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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Vandervelde, Costa, Adler ꝛc., betheiligten sich an dem prächtigen Feste.

Ueber die weiteren Kongreßverhandlungen berichten wir in nächster Nummer.

Mit dem Verlaufe unseres Parteitages in Mainz ist die bürgerliche Presse aller Schattirungen herzlich unzufrieden. Ging es dem Einen zuwirr und kraus zu, so be⸗ klagte sich der Andere über dieLangweiligkeit die auf dem Parteitage geherrscht habe. Nun, uns kann es ziemlich gleichgültig sein, wie unsere Gegner den Parteitag und seine Beschlüsse be⸗ urtheilen. Wir sind mit dem Verlaufe des⸗ selben sehr zufrieden. Er legte Zeugniß ab für die Einmüthigkeit und die innere Festigkeit der Partei, die durch Meinungsverschiedenhen bei takt ischen und untergeordneten Fragen nicht be⸗ einträchtigt wird. Keine andere Partei kann ähnliche Veranstaltungen zu Stande bringen. In Mainz ist ein reiches Arbeitsprogramm be⸗ wältigt, ein schönes Stück Geistesarbeit in wenigen Tagen geleistet, in vollem Lichte der Oeffentlichkeit über die gesammte Thätigkeit der Partei berichtet worden. Andere Parteien sollen es uns nachmachen!

Ein anderes bürgerliches Urtheil.

Ueber den die Betheiligung an den Land⸗ tagswahlen betreffenden Beschluß des Partei⸗ tags sagt die BerlinerVolkszeitung:

Alles in allem ist daher der Mainzer Be⸗ schluz im Interesse Preußens, des Deutschen Reiches und des Kulturfortschritts als eine That zu begrüßen, die in dem Tohuwabohu von Khaki⸗Begeisterung, Byzantinismus, Interessen⸗ politik, Knebelsucht, scharfmacherischer Verhetzung, muckerischem Versittlichungsfuror, neidischer Rassenhatz und anderen epidemischen Krankheiten der Zeit wie der Ausdruck echten und rechten, lebens vollen Volksempfindens er⸗

scheint. Kosten des Rachezuges.

Die bisher verausgabten Beträge für die China⸗Expedition sollen nach der Berl. Börsen⸗ zeitung bereits bis Ende August die Höhe von 160 Millionen erreicht haben. Es würden aber 200 Millionen verlangt, um bis zum 1. April die Kosten zu decken. 160 Millionen wären also ausgegeben, ohne daß der Reichs⸗ tag einen Pfennig bewilligt hätte! Aber was genirt das!

Das selbe Blatt will übrigens wissen, daß der Reichstag auf den 23. Oktober berufen werden soll, in der Voraussetzung, daß nach Er⸗ ledigung der chinesischen Kreditvorlage eine Ver- tagung bis Ende November stattfindet. Es lohnt sich schon gar nicht mehr, alle die wechselnden Nachrichten über die Berufung der Volksvertretung zu registriren.

Ein zweiter China⸗Pump

soll, wie nach derRhein. Westf. Ztg. in unterrichteten Kreisen verlautet, bal digst das deulsche Volk erfreuen. Da die in Amerika zu 4 pCt. geborgten 80 Millionen nicht weit reichen werden, son noch bis zum Schluß dieses Jahres eine abermalige Ausgabe von 100 120 Millionen Mark erfolgen, aber nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Deutschland selbst. Die Verhandlungen hierüber mit deutschen Banken sollen bereits eingeleitet senn, doch würde in Deutschlandaus naheliegengen Gründen nicht der vierprozentige Zinsfuß gewählt werden, sondern ein prozentiger.

Die deutschen Steuerzahler, die die vier Prozent für die Pankees aufzubringen haben, sollen also für das Geld, das sie selbst dem Reiche borgen mit pCt. abgespeist werden. Für den Ausfall mag ihnen das Be⸗ wußtsein genügen, zu einemhochpatriotischen Unternehmen Mittel beigesteuert zu haben. Jedenfalss sind sie sehr erbaut davon.

Christliche und heidnische Kulturträger.

Nach den Meldungen des Timesberichter⸗ statters, Dr. Morrison, waren die eur o⸗ päischen Bewohner Pekings entrüstet, weil die verbündeten Truppen nicht den kaiser⸗ lichen Palast und die Tempel zer stört hatten. Dazu bemerkt ein Mitglied aus der japanischen Gesandtschaft, daß Japan gegen die vor⸗

geschlagene Zerstörung protestirte, weil die Gebäude für dieses Volk dasselbe In⸗ teresse haben, wie die Akropolis in Athen und das Pantheon in Rom für die westliche Welt. Thatsächlich, so versichert er,ist es dem Einspruch Japans zuzuschreiben, daß die Paläste und Tempel nicht zerstört wurden. Welches sind nun die besseren Menschen? Die Heiden oder die Christen? Ein neuer Kolonialheld.

Durch den Gouverneur von Kamerun von Kamptz ist der Hauptmann der Schutztruppe von Besser von seinem Posten abberufen orden. Ueber die Art der Kulturverbreitung, der Letzterer in Kamerun oblag, giebt die in Stuttgart erscheinendeDeutsche Reichspost Schilderungen, aus denen hervorgeht, daß Hauptmann Besser jedenfalls dieKulturtha⸗ ten der Leist, Wehlan, Peters und Konsorten um einige zu vernehmen erachtete und in Be zug auf Abscheulichkeit noch zu überbieten ver⸗ suchte. Ueber eine Strafexpedition, die Besser nach dem Hinterlande unternahm, wird berich ber

Am 10. Feebruar kam Hauptmann von Besser mit einigen weißen und 200 schwarzen Soldaten in Bakundu an. Mit dem Stamme, der es bewohnt, lebte man in tiefstem Frieden. Trotzdem hatte der angekündigte Durch⸗ zug der Soldaten einen solchen Schrecken unter den Schwarzen hervorgerufen, daß die halbe Ortsbevölkerung schon vor dem Einrücken floh. Der Ort hatte Lebensmittel und Träger zu stellen. Der Häuptling wurde gefesselt, als er das Schlachtvieh anweisen mußte, und statt der gelieferten Ochsen erschossen die Soldaten eine tragende Kuh.

Dann erzählt der Bericht weiter, daß etwa 20 Leute aus Bakundu als Träger mitgeschleppt und unbarmherzig mißhandelt wurden. Sie be kamen Tage lang nichts zu essen.Ein ange sehener, rechtschaffener Mann war unter die sen aus Bakandu, der hatte schon seit lange die sogenannteMpia, schmerzhafte, hühner augenähnliche Beulen an der Fußsohle. Dessen mußte eine schwere Last tragen; konnte er fast nicht mehr, dann half man mit Prü⸗ geln und Seitengewehren nach. So

schleppte er sich weiter bis gegen Mundame.

Endlich konnte er nicht mehr und legte sich trotz der Prügel zu Boden, worauf man ihn einfach todtschlug und liegen ließ, mit⸗ ten auf der Straße, wo ihn mehrere Weiße nachher als Leichnam liegen sahen und schließ lich verscharren ließen. Den Prügel, mit dem dieser Mann erschlagen wurde, ein armdicker Baumast, haben die zurückkehrenden Leute der Bakundu uns zur Besichtigung gebracht.

mehr weiter konnte, wurde auf ähnliche Weise todtgeschlagen und liegen ge⸗ lassen. Herr K. erzählt uns, er habe Lei⸗ chen der Erschlagenen(Träger) auf der Straße gefunden, auch habe er Einen liegen gefunden, dem die ganzen Wadenmus⸗ keln mit einem Schwertstreich her⸗ untergehauen waren und etwa 20 Zentimeter lang herunterhingen. Er hat ihn verbunden. Desgleichen erzählte er uns ein Gerücht, das ihm von weiter nördlich ge legenen Durchzugsstätten zugekommen sei, daß der Weiße dort ebenfalls böse gehaust und eine Anzahl Leute aufgeknüpft hat.

Nach amtlichen Erklärungen ist über diese Dinge in Berlin nichts bekannt. Hoffentlich beeilt sich die Regierung, eine strenge Unter suchung zu veranstalten und das Ergebniß der⸗ selben zu veröffentlichen. Das deutsche Volk hat ein Recht darauf, zu wissen, wie in Ko⸗ lonien, für die es schwere Lasten trägt, ge haust wird.

Zum Fleischbeschaugesetz.

Im Reichsamt des Innern besteht die Ab⸗ sicht, bei dem in diesem Jahre vom Bundes⸗ rathe und Reichstage beschlossenen Gesetz betr. die Fleischbeschau und Schlachtviehversicherung die bezüglich des Inlandes gegebenen Be⸗ stimmungen erst im Frühjahr 1901 in

Kraft treten zu lassen.

ungeachtet war er mitgeschleppt worden und,

Ein anderer Mann aus Kalke, der auch nicht

[Czersk

Gegen die Verschlechterung der Kranken⸗ versicherung.

Auf der Hauptversammlung des Zentral- verbandes der Orts-Krankenkassen Deutschlands, welche am 23. und 24. Sept. in Nürnberg tagte, waren 111 Ortskrankenkassen mit zusammen über 1 und ein Viertel Mill. Mitgliedern vertreten. Nach einem ausführ⸗ lichen Referate des Dr. Friedberg-Berlin über die neue Krankenkassengesetz⸗Novelle nahm einstimmig eine energische Protest-Resolution gegen jede Beschränkung der Selbst⸗ verwaltung der Ortskrankenkassen an. In der Resolution wird gesagt, daß keinerlei ernst

zu nehmende Beweise dafür erbracht sind, daß

die bisher geübte Selbstverwaltung irgendwie mißbraucht worden sei. Als Delegirte waren auf der Hauptversammlung sowohl Arbeitgeber wie Arbeitnehmer vertreten, die allen Partei⸗ richtungen angehören Kriegerverein und Sozialdemokrat.

Der Genosse Redakteur Ad. Thiele vom Halle⸗ schen Volksblatt wurde am Mittwoch von der Naumburger Strafkammer unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Manns, wegen Be⸗ leidigung der 556 Kriegervereinsmitglieder zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Es handelte sich um eine im Mai 1898 von dem Genossen Thiele in Zeitz gehaltene Wahlrede. Als der Staatsanwalt neun Monate Gefängniß bean⸗ tragte, entgegnete Genosse Thiele, er finde das Strafmaß unbegreiflich. Die Sozialdemokratie würde von den Kriegervereinen immer während beschimpft. Würde der Herr Staatsanwalt viel⸗ leicht gegen denjenigen, der sagte:Die Sozial⸗ demokratie sei eine Schande für Deutschland auch neun Monate beantragen?

Gleiches Recht für Alle.

Vom Schöffengericht in Wiesbaden war seiner Zeit der verantwortliche Redakteur der Frankfurter Volksstimme, Genosse W. Schmidt, zu 200 Mk. Geldstrafe verurtheilt worden, weil er durch einen Artikel seines Blattes einen Gutspächter beleidigt haben sollte. Gleichzeitig mit ihm verhandelte dasselbe Gericht gegen den Redakteur desWiesbadener Generalanzeigers, v. Neefzern, der in der gleichen Angelegenheit gegen den Pächter einen viel schärferen Artikel gebracht hatte. Gegen diesen lautete das Ur⸗ theil nur auf 100 Mk. Geldstrafe.

Beide legten gegen ihre Verurtheilung Be⸗ rufung ein; die Strafe gegen Neefzern wurde auf 30 Mk. herabgesetzt, die Berufung Schmidts verworfen.

Bei den Landtagswahlen

in Gotha errangen unsere Genossen bisher schon neun Mandate. Da der Gothaer Land⸗ tag nur 19 Abgeordnete zählt, die Wahlen auch noch nicht beendet sind, ist es nicht unmöglich, daß unsere Partei die Mehrheit erhält. Früchte antisemitischer Hetzerei.

Grobe Ausschreitungen, die auf die be⸗ kannten antisemitischen Hetzereien aus Anlaß der Konitzer Affaire zurückgeführt werden müssen, werden aus Westpreußen gemeldet. Nach Mit⸗ theilung des antisemitischenKonitzer Tagebl. sind auf dem jüdischen Friedhof in zehn Denkmäler total de⸗ molirt worden, sogar eine Kinderleiche wurde bloßgelegt. Bis jetzt sind mehrere noch jugendliche Burschen als Thäter zur An⸗ zeige gebracht. Gelehrige Schüler des Dresch⸗ grafen Pückler!

einisterwechsel in Baden.

Minister Eisenlohr ist zurückgetreten. Er verwaltete seit 1893 das Ministerium des In⸗ nern und war zugleich Präsident des Staats⸗ ministerius Im Kampfe mit der Opposition im Landtage, besonders mit dem Zentrum er⸗ litt er öfters Niederlagen, die seinem Anse hen bei Hofe jedoch nicht schadeten.

Eisenlohr vertrat auf jedem Gebiet rück⸗ ständige Ansichten, und es ist bemerkenswert,

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schreibt die Berliner Volkszeitung, daß sich der von Konservativen und Nationalliberalen viel angefeindete badische Fabrikinspektor einem sol⸗ chen Vorgesetzten gegenüber behaupten konnte;

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