Ausgabe 
5.5.1901
 
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Seite 2.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 18.

und Sodafabrik in Ludwigshafen für das Jahr 1900. Im Vorjahr wurdennur 8,948,652 Mk. erzielt. Der Aufsichtsrat hat beschlossen, 3 Millionen Mark für die Amortisation ꝛc. zurückzulegen, die übrigen % Millionen Mark aber unter die kleine Zahl der Aktionäre in Form einer Dividende don 24 Prozent zu verteilen. Die Herren werden diesen mühelosen Ertrag zu ihren Riesenreichtümern legen, ohne daran zu denken, daß die vielen Arbeiter der Fabrik, deren Arbeit dieser Ertrag zu danken ist, trotz ihrer gesundheitsschädlichen Arbeit fast noch Hunger leiden müssen. Sie werden diegöttliche Weltordnung preisen, die sie an die Sonnen⸗ seite des Lebens gebracht hat und mit Zähig⸗ keit diesen Zustand sozialer Barbarei zu erhalten

suchen. Bei der Landtagswahl

im Herzogtum Altenburg wurde im 5. Be⸗ zirk, einem ländlichen Wahlkreis, der Buch⸗ händler Horn(Sozialist) gewählt. Im 2. Wahlbezirk wurde unser Genosse Redakteur Käppler mit 1255 Stimmen gewählt. Sein Gegenkandidat Pfarrer Mälzer erhielt nur 558 Stimmen. In Altenburg(Stadt) siegte

ferner der Genosse Buchwald mit 1588

Stimmen gegen 1170 gegnerische. Zwei länd⸗ liche Wahlkreise dagegen sind uns verloren ge⸗ gangen. Bisher hatten wir 5 Vertreter in dem aus 30 Mitgliedern bestehenden Landtage. Das in Altenburg geltende Wahlsystem ist sorgfältig genug ausgeklügelt, um der Arbeiter⸗ klasse einen maßgebenden Einfluß auf die Landespolitik vorzuenthalten.

Sittenbilder vom Lande. Die vielgerühmte Sittlichkeit auf dem

Lande, die unsere Agrarier so gern in leuchten⸗

den Gegensatz zu den Sündenpfuhlen der Groß⸗ städte bringen, erscheint in sonderbarem Licht in folgender Mitteilung derAugsb. Abendztg.: Im Jahre 1897 bewegte sich die Ster blich⸗ keitsziffer der Kinder unter einem Jahr in den Bezirksämtern Schroben hausen, Kelheim, Beilngries, Stadtamhof und Parsberg in Bayern zwischen 40,8 und 46,6 Prozent der Geborenen. Ueber die Gründe schreibt der Einsender:Wie oft, heißt es a. a. O., versuche ich es, die Mutter eines kranken Kindes auf die Notwendigkeit hinzuweisen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, und wie oft erhielt ich die grausige Antwort:Ich gehe nicht zum Arzt, denner dieserer ist der saubere Herr Gemahl will aus dem Kinde einen Engel machen. Die Absicht, das arme Kind auf einefeine Weise aus der Welt zu schaffen, wird da ganz offen geäußert, und das ländliche Publikum glaubt vielfach in dieser Absicht nichts Verbrecherisches sehen zu müssen. Da wird ganz frei und ohne jede Scheu und ohne jede Aeußerung des pri⸗ mitiosten menschlichen Gefühls, der Mutterliebe, dem Kinde das Todesurteil gesprochen, das heißt,man schickt dem Himmel einfach einen Engel zu. Wie viele derartige Ver⸗ brechen tagtäglich auf dem Lande geschehen, wer kann das wissen? Nur so viel kann ich sagen, ich bin entsetzt über dieses e feige Verbrechertum, welches aus Furcht vor der Staatsgewalt nicht rasch Hand anlegt an das kleine Würmchen, sondern es langsam unter Qualen hinmordet. Den kleinen Kindern ist auf dem Lande nur zu oft ein furchtbares Schicksal beschieden. Es stehen die Dinge in dieser Beziehung schlimmer, als man ahnt, und darum wäre es nötig, daß in diese Zu⸗ stände ordentlich hineingeleuchtet würde.

Es sci bemerkt, daß dieAugsburger Abend⸗ Fut nicht etwa ein vaterlandsloses sozial⸗

emokratisches Blatt, sondern eine Zeitung der

ordnungsliebenden Bürger ist, die, wenn wir nicht irren, sogar als halbamtliches Organ der bayrischen Regierung gilt.

In dieselbe Rubrik gehört auch folgendes neite Kulturbildchen. Aus Stendal berichten die Zeitungen: Eine 19jährigeSachsen⸗ gänger in, Marie Zinnowoda aus Lokowitz

mordes vor dem Schwurgericht angeklagt. Es wurde festgestellt, daß sie nur drei Jahre eine Dorfschule besucht hat; vom neunten Lebensjahr ab hat sie keinen Unterricht mehr genossen! Sie war bis zum 14. Lebensjahr als Hütenmädchen auf verschiedenen Stellen beschäftigt. Kaum vier⸗ zehn Jahre alt, gebar sie einen Knaben, der jetzt bei ihren Eltern in Pflege ist. Einige Jahre später wurde sie zum zweiten Mal Mutter; das Kind starb bald darauf. In ihrem letzten Dienst zu Schönhausen in der Altmark gebar sie zum dritten Mal; das neugeborene Kind warf sie in den Abort. Dort wurde es aber bald gefunden und ist noch am Leben; es ist in Stendal in Pflege gegeben worden. Der Angeklagten, die weder lesen noch schreiben kann, wurde wegen ihres niedrigen Bildungsgrades mildernde Um⸗ stände zugebilligt; das Urteil lautete anf ein Jahr Gefängnis. Wer wollte den ersten Stein auf diese Unglückliche wersen? Sie ist ein Opfer der überaus traurigen Kultur⸗ und Sittenzustände, die die Junkerherrschaft in den östlichen Provinzen gezeitigt hat. Fälle dieser Art und Verhältnisse, wie sie oben von dem Einsender derAugsb. Abendztg. geschildert wurden, zeigen, daß es mit der idyllischen Sittenreinheit auf dem Lande ein wenig anders aussieht, als uns gewisse Leute vorreden wollen.

Leistungen des Antisemitismus.

Bekanntlich haben schon seit Jahren die Antisemiten und die ihnen verwandten Christlich-Sozialen die Mehrheit im Wiener Gemeinderat und somit auch die Verwaltung der Stadt in den Händen. Daß die antisemitische Herrschaft für das Gemein⸗ wesen irgend etwas Gutes im Gefolge gehabt hätte, davon hat man noch nichts gehört; da⸗ gegen mehren sich die Klagen über das Regi⸗ ment Luegers von Tag zu Tag. Aber auch in Paris, wo bei den vorjährigen Gemeinde⸗ ratswahlen die Antisemiten in Frankreich nennen sie sichNationalisten im Verein mit der Pfaffenpartei die Mehrheit erlangten, haben dieseRetter des Mittelstandes in dieser Zeit reichlich Gelegenheit gehabt, zu zeigen, wes Geistes Kind sie sind, und sie haben sich auch thalsächlich als eine durch und durch volksfeindliche, klerikale, reaktionäre Demagogen⸗ partei entpuppt. Sie haben auf allen Gebieten gewüstet. Die Schule, überhaupt das Unter⸗ richtswesen, die Armenpflege, den Kinderschutz, den Arbeiterschutz, alle Einrichtungen, die dem Volke notwendig und nützlich sind, haben sie verschlechtert, so gut wie sie sie verschlechtern konnten. Gleich zu Beginn ihrer Herrschaft sprachen sich die Nationalisten gegen die Verweltlichung der Schule und für die Aufrechterhaltung des berüchtigten Falloux' schen Schulgesetz aus. Bald darauf besetzten sie alle in den Schulaufsichtsbehörden freige⸗ wordenen Stellen mit geaichten Klerikalen. Das Schulbudget wurde verringert. Den Fortbildungsschulen wurden viel kleinere Sub⸗ ventionen gewährt als früher, Auch die den Fachschulen von dem vorigen Gemeinderat ge⸗ währten Subventionen wurden stark reduziert, in vielen Fällen um die Hälfte. Insbeson dere den Gewerkschaften, die solche Schulen einge⸗ richtet haben, wurde übel mitgespielt. Einer von einer Freimaurergruppe gegründeten Handels⸗ schule würde die Subvention entzogen, ebenso einem weltlichen Waisenhaus. Dafür wurden mehreren Pfaffenschulen und verschiedenen anderen klerikalen Instituten Subventionen bewilligt. Eine Summe von 100,000 Franks, die die Sozialisten dem Armendepartement zuweisen wollten, verwendeten die Nationalisten zur Veranstaltung eines Festes. Auch die von den Sozialisten eingerichteten Schulen zur weltlichen Heranbildung von Krankenpflegerinnen wurden von den Nationalisten gesperrt, um den Nonnen wieder Eingang in die Krankenhäuser zu verschaffen. Eine der ersten Thaten des nationalistischen Gemeinderats war die Auf⸗ hebung einer von den Sozialisten zum Schutz der Handlungsgehülfen getroffenen Maß⸗

in Oberschlesten war wegen versuchten Kindes-

regel. Der Haß der nationalistische Macht⸗

haber gegen die Arbeiter zeigte sich bei ver⸗

schiedenen Gelegenheiten noch viel deutlicher. So wurde insbesondere der Pariser Arbeits- börse die ihr von dem früheren Gemeinderat alljährlich zur Verteilung unter die ihr ange⸗ hörenden Gewerkschaften bewilligte Subvention entzogen. Kurz, es zeigt sich auf allen Ge⸗ bieten die rückschrittliche, volksfeindliche Tendenz

sie erkennen!

Kaiserhoch in neuer Form.

Bei den Kontrollversammlungen in Eisenach wurden von militärischer Seite Ansprachen gehalten, in denen in schwungvoller Weise der letzten Kaiserrede über das freche und unbotmäßige Volk von Berlin, der Sozial⸗ demokratie, des Militärbefreiungsprozesses dc. gedacht wurde. Die sozialdemokratische Be⸗ wegung wurde scharf verurteilt, jedoch resigniert bemerkt, daß sie sich nicht aufhalten lasse. Zum Schluß erfolgte das Kaiserhoch in neuer Form. Zunächst ertönte dasKommando:Hut ab! Dann folgte das begeisterte Kaiserhoch und dann das weithin schallende Kommando:Hut auf! Diese Form der Kaiserehrung soll sich als probat erwiesen haben in Rücksicht auf den Umstand, daß gewisse Leute bei dem bisherigen ue den Hut nicht lebhaft genug bewegt haben.

Geängstigte Scharfmacher.

Der Bierabend von Darmstadt, bei dem der hessische Großherzog mit dem Genossen Ulrich sprach, hat bekanntlich in bürgerlichen Kreisen großes Entsetzen hervorgerufen und die Aufregung im Lager derGutgesinnten über die von uns höchst gleichgültig aufgenommene Begebenheit will nicht zur Ruhe kommen. Der nationalliberale Lederkönig von Worms, Frei⸗ herr v. Heyl, hatte den Präsidenten der Zweiten hessischen Kammer, Geheimrat Haas, heftig angegriffen, weil der Abend ohne Ovation für den Großherzog verlaufen set. Haas antwortet nun in der Wormser Zeitung in einem längeren Schreiben, in dem es heißt:

Auch der Kaiser hat mehrfach parlamentarischen Abenden und ähnlichen Veranstaltungen des Reichskanz⸗ lers sowie anderer Ressortchefs des Reichs und des preußischen Staats beigewohnt, ohne daß beim Eupfang, während der Anwesenheit und beim Weggang des Kaisers

irgendwelche Ovationen dargebracht wurden. Mit Jug und Recht konnte ich deshalb. mich auf eine Gepflogenheit berufen und die entgegengesetzte Behaup⸗ tung des Reichstagsabgeordneten Freiherrn v. Heyl steht mit den einschlägigen Thatsachen nicht im Einklang.

Darum ist es dem Freiherrn v. Heyl aller⸗ dings weniger zu thun. Wie nun verhindern, daß nicht am Ende gar auch noch die Groß⸗ herzöge rötlich abfärben?

Deutscher Reichstag.

Beschlußunfähigkeit.

Dieses alte Leiden des Reichstags ist in letzter Zen wieder besonders hervorgetreten. In geradezu beschämend geringer Zahl erfüllen die Reichsboten ihre Pflicht! an manchen Stitzungstagen haben kaum mehr als 40 Abgeordnete, manchmal noch weniger an den Verhand⸗ lungen Teil genommen.Es machte einen komischen Eindruck, schreibt dieFreis. Ztg., wenn ein Redner, wie z. B. der Abg. Arendt oder der Abgeordnete Oerte! von der Stellung seinerpolitischen Freunde sprac und thatsächlich nur ein einziger solcher Freunde das? Vorhandensein einer Fraktion neben dem Redner markierte. In einzelnen Abschnitten der Verhandlung war d konservative Seite ganz menschenleer. 110 zur Branntweinsteuernovelle wollen die Herren zahlreich sich einfinden. Auch die Zentrumspartei war überaus schwach vertreten. Verhältnismäßig am stärksten! war die Sozialdemokratie vertreten. Scher weise ist schon wiederholt unter den Reichstagsabgeord⸗ neten geäußert worden, es könne auf diese Weise kommer

in einem unbewachten Augenblick die Republik prokl miere. Jedenfalls sichert die Durchführung der Part diäten grade derjenigen Partei ein besonderes gewicht in der Präsenz, welche man geglaubt hat, durg die Diätenlosigkeit zu schwächen. a Am Mittwoch(24. April) war der Welchssa etwas besser besetzt. Es gab sogar etwas wie ein großen Tag, der Herr Reichskanzler ergriff selb

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