Ausgabe 
1.9.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

weisen die Landwirte auf hohe n müßten che hin, die hohen Löhne, die sie zahlen müßten, schließ⸗ lich auch noch auf die Kosten, die ihnen durch Er⸗ füllung der sozialen Aufgaben erwachsen. Noch ist auf die riesige Entwickelung des Verkehrs hinzuweisen, wodurch das Getreide womöglich noch billiger von Amerika in unsere Gegend verfrachtet werden kann, als von Pommern her. Von anderer Seite wird dagegen gesagt, man solle doch den Segen benutzen, der uns von anderen Ländern geboten wird.

Wir zahlen jetzt Mk. 3.50 Getreidezoll. Dieser Zoll soll nach den Wünschen der Agrarier verdoppelt werden, als unterste Grenze wollen sie 5 Mk. festgesetzt wissen. Wird nun damit der angebliche Hauptzweck der Zollerhöhung, nämlich die Landwirtschaft vor dem Ruin zu bewahren, erreicht? Diese Hauptfrage ist doch zunächst zu beantworten.

Also die Landwirtschaft soll durch Zölle erhalten werden. Erhalten kann nur werden, wer etwas erhält. Wer ist das nun? Von den 5 Millionen landwirtschaftlicher Be⸗ triebe in Deutschland besitzen Millionen unter 2 Hektar Land. Diese Bäuerchen können nichts verkaufen, haben keinen Vorteil von den Zöllen. Eine weitere Gruppe sind nach der hessischen amtlichen Enquste Besitzer von 25 Hektaren. Diese mit den vorigen sind 78 Prozent, drei Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Bevölkerung. Letztere Gruppe hat auch noch keinen Nutzen von den Zöllen, eher noch Schaden. Dann kommen allerdings noch andere Bauern, solche, die sich im privaten Verkehr nicht gern alsBauern bezeichnen lassen wollen,Manschettenbauern, weiter hin⸗ auf Durchlauchtigste, Edelste. Besitzer über 100 Hektar giebt's in Deutschland nur 25000. Denen werden allerdings die Taschen gefüllt. Im Allgemeinen steht der Inland Spreis um den Zoll über dem Weltmarktpreise. Auf den deutschen Getreidekonsum berechnet, macht der Preisaufschlag etwa 300 Millionen aus. Das kommt den Reichsten zu Gute, dem Junkertum. Jeder der erwähnten 25000 Grund⸗ und Ladifundienbesitzer streicht etwa 4 5000 Mk. mühelosen Gewinn in die Tasche. Ein recht nettes Jahreseinkommen! Und noch viel toller stellt sich die Sache, wenn man die Gewinne der großen und größten Grundbesitzer berechnet; die Familie von Puttkam mer z. B. nach der man Pommern alsPutkamerun bezeichnet, erhält jährlich 150000 Mk., Graf Henkel⸗Donnersmark, die Fürsten zu Ratibor und andere schlesische Junker streichen noch mehr ein.

Viele im Volke glauben, ohne die Junker⸗ kaste könne das Volk nicht existieren. Jene Kaste glaubt sich zum Herrschen, zum Regieren geboren, ihre Angehörigen rücken in hohe Stel⸗ lungen ein, ste sind allein berufen, das Vater⸗ land zu verteidigen(als zwar aufangs des vorigen Jahrhunderts Napoleon I. Deutschland mit Krieg überzog, waren es gerade die Junker, die als Festungskommandanten ꝛc. sich entweder feige zurückzogen oder dem Feinde ergaben) und wenn wir einen Weltmarschall brauchen, so wird er aus den Reihen der Junker ge⸗ nommen. Wir pürfen dann seine Heldenthaten bewundern. Diese Kaste treibt rücksichtslose Interessenpolitik, herrscht überall, ist der Hemmschuh des Volkes auf jedem Gebiete. Und die sollen wir stützen und schützen? Nein! Denen keine Rettung! Sie nennen sich Bauern, niemals haben sie einen Pflug in der Hand gehabt! Die sehen nicht verhungert aus! Man merkt ihnen viel eher Uebersättigung an Speise und Trank an. Natürlich, den Kartoffelschnaps trinken sie nicht, das halten sie für gemein, sie brennen ihn nur, um mit den Profit ihre edlen Taschen zu füllen. Sie können sich dann in der Residenz während derSaison durch Genuß besserer Liqueure, außerdem durch sonstigen schönen undharm⸗ losen Zeitvertreib entschädigen.

Man sagt weiter, es handelt sich nicht blos um Getreidezölle, sondern auch um Fleisch⸗ zölle ꝛc., wobei nicht blos die Großen inte⸗ resstert sind. Allerdings sind daran auch kleine Grundbesitzer beteiligt, den Hauptanteil

schlucken jedoch auch bei den Zöllen auf Fleisch,

Butter, Eier, Obst ꝛc. die größeren Besitzer.

Wer muß aber denn diese Zölle be⸗ zahlen? Vor allem sind die Preise für Fleisch, Butter und Eier in den letzten Jahren durchaus nicht gefallen, sind jetzt als sehr hoch zu bezeichnen. Betrachten wir doch die Einkom⸗ men verhältnisse des Volkes! Die Hälfte der Zensiten hat unter 750 Mk. Einkommen, unter 1100 Mk. haben drei Viertel der Steuerzahler in Hessen. Bei solchem niederen Einkommen ist in der Familie gar keine Rede vom Fleischessen, Fleisch kommt in diesen Familien vielleicht zwei⸗ bis dreimal in der Woche auf den Tisch und wird da nur in kleinsten Portionen an die Familienglieder ver⸗ abreicht. Die Edelsten allerdings verzehren das Gemüse zu dem Fleische. Der geringe Fleisch⸗ konsum der Arbeiterbevölkerung zeigte sich auch bei der Eingemeindung der Vororte in Leipzig. Der jährliche Durchschnitts verbrauch ging von 70 Kilogramm pro Kopf auf 40 Kilo⸗ gramm herab. Werden die Zölle des neuen Tarifs eingeführt, dürften die Fleischpreise ohne Weiteres um 20 Pfg. pro Pfund steigen. Ver⸗ teuerung der Lebensmittel heißt aber Steige⸗ rung der Krankheitsfälle und Ver⸗ brechen. Bei der Zollfrage kommt also die Frage der Volksgesundheit und Sitt⸗ lichkeit mit in Betracht.

Zölle und indirekte Steuern belasten die Aermsten genau so, wie die Reichsten. Dafür bietet die Salzsteuer, die jährlich fast 50 Millionen Mark ergiebt, ein krasses Beispiel. Kanonenkönig Krupp hat 8 Millionen Ein⸗ kommen, soviel wie 8000 Arbeiter. Wird er auch achttausendnal mehr Salz verzehren? Das fällt ihm gewiß nicht ein und doch müßte er es, wenn die Belastung eine gleichmäßige sein sollte. Hieran sieht man die in dem in⸗ direkten Steuersystem liegende schreiende Unge⸗ rechtigkeit. d

Muß die Landwirtschaft die 600 Millionen zu ihrer Erhaltung haben, so bringe man sie durch eine nach den Vermögens- und Einkom⸗ menverhältnissen der Steuerzahler sich richtende direkte Steuer auf und verteile die Millionen so auf die Landwirte, daß die Kleinsten mehr, die Mittleren weniger und die Reichsten nichts bekommen! Für einen solchen Vorschlag, der wirklichen Schutz der notleidenden Land⸗ wirtschaft bedeutete, sind die Agrarier aber nicht zu haben!

Im Gegensatz zu früheren Zeiten laufen heute die Kleinbauern den Großen nach; der hessische Bauernbund, der früher die Junker bekämpfte, ist heute ihr Bundesgenosse. Durch den lückenlosen Tarif Goll auf alle land⸗ wirtschaftlichen Produkte) gelang es den Junkern, die Kleinen für sich einzufangen und als ihren Vorspann zu gebrauchen. Aber die agrarische Rechnung weist einen großen Rechenfehler auf. Was wird die Folge sein, wenn das Brot teurer wird? Die Familie, die vielleicht nur 10 Mk. die Woche für Lebensmittel auszugeben hat, muß sich einschränken in dem Konsum besserer Lebensmittel, Butter, Eier, Milch de. Die Preise für diese müssen sinken, und so schlägt die Sache zum Nachteil des Kleinbauern aus, der in der städtischen Arbeiter-Bevölkerung seine Abnehmer hat.

Wollen die Kleinbauern ihr Interesse wahren, so müssen ste mit der städtischen Bevölkerung zusammengehen. Je mehr sich das Kapital konzentriert, desto mehr verringert sich der Konsum. Wäre es möglich, der Gießener Be⸗ völkerung das doppelte Einkommen zu geben, wie würden das die Bauern der Umgebung vorteilhaft empfinden! Sie würden eben ihre sämtlichen Produkte zu guten Preisen an den Mann bringen. Stellten doch eingehende Unter⸗ suchungen fest, daß Leute mit 600 Mk. Ein⸗ kommen 67 Prozent; solche mit 1500 Mk. 56 Prozent, die mit 14000 Mk. jedoch nur 21 Prozent für Nahrungsmittel ausgeben. Ab⸗ nehmer des Bauern sind die städtischen Arbeiter, haben die Geld, hats der Bauer auch; aber kein Geschäftsmann kann existieren, wenn seine Kundschaft kein Geld hat. Die

soziale Frage ist eine Arbeiter- und Bauern⸗ frage zugleich!

geraten wir mit andern Ländern in Schon jetzt spürt der Arbeiter die Krise, die sich durch Geschäftsstockungen und Krachs be⸗ merkbar macht; Arbeitslosigkeit, Lohnherab⸗ setzungen sind eingetreten. Wie soll das erst werden, wenn Zollkriege ausbrechen? An⸗ gesichts dieser Dinge können wir unmöglich diese Zollpolitik unterstützen. Vielmehr müssen wir zum Kampfe dagegen alle Kräfte zusammen⸗ 1 alle Schichten müssen zusammenstehen, ie ein Interesse an der städtischen Kultur und ihrer Weiterentwickelung haben. Sehr bedauer⸗ lich ist, daß die Freisinnigen in Memel⸗ Heydekrug dieser Situation nicht gerecht wurden und einem Agrarier in den Reichstag verhalfen, anstatt für den Sozialdemokraten zu stimmen. Zugleich bedeutet der Kampf ein Kampf gegen die Vorrechte und die Herrschsucht der Junker, deren Beseitigung im Interesse der Volkswohlfahrt nötig ist.

Darum fort mit dem Zolltarif! 5

Nur durch Erhöhung der Lebens⸗ haltung der arbeitenden Klasse kann wirkliche Förderung des Volkes eintreten!

Folgende Resolution wurde einstimmig an⸗

genommen:

Die heutige Versammlung erklärt die Erhöhung der Lebensmittel zölle, wie diese überhaupt für eine fun Upg der gesamten kulturellen Entwicklung des Volkes. Sie verspricht deshalb, mit allen Kräften die agrarische Politik, welche die Reaktion und die Knechtung des Volkes bedeutet, zu be⸗

kämpfen. **

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Handwerker und Zolltarif. Sogar bei den staats⸗ und königstreuen Innungs⸗ meistern erregen die konservativ⸗antisemitischen Mittelstandsretter Anstoß. Und thatsächlich werden die Handwerker, wenn der Zolltarif Gesetz wird, doppelt belastet. Einmal werden ihnen Rohmaterialien und Handwerkszeuge ver⸗ teuert, dann trifft sie aber auch die Verteuerung der Lebensmittel besonders empfindlich, weil ste vielfach auch Gesellen und Lehrlinge beköstigen, also mehr konsumieren müssen. Diese Einsicht greift immer mehr unter den Handwerksmeistern Platz. So sagt dieDeutsche Dachdeckerzeitung, das Organ des Innungs verbandesBund deutscher Dackdeckerinnungen, diesen Mittel⸗ standsfreunden:

Da die Zollerhöhungen höchstens ein paar tausend Großgrundbesitzeru zu Gute kommen, der mittlere und erst recht der kleinere Bauer dabei aber völlig leer aus⸗ gehen, diese mithin erhöhte Aufwendungen, die etwa dem Handwerker Verdienst zuführten, auch nicht machen können, so leuchtet ein, daß Handwerker und Bauer höchstens als Glieder einer Kette, die Lasten zu tragen hat, zusammen gehören. Wer der genannten Parole (nämlichSchutz der nationalen Arbeit durch Zoller⸗ höhungen) also zu folgen dumm genug sein sollte, der würde sich nur selbst vermehrt belasten helfen, ohne daß durch diese vermehrte eigene Beschwerung dem nächsten Kettengliede Erleichterung würde. 5

Und den Antisemiterichen widmet das⸗ selbe Blatt die folgenden wohlgemeinten Worte:

Sie sind noch immer frech und reden noch immer vomSchutz der nattonalen Arbeit, den sieversprochen haben. Gewiß! Geschrieen und randaliert hat diese impotente Gesellschaft genug. Hat sie aber auch irgend etwas zu Stande gebracht? Nein! Syrup hat sie den Leuten auf die Nase gestrichen, gemeinen Syrup der Honig war ihr zu teuer. Und weshalb? Nun, weshalb anders sonst, als um in die Taschen der Syrupbeklecksten langen zu können, während sie sich das Maul wischten.

Das ist gewiß nicht allzu höflich, aber sehr

deutlich und wahr. 5 **

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Kleinbauern und Zölle. In einer am Montag in Darmstadt stattgefundenen Versammlung vonHandelsvertrags⸗Juteressenten gab nach derDarmst. Ztg. ein praktischer Oekonom, Pfeiffer von Wohnbach(Ober⸗ hessen), in drastischer Form einige seiner Er⸗ fahrungen im landwirtschaftlichen Betrieb zum Besten, dabei betonend, daß die erhöhten Zoll⸗ sätze auf landwirtschaftliche Produkte dem kleinen Landwirt keinen Nutzen

brächten. Das sieht mit der Zeit jeder

vernünftige Kleinbauer ein.

5

Gelangt der Zolltarif zur Annahme, so Konflikt.

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