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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 40.
Seite 6. i 5 und nachdem er die Lehrjahre mit einer langen doch einen echten und rechten Hausgeist, und. Unterhaltungs„Theil„Krankheit bezahlt hatte, legte er die Kelle nieder[das ist doch wohl die Hauptsache.“ t 2 125 und griff zur Feder. Kolweit fand die Rede Brandts etwas
Es hat ein Hammer aufgeschlagen.
Es hat ein Hammer aufgeschlagen Im menschlichen Maschinensaal,
Der Ambos klang, und fortgetragen Wird sein Getön von Thal zu Thal. Die Berge zittern seinem Dröhnen, Die Meere wälzen seinen Ruf;
Er bebt ans Ohr der Erde Söhnen Und lebt im Schönen, das er schuf.
Aus ihrem dunklen Mutterschoße Wächst auf zur Kraft durch Noth und Leid Die kampfgeborne, palmengroße Lichtangenholde neue Zeit. N Der Daupf umbraust des Kindes Wiege, Zur Hochzeit blühn ihr sternenklar
Zum seltnen Lohn vollkommner Siege Leuchtblumenketten durch das Haar.
Glückauf, du neue Zeit der Milde, Der Unschuld, die nur Wahrheit kennt, Die nach der Zukunft Geistesbilde Sich vorwärts zu gestalten brennt. Wir richten unser Haupt zum Gruße Entgegen deiner edlen Zier,
Wir streuen Palmen deinem Fuße Und huld'gen und psalmiren dir.
Dunkle Mächte.
61 Roman von Elise Langer. V
Während Käte Maihöfer diese Gespräche mit ihren Eltern führte, saß der Maun, dessen veränderte Glücksumstände die Ursache derselben waren, in seinem descheidenen Stübchen in einer Vorstadt Berlins. Das Stübchen war so llein, daß nur ein Sopha, welches zugleich als Schlaf⸗ stätte diente, ein altmodischer Schreibsekretär, eine Kommode und ein paar Stühle in dem⸗ selben Platz hatten. Indessen besaß es einen Vorzug. Es hatte einen Balkon, der auf große Gärten hinausging. Auf diesem hielt Kolweit im Sommer seine Vögel, deren er als leiden- schaftlicher Naturfreund eine große Anzahl besaß und die nebst dem Blick auf das üppige Grün der Gärten die Freuden seiner Junggesellen⸗ häuslichkeit ausmachten. So mancher wäre schier verwundert gewesen, hätte er diesen als Republikaner und Lassalleaner übel beleumundeten Mann bei der harmlosen Beschäftigung mit seinen gefiederten Pfleglingen oder auf seinem Balkon im Anblick eines flammenden Sonnen⸗ unterganges, eines Mondscheinabends oder des klaren Sternenhimmels schwelgend gesehen.
Bernhard Kolweit war es schon als acht⸗ zehnjähriger Jüngling heiliger Ernst um die Freiheit gewesen, und wie er auch unter der Reaktion verfolgt, wie ihm auch jeder Fußbreit Boden zur Gründung einer Existenz streitig ge⸗ macht worden, er hatte unentwegt an seinen Grundsätzen festgehalten. Er war von Geburt Ostpreuße, aber schon als Knabe mit seinem Vater, einem Kaufmann, nach Berlin gekommen, wo dieser das Bürgerrecht erwarb. Als Bern⸗ hard die Universität bezog, grollte das Un⸗ wetter der Revolution bereits an allen Ecken und Enden. Die Bewegung riß ihn in ihre Strudel, und so wurde er mit Brandt, Lorch und den übrigen damaligen Gesinnungsgenossen bekannt. Man saß bis spät in die Nacht zu⸗ sammen, debattirend, philosophirend, wobei der junge Kolweit durch die Strenge seiner Schluß⸗ folgerungen, die keinen Gedankensprung duldete, sich den Beinamen des„logisch verrückten Ost⸗ preußen“ erwarb. Durch seine Betheiligung an den Vorgängen des 18. März aus seiner Karriere geworfen und von sozialistischen Ideen erfüllt, für die er mit allen Mitteln zu wirken entschlossen war, verfiel er auf den Gedanken, die Arbeiterverhältnisse praktisch zu studiren, und zu diesem Zweck ein Handwerk von der Pike auf zu erlernen. Er wurde Maurer, aber sein Körper war den Anstrengungen nicht gewachsen,
Inzwischen war sein Vater gestorben, und
Bernhard hatte zu Gunsten seiner älteren un⸗
verheiratheten Schwester auf sein Erbe ver⸗ zichtet. So sah er sich auf seine journalistische Thätigkeit allein angewiesen. Es folgten Jahre des Kampfes und Ringens, der vergeblichen Versuche, hier und dort festen Fuß zu fassen, der zerstörten Hoffnungen, der vernichteten Existenz. Ueberall der Polizei ein Dorn im Auge, wurde er überall ausgewiesen. Es blieb ihm nichts übrig, als sich entweder auf Berlin, wo er heimathsberechtigt war, zurückzuziehen, oder auszuwandern. Schon trug er sich ernstlich mit dem Gedanken, der alten Welt Valet zu sagen und in Amerika die Daseinsbedingungen zu suchen, die ihm das Vaterland streitig machte. Aber nun war es Gott Amor selbst, der ihm den Weg zur Freiheit vertrat. Durch Herrn Maihöfer, den er häufig in Versammlungen ge⸗ troffen hatte, lernte er dessen Tochter Käte kennen, und nun war er gebunden für alle Zeit. Von neuem Muth beseelt, schien ihn auch das Glück mehr begünstigen zu wollen. Er hatte Verbindungen im Auslande angeknüpft, die es ihm nach zweijähriger Brautschaft wohl ermöglicht hätten, einen bescheidenen Hausstand zu gründen, allein Kätens Eltern und Ge⸗ schwister bedurften ihrer Arbeitskraft, und so lange daher Kolweit nicht ein Einkommen hatte, welches auch zum Unterhalt für die Familie seiner Frau ausreichte, konnte ans Heirathen nicht gedacht werden. Wie wenig Hoffnung nun auch auf ein solches Einkommen vorhanden vorhanden war, so verlor das Brautpaar doch nicht den Muth. Im schlimmsten Falle mußte es warten, bis die jüngeren Geschwister Kätens erwacsen und imstande waren, die Eltern mit zu unterhalten Jedes für sich mochte wohl manche trübe Stunde haben, besonders Kolweit, der bereits Mitte der Dreißiger stand und starke Sehnsucht nach einer geordneten Häuelichkeit empfand. Seine Braut fand nach ihrer Tages⸗ arbeit immer ihr behagliches Heim, und der kurze Augenblick, den sie mit dem Geliebten plaudern konnte, genügte, um ihre Lebensgeister wieder aufzufrischen und sie mit neuem Muth zu erfüllen.
Anfangs war Kolweit mit ihr hinaufge⸗ gangen und hatte ein Stündchen in der Familie zugebracht, je länger die Brautschaft sich aber hinzog, je weniger freundlich ward er von den Eltern willkommen geheißen, weßhalb er sich auf den allabendlichen Gang vom Geschäft und die Sonntagsbesuche beschränkte.
Jetzt war wider alles Erwarten ein Ereig⸗ niß eingetreten, das diesem Zustand des Hangens und Bangens ein Ende machte. Doktor Brandt hatte seinen ehemaligen Freund, Bernhard Kol⸗ weit, aufgesucht und ihm eine Stellung in der Redaktion seines Blattes wit einem Gehalt an⸗ getragen, welches jenem bei seinem bescheidenen Sinn ein überaus glänzendes dünkte. Ueber die politische Tendenz des Blattes und die
Zwecke, die es verfolgte, hatte Doktor Brandt
ihm zufriedenstellende Erklärungen gegeben. Der „Norddeutsche Beobachter“ sollte den großdeutschen Gedanken vertreten und der sozialistischen Zeit⸗ strömung Rechnung tragen. Kolweit sollte den sozialpolitischen Theil übernehmen und seine Ideen rückhaltslos entwickeln und propagiren. Mit dem größten Eifer ging er an seine neue Thätigkeit. Aber auch mit der Hochzeit sollte nun nicht länger gezögert werden. Er vertraute Brandt sofort seine Lage, und dieser gewährte ihm bereitwillig einen namhaften Vor⸗ schuß zur Einrichtung der jungen Wirthschaft. Er zeigte sich zudem außerordentlich erfreut über die nahe Vermählung des Freundes und sprach die Hoffnung aus, daß sich zwischen ihnen ein angenehmer Umgang herstellen würde. Schon jetzt wünschte er die Bekanntschaft Fräulein Maihöfers zu machen und lud das Brautpaar auf einen der nächsten Abende zum Thee ein. „Findest Du auch keine Hausfrau— denn ich habe mich von meiner Frau separirt— so
dunkel, doch glaubte er nicht anderes, als daß dessen Ehe gesetzlich geschieden sei. Die Ein⸗ ladung nahm er für sich und seine Braut mit Freuden an.—
In das Brandtsche Haus war allerdings mit Fräulein von Saldeck ein neuer Geist ein⸗ gezogen. Man sah nichts mehr von der ersten bunt zusammengewürfelten Einrichtung. Ver⸗ schiedene Gegenstände waren umgetauscht, andere an ihren richtigen Platz gestellt und das Ganze gefällig und mit Bedacht auf allseitiges Be⸗ hagen geordnet worden Helma von Saldeck besaß in hohem Grade die Gabe des Organi⸗ sirens, und unter ihrer Leitung hatte der Haus⸗ halt bald ein festes Gefüge gewonnen. An⸗ muthig wie sie selbst, übertrug sie diese Eigen⸗ schaft auch auf ihre ganze Umgebung. In der Küche waltete sie mit gleicher Sicherheit wie im Salon. Auf die Zubereitung der Speisen ver⸗ stand sie sich vorzüglich, nicht minder auf den Einkauf für die Küche, und sie verschmähte es nicht, selbst auf den Markt zu gehen, wo sie das Beste und Delikateste herauszufinden ver⸗ stand. Ihr Tisch war denn auch stets vor⸗ trefflich besetzt, und neben den Hauptschüsseln gab es immer einen Leckerbissen, den die Kinder mit Jubel begrüßten. Diese hatten sich bald an das Fräulein angeschlossen und merkwürdiger⸗ weise Emmy noch schneller als der sonst zu⸗ gänglichere Charles. Brandt fühlte sich wie im Himmel. Gerade so hatte er sich seine Häuslichkeit geträumt; hier war alles, was er früher entbehrt hatte: ein Behagen verbreitendes Verstehen und Können, anmuthigste Dienst⸗ fertigteit ohne jede Prätention, ohne Laune, ohne Fessel, ohne Zwang für ihn selbst.
Wenn er sich jetzt an seinen hübsch servirten Tisch setzte, der mit dem feinen Damafttuch aus dem Hausstand des Oberst Saldeck bedeckt war, und der würzige Duft der Speisen seine be⸗ deutend entwickelte Gourmandise reizte, so fühlte er ein wohliges Prickeln über den ganzen Körper. Dazu besaß Fräulein von Saldeck dasjenige Maß von Bildung, welches er den Frauen zu gestatten geneigt war. Sie vermaß sich nicht, eine eigene politische Meinung zu haben, noch weniger beschästigte sie sich, wie seine Gattin, mit Philosopyie, und vor allen Dingen war sie von den Ideen der Frauen⸗ emanzipation, die ihm ein Greuel, unangesteckt. Daß sie sich thatsächlig emanzipirt hatte, sowohl von ihrer Kaste wie von deren Vorurtheilen, darüber dachte er weiter nicht nach; hatte er doch den Gewinn davon. Im übrigen glaubte er, daß hierbei einfach die Magenfrage be⸗ stimmend gewesen, weil das ganze Erbe der Oberstentochter in hübscher Haus⸗ und Tisch⸗ wäsche und anderen zur Existenz nicht aus⸗ reichenden Dingen bestanden hatte. Wie die meisten Männer, schrieb er den Handlungen der Frauen keine tieferen Beweggrürde zu als Neigung, Laune oder materiellen Zwang. Die oft gehörte Aeußerung, daß das Frauenherz ein Räthsel sei, beruht nur auf der ungenügenden Kenntniß des weiblichen Wesens, für dessen Beurtheilung den Männern der logische Faden mangelt.
Inzwischen war es völlig Herbst geworden. Besonders gemüthlich war jetzt die Theestunde an den länger werdenden Abenden. Hier ent⸗ faltete Fräulein von Saldeck, sein reizender Hausgeist, wie Doktor Brandt Helma im stillen nannte, ihre ganze Anmuth, wenn sie zwischen den Kindern ihm gegenübersitzend, auf dem glänzend geputzten Samovar, ebenfalls ein Erb⸗ stück ihres väterlichen Haushalts, den Thee be⸗ reitete, von den Vorkommnissen des Tages be⸗ richtete und die Kinder plaudern machte. Zum ersten Male in seinem Leben hatte er das Ge⸗ fühl des häuslichen Behagens. In seinem ehe⸗
lichen Leben hatte er es nicht kennen gelernt. War es, weil seine Gattin keine Deutsche, oder weil die Ehe als solche daran schuld gewesen, er wußte es nicht, war aber geneigt, das letztere anzunehmen.
Er hielt die Ehe für eine Zwangs⸗
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