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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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M CD „ AUnterhaltungs-Ceil.
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Berbst.
Im Garten welkt dahin die letzte Rose, Und öder wird es dort mit jedem Tag, Trübes verheißend blüht die Herbstzeitlose Am abgemähten fahlen Wiesenhag.
Da ist die Seit, die uns viel Schaden kündet Und wo des Herbstes Nebel uns bedroht, Wo man so wenig Sonnenschein noch findet Und die Natur sich schickt zu Schlaf und Tod.
Wo uns der Herbstwind jene alte Klage
Naunt in das Ohr, von der Vergänglichkeit, Wo tief uns sinkt der Schönheit goldene Wage, Wir selbst uns schmücken mit dem Trauerkleid,
Doch zu verzagen, wie wär' es vermessen, Uns zeigt die Hoffnung ewig neue Spur; Wir dürfen nie, auch heute nicht vergessen: Ein neuer Lenz schmückt wieder unsre Flur!
Drum spannen wir uns eine goldene Brücke,
Hinüber bis zur Zukunft lichten Höh',
Dann fürchten wir nicht mehr des Winters Tücke,
Uns treibt die Hoffnung Blüten unterm Schnee! Frida Pritzlaff.
Der Korrekte. Von Hans Heinrich.
Er hieß Otto von Bodenstedt. Tadellos war seine Kleidung, tadellos seine Frisur, tadel⸗ los der ganze Mensch. Schon seine Geburt vollzog sich unter absolut normalen Umständen und ohne jeglichen Zwischenfall. Mit einem Jahre konnte er gehen, nach einem weitern halben Jahre fing er an zu sprechen. Alles verlief normal und korrekt.
Als er sechs Jahre alt war, kam er zur Schule. Er war artig, folgsam und fleißig, brachte genügend gute Zeugnisse nach Hause und blieb niemals„sitzen“. Er machte sein Abiturium, bezog die Universität und trat in ein schlagendes Korps ein.
Auf den Kommersen trank er als junger Fuchs schon seinen Ganzen wie ein altes be⸗ moostes Haupt, und wenn ihn ein Mensch fixierte, schickte er ihm seine Karte, um die Beleidigung mit dem Schläger in der Hand zu rächen.—
Nachdem er Assessor geworden war, lernte er die reizende siebzehnjährige Tochter eines armen Handwerkers kennen. Selbstverständlich nahm er an, daß er von dem Mädchen geliebt würde, und weil er ein gutes Herz besaß und nicht das Objekt einer unglücklichen Liebe sein wollte, liebte er sie wieder, ging mit ihr aus und schnitt ihr nach allen Regeln der Kunst die Kour. So ein junges, armes Mädchen mußte doch auch etwas vom Leben haben. Die kleine Gertrud war ganz verschossen in ihn, vertraute ihm wie einem Gotte und meinte, es müsse immer so bleiben. Sie malte sich aus, wie schön es sein würde, wenn sie nun erst seine angetraute Frau sei! Otto hatte ihr zwar nicht direkt gesagt, daß er sie heiraten wollte — aber das konnte doch gar nicht anders sein, zumal sie so intim mit einander verkehrten..
Schließlich war es denn so weit. Sie beichtete es ihrem Vater. Im Dezember würde das Kind kommen und jetzt war es Juni.
Der Alte schimpfte und fluchte auf Gott und die Welt und weinte bittere Zornesthränen in seinen grauen Bart, denn Trudel war sein einzigstes Kind. Dann ging er hin zu dem Verführer.
Herr Otto von Bodenstedt empfing ihn sehr liebenswürdig, bat ihn, Platz zu nehmen, und bot ihm eine Zigarre an. Der alte Vater war aber zu ungebildet, um dieses korrekte Betragen würdigen zu können: er blieb stehen und fragte, 15 557 von Bodenstedt denn nun zu thun gedenke.
Ganz erstaunt sah Herr von Bodenstedt den alten Mann an. Was er zu thun gedenke?
Selbstverstandlich würde er seinen Verpflichtungen in jeder Weise gerecht werden, entweder in Form einer monatlichen Rente oder einer einmaligen Abfindungssumme, ganz wie es dem Herrn Papa beliebe!
Der alte Vater wußte nicht, was er sagen sollte. Schließlich aber übermannte ihn ein ganz unmotivierter Zorn und er schleuderte Herrn von Bodenstedt einige Sätze ins Gesicht, die von gemeiner Handlungsweise, ehrloser Gesinnung und dergleichen sprachen. Zu solch ungerechtem Urteil kann der Zorn den Menschen hinreißen!
Ja, der Alte ging sogar noch weiter: als von Bodenstedt ihn nun an den Armen faßte, um ihn sanft hinauszusühren, schlug der Mann ihn mit der Faust ins Gesicht! Darauf warf von Bodenstedt ihn natürlich die Treppe hin⸗ unter, denn das durfte er sich nicht gefallen lassen! Satisfaktionsfähig war der Kerl ja nicht— also handelte er vollständig richtig.
Bedauerlicherweise brach der arme Mann beim Herunterfallen sich beide Beine. Dafür konnte von Bodenstedt natürlich nicht; auch das Gericht sprach ihn auf erhobene Anklage der Körperverletzung nichtschuldig, denn er hatte in der Notwehr gehandelt, also vollständig korrekt.
Auch daß Trudel sich durch Ertränken im nahen Flusse das Leben nahm, darf man nicht auf das Konto von Bodenstedts setzen, denn er hatte seine Pflicht gethan, indem er sich zur Erstattung sämtlicher entstehenden Kosten und zum Unterhalt des zu erwartenden Kindes bereit erklärte.— 5
Um diesen trotz alledem etwas unangenehmen
Vorfall einigermaßen zu vergessen, suchte er
Zerstreuung bei der Frau seines Freundes, des Rittmeisters von Roßkamp. Diese war ein junges, ziemlich unerfahrenes kleines Frauchen, aber sehr hübsch und sehr liebenswürdig. Ste liebte ihren Mann ganz außerordentlich und war ihm bisher mit jeder Faser ihres Herzens treu gewesen.
Sie konnte reizend plaudern; halb naiv, halb kokett. Was Wunder, daß Otto mit Vergnügen ihre Gesellschaft suchte? Namentlich dann suchte, wenn sein Freund, der Gatte dieses entzückenden Wesens, nicht zu Hause war? Uebrigens ver⸗ nachlässigte von Roßkamp seine liebenswürdige Frau ein wenig; er saß gern im Kasino und hatte die Leidenschaft, manchmal bis spät in die Nacht hinein zu spielen. Er spielte nicht hoch, aber eben sehr lange.
Dies war nun weniger seiner Frau als Otto angenehm, zumal von Roßkamp seinen Freund bat, seiner Gattin in solchen Fällen Gesellschaft zu leisten
Eines Abends kam der Gatte, wie es denn so geht, früher nach Hause, als man erwartet hatte. Er hätte das nicht thun sollen, denn er zerstörte damit sein Eheglück. Er fand seine Gattin und den Freund in einer Situation vor, die jeglichen Zweifel über den Zweck derselben ausschloß.
Otto von Bodenstedt schlug selbstverständlich sofort die Hacken zusammen und stellte sich zu Roßkamps Verfügung. Er zeigte damit wieder einmal, daß er ein Mann von Welt sei und stets wußte, wie er zu handeln habe.
Am andern Morgen um fünf Uhr ging denn auch die Knallerei los. Kugelwechsel auf zehn Schritt Distanz bis zur vollständigen Kampf⸗ unfähigkeit des einen Gegners.
Roßkamp schoß und fehlte. Bodenstedt, welcher bedeutend besser schießen konnte, knallte ihn nieder. Sterbend wurde der Rächer seiner Ehre nach Hause gefahren, während Bodenstedt sich eine Zigarette anzündete, die Hände in die Tasche seines Sommerüberziehers steckte und mit seinen Sekundanten in die Kneipe ging. Er hatte seine Schuldigkeit gethan.
Nachdem dieses sich ereignet hatte, war er der Löwe der Gesellschaft, das Entzücken der Damen, die Schwärmerei der Backfische. Die
Herren begrüßten ihn mit Hochachtung und aufrichtiger Bewunderung und die Gattinnen derselben warfen ihm manchen verheißungsvollen Blick zu, namentlich diejenigen, welche ältliche, gebrechliche Männer hatten.—
Er reagierte jedoch vorläufig nicht auf diese Lockungen, denn Wichtigeres stand für ihn auf
dem Spiele. Es galt, einen gut dotierten Posten un der Verwaltung zu bekommen, der von mehreren ausgezeichneten Männern umworben war. 3 diesen gehörte auch er. Zwar war er der Jüngste unter den Anwärtern— aber war er nicht der Makelloseste? Ja, er war es, denn die Andern hatten, wie er in Erfahrung gebracht hatte, sämtlich irgend einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit. Der Eine hatt ein armes Mädchen geheiratet, welches ihm schon!“ sechs Monate nach der Hochzeit einen Sohn gebar... Der Andere hatte als Leutnant eine Broschüre über ein sozialpolitisches Thema ge⸗ schrieben und deshalb sein Abschiedsgesuch ein reichen müssen; der Dritte hatte sich vor Jahren von einem betrunkenen Studenten„Esel“ schimpfen ö lassen und ihn nicht gefordert; der Vierte halle sich einmal von einem Arbeiter anrempeln lassen und ihn nicht geohrfeigt. Und so weiter. Solche Männer durften doch unmöglich in 0 ein Amt berufen werden, das neben außerge⸗ ö wöhnlichem Wissen auch besonderen Takt und vor allen Dingen einen tadellosen Ruf erforderte. Also war er verpflichtet, die Thatsachen, die 135 den Ehrenschild der andern Bewerber beflecktem, 0 fl zur Kenntnis der maßgebenden Kreise zu bringen und sich, den in jeder Weise Korrekten, in das 0 955 Au zu setzen. Und er that es und erhielt as Amt.— Gen Er war inzwischen dreißig Jahre alt ge⸗ 1 500 worden und noch immer unbeweibt. Nun, nach⸗ dem er sich eine einflußreiche, gut dotierte Lebenz⸗ U stellung errungen hatte, mußte er auch einmal den an das Heiraten denken. Er wollte auch in du, dieser Beziehung seine Pflicht als Staatsbürger(Vene erfüllen. Also ging er auf die Brautschaun. Nachdem er Umschau unter den Töchtern der Stadt gehalten hatte, kam er zu der Ein⸗ sicht, daß ihn eine besondere Neigung zu der Tochter des Oberbürgermeisters hinziehe. Diele
EIL
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war zwar kein Ausbund von Schönheit und Geist, aber sehr tugendhaft und absolut makellos, Der beste Beweis dafür war, daß keine der ehrenwerten ältern Damen der Stadt über see sprach. N rr! (Schluß folgt.) at u rech Gemeinnütziges.
Die Mauserzeit der Hühner begimt gegen den Herbst und dauert sechs bis acht Wochen. Während dieser Zeit verlangen die Tiere eine ganz besondere Pflege. Da bei der Mauser die alten Federn absterben und nach und nach durch neue ersetzt werden, so ist dies so anstrengend für die Hühner, daß sie sich dabei unwohl befinden und das Legen einstellen,
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Während der Mauser sind die Tiere auch sehr empfindlich gegen Nässe und Kälte, und müssen
daher einen warmen Stall und kräftiges Futter haben.
Betifedern reinigt man, indem man einen kupfernen Waschkessel über einem gelinden Kohlenfeuer erwärmt, die Federn in kleinen Quantitäten hineinthut und sie recht oft mii einem Stock umwendet. Sobald die Feder ihr Volumen erweitern, nimmt man sie zun Abkühlen aus dem Kessel und füllt sie in de, neuen oder gereinigten Bettschläuche. N
Das Faulen der Kartoffeln in 79 0 Kellern verhindert man durch Dazwischenstre. von ungelöschtem Kalkstaub. 0
Humoristisches. 00
Eingelenkt.„. Schade, daß Sie Vegetarlan“ sind! Ich hatte Ihnen eine Wurst von meinem gestern geschlachteten Schwein zugedacht!“—„Nun, einen 4 kleinen Bekehrung s versuch könnten Sie ja immerhi machen!“ a
Vor⸗ u. Rückseite eines Abreißkalenders.
Wir leben nicht, um zu essen, sondern wir essen, um du
leben.— Rückseite) Krebssuppe, Rheinsalm mit 3
Gänsebraten mit Rosenkohl, Spargelgemüse, Salat Kompott.
Pariert. An einem Tische im Restaurant sttzet mehrere Studenten, an einem anderen Tisch ein een Ei Herr, vor den soeben ein Student getreten ist. Studen! Il „Mein Herr, Sie haben in auffallender Weise unserer Tisch fixiert, Sie werden mir Genugthuung geben!“ Herr:„Bitte sehr gern. Nehmen Sie Plat und fixieren Sie den meinen!“


