schmutze, haben Alle gründ⸗ lich satt. Bisher haben wirklich nur das
Federvieh und das meist unschuldige Prole⸗
tariat ihr Blut hergeben müssen. Die Schul-
digen sind fast ausnahmslos ent⸗ flohen und warten ruhig im Innern und
im Gebirge ab, bis die„fremden Teufel“
wieder abgezogen sind....“
Aus diesen Mittheilungen geht mit aller Deutlichkeit hervor, auf welche Art die„Kul- turnationen“— die deutsche voran— in China „dem Handel freie Bahn“ und dem Christen⸗ thum Eingang zu verschaffen suchen.
Offiziers⸗Pensionen.
Im Laufe des Jahres 1900 wurden in Deutschland nicht weniger als 808 Offiziere verabschiedet. Davon erhalten 644 Pensio⸗ nen, 164 sind ohne Pension verabschiedet oder ausgeschieden. Voriges Jahr betrug der Ge⸗ sammtabgang an Offizieren 700, stieg also im letzten Jahre ganz bedeutend, trotzdem durch die Chingexpedition der aktiven Armee etwa 500 Offiziere entnommen wurden. Dem deutschen Volke kosten die Massenpensionirungen ein schönes Stück Geld.
Aus der Ferienkolonie.
Vorige Woche wurde in Dresden ein Re⸗ krutenschinder, der Unteroffizier Groß zu einem Jahre Gefängniß verurtheilt. Dieser „Stellvertreter Gottes“ hat zehn Rekru⸗ ten fortgesetzt in empörender Weise mißhan⸗ delt. Der Unmensch hat die Leute, die aus Furcht keine Meldung erstatteten, vier Wo— chen täglich mit Ohrfeigen traktirt. Einzelne davon ließ er 8-10 Minuten lang Kniebeuge machen mit vorgestreck⸗ ten Armen. Andere stieß er mit der Ge⸗ wehrmündung in den Unterleib, einem Peanne warf er einen Patronenrahmen ror die Brust, daß der Mann erkrankte, wie⸗ der einen anderen ließ er so lange am Quer⸗ baum hängen, bis der Mann kraftlos herunterfiel. Schläge mit der Faust un⸗ ters Kinn und Fußtritte beim Exer⸗
ziren bildeten weitere Ausdrücke der Rohheit
dieses Unteroffiziers. Der rohe Patron legte 1 gegen das Urtheil Berufung ein. Er scheint
also noch gar nicht einzusehen, wie sehr er eine exemplarische Strafe verdient hat. Zu wun⸗ dern braucht man sich nicht, wenn das moderne Militärsystem solche Charakter großzieht. Aus Furcht ließen sich die Leute lange Zeit miß⸗ handeln; die„eiserne Disziplin“ war ihnen schon gründlich eingeimpft. Ja, es ist eine Luft, Soldat zu sein. Gegen den Lebeusmittelwucher.
Auch die Stadtvertretung in Got ha beschloß, die Gothaer Staatsregierung zu ersuchen, sie möge im Bundesrath dahin wirken: 1. daß im neuen Zolltarif von einer Erhöhung der jetzi⸗ gen Getreidezölle, sowie der Zölle auf andere nothwendige Lebensmittel Umgang genommen, 2. daß zur Sicherung einer gedeih⸗ lichen Entwickelung unserer Exportindustrie und zur Behauptung der auswärtigen Absatzgebiete langfristige Handelsverträge abge⸗ schlossen, bezw. noch weiter ausgebaut und 3. daß von der Einführung sogenannter Doppel- tarife abgesehen werde.
Urtheile Geistlicher über Gewerkschaften und Streikbrecher.
Aus Anlaß der Gründung eines christlichen Streikbrecherbundes gelegentlich eines dänischen Hafenarbeiterstreiks in Randers(Dänemark) äußerte sich ein Geistlicher:„Es ist meine Mei⸗ nung, daß die Vorkämpfer der Organisation die tüchtigsten und rechtschaffensten Ar⸗ beiter sind, während an den Streik⸗ brechern oft„ein moralischer Haken“ gefunden wird. Es liegt eine große Gefahr darin, mit einer ökonomischen Bewegung den Namen Christi zu verknüpfen. Wir Geist⸗ lichen protestirenenergisch dagegen, daß es Gottes Sache sein sollte, als Streikbrecher zu arbeiten.“
Ein anderer Geistlicher erklärte:„Es ist meine Ueberzeugung, daß die Gewerk⸗ schaftsbewegung Nutzen gebracht
hat und ganz besonders auch die morali⸗ schen Eigenschaften der Arbeiter erhöht hat. Lebt man fern von anderen Menschen, so mag man thun, was man will. Lebt man aber mit so vielen zusammen, so hat man Rücksicht auf die Allgemeinheit zu nehmen und vor Allem nichts zu thun, was die Arbeitsbedingungen der anderen beeinträchtigen kann. Man soll sich nicht weigern, einem Fachverein beizutreten, mit der Moti⸗ virung, daß man damit vielleicht etwas Böses begehen würde. Denn dann könnte man ja auch nicht Staats- noch Gemeindebürger sein, wenn jeder Einzelne die Verantwortung für jede Handlung dieser Gemeinschaften tragen würde.“ Allerdings giebt es wenige Geistliche, die so objektiv über die Arbeiterbewegung urtheilen. Vernünftiger Kaplan.
Für den Achtstundentag plaidirte in Görlitz jüngst ein katholischer Kaplan. Er sprach in einer Versammlung des katholischen Arbeitervereins und wies dabei, einem Bericht des freisinnigen„N. Görlitzer Anz.“ zufolge, „eingehend in populärer Darstellung die schäd— lichen Folgen nach, welche die übermäßige Ar- beitsdauer, die man als Raubbau bezeichnen kann, in gesundheitlicher Beziehung hat. Er konnte seine Beweisführung auf zahlreiche Er⸗ fahrungen in der seelsorgerischen Wirksamkeit stützen, berücksichtigte in seinen Darlegungen so⸗ wohl die körperliche als auch die geistige Arbeit und kam nach einer eingehenden Erörterung des Mißbrauchs des Alkohols zu dem Endergeb— niß, daß das Verlangen nach einer nicht zu langen Arbeitszeit gerechtfertigt ist und daß auch der Achtstunden⸗Arbeitstag für den Einzelnen und das Menschengeschl echt bon Vortheil sein würde de die katholischen Arbeitervereine alles wollen, was ihre Kapläne wollen, so dürfte sich auch der Verein damit einverstanden erklärt haben. Das Zentrum ist bekanntlich nicht für den Acht— stundentag zu haben.
Dläten und Reichstagswahlrecht.
Gegen des Neichstagswahlrecht hetzt wieder einmal die Stummsche Post. Die Ge⸗ währung von Diäten will sie mit der Verschlech⸗ terung des Wahlrechts verknüpft wissen. Be⸗ sonders klagt sie über die langen Reden der zialdemokraten, welche anzuhören diejenigen
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