Ausgabe 
5.5.1901
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 18.

Unterhaltungs-Ceil. ů

Den Frauen.

Den Frauen heut ein Frühlingsgruß! Euch allen, die in harten Mühen In Schmerz und Schweiß das Dasein schleppt, Euch sollen Maienrosen blühen! Greift lachend in die rote Pracht: Ein Morgen glüht, den keine Wolke In schwarze Schatten hüllen wird, Ein Festtagsmorgen allem Volke!

Den Frauen heut ein Maiengruß! Ihr tragt die Zukunft unter'm Herzen, Ihr säugt die Freiheit an der Brust, Das ist ein heilig Recht der Schmerzen: Das ist ein göttlich Frauenrecht,

Das haltet fest mit starkem Wollen. Und Eure rote Blume blüht, Wenn rings umher die Wetter grollen.

Euch Frauen heut ein Festtagsgruß! Denn Ihr vor allen seid berufen, Daß Ihr die Menschheit beten lehrt Fromm an der Freiheit Altarstufen, Daß Ihr dem beutegierigen Speer Die Spitze brecht mit reinen Bänden:

Nicht Eurer Kinder rotes Blut,

Der Liebe Rosen sollt Ihr spenden!

Und ob Ihr wohnt am Seinestrand,

An Skandinaviens Felsenthoren,

Ob Londons Nebel Euch umspinnt, Ob Rußlands Steppe Euch geboren, Ob Euch Italiens Sonne scheint,

Ob Euch Germaniens Eichenstärke Die Muskeln spannt: ich rufe Euch Zu einem großen Maienwerke!

Den Haß, der die Nationen trennt, Soll Eure Ciebe überwinden,

Wenn schwesterlich die Hände sich Zum letzten, großen Kampfe finden. Des Sturmjahrhunderts Morgenschein Soll Eurer Rechte Sieg verklären: Erst müßt Ihre freie Menschen sein, Um freie Menschen zu gebären!

Dann wird nicht mehr die harte Not Des Mädchens Wange rauh entfärben, Dann wird nicht mehr in Sklavenfrohn Des Weibes Seele dürstend sterben, Die Sehnsucht, dir ihr Sein durchflammt, Wird der Erfüllung Blüte treiben:

Am Uind, das sie geboren hat, Wird ihr das Recht der Mutter bleiben!

Aus märchenblauen Seiten klingt Ein Segenswort: Den Fluch des Bösen, Der auf das Haupt der Menschheit fiel, Wird einst die Hand des Weibes lösen. Aus Lügenschlamm und Gassenstaub Wird sie den Schatz der Wahrheit heben Und segnend ihn als Hort des Rechts Den kommenden Geschlechtern geben.

Den Frauen heut ein Segensgruß! Aus alter Kindermärchen Alarheit Lacht hell in all den Sonnerglanz Das heilige Angesicht der Wahrheit. Kein Traumglück mehr, kein Sehnsuchtlaut: Es gilt den Kampf! Auch Such, den Frauen Und Eure Kinder werdet Ihr Der Freiheit Maitag feiern schauen!

Clara Müller in derGleichheit.

Das Meisterstück. Erzählung von Robert Schweichel. 3(Fortsetzung.) II.

Am folgenden Morgen hatte Berthold Helder einen benommenen Kopf. Nicht die von allerlei Dünsten und Gerüchen verderbte Luft auf der Herberge trug allein die Schuld daran. Mehr der Anblick so manchen vergebens Arbeit suchen⸗ den Elends, das von den Landstraßen hier zusammengeflossen war. Er kannte dieses Elend nur zu gut aus seinen Wanderjahren und wußte auch, daß ein großer Teil dieses Elends seine Wurzeln in den harten Zunftgesetzen hatte, welche

einerseits, um die Konkurrenz unter den Meistern

selbst zu verhindern, diesen vorschrieben, mit wie

viel Gesellen und Lehrlingen jeder in seinem Handwerk arbeiten durfte; andererseits es den Gesellen nach Möglichkeit erschwerten, das Meis⸗ terrecht zu erwerben. In der erhöhten Stim⸗

mung, in der Berthold das Haus des Färbers

verlassen hatte, fiel ihm das harte Los seiner Mitgesellen schwerer als sonst auf das Herz und er grübelte auf seiner Lagerstätte lange darüber, wie den Uebelständen abgeholfen werden könnte.

Nachdem er sich am nächsten Morgen gründ⸗ lich gesäubert hatte, begab er sich zuvörderst zu seinem Vormund. Die frische Luft that ihm wohl und führte ihm das Bild Trudens wieder vor die Seele. Das schreckliche Schicksal seines Jugendfreundes verstärkte sein Gefühl für dessen Schwester und er setzte sein Herz gleichsam zum Erben des unglücklichen Leo ein. Sein Vor⸗ mund, der Rendant an dem städtischen Akzise⸗ amt war, empfing ihn, als ob er ihn nur gestern zum letzten Male gesehen hätte. Herr Elias Hungerbühler war nur noch eine Rechenmaschine und das einzige Lebende an ihm seine Neigung zum Schnupftabak, dessen braune Körner denn auch reichlich das aus der Schooßweste ich blähende Jabot bestreuten. Er hatte die Hinterlassen⸗ schaft von Berthold's Eltern mit Genehmigung des Vormundschaftsgerichts verkauft, um Bert⸗ hold's Erziehung, Kleidung, Lehrgeld usw. bestrei⸗ len zu können, und das Ergebnis war, daß sein Mündel nach Abzug der Unkosten und Auslagen und Zuschlag der inzwischen angelaufenen Zinsen noch 52 Thaler 13 Silbergroschen 8 Pfennige gut hatte. Dastintenklexende Säkulum, wie Schiller das achtzehnte Jahrhundert genannt, hatte über die Führung der Vormundschaft ein dickleibiges Aktenheft entstehen lassen; das schleppte Herr Elias Hungerbühler herbei, um daraus Alles und Jedes bis auf Heller und Pfennig zu belegen. Berthold schob es lachend bei Seite und brachte sich bei seinem Vormunde in den Geruch des grenzenlosen Leichtsinns, weil er ihm auf's Wort glaubte und ohne Weiteres die Generalquittung unterzeichnete.

Merkwürdig war es, wie nachdenklich er mit dem Gelde in seiner Tasche seiner Wege ging, und wie nachdenklich er zu den bewalde⸗ ten Höhen hinüberschaute, in deren Tannengrün das welkende Laub der Birken wie goldene Flämmchen leuchtete. Seine Geschäfte in Mühl⸗ haufen waren abgethm. Es geschah daher wohl, um von den Gräbern seiner Eltern auf dem Friedhof von St. Nikolaus Abschied zu nehmen, weshalb er Nachmittags in die Vorstabt hinausging. Trude stand just hinter ihren

Blumen am Fenster und der Schelm blitzte aus

ihren Augen, als er sie grüßte und nicht vorbeiging, sondern in das Haus kam. Zu ihrer Verwunderung aber klopfte er nicht an die Stubenthür. Nein, er ging gerade aus durch den Flur auf den Hof, wo der Meister mit einem Gesellen und einem Lehrling beschäf⸗ tigt war, frisch aus der Färbe gekommene Tuche guirlandenartig an den Trockenstangen aufzuhängen.Kommst die Jause nachholen? scherzte Meister Weigand.Ist recht. Bert⸗ hold versetzte jedoch, indem er rot wurde:So ausverschämt bin ich nicht. Ich wollte was mit dem Meister reden.Ja, dann mußt Du schon noch eine Weile warten. Geh' in die Stube! Berthold lehnte diese Aufforderung ab. Während einiger Minuten sah er der Arbeit zu, dann hielt er Umschau auf dem Hofe, der sich bis an das Ufer der Unstrut erstreckte. An den beiden Zäunen, die ihn von den Nachbar⸗ grundstücken trennten, zogen sich an der einen Seite Fliederbüsche entlang, auf der anderen Seite stand eine von Geißblatt umsponnene Laube; die Mitte nahm ein Bleichplatz ein. Ein mit Ketten am Ufer befestigtes Floß schwamm auf dem Wasser.Ein Staatskerl, sagte der Meister zu sich selbst mit einem wohl⸗ gesälligen Nachblick auf des jungen Schlossers ebenmäßige, muskulöse Gestalt, die heute nicht der leinene Wanderkittel verhüllte. Weigand fand ihn später am Flusse, auf dem die Nach⸗ mittagssonne flimmerte und glitzerte. Er hätte eine große Bitte an ihn, begann Berthold und erzählte, daß er am Morgen sein Erbe ausge⸗

zahlt erhalten hätte: der Meister möchte ihm das Geld aufheben, da er nicht wüßte, wo und

wie er es sicher verwahren könnte. Der Meister war dazu bereit.Aber Du wolltest ja gleich wieder fort, setzte er hinzu.Frei⸗ lich, gab Berthold mit einiger Verlegenheit zur Antwort;aber bis zum Frühjahr bleib' ich wohl noch. Der Booß(der Herbergsvater) sagte mir, daß just ein Geselle von dem Schlosser⸗ meister Schönhauer seine Abkehr genommen hätte. Ich hab' mich gemeld't und heute Abend trag' ich meinen Ranzen hin.Hast Recht gethan, lobte der Färber.Ein rollender Stein setzt kein Moos an. Ist's viel?

Berthold hatte die Summe aus seinen Ersparnissen auf sechzig Thaler abgerundet, die er Weigand in die Hand zählte.Das langt, wenn Du Dir eines Tages das Meisterrecht kaufen willst, sprach dieser.Jetzt komm' aber in's Haus! Muß Dir doch für's Leben und Sterben einen Empfangschein ausstellen. Er ging voran und Berthold folgte ihm mit einiger Befangenheit. Denn was mußte Trude von ihm denken, daß er schon so bald wieder⸗ kam? Was diese dachte, erfuhr er jedoch nicht. Er wurde von ihr und der Base wie ein alter Bekannter begrüßt und während der Meister mit schwerfälliger Hand den Schein ausstellte, sollte er berichten, wie es ihm auf der Herberge ergangen wäre und vor allen Dingen, was er geträumt hätte. Denn solche erste Träume erfüllten sich, versicherre Trude ernsthaft. Er hatte aber nichts geträumt und nun brach stie ein fröhliches Lachen aus. Es klang ihm wie die schönste Musik und er hatte noch öfters Gelegenheit, an derselben sich zu ergötzen, denn Trude war ein munteres Mädel und ihr Mutterwitz brachte auch den Ernst des jungen Gesellen mehr als einmal aus dem Gleich⸗ gewicht. Daß er einstweilen in Mühlhausen blieb, schien ihr gleichgültig zu sein, wie er mit innerer Betroffenheit in ihren Mienen las. Die Base, ein stillgeschäftiges Frauchen, nickte ihm zu und sagte:Bleib' im Lande und nähre Dich redlich. N

Er wollte jetzt gehen. Es gob jedoch ein Wort noch immer das andere, so daß er noch lange festgehalten wurde. Zuletzt, als er schon die Thürklinke in der Hand hatte, rief Trude ihm noch nach, indem sie ihren Zeigefinger scherzhaft warnend in die Höhe hob:Und hüte Er sich vor der roten Gundel!

Wer diese sei, weigerte sie zu sagen. Bert⸗ hold erfuhr es erst am nächsten Tage. Cs war die Tochter seines neuen Meisters und das einzige Kind, das diesem der Tod von mehreten gelassen hatte. keine Schönheit, und Gundel puderte deshalb das ihrige reichlich mit feinem Weizenmehl. Eine Schönheit konnte sie überhaupt nicht genannt werden. Sie war zudem etwas ver⸗ wachsen und die zarte weiße Haut ihres schmalen länglichen Gesichtes, wie solches bei Hoch⸗ blonden häufig ist, war von Sommersprossen übersprenkelt. Trotz dieser Mängel ihrer äußeren Erscheinung trug sie den Kopf sehr hoch und Berthold bedurfte nicht viel Zeit, um gewahr zu werden, daß ste in dem elterlichen Hause zwar nicht regierte, aber herrschte. Das Regi⸗ ment führte die Mutter, und Meister, Gesellen und Lehrling mußten nach ihrer Pfeife, tanzen. Es war eine Pfeife, die schrill durch das ganze Haus tönte. Berthold's Vorgänger hatte. wider den Stachel zu löcken gewagt und unwiderruf⸗ lich sein Bündel schnüren müssen, obgleich der Meister ihn gern behalten hätte. Meister Schönhauer war ein gutmütiger Mann und es half ihm daher seine massige Gestalt und herkulische Körperkraft nichts gegen den Willen seiner dürren Ehehälfte. Außer der Werkstatt hatte er nichts zu sagen. Der Harnisch seiner Frau hatte nur eine schwache Stelle. Das war ihre Liebe zu Gundel. Liebkosung standen ihr auch für diese nicht zu Gebot, aber nie bekam sie von ihr ein hartes Wort zu hören.

Rotes Haar galt damals für; ö

Die Tochter konnte von ihr Alles verlangen. was sie begehrte, ja sie brauchte nicht einmal

darum zu bitten. Die Mutter sah ihr jeden Wunsch an den Augen ab.

schaffte sie unermüdlich, versagte sich selbst, was

Um ihretwillen