Seize 6.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Flaschenmacher in den Streik. In der dortigen Siemens⸗Glashütte hatte die Polizei eine Wacht⸗ stube eingerichtet; die Gendarmen patrouillierten unter Führung der Beamten der Fabrik mit geladenem Gewehr herum. +Beispiellose Opferwilligkeit legen die Glasmacher in Wirges(Westerwald) an den Tag. Sie sind nicht an den Generalstreik beteiligt, weil die dortige Hütte alle Forderungen der Arbeiter bewilligt hat und auch dem Fabri⸗ kantenring nicht angehört. Deshalb haben sich die dortigen Glasarbeiter eine Steuer von wöchentlich 3 Mk. für Verheiratete und 4 Mk. für Ledige auferlegt. Auf diese Art brachte dieser einzige Ort pro Woche 7-800 Mk., in der letzten Woche sogar 984 Mk. zusammen, die an die Zentralkasse abgeführt wurden. Dieses Zeichen echt kollegialischer Solidarität erscheint in um so schönerem Lichte, wenn man erwägt, daß diese Beiträge gewissermaßen am Munde abgespart werden müssen. Solche Opfer⸗ willigkeit muß allen Arbeitern als leuchtendes Beispiel dienen! a
Der Streik der Hamburger Kupfer⸗ schmiede währt nun schon zwölf Wochen und trotzdem haben sich die Arbeitgeber noch nicht herbeigelassen, mit den Gesellen zu unterhandeln. Auf das letzte Schreiben vor zirka sechs Wochen haben die Arbeitgeber noch nicht geantwortet, und sind die Streikenden deshalb wiederum mit einem Schreiben an die Arbeitgeber heran⸗ getreten, in dem sie diese ersuchen, Zeit und Ort zu einer Unterhandlung bestimmen zu wollen. Im Wesentlichen ist die Stimmung der Streiken⸗ den gut, und sollten die Arbeitgeber sich auf dieses Schreiben noch nicht herbeilassen, in Unterhandlungen zu treten, so sind die Kupfer- schmiede gewillt, den Kampf nach wie vor weiterzuführen. Streikbrecher haben sich bisher nur vereinzelte gefunden.
aibgkarbeltkerstreik in Nordhausen. Die jüngst eingeleiteten Einigungsverhandlulngen sind geschei⸗ tert. Das ist, so schreibt die Erfurter„Tribüne“, das Ergebniß der neuesten Versuche, den schweren Kampf der Nordhäuser Tabakarbeiter zu beenden. Die Unter handlungen mußten abgebrochen werden, weil die Unternehmer von den Ausständigen die Sanktionirung ihres Beschlusses verlangten, einen Teil der Ausgesperrten dauernd brot⸗ los zu machen. Man will die intelligentesten Tabakarbeiter dauernd von Nordhausen ver⸗ bannen, um ein desto willigeres und unauf— geklärtes Personal in den Fabriken zu haben. Die Zumutung, daß die Arbeitersch aft dauernde Aussperrung ihrer erprobtesten Kämpfer billigen soll, muß durch verschärfte Führung der Waffen zurückgewiesen werden. Kein Mann darf auf der Strecke bleiben, dafür muß die gesamte Arbeiterschaft sorgen!
T Ein Riesenstreik ist in Amerika ausgebrochen. Mehr als 200000 Stahl- arbeiter, die in den Werken des mächtigen, fast alle amerikanischen Stahl- und Eisenwerke umfassenden, von dem New⸗Yorker Finanz⸗ mann P. Morgan gegründeten Stahltrust beschäftigt sind, legten die Arbeit nieder. Sie verlangen die Ein führung der von der Stahlarbeiter⸗Union festgesetzten Lohnskala. Die Sympathien der Bevölkerung stehen auf Seiten der Arbeiter, sie erhalten auch von allen Seiten Unterstützung. Die bisher statt⸗ gefundenen Einigungsverhandlungen haben noch zu keinem Resultate geführt.
— ͤ K— w———————————
Marktberichte.
Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 1. August: Butter per Pfd. Mk. 1.10— 1.25, Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., Enteneier 1 St. 7— 8 Pfg. Gänseeier per St. 11— 12 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 9.00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.00— 8.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.75 bis 0.90, Hühner per St. Mk. 1.00— 1.50 Hahnen per Stück Mk. 0.80— 1.40, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.20. Gänse per Pfd. Mk. 00.0— 0.00.
Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 66— 76 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 64 bis 80 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 84 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60— 66 Pfg., Hammelfleisch 50— 70 Pfg.
22
T be een f nlerha Ungs⸗- eil. .
Der Schuhmacher von Ottersweiler. Erzählung von Elise Langer.
5(Schluß)
Eines Morgens machten sie sich auf den Weg. Wie war die Welt inzwischen so schön geworden, Alles grünte und blühte in voller Pracht, der blaue Himmel lachte in all' die Herrlichkeit hinein. Und in ihm, dem armen Jost, war es so dunkel, so hoffnungsleer. Dieser Gegensatz preßte ihm in seiner Schwäche Thränen aus. Babett aber verstand ihn zu trösten. Sie war jetzt so lieb und gut zu ihm, und begierig, wie die würzige Sommerluft, sog er ihre trostreichen Worte ein. Am Ziele an⸗ gekommen, fühlte er sich kräftiger als zu Anfang des Weges.
Herr Sievert, der Fabrikant, empfing ihn an seinem Schreibtisch sitzend. Es war ein Mann von behäbiger Gestalt mit schon ziemlich gelichteten Haupthaar und einer goldenen Brille auf der sanft geröteten, fleischigen Nase.
„Morgen, Herr Bachler,“ rief er im Weiter⸗ schreiben, halb nach dem Eintretenden gewendet, in raschem, munterm Ton.„Freut mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich. Gleich zu Ihren Diensten. Bringen gewiß Geld. Freut mich, freut mich.“
Als nun Jost, nachdem Herr Sievert die Feder niedergelegt, seine Sache ziemlich weit⸗ schweifig vorbrachte, begann Jener eine in⸗ grimmige Miene aufzustecken und mit Fingern ungeduldig an der Tischplatte zu trommeln.
„Der langen Rede kurzer Sinn ist also,“ unterbrach er Jost:„Sie können wieder nicht zahlen. Gründe sind ja billig. Bald sind die Kunden säumig, bald fällt die Ernte schlecht aus. Jetzt wollen Sie gar bestohlen sein. Schließlich bin ich der Bestohlene.“
„Verzeihen Sie, Herr Sievert, wenn ich, das Wort für meinen Mann ergreife,“ fiel hier Babett ein, die, von dem Fabrikanten unbemerkt, an der Thür stehen geblieben war.„Er hat sich halbtot gearbeitet, um Sie zu bezahlen. Und mit dem Diebstahl, mit dem hat es seine volle Richtigkeit. Mein Mann ist Keiner, der Einem was vorlügen thut. Und der Herr Sievert braucht auch nur in der Stadt nach⸗ zufragen. Bezahlt wird der Herr werden, bei Heller und Pfennig, und wenn wir arbeiten sollten, daß uns das Blut unter den Nägeln vorspritzt.“
Herr Sievert hatte seine Brille, die nur für die Nähe taugte, auf die Stirn geschoben und starrte die Sprecherin mit seinen wasserblauen Augen an.
„Das ist Ihre Frau, Herr Bachler?“ fragte er gedehnt.„Kommt mir so bekannt vor, muß sie schon irgendwo gesehen haben.“
Bachler erschrack bis in die tiefste Seele. Sollte Herr Sievert ihr in ihrem abenteuernden Leben begegnet sein? Babett aber sagte ruhig: „Da irrt sich wohl Herr Sievert. Ich wenigstens sehe den Herrn zum ersten Mal.“
Der Fabrikant fuhr fort, Babett anzu— starren.
„Wenn man fragen darf: Sind sie aus Ottersweiler gebürtig?“
„Nein, die Gemeind' hat mich aufgenommen. Meine Mutter wurd' nämlich erfroren auf⸗ gefunden, kurz vor dem Dorf. Ich war noch ganz klein.“
„So?— Und von wo kam Ihre Mutter? Es ist wohl sehr neugierig von mir, darnach zu fragen?“ lächelte er gezwungen.
„Ach, garnicht. Aber das weiß ich nicht, und das weiß Keiner. Aber sie muß wohl hier durch die Stadt gekommen sein. Sie war übrigens keine Bettlerin,“ fügte Babett mit auf⸗ wallendem Stolze hinzu.„Sie hat fünfzig Mark in der Tasche gehabt. Die fünfzig Mark
haben sie mir aufbewahrt und ausbezahlt, nach⸗ dem ich mich verheiratet hab'.“
Herr Sievert preßte die Lippen zusammen und betrachtete Babett immer wieder mit prüfen⸗ dem Blick.
„Seltsam.— Ja, wes ich sagen wollte,“ stieß er dann heraus und erhob sich.„Also, Herr Bachler— Ihre Geschichte thut mir sehr
leid. Man sieht Ihnen auch an, daß Sie krank
gewesen sind. Wir wollen also über die Sache einstweilen nicht weiter reden. Ich kenne Sie ja als ehrlichen Mann. Sie werden zahlen, sobald Sie können.“
Bachler erhob sich unter vielen Danksagungen.
Als die Beiden das Freie gewonnen hatten, sahen sie sich gleichzeitig lächelud an.
„Den hast Du aber windelweich gemacht,“ sagte Jost zu seiner Frau.
„Ja, es scheint, der muß fest angepackt werden, wenn er Vernunft annehmen soll. schin kurios war's doch, wie er so plötzlich um⸗
ug.“
Während die Eheleute so sprachen, saß Herr Sievert mit düsterer Miene an seinem Schreibtisch aufgestützt. Eine böse Erinnerung war heut' in ihm wachgerufen worden, nicht wie früher mitunter, durch ein Wort, ein Bild, nein, durch ein Wesen von Fleich und Blut. Schon als er die Stimme gehört, hatte es ihn seltsam berührt, aber das Gesicht, die Gestalt, das leibhaftige Abbild jener reizenden Bauern⸗ dirne, mit der er als junger, damals hübscher Bursche während einer Sommerfrische getändelt hatte, bis die Tändelei das gewöhnliche Ende vom Liede genommen.„Komm' nur zu mir, wenn Dir was zustößt,“ hatte er beim Ab⸗ schied gesagt, in der leichfertigen Meinung, daß sie das Kommen wohl bleiben lassen würde. Aber sie war gekommen. Von den ihrigen verstoßen, hatte sie mit ihrem Kinde den weiten Weg bis zu ihm gemacht, der gerade im Be⸗ griffe stand, eine Frau zu nehmen. Er hatte sie beschworen, zu gehen, ihn nicht unglücklich zu machen. Und das arme Geschöpf war gegangen, mit elenden fünfzig Mark, die er freilich regel- mäßig zu erneuern versprochen. Aber die eisige Nacht und die Verzweiflung machten das Herz⸗ blut des armen, jungen Weibes stocken. Sie legte sich hin, um nicht wieder aufzustehen. Er hatte den Vorfall in einer Lokalnotiz seiner Zeitung gelesen und längerer Zeit bedurft, sein Gewissen zu Ruhe zu bringen. Nun, da er die Geschichte läugst begraben gewähnt, war das Gespenst in Gestalt der Tochter jenes Weibes aufgetaucht. Er mußte es beschwören um jeden Preis. Das nächste war wohl, daß er die Schuld Bachlers quittirte; nicht auffällig, bei Leibe nicht. Er würde sogar die etwaigen Abschlagszahlungen acceptieren, ihm aber das Material zu den billigsten Preisen liefern, ja, er sollte sogar gutes Material erhalten, wie er es sonst nur an prompte Zahler abgab. Der Mann fühlte sich durch diese edlen Entschüsse außerordentlich erleichtert.
Frau Bachler übergab den heimkehrenden Kindern Haus und Hof in bester Ordnung. Aber sie blieb bei ihrem Entschluß, nach ihrem Heimatsdorfe, eine Stunde bachabwärts, zu gehen, um dort für den Rest ihres Lebens einen Unter⸗ schlupf zu suchen. Das nächtliche Bekenntniß Babettens hatte ihr die Augen geöffnet. Sie mußte das Feld räumen, wie sehr ihr auch das Herz über die Trennung von Sohn und Enkel blutete.
„Wenn ihr mich braucht, ruft mich nur, dann komm' ich,“ sagte sie, Alle zum letzten Male küssend.
Nach einiger Zeit fiel es Babett auf, daß der Kleine öfters mit hochgeröteten Bäckchen von seinem Spielplatz im Garten kam und in seinem kindlichen Geplauder viel die Großmutter nannte. Babett paßte nun auf, und siehe, eines Tages fand sie tief versteckt in der Gais⸗ blattlaube die alte Frau mit dem Knaben auf dem Schooße, ihn herzend und küssend.
Jetzt verstand Babett Alles. Die Groß⸗ mutter hatte es nicht aushalten können, ohne ihren Abgott, den Kleinen, von Zeit zu Zeit zu sehen, und war heimlich hergeschlichen, um ihr altes Herz an dem Kinde zu laben.
Nr. 314.
= 2—. E


