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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung“
Nr. 48.
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7 Unterhaltungs-Ceil. 17 7—— N—. 5
Der Verweis.
Die 91 e Frau stand im Nachtkleid beim offenen 45 und lauschte den wimmernden und schluchzenden Tönen, die aus einer benach⸗ barten Wohnung in die Stille der Nacht hinaus⸗ drangen. Dann hörte sie einen schrillen Auf⸗ schrei, gleich darauf einen r beer Fall oder Schlag, das Gekreisch einer heiseren Weiber⸗ timme, dann die klagenden Worte:„Bitt' schön, zutterl, ich will schon brav sein!“ Dann schluchzte und wimmerte es weiter.
Die Frau am Fenster weinte laut auf, dann weckte sie ihren Gatten, der von einer längeren Reise müde nach Hause gekommen, und so fest eingeschlafen, daß der unheimliche Lärm ihn nicht störte. Er erschrak, als er seine junge Frau weinen sah, denn im 19 657 Augenblick dachte er, sie sei krank oder es habe irgend ein schmerz— liches Erlebnis sie betroffen.
„Mann,“ sagte sie, als er sie fragend ansah, „sie prügeln das Kind schon wieder.. Ich kann das nicht anhören. Entweder Du gehst in aller Frühe zur Polizei und Du setzest durch, daß diese Szenen aufhören, oder wir ziehen aus dieser Wohnung aus. Das ansehen und anhören kann ich nicht. Das wären mir schöne Flitterwochen.“
Der Mann schwieg nachdenklich. Er wußte im ersten Moment nicht, was er antworten 19 55 denn bisher hatte er sich, seitdem er nach einer Verheiratung das bescheidene Heim be— gag hatte, in dem er seinen Hausstand ge— 15 udet, um die Nachbarschaft nicht gekümmert.
as gingen ihn auch die Leute an, die rechts und links von ihm auf dem Korridor wohnten? Sein Beruf ließ ihm keine Zeit, sich um andere Leute zu kümmern.
Allerdings hatte er davon reden gehört, daß da auf Thür Nummer 4 ein Ehepaar wohnte, das mit zwei Kindern eingezogen war, jetzt aber deren drei besaß, weil ein fünfjähriges vom Lande„aus der Kost“ nach Hause gekommen war, und seine junge Frau hatte ihm auch er⸗ hatt daß dieser neue Ankömmling von der Mutter 05 häufig geschlagen werde. Aber es war vielleicht ein schlimmes Kind, daß der Züchtigung bedurfte, und er hatte weiter über den Fall nicht nachgedacht. Jetzt sah er seine Frau 9 7 7 und zitternd; es war ihm klar, daß das Schicksal des fremden Kindes ihrem Herzen naheging.
„Unsere Mutter hat uns auch strenge ge— halten,“ sagte stie,„und es hat uns Nichts ge— schadet, daß sie uns manchesmal ein bisserl hart 1 hat, wenn wir's verdient haben. Das will ich Dir nur sasen, damit Du nicht viel⸗ leicht glaubst, daß ich gar so wehleldig bin. Ich bin überhaupt nicht sentimental. Aber das, was ich da hier erlebe, das, lieber Mann, dürfen wir nicht dulden, das arme Geschöpf hart mir,.“
„Seien die Szenen sich schon öfter ereignet?“
„Seit voriger Woche, seitdem Du wegge⸗ fahren bist, jeden Tag und jede Nacht. Vor- gal habe ich das arme Kind auf der Stiege ge 10 067 Es ist ein hübsches, liebes Mäderl mit blauen Augen, aber das eine Auge war ganz berschwollen und im Gesicht hat die Kleine einen Ausdruck von Betrübnis, ich sag' Dir, Mann, ich kann Dir das nicht schildern, wie Einem dieser traurige Anblick das Herz abdrückt. So ein hübsches, junges Kind, und so traurig! Ich 16 0 die Kleine angesprochen, und wie ich sie beim Kinn anfassen will, ist sie vor Schrecken dhe zugane Ben Dann hat sie so eine ner— vöse, zuckende Bewegung mit dem Kopferl ge— macht, als wenn sie sich fürchten würde, daß sie eine Ohrfeige bekommt.“
In diesem Augenblick hörten die Gatten eluen klatschenden Schall.... Ja, das war eine jener Ohrfeigen, vor denen das Nachbars—
kind zittern mußte... Die Gatten sahen sich einander an; die junge Frau blaß und zerstört, der zunge Ehemann erregt. Zornig ballte er die Faust, zog rasch einen Rock an und hastig schritt er der Thüre zu.
„Oskar, was willst Du thun?“
„Nichts, was ich zu bereuen hätte, liebes Kind, aber dieser Sache muß ich ein Ende machen
„Oskar, das sind rohe Menschen daneben....“
Der Mann hatte diese Warnung nicht mehr gehört, denn schon stand er auf dem Korridor und donnerte mit gewaltigen Schlägen an die Thür Nr. 4.„Aufmachen! Aufmachen!“ schrie er mit lauter Stimme.
Thür Nr. 4 wurde bald geöffnet. Ein hagerer, großer Mensch mit finsterem Blick und eine robuste Frauensperson standen in der ge⸗ öffneten Thür.
„Was wollen's denn da mitten in der Nacht?“ fragte der hagere Mann.„Was machen's denn da für einen Spektakel vor einer fremden Wohnung?“ fragte die Frau.
„Das werde ich Ihnen sofort sagen, was ich will. Sind Sie der Herr Hummel?“
„Wer? Was? Ob ich der Herr Hummel bin? Nein! Ich heiße nicht Hummel.“
„Aber Sie könnten Hummel heißen! Ver⸗ stehen Sie mich?“
„Hörst, Alter!“ schrie jetzt die Frau des Mannes, der nicht der Hummel war,„weißt, was der Herr meint? Ob Du nit der Hummel bist, der sein Kind umbracht hat, und nachdem wär' ja ich die Frau vom Hummel.. So eine Keckheit...“
Die Frau schickte sich nun an, ihren Mann in die Wohnung zurückzudrängen und die Thür zuzu'chlagen, aber Herr Oskar trat einen Schritt vor und seiue energische und ruhige Haltung schten dem Ehepaar zu imponieren. Mittler⸗ weile war die junge Frau, besorgt, daß ihrem Mann ein Leid zugefügt werden könnte, auf den Korridor getreten und auch andere Haus— leute mit Lichtern in der Hand waren aus dem Schlaf gestört worden und erkundigten sich nach der Ursache des nächtlichen Lärms.
„Hören Sie mich ruhig an,“ sagte Oskar zu seinem Nachbar von Nummer 4,„ich mein es gut mit Ihnen und mit Ihrem Kinde... Vielleicht können wir Ihnen und dem Kinde helfen
„Unser Kind geht Ihnen einen Schmarrn au!“ schrie jetzt die Mutter dieses Kindes, und kaum hatte sie diese Worte herausgekreischt, stieß sie den fremden Mann zurück auf den Korridor und dröhnend fiel die Thür ins Schloß. N
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N.
Das kleine Mädchen stand zitternd vor einem mit grünem Tuch bedeckten Tische, auf dem ein großes Kruzifix stand.
Ein freundlicher Herr, der einen Talar trug, 170. in liebevollem väterlichen Tone zu dem Kinde.
„Du bist das kleine Annerl,“ sagte er,„geht's Dir gut?“
Das Kind blickte ängstlich nach links hin- über. Dort saßen der Vater und die Mutter auf einer Bank.
„Also liebes Kind,“ wiederholte der Richter, „wie geht's Dir denn?“
Das Kind wollte weinen, aber es bekämpfte die Thränen und sagte:„Gut.“
„Bist Du auch immer brav?“
Nein.“—
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„Also bist Du manchesmal schlimm?“ a“
„Ia.
„Bekommst Du öfter Schläge?“
Jetzt konnte das Kind oder wollte nicht antworten, seine Brust hob und senkte sich, aus den Augen blickte eine unsägliche Augst. Der Vater und die Mutter sahen unabläͤssig auf die Lippen des Kindes, das zu wissen schten, daß von seiner Antwort das Schicksal von Vater und Mutter abhänge und auch sein eigenes ferneres Schicksal im Elternhaus.
Noch mit einigen Fragen versuchte es der Richter, aber mit dieser Zeugin war Nichts zu machen. Veelleicht reichte die kindliche assungs⸗ kraft nicht aus, vielleicht war sie so verschüchtert, daß auch der Richter ihr Furcht einflößte, ob-
leich er alle Güte und Sanfimnt in den Ton 4 Stimme zu legen sich bemühte.
Das ärztliche Parere tonstatierte, daß Annen
ein kräftiges Kind, aber in ihrem Ernährung“
zustand herabgekommen sei. Im Gesicht ne dem rechten Auge befindet sich eine blutunter⸗ laufene, bläulich und gelb gefärbte Stelle, na Anf de der Eltern von einem Fall herrü
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Rutenstreichen herrührend, Merkmale, die inz⸗ gesamt als leichte Verletzung erklart werden.
„Ich werde das Urteil berkünden,“ sagte“
der Richter.„Angeklagte, Sie haben sich gegen
Ihr Kind lieblos benommen, Sie züchtigen es in einer Weise, die über die Befugnis der Eltern Im Sinne des Gesetzes en“ teile ich Ihnen die Strafe des strengen Ver⸗
Ich ermahne Sie! Seien Sie ein
weit hinausgeht.
weises. gedenk der Pflichten, welche die Natur und das bürgerliche Gesetz Ihnen auferlegen!“ 1
Die Augeklagten senkten scheu und trotzig den Blick zur Erde. Dann, nachdem der Richter die Verhandlung für geschlossen erklärt hatte, faßte die Mutter das Annerl bei der Hand und führte es hinaus. Draußen preßte ihre nervige Faust die Hand des Kindes fester zusammen und aus dem Munde der Mutter kamen mit häßlichem Gezisch die Worte!„Wegen so einem elendigen Bankert!“
Herr Oskar und die Nachbarn der unruhigen Partei von Nr. 4
Sie haben die Wohnung im Stich gelassen, weil sie bei Nacht immer ängstlich aufhu 0 mußten, ob nicht aus den Nebenräumen de Weherufe eines gequälten Kindes zu ihnen ö
Für ein Ehepaar, das mit seinem“
dringen. jungen Glück zu thun 1970 ist das keine ange nehme Beschäftigung.
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den Armen, auf dem Rücken, auf dem G säß befinden sich Striemen, augenscheinlich von
seine Frau sind nicht mehr 1
ielleicht werden sie bald selbst ein kleines Annerl haben, dem ihre uon 1 Liebe und ihre ganze Zärtlichkeit gehören wird.
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Sie waren ja nichts weniger als teilnamslos
gewesen gegenüber dem Schicksal des Nachbar kindes, aber sie hatten ihre Menschenpflicht e- füllt und bei der Polizei die Sache angezeigt,
Dem kleinen Annerl, bei dem das gestern ge- 1 prägte Wort eines Richters Auwendung finden konnte, daß das Märchen von der Stiefmutter
längst überholt sei von wirklichen Müttern, ist übrigens nicht mehr viel geschehen. Zuwellen einige Rutenstreiche, einige Ohrfeigen und einige Stöße, die es an die Tischkante schleudertel,
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Alles zusammen nur leichte Verletzungen, wirke“
lich nur ganz leichte. Dann ist das Annerl gestorben, und weil übelwollende Nachbarn Am. zeigen erstatteten, die sich dann, wie„konstatlert“ wurde, als übertrieben herausstellten, wurde die. kleine Leiche gerichtlich obduziert. Da hat sich erst recht gezeigt, wie Nachbarn und auch die Zeitungen übertreiben. Der Tod des Kindes stand nämlich mit den leichten Verletzungen, die es vorher läugere Zeit hindurch regelmäßig erlitten, in keinerlei„ursächlichem Zusammen
hange“. Wegen der leichten Verletzungen aber
ist bereits gegen die Eltern„amtsgehandelk“
worden, denn sie haben ja hierfür einen strengen
Verweis erhalten. („In. W. Extrabl.)
Splitter.
Edelmann und Bauer. Das schwör ich Dir bei meinem hohen Ramen
Mein guter Claus, ich bin aus altem Samen“
„Das ist nicht gut“, erwidert Claus, „Oft artet alter Samen aus!“ (Bürger.)
Gottesglaube die Quelle der Sittlichkeit!— Wer das behauptet, muß entweder in der wicklung des Begriffes Sittlichkeit zurückgeblieben sein oder die Weltgeschichte ignorieren. 1
Bruno Wille.
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Humoristisches.
Auch ein Beweis. Serenissimu
Kammerherrn): Aeh, dumme Kerls, diese Gotteslaͤngner!“
Wenn's keinen Gott gäb', äh, wie könnt' ich dann f
Gottes Gnaden sein!(Süd. Postill.)


