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Mitteldeutsche Sonntags- Zeitung.

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hätte es sich um keinen so angesehenen und

energischen Mann gehandelt, wie es Oberre⸗ gierungsrath Wörishoffer ist, so würde Eisen⸗ kohr sicherlich kein Bedenken getragen haben, auf die Beseitigung eines Regierungsbeamten zu dringen, dessen Darlegungen in den Fabrik⸗ inspektionsberichten ihm und seinen politischen Freunden oft recht unbequem geworden waren. An seine Stelle tritt Dr. Schenkel, Dir. des Verwaltungsgerichtshofs, der bisher nur wenig auf politischem Gebiete hervortrat. Man weiß also nicht, ob er die rückschrittliche Politik seines Vorgängers weiter fortsetzen wird. Am wahrscheinlichsten ist dies allerdings.

Der Krieg mit China.

Eine Meldung aus Shangai vom 22 Sept. besagt: Graf Waldersee ist um 5 Uhr bei schön⸗ stem Wetter hier eingetroffen und unter großer enthusiastischer Betheiligung der, hiesigen Bevölkerung eingezogen, umgeben von einer Ehren wache und von einer Eskorte begleitet. Die Kommandanten sämmtlicher De⸗ tachements waren anwesend. Vor dem deutschen Generalkonsulat ist eine Ehrenwache, bestehend aus bei Taku betheiligt gewesenen Matrosen von dem Kreuzer Gefion und dem Kanonenboot, Iltis, aufgestellt. Morgen wird eine P a rade über die vollzähligen hiesigen Landtruppende⸗ tachements und Freiwilligen⸗Corps abgehalten.

Kämpfe. Die Forts von Peitsang wur⸗ den von einer aus 4000 Russen, 3000 Deut⸗ schen und 1000 Franzosen bestehenden Streit⸗ macht genommen. Die Forts erwiederten das Feuer lebhaft. Die Beschießung wurde bis mit⸗ tag fortgesetzt, aber schon nach 10 Uhr vorm. hatte das Feuer der Forts aufgehört. Man fand die Forts verlassen und nur vier todte Chi⸗ nesen. Mehr als 3000 Chinesen, die in den Forts gewesen, waren entkommen. Die Ver⸗ luste der Verbündeten werden auf 120, darunter 7 Deutsche, geschätzt. Man staunt über diese Kämpfe um eine Festung, die zur selben Zeit stattfinden, zu der sämmtliche Gesandte in Pe⸗ king des Prinzen Tsching höflichen Besuch höf⸗ lich erwiederten.

Hunnisches. Der frühere amerikanische Konsul Wildmann telegraphirt aus Tschifu, daß die Deutschen am 14. September bei Tsching⸗ kiang 150 chinesische Gefangene machten. Sie ließen dieselben in Reihen aufstellen und dann erschießen.

Während sich Graf Waldersee den Winter über in Peking häuslich einrichten will, scheint die baldige Räumung der chinesischen Haupt⸗ stadt durch Russen, Franzosen und Amerikaner bevorzustehen. Der französische General Nogron meldete, daß er sein Hauptquartier in Tientsin aufgeschlagen habe, und daß die französischen Truppen zwischen Peking und Tientsin Stellung nähmen. Rußland stellt die Trup⸗ pensendungen ein. Der NowojeWremja wird aus Odessa gemeldet, dort sei eine Verfügung angelangt, nach der alle Freiwilligen, die in Odessa eingetroffen sind, um sich nach Ostasien zu begeben, heimzukehren haben. Auch die Ame rikaner treffen Vorbereitungen, ihre Truppen zurückzuziehen. Die Regierung will nur 1500 Mann in Peking belassen. Die Amerikaner werden sich nicht unter den Oberbefehl des Generalissimus Waldersee stellen.

Der Krieg in Südafrika.

Ueber die Stärke der Buren wird berichtet, daß sie noch 79000 Mann unter den Waffen haben, die von Stein und Reitz befehligt wer⸗ den. Dieselben haben beschlossen, die englischen Verbindungslinien zu zerstören und sich von Zeit zu Zeit nach Norden zu flüchten, wo genü⸗ gend Futter für ihre Pferde vorhanden ist.

Obgleich die meisten englischen Blätter den Krieg für beendet erklären, glaubt die Regie⸗ rung, daß er noch mehrere Monate dauern wird. Nur im Falle Schalk Burgher, der stell⸗ vertretende Präsident, sich bereit erklärt, Frie- dens verhandlungen auf irgend einer Ba⸗ sis mit England zu eröffnen, wird die Dauer

des Krieges vermindert werden. Der Krieg wird

jedoch nach allgemeiner Ansicht sich bis Weih⸗ nachten hinziehen.

Etwa 3000 Buren traten auf portugiesisches Gebiet über, wo sie entwaffnet und nach Lou⸗ renzo Marques gebracht wurden. Die Nach⸗ richt vom Tode Dewets bestätigt sich nicht.

Von Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Gießener Stadttheater. Die diesjährige Theater-Saison beginnt heute, Sonntag, den 30. Sept., mit der Operettenposse: Die schöne Ungarin. Wir können unseren Lesern, welche sich einige genußreiche Stunden verschaffen wollen, nur empfehlen, soweit es ihr Budget erlaubt, das Theater recht fleißig zu besuchen. Die Direktion verfügt über sehr gute Kräfte, wie sie überhaupt alles aufbietet, das kunstliebende Publikum in jeder Weise zu⸗ frieden zu stellen.

Im botanischen Garten sind in letzter Zeit an den Bäumen Porzellan⸗Schilder angebracht worden, auf denen die Art, zu der der einzelne Baum gehört, auch in deutscher Sprache verzeichnet steht. Das ist eine ganz vernünftige Einrichtung, die hoffentlich auch auf die übrigen Pflanzen ausgedehnt wird. Wenn, wie bisher, dieselben nur mit der lateinischen Bezeichnung versehen sind, so hat ein Besuch des Gartens für den Nichtgelehrten thatsäch⸗ lich wenig Werth. Ein aus öffentlichen Mitteln unterhaltenes Institut sollte billiger Weise Ein⸗ richtungen treffen, die es auch dem Laien er⸗ möglichen, es mit Nutzen zu besuchen.

Sozialdemokr. Wahlverein. Die nächste Versammlung findet am Dienstag, den 2. Oktober, Abends einhalb neun Uhr, bei C. Orbig statt. In derselben wird unser Delegirter über den Parteitag Bericht erstatten. Die Genossen werden ersucht, recht pünktlich am Platze zu sein. Natürlich fällt die auf den Sams⸗ tag fallende regelmäßige Versammlung aus. Sonntag treffen sich die Genossen auf der Liebigshöhe.

Brauer und Küßfer hielten am Mitt⸗ woch eine recht gut besuchte Versammlung ab, in welcher der Vorsitzende des Küferverbandes, Winkelmann, in einem ausgezeichneten Vor⸗ trage überzeugend nachwies, daß die in den letzten Jahren erfolgte minimale Aufbesserung der Arbeitslöhne weit hinter der Preissteiger⸗ ung der nothwendigsten Lebensmittel zurück⸗ geblieben sei, so daß sich die Lage der Arbeiter noch schwieriger gestaltet habe. Es müsse deshalb jeder Arbeiter darnach streben, daß die Arbeiter- klasse auf das Wirthschaftsleben mehr Einfluß gewinne, damit die Interessen des Arbeiters auch vertreten werden. Anschluß an die Gewerk schaft sei in erster Linie nothwendig.

Der Schneiderverband hält am Samstag den 29. Sept. im Cafe Leib sein 12. Stiftungsfest ab. In Bezug auf Unter⸗ haltung wird, wie immer bei den Festen der Schneider, so ist auch diesem, so Vorzügliches geleistet werden, daß ein zahlreicher Besuch zu erwarten steht.

Großfeuer. In der Nacht zum Sonn⸗ tag brannte das Herrn Volz gehörige Wohnhaus am Asterweg total nieder, ebenso wurde das Nebenhaus, dem Herrn Glaser Fillmann ge hörig, zum großen Theil ein Raub der Flammen. Wie das Feuer entstanden, ist noch unaufgeklärt. Zu viel Gewicht scheint die Feuerwehr bei solchen Gelegenheiten auf den Alarm zu legen. Die Signale ertönten noch immer in den Straßen, als sicher die ganze Einwohnerschaft von dem Brande Kenntniß hatte. Auch bei den Uebungen werden die Kalbfelle oft bei nacht⸗ schlafender Zeit übermäßig strapazirt; solche Trommelei ist doch bei der gemeinnützigen Thätigkeit der Feuerwehr höchst überflüssig.

Eine Verkehrskarte von Gießen und seiner weiteren Umgebung ist in handlicher Taschenbuchform bei H. Schneider, Sonnen⸗ straße, erschienen. Der Preis derselben beträgt nur 10 Pfg.; ihre Anschaffung ist Jedem zu empfehlen.

Am Montag verstarb Herr Kaufmann R. Scheel, langjähriges Mitglied der Stadt⸗ verordneten-Versammlung. Unter großer Be⸗ theiligung fand am Mittwoch die Beerdigung statt; auch der Finanzminister Gnauth befand

sich unter den Leidtragenden. Scheel gehörte zur freisinnigen Volkspartei. 1 Ein Ehrenmann. 1

Als der frühere Oberbürgermeister von Gießen, Herr Gnauth, zum Finanzminister ernannt worden, wurde von den Klerikalen und Antisemiten, welch' letztere auch öfter mit ihrem Konitzer Christenthum hausiren gehen, gegen

ihn gehetzt, weil er konfessionslos sei. Später

behauptete irgend ein Pfiffikus, Gnauth sei vor Jahren, während seiner Thätigkeit als Ober⸗ bürgermeister wieder zur Landeskirche überge⸗ treten. Er selbst erklärt jetzt, daß seine Stell⸗ ung zur Kirche noch dieselbe wie vor seiner Wahl zum Bürgermeister von Gießen sei. Gnauth bezeichnet sich also als konfessionslos, für die hessischen Finanzen ist

das kein Unglück, für ihn selbst aber ist diese,

ohne Rücksicht auf das sich jetzt so breit machende Muckerthum abgegebene Erklärung höchst eh⸗ renwerth. Wie mancher hohe Beamte mag denken wie er, wagt es aber nicht zu bekennen.

Ortsübliche Tagelöhne

Für die Stadt Gießen treten laut Be⸗ kanntmachung der Bürgermeisterei vom 8. Okt. ab folgende Sätze alsortsübliche Tagelöhne gewöhnlicher Tagearbeiter in Kraft: 1) für männl. Pers. über 16 J. 2,20 Mk. 2) 7 weibl. 7 7 7 77 1,50 77 3)% männl. unter 1,20% 4) 7 weibl. 7 77/ 1,00 7

Danach richten sich die Beiträge zur Inva⸗ lidenversicherung für Personen, die der Kran⸗ kenversicherung nicht unterworfen sind, oder freien Hilfskassen angehören und betragen:

1) für männl. Pers. 24 Pfg. pro Woche,

2) 70 weibl. 77 20 7 77 77

Die gleichen Beiträge gelten für die in der Land⸗ und Forstwirthschaft beschäftigten Personen.

Volksversammlung in Gleiberg.

Infolge mangelhafter Bekanntmachung war die Volksversammlung, die am Sonntag in Gleiberg stattfand, nicht sehr stark besucht. Es mochten sich nur etwa 80100 Leute einge⸗ funden haben. Genosse Gewehr aus Elber⸗ feld sprach über:die Weltmachtspolitik und ihre Folgen. In mehr als einstündigem Vor⸗ trage beleuchtete er eingehend die gegenwärtig. betriebene Kolonial- und Eroberungspolitik, durch welche dem Volke und bes. den besitzlosen Klassen ungeheure Lasten aufgebürdet würden im Interesse und zum Vortheile profithungriger Kapitalisten. Die Folgen des Rachezuges zeigten sich schon heute in der deutschen In⸗ dustrie; zahlreiche Arbeiter⸗Entlassungen haben in verschiedenen Gegenden und Branchen statt⸗ gefunden. Ebenso wenig würde später das deutsche Volk einen Vortheil von dem China⸗ abenteuer haben. Gen. Vetters ergänzte noch die Ausführungen des Referenten, indem er auf die Heuchelei von derAusbreitung des Christenthums hinwies. Eine Resolution, die sich entschieden gegen die Weltmachtspolitik aus⸗ spricht, wurde einstimmig angenommen. Die beiden überwachenden Beamten hielten es nicht für überflüssig, zu erklären, daß sie der Reso⸗ lution nicht zustimmten. Das hätte man ihnen auch ohne dies geglaubt.

Aus Wetzlar. 0

Vorige Woche hielt die hiesige Ortskran⸗ kenkasse für Gesellen und Fabrikarbeiter eine außerordentliche Generalversammlung ab. Es handelte sich um einen Antrag der Handschuh⸗ fabrikanten, die aus der Kasse nebst den Ger⸗ bern ausscheiden wollten. Glücklicher Weise wurde der Antrag auf Ausscheidung abgelehnt; wir wüßten auch nicht, welchen Sinn es haben sollte, auf dem Gebiete des Krankenkassenwe⸗ sens noch mehr Zersplitterung, als ohnehin vorhanden ist, herbeizuführen.

Das Landtagsmandat für Wetzlar ist durch den Tod des bisherigen Abgeordneten Prinz Solms erledigt. Als Ersatzmann soll von konservativer Seite der Regierungspräsident b. Tieschowitz in Aussicht genommen sein. Er war früher Landrath im hiesigen Kreise, später

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