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Nr. 9. 1 5
Gießen, Sonntag, den 3. März 1901.
8. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Mebaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uh
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Die Mitteldeutsche
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66% Arbeiter, Genossen!
Arbeitet unablässig mit an der För⸗ derung der Sache des werkthätigen Volkes! Werbt neue Streiter zum Kampfe! Die Löhne werden herabgedrückt; un⸗ aufhörtich steigen die Lebensmittel im Preise! Gegen die Blutsauger-Politik der Krautjunker und Schlotbarone muß sich die Arbeiterschaft energisch zur Wehr setzen. Das beste Kampfmittel ist unsere Parteipresse; des⸗ halb werbt immer neue Abonnenten für die
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ese Brotwucher!
In der von uns in voriger Nummer der M. S.⸗Z. erwähnten Versammlung, in welcher Reichstagsabgeordneter Liebermann v. Sonnen⸗ berg sprach, führte unser Genosse Krumm in der Diskussion ungefähr folgendes aus:
Ich bin mit dem Vorredner vollständig einverstanden, daß der Staat notleidenden Erwerbsständeu helfen muß; auch dem Bauernstand wollen wir helfen, aber mit andern Mitteln wie die Herrn Agrarier. Es ist unmöglich, daß bei den derzeitigen Besitz⸗ verhältnissen der Bauernstand als Ganzes Nutzen von Getreidezöllen hat. 77 Prozent,
also mehr als dreiviertel aller Landwirte
besitzen nur 13 Prozent der bebauten Boden⸗ fläche; durchschnittlich kommt auf den Einzelnen dieser 77 Prozent noch nicht einmal 1¼ Hektar Grund und Boden; wie man diesen Zwerg⸗ besitzern durch Zölle helfen wolle, bleibe Geheimnis der Herren Junker und ihres An⸗ hangs. Für diese Herren handelte es sich auch nur um die 230% der Besitzer über 5 Hektar, obwohl man von diesen noch eine große Anzahl, die kein Getreide verkaufen können, in Abzug bringen muß. Die Haupt ⸗Interessenten sind die„Bauern“ über 100 Hektar, die allerdings nur 0,61% der Besitzer bilden, denen aber über 32% des Bodens gehören. Dies sind die agrarischen Schreier, die Kostgänger, welche schon Jahrhunderte am Mark des Volkes zehren; die die Bauern ausge⸗ plündert haben, die sich der Leibeigen⸗ schaftsaufhebung auf's heftigste wider⸗ setzten, mit einem Worte: die Junker. In Oberhessen gehört einer Handvoll Standes⸗ herren die Hälfte des Landes. Und für diese Gesellschaft soll das arbeitende Volk fortgesetzt die schwersten Opfer bringen? Es bedankt sich dafür. Wir wollen diese Kreise, von welchen
alle Reaktion, alle Unterdrückungsver⸗ suche kommen, nicht wirtschsftlich stärken, sie sind übe flüssig und je eher sie zu Grunde gehen, desto besser ist es für das Wohlergehen des übrigen Volkes.
Ich komme nun zu Hessen. Herr Köhler
hat ja in der Hessischen Kammer den Antrag
gestellt, die Getreidezölle auf mindestens 7 Mk. zu erhöhen: aber wer hat den Nutzen davon? Es giebt in Hessen:
98 090 Besitzer unter Heilt v, 42 338„ von 1—5 1 i„ 10—20„ 9394„„ 20—50„ .„ 50-100„ und mehr,
mit anderen Worten: 98 090 Landwirte haben Schaden,
42 338 5„ weder Nutzen noch
Schaden, 16557 5„ bescheldenen Nutzen, 8394 5„ erheblichen Gewinn, und davon schöpfen die letzten 228 Besitzer den Rahm ab.
So liegen die Verhältnisse! Wollen Sie den Bauern helfen, dann nehmen Sie die Millionen, die die Kolonial- und Abenteurer⸗ politik verschlingt und geben sie den Bauern zur Verbesserung ihrer Betriebe. Setzen Sie die Militärdienstzeit auf 1 Jahr herab, mit dem gewonnenen Jahr nützen Sie dem Bauer mehr wie mit Ihren ganzen Zöllen. Durch solche Mittel wollen wir dem Bauer helfen; unten wollen wir helfen bei den Kleinen und Bedürftigen, Sie aber meine Herren Antisemiten und Junkerfreunde fangen oben an mit Unterstützung der Reichen; Sie zäumen den Gaul beim Schwanz, auf; solche Berkehrtheiten werden wir im Interesse von 95% der Bevölkerung vor wie nach auf's energischste bekämpfen.
Diesen Ausführungen unseres Genossen zollte die Versammlung lebhaften Beifall.
Auch nicht eine Ziffer des von Krumm angeführten Zahlenmaterials vermochten die beiden antisemitischen Abgeordneten zu bestreiten, statt dessen brauchte auch Herr Liebermann von Sonnenberg das Schlagwort von„gemein⸗ samen Interessen der Bauern und Großgrund— besitzer“, die in der Wirklichkeit eine verzweifelte Aehnlichkeit mit der„Interessengemeinschaft“ von Marder und Hühnern haben.
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Natürlich versucht die Presse der anti⸗ semitischen Nachläufer der Junker die Protest⸗ bewegung gegen den Brotwucher als Schwin⸗ del hinzustellen. Wußte Herr Köhler auf die zahlenmäßigen Nachweise unseres Genossen keine Silbe zu entgegnen, so müht sich Herr Hirschel in der„Volkswacht“ ab, darzuthun, daß der Zoll vom Auslande getragen werde — was schon hundertmal widerlegt ist— und weiter, daß durch den erhöhten Zoll keine merk⸗ liche Preissteigerung des Brotes eintreten würde. Vielleicht rechnet uns demnächst die„Volksw.“ vor, daß wir bei den 10 Mark Zoll billi— geres Brot haben werden! Und wenn der Zoll wirklich eine Verteuerung mit sich bringe, — meint das Blatt—, so sei der Arbeiter durch Lohnerhöhungen schadlos gehalten! Ist das nicht der reine Hohn? Von überall her werden Lohnreduktionen gemeldet und
hier fabeln die biederen Mittelstandsretter von Lohnerhöhungen! Geradezu köstlich aber und von tiefer Einsicht zeugend ist die weitere Be⸗ hauptung, daß auch der Arbeitslohn des länd⸗ lichen Arbeiters mit dem größeren Verdienst des Arbeitgebers steige. Als ob es irgend einem Unternehmer einfiele, bet noch so hohem Verdienste seinerseits eine Aufbesserung der Löhne eintreten zu lassen. Jeden Pfennig höhern Lohn muß sich der Arbeiter erst er— kämpfen! Wenn also bei dem Kampfe ums Brot geschwindelt wird, dann geschieht dies nur auf Seiten der Agrarier und ihrer ur⸗ teutonischen Hämmel.
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Ein Kleinbauer über die Kornzölle.
Daß die Getreidezölle den Kleinbauern keinen Nutzen bringen, wurde in unserem Blatte schon oft dargelegt und nachgewiesen. Das geht auch aus dem statistischen Material hervor, daß unser Genosse in der antisemitischen Versamm⸗ lung in Gießen vorführte und das im vor⸗ stehenden Artikel wiedergegeben ist. Aeußerungen von Kleinbauern, die diese Thatsache bestätigen, haben wir in der letzten Zeit schon mehrfach angeführt und wollen dem heute eine weitere hinzufügen. Unser Parteiblatt in der sächsischen Oberlausitz,„Der arme Teufel“ erhielt von einem Gutsbesitzer in Wittgen dorf(Sachsen) folgende Zuschrift:
„Wenn man die Tageszeitungen, die eine Erhöhung der Kornzölle anstreben, durchliest, muß man sagen, so ist und klingt ja Alles sehr schön. Man wird sozusagen von dem Eifer, uns kleinen Bauern zu helfen, mit fortgerissen. Ist man aber mit dem Lesen fertig, so denkt man darüber nach und bildet sich selbst ein Urteil. Da fragt man sich unwillkürlich: denken denn die Leute wirklich nicht daran, daß durch eine derartig geplante Zollerhöhung die Lebens⸗ haltung der kleinen Leute tief herabgedrückt wird? Die reichen Leute sagen sich gewiß: nun, die paar Pfennige, um die ein Brot teurer wird, machen ja nichts aus. So sagen die reichen Leute. Aber was soll der Arme sagen, der mit jedem Pfennig rechnen muß?
Auch wir kleinen Bauern, die 30, 40 bis 50 Scheffel) Land besitzen, haben keinen Nutzen von hohen Getreidepreisen. Schlägt der Preis des Roggens von 7 Mk. auf 9,50 Mk. pro Zentner auf, so geht diese Preiserhöhung nicht blos auf's Brot über, nein, auch auf das Futtermittel geht diese Preissteigerung über. Jetzt bezahlen wir Landwirte für Kleie 5,30 bis 5,70 Mk., das würde dann einen Aufschlag auf 6,70 bis 7 Mk. geben und ich z. B. bei 6 Stück Milchvieh und 3 Stück Jungvieh verbrauche wöchentlich 2 Zentner Kleie, macht jährlich 104 Zentrer, also eine Steigerung von 570 auf 700 Mk. Cbenso ist es auch mit den Kartoffeln, dem Maisschrot, überhaupt allen Bodenerzeugnissen, die die Landwirtschaft pro— duziert. Alle diese Thatsachen entsprechen der Wirklichkeit. Die letzten Jahre waren keine besonders guten Erntejahre, hauptsächlich für einen jungen Anfänger. 1893 und 1895 waren
*) 4—7 Hektar.


