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9 Nr. 40.

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Mitteldeutsche f Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

hat er nur noch einmal von sich reden gemacht

und zwar bei der Börsengartenaffäre in Kö⸗ nigsberg, wo er als Regierungspräsident be⸗ kanntlich energisch eingriff und bewirkte, daß dem Börsengarten die Offiziere fern blieben und die Militärmusik dort nicht mehr spielte.

Unter demerbärmlichsten aller Wahlsy⸗ steme ist natürlich die Wahl dieses Edlen sicher.

f Lauterbach. 0

Am Samstag den 6. Okt. abends 8.30 Uhr hält der Wahlverein bei Gastwirth Kaut seine Mitgliederversammlung ab. Da wichtige

Punkte zur Berathung stehen, ist zahlreiches

Erscheinen nothwendig. Prediger christlicher Nächstenliebe. Kürzlich wurde Hadamar(Westerwald) ein Prozeß verhandelt, der die Nächstenliebe des Pfarrers Bick in Oberweyer in eigen⸗ thümlichem Lichte erscheinen läßt. Mit einer Gehässigkeit sondergleichen chicanirte er beson⸗ ders die ihm als Schulinspektor untergebenen. Lehrerinnen. So wurde der Lehrerin Fräulein Wursdörfer in Steinbach bei Antritt ihrer dor⸗ tigen Stelle das einzige, vor Feuchtigkeit ge⸗ schützte Wohngelaß im Schulhaus, das offenbar auch zu denPalästen gehört, von dem Pfar⸗ rer Bick vorenthalten. Der Pfarrer erklärte, den Raum für die alle paar Wochen stattfin⸗ denden Schulkonferenzen nicht entbehren zu kön⸗ nen und übergab ihn der Lehrerin erst, als diese bei der Wiesbadener Regierung ihr Recht suchte, jedoch auch dann nicht ohne allerlei erschwerende Umstände. So ließ er, es war im vorigen Spät⸗ herbst, durch dienstwillige Gemeindeglieder den Ofen aus dem Zimmer nehmen und gab ihn nur gezwungen wieder zurück; auch den Schlüs⸗ sel zum Gasabschluß mußte sich die rechtmäßige Inhaberin erkämpfen. Die Lehrerin und ein Lehrer, der ihr beigestanden hatte, wurden dann mit anonymen Schmähpostkarten. bombardirt; sie waren geschrieben von einem längere Jahre im Pfarrhaus gewesenen Mäd⸗ chen, das nachher durch eine öffentliche Abbitte im Nass. Bote bekannte, von den beiden Schwe⸗ stern des Pfarrers angestiftet worden zu sein. Die Karten wurden, um die Spur zu verwischen, jeweils in einem benachbarten Orte zur Post gegeben. Das Allerneueste in der Kette von Aufmerksamkeiten ist nun, daß der Herr Pfar⸗ rer der Lehrerin Würsdörfer und einer zwei⸗ ten Lehrerin Namens Lang ein ortspolizei⸗ liches Strafmandat von 1 Mark wegen groben Unfugs bezw. wegen ruhestörenden Lärms in der Kirche ausgewirkt hat. Das Verbrechen soll dadurch verübt worden sein, daß Frl. Würs⸗ dörfer sich der neben ihr sitzenden Kollegin fürsorglich annahm, als diese von einem Krampf⸗ husten befallen wurde, bezw. daß Beide mitein- ander sprachen. Da ihnen einfach kein anderer Ausweg blieb, so haben die zwei Lehrerinnen gegen das Strafmandat gerichtliche Entschei⸗ dung angerufen und wurden glänzend freige⸗ sprochen. In der Verhandlung mit einem Mas⸗ senaufgebot von Zeugen stand Eid gegen Eid. Das Ergebniß war gleichbedeutend mit der mo⸗ ralischen Vernichtung des Pfarrers Bick. Wie läßt doch Heine den Mönch in der Disputation sagen? f Unser Gott, der ist die Liebe, Jesus Christus ist sein Namen; Seine Duldsamkeit und Demuth Suchen wir stets nachzuahmen. Deshalb sind wir auch so sanft, e lde, Hadern niemals, nach des Lammes, Des Versöhners Musterbilde! Das Bootsunglück, welches sich auf dem Rhein bei Bingen am dritten Osterfeiertage ereignete und bei wel chem achtzehn Menschen ihren Tod fanden, war vergangene Woche Gegenstand einer Gerichts- verhandlung vor der Strafkammer in Mainz. Angeklagt war der 62jährige Schiffer Franz Hauck, wegen fahrlässiger Tödtung. Er hatte es unternommen, eine aus 20 Personen beste⸗

hende Gesellschaft, die an einer Festlichkeit des Verbandes katholischer Studentenvereine in. Bingen theilgenommen und zur Rückkehr das letzte, abends von Bingen abgehende Trajekt⸗ Dampfbot nicht mehr erreicht hatte, nach Rü⸗ desheim überzusetzen. Da sein Boot sich als zu klein erwies, nahm er den zur Reparatur am Ufer liegenden Sandkahn des Schiffers

Schmidt. Das Boot war jedoch leck und sank

mitten auf dem Strome. Die Sachverständi⸗

gen bekunden, daß der benutzte Kahn nicht über⸗

laden gewesen sei, doch war derselbe in mangel⸗ haftem Zustand. Oberstaatsanwalt Dr. Schmidt

beantragte 6 Monate Gefängniß gegen den

Angeklagten, während der Vertheidiger Couse auf Freisprechung plädirte. Das Gericht wird den Urtheilsspruch am 1. Oktober verkünden.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 27. Septbr.

Berichterstattung über den Par⸗ teitag in Mainz, war die Tagesordnung einer öffentlichen Parteiversammlung, welche am 22. September im Lokale des Herrn Jesberg tagte. Genosse Gewehr-Elberfeld hatte das Referat hierzu übernommen und besprach in äußerst sachlicher und leichtverständlicher Weise die Verhandlungen und Beschlüsse des Partei⸗ tages. Die interessanten Ausführungen hier wiederzugeben, verbietet der Raum dieses Blattes. Alles in Allem, die Genossen waren mit den Ausführungen des Referenten als auch mit den Beschlüssen des Parteitages vollständig einverstanden. Folgende Resolution wurde ein⸗ stimmig angenommen:Die heutige, am 22. September im Lokale des Herrn Jesberg tagende öffentliche sozialdemokratische Parteiversamm- lung des Wahlkreises Marburg-Kirchhain erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten, Ge⸗ nossen Gewehr-Elberfeld, über die Beschlüsse, welche der Parteitag in Mainz im Interesse der Partei gefaßt hat, vollständig einverstanden. Namentlich begrüßt sie den Beschluß über die Betheiligung an den Landtagswahlen in den einzelnen Bundesstaaten, sie hofft, daß durch diese Betheiligung den Genossen ein Ansporn gegeben wird, mit aller Kraft in eine Agitation dafür einzutreten, daß in den Landtagen die junkerliche, erzreaktionäre Mehrheit, besonders in Preußen, gebrochen wird. Ferner spricht die heutige Versammlung dem Berichterstatter der national⸗sozialenHessischen Landesztg. über die Artikel, welche derselbe über den Partei⸗ tag in oben genanntem Blatte veröffentlichte, ihre tiefste Verachtung aus. Solche Berichte würden sich wohl für reaktionäre Zeitungen eignen, aber nicht für solche, welche in die Welt hinausposaunen, für den Befreiungskampf des Volkes mit eintreten zu wollen. Nachdem noch in kurzen Worten auf den Werth der Presse aufmerksam gemacht wurde, es jedem Partei- genossen zur Pflicht gemacht wurde, stets und ständig, wo nur eben angängig, für dieMittel- deutsche Sonntags-Zeitung Abonnenten zu werben, wurde die sehr gut besuchte Versamm⸗ lung geschlossen.

Anmerkung der Redaktion. Ueber das Geschreibsel der Weltmachtsphantasten brauchen sich unsere Genossen durchaus nicht aufzuregen. Allerdings tritt in den Berichten derHess. Landesztg. die fast allen national⸗ sozialen Federhelden eigenthümliche, anmaßende und aufdringliche Klugmeierei und Besser⸗ wisserei in geradezu widerlicher Weise zu Tage, von dem Schwindel vomWaschen der schmutzigen Wäsche ganz abgesehen. Aber wie wir schon an anderer Stelle sagen, braucht sich doch unsere Partei nicht an das Gekläffe der Gegner zu kehren; am Wenigsten kann uns ge⸗ niren, was die sieben Pastoren und dreizehn Studenten, die sichnationale Partei nennen, über unseren Parteitag sagen!

Versicherung gegen Feuerschaden. Genosse H. Stumpf hat hier eine Agentur der Deutschen Feuerversicherungs-Gesellschaft zu Berlin übernommen. Genossen, welche sich versichern wollen, seien an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht.

Kleine Mitteilungen. * Ein netter antisemitischer Ab⸗ geordneter. In Wien wurde der frühere christlich⸗soziale Abgeordnete Mittermayer, sei⸗ nes Zeichens Kellner, wegen ltbetsgefaht⸗ licher Bedrohung zu einem Monat Kerker ver⸗ urtheilt. 5 5 ilchinent m/, * In Wetzlar stürzte bei einem Abbruch in der Silhöferstraße der Zimmermann Wer⸗ ner aus Steindorf herunter und trug schwere Verletzungen davon. 1 ö

Arbeiterbewegung.

Keine Arbeitslosenunterstütz⸗ ung im Schuhmacherverband. Der Vorstand des Vereins deutscher Schuhmacher macht folgendes bekannt: Die obligatorische Ein⸗ führung der Kranken- und Arbeitslosenunter⸗ stützung wurde durch Ur⸗Abstimmung abgelehnt. Es stimmten 4008 mit Ja, 5465 mit Nein. ö

Die Buchbinderaussperrung ist zu Ende. Die Berliner Buchbinder haben beschlossen, die Arbeit wieder aufzunehmen, da ihnen seitens der Prinzipale Zugeständnisse ge⸗ macht wurden. Zur Beilegung der noch vor⸗ handenen Differenzen sind von der Tarifkom⸗ mission Verhandlungen angebahnt worden.

Verbandstag der Tabakarbeiter.

Am Sonntag versammelten sich die Delegir⸗ ten des deutschen Tabakarbeiterverbandes zu ihren Berathungen in Mainz. Die Leitung der Verhandlungen wurde den Delegirten Bör⸗ ner⸗ Berlin und Deichmann⸗-Bremenüber⸗ tragen. Im Verlaufe der Verhandlungen wurde der Antrag auf Einführung der Arbeitslosen⸗ unterstützung mit 47 gegen 17 Stimmen a b⸗

gelehnt. Partei⸗Nachrichten.

Eine am Mittwoch in Berlin stattgefundene von etwa 3 4000 Personen besuchte Parteiver⸗ sammlung proklamirte als Kandidaten für den 6. Kreis, dessen Mandat durch den Tod Lieb⸗ knechts frei geworden war, den Genossen Schrift⸗ steller G.Ledebour. Außer ihm wurden noch vorgeschlagen: Metzner, Arons, Friedeberg, Bö⸗ melburg. Die Proklamirung Ledebours wurde mit Beifall aufgenommen.

Die Redaktion der Branden⸗ burger Zeitung wird am 1. Okt. Genosse A. Meyer übernehmen. Er war früher Ge⸗ fängnißgeistlicher und schloß sich später den Na⸗ tionalsozialen an. Auf Grund eingehender Stu⸗ dien sagte er den Naumännern Valet und trat vor ungefähr Jahresfrist der sozialdemokrati⸗ schen Partei bei.

Gießener Stadttheater

Sonntag 30. September 1900 Die schöne Ungarin. Operettenposse in 4 Akten von Mannstädt und Weller, Musik von Steffens. Dienstag, 2. Oktober 1900 Uriel Acosta.

Trauerspiel in 5 Aktin von Carl Gützkow. Mittwoch, 3. Oktober 1900 Mauerblümchen.

Lustspiel in 4 Akten von Blumenthal und Kadelburg. Freitag, 5. Oktober 1900 Der Prabelandidat.

Schauspiel in vier Akten von Max Speyer.

Versammlungs⸗Kalender.

Giesten. Die Sitzung des Gewerkschaftskartells

findet nicht am 2. Oktober sondern am Dienstag, den

9. Oktober bei Orbig statt.

Sonntag, 30. Septbr.

Gleiberg⸗Krofdorf. Maurer. Nachm. ½4 Uhr

imSchwarzen Walfisch in Gleiberg. Wieseck. KegelclubGut Holz, Sonntag Abend: General-Versammlung bei Wirth Hch. Keller.

§rmn Urnserer heutigen Gesammt⸗Auf⸗ lage liegt ein Prospekt des Herrn Jürgensen 1 8(Schweiz) bei, worauf wir aufmerksam machen.