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Seite 2.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 40.
A. 1) Für eine innerhalb des deutschen Wirthschafts⸗ gebietes einheitliche Gestaltung der Verkehrs- politik durch Uebernahme der Eisen⸗ bahnen auf das Reich unter Verwerfung des vornehmlich in Preußen großgezogenen fis⸗ kalischen Verwaltungsprinzips;
2) für weitgehende Ermäßigung der Per⸗ sonentarife zur Verwirklichung des juristisch⸗ formalen Rechts der Freizügigkeit der Arbeiter;
3) für den Ausbau eines deutschen Wasserstraßen⸗ systems, hauptsächlich für den Bau des Mittel- land⸗Kanals, im Nothfalle durch das Reich.
B. 1) Für Ablehnung aller Zölle und Zoll⸗ erhöhungen auf Lebensmittel. Für möglichste Beseitigung oder Herabsetzung der bisherigen Zollsätze bei der Neugestaltung des Zolltarifs:
2) für eine Handelsvertragspolitik, die sich das Ziel setzt, die wechselseitigen Handelsbeschränkungen forischreitend aufzuheben und den freien Welt⸗ verkehr zu fördern;
3) für Verwerfung aller zollgesetztichen Maaßnahmen (wie Maximal- und Minimaltarif, Wer thzölle ꝛc.), die einen engeren handelspolitischen Anschluß Deutschlands an andere Staaten erschweren.
Vollmar beantragt, in A 1 die Worte„durch Uebernahme der Eisenbahnen auf das Reich“ und in A 3 die Worte„hauptsächlich für den Bau des Mittel- landkanals“ zu streichen.
Eingangs seines Referats weist Calwer darauf hin, daß eine hervorragende Arbeiterorganisation, der Berg⸗ und Huttenarbeiter⸗Verband einen schutzzöllnerischen Be⸗ schluß gefaßt habe, dahingehend: Die Reichsregierung ist aufzufordern, die Einwanderung fremdsprachiger Bergarbeiter in die Bergrev iere zu verbieten. Prinzipiell ist gegen den Beschluß nicht viel einzuwenden. Anderer⸗ seits ist nicht zu leugnen, daß andere Leute in der Partei anderer Meinung sind. Hier liegen Gegensätze innerhalb der Pariei vor, die geklärt werden müssen. Wir haben ein Interesse daran, von einheitlichen Auf⸗ fassungen in der Verkehrspolitik auszugehen. Sonst bringen wir es dahin, daß die Arbeiter einiger Distrikte beständig als Lohndrücker gegen die Anderen ausgespielt werden können. Die Löhne der Maurer differiren zwischen 60 und 19 Pfg. pro Stunde. Das Sireik⸗ brecherthum hängt mit diesen Lohnverschiedenheiten eng zusammen. Die vierte Klasse auf den Bahnen ist die Arbeiterklasse. Es fahren 200000 Menschen in der vierten Klasse. Alle diese Menschen fahren sehr langsam, es entgeht ihnen dadurch viel Arbeitsverdienst. Wir sind an einer schnelleren Eisenbahnfahrt für die billigeren Klassen, an billigen Eisenbahntarifen ungemein interessirt. Im Reichstage aber haben wir gehört, daß darauf keine Aussicht ist. Man will die Tarife vereinfachen, aber nicht verbilligen. Aus den Eisenbahnen zieht der Staat seine Haupteinnahmen. Die Tarife sind weiter nichts als eine Verkehrssteuer, die noch schlimmer ist, als die von uns mit Recht bekämpften indirekten Steuern, sie beträgt in Preußen 11 Mark pro Kopf der Bevölkerung. Vom wirthschaftlichen Standpunkt aus ist es ein Mißstand, daß die Eisenbahnen in Deutsch⸗ land nicht centralisirt sind. Von Reichseisenbahnen will man in Süddeutschland nichts wissen, aber die Frage ist vorläufig nur eine akademische und wird nicht von heute auf morgen erledigt. Gute Gründe pprechen in⸗ dessen für Reichseisenbahnen und sogar in Süddeutschland hat der Gedanke Fortschritte gemacht. Bekommen wir dadurch aber nicht bessere Zustände, als die jetzigen preußischen sind, dann lassen wir es lieber. Redner ging dann über zur Handelspolitik und meinte, man könne nicht immer für absoluten Freihandel sein. Unter Hinweis auf die höheren Löhne und billigeren Lebensmittel in dem schutzzöllnerischen Amerika sucht er gewisse Schutzzölle zu rechtfertigen. Amerika lege einen so hohen Zoll auf deutsche Waaren, daß die hiesigen Fabrikanten sehr billig liefern müßten, um konkurriren zu können, wodurch dann wieder die Löhne gedrückt würden. Wir sind für billige Lebensmittel, aber noch wichtiger sind hohe Löhne. Bezieht der Arbeiter hohe 85 kann er auch etwas für seinen Unterhalt aus⸗ geben.
Das Referat, das wir aus den schon angeführteu Gründen nur sehr verkürzt wiedergeben können, verur⸗ sachte eine lebhafte und sehr interessante Debatte, in welcher Calwer von mehreren Seiten vorgehalten wurde, daß seine Ausführungen in Widerspruch mit seiner Resolution und den offiziellen Anschauungen der Partei ständen.
Stolle spricht sich scharf gegen die Uebernahme der Eisenbahnen durch das Reich aus. Es werde dadurch nur ein Machtmittel mehr bekommen zur Verwirklichung der Welt⸗ und Raubpolitik. Rosen o w-Berlin: Das Schutzzollsystem hat der deutschen Arbeiterschaft tiefe Wunden geschlagen. Die Arbriter haben die Pllicht, eine von den agrarischen und industriellen Hochschutz⸗ zöllnern erstrebte Lebensmittelvertheuerung zu verhindern. Vollmar spricht zunächst für Streichung der Forde⸗ rung des Mutellandkanals in der Resolurion und dann entschieden gegen Reichseisenbahnen, die heute nur preußische Eisenbahnen sind und eine wesentliche Ver⸗ schlechterung bedeuten würden. Hessen ist ein klassisches
Beispiel dafür, es ist durch seine eisenba hnliche Ver⸗ bindung mit Preußen wirthschaftlich ganz unselbständig geworden.
Molkenbuhr tritt für Reichseisenbahnen ein, als den einzigen Ausweg, das preußische Eisenbahnsystem zu verbessern. zu Calwer i
Im Gegensatz
meint er, höheren Waaren⸗
preisen werden höhere Löhne nicht folgen. In England mit seinem Freihandel und gutem Koalitionsrecht sind gute Löhne. Nehmen wir uns in dieser Beziehung an England ein Vorbild.
Genossin Luxemburg: In Deutschland sind die grundlegenden Industriezweige für den freien Handelsverkehr reif. Unsere Richtschnur ist die gänzliche Beseitigung der Schutzzölle, sie bedeutet den kulturellen Fortschritt.
Die Debatte über diesen Punkt wird am Donnerstag fortgesetzt. Dr. David spricht sich gegen Reichseisenbahnen aus. Die von Miquel angestrebte Eisenbahngemein⸗ sch aft ist schädlich für die in Betracht kommenden Kleinstaaten, deshalb widerstreben wir ihr. Bei Verträgen mit dem großen Preußen kommen wir Kleinen zu kurz. Daher hat sich im Süden der Gedanke einer süddeutschen Eisenbahn⸗ gemeinschaft herausgearbeitet. Ueber das hessische Bahnabkommen mit Preußen spricht sich später auch Ullrich sehr ungünstig aus. Er sagte: Eine schöne Eisenbahngemeinschaft: 200 Millionen haben wir für den Kauf der Ludwigsbahn ausgegeben, aber auch nicht das geringste dürfen wir in die Verwaltung hinein⸗ reden. Wir brauchen dringend eine kleine Nebenbahn durch den Odenwald, aber sie wird nicht in die Eisenbahngemeinschaft aufgenommen. So steht die Sache heute, wie wollen wir dies preußische System im Reiche bekämpfen? Preußen würde in Bezug auf die Eisenbahnen genau so stark sein, wenn sie Reichssache sind, wie in Militärfragen. Zu der Eisenbahnfrage äußert sich dann Bebel, der Tags vorher auf dem Parteitage erschienen war und lebhaft begrüßt wurde. Ich werde, führt er aus, der Reso⸗ lution zustimmen, nicht aber der Begründung. Den Passus über die Reichsbahngemein⸗ schaft dürfen wir nicht streichen. Er ist im Grunde richtig und seine Streichung würde nach Außen verwirrend wirken. Was über die Ge⸗ fahr der Verpreußung des Eisenbahnwesens gesagt ist, unterschreibe ich. Aber das einzige Mittel, ihr entgegenzuwirken, ist eben die Ueber⸗ tragung des Eisenbahnwesens auf das Reich. Wir gewinnen mit dem Reichsbahnsystem auch den Einfluß im Reichstag auf die Ver⸗ kehrspolititik. Im Laudtag aber herrscht das Junkerthun. Vollmar tritt nochmals für die süd deutsche Selbständigkeit in Bezug auf das Eisenbahnwesen ein. Bebel erklärt sich nochmals für Centralisation des Verkehrs. Wenn Preußen dabei gestäckt werde, so sei es nicht schlimm. Er habe es lieber mit einem Gegner zu thun, als mit vierund⸗
zwanzig. Nach einem Schlußwort Calwers in dem er die gegen seine Aus⸗ führungen vorgebrachten Einwendungen aus⸗
führlich zu widerlegen sucht, wird die vorge⸗ schlagene Resolution mit geringen Aenderungen, aber mit der Forderung der Reichseisenbahnen angenommen.
Der Parteitag tritt hierauf in die Berathung des Punktes 9 der Tagesordnung:„Be⸗ theiligung an den Landtagswahlen“ ein. Bebel als Referent empfiehlt eine Resolution, die sich für Betheiligung an allen Landtags- wahlen ausspricht. Eine lange und lebhafte Debatte knüpft sich an das Referat. Singer spricht sich gegen jede Betheiligung an den Landtagswahlen unter dem Dreeklassensystem aus. Abg. Haase Königsberg verspricht sich so⸗ gar in den Ostpreußischen Landbezirken Vortheile von unserer Wahlbetheiligung. Gegen Be⸗ theiligung, namentlich an den preußischen Land⸗ tagswahlen sprechen Ledebour, Grenz ⸗ Leipzig, Stadthagen, Hoffman n⸗Berlin und noch mehrere Berliner Delegirte. Dafür treten Quarck, Drees bach, Stolle, Gewehr und andere ein. Bebel sagt in seinem Schlußwort, die politische Klugheit der sozialdemokratischen Wähler verhüte die von den Gegnern in Aussicht gestellte Verwirrung. In der Abstimmung wird darauf der Antrag Stadthagen, die Entscheidung über die Wahlbetheiligung jedem einzelnen Wahlkreis zu überlassen, mit großer Mehrheit abgelehnt.
Mit 163 gegen 66 Stimmen wird die Reso⸗ lution Bebels in dieser Fassung angenommen:
In denjenigen deutschen Staaten, in welchen das Dreiklassenwahlsystem besteht, sind die Parteigenossen verpflichtet, bei den nächsten Wahlen mit eigenen Wahlmännern in die Wahlagitation einzutreten.
Für die Landtagswahlen in Preußen bildet der Parteivorstand das Zentral-Wahl⸗ komitee. Ohne dessen Zustimmung dürfen die Parteigenossen in den einzelnen Wahlkreisen keinerlei Abmachungen mit bürgerlichen Par⸗ teien treffen.
In den Parteivorstand sind mit je 220 Stimmen gewählt worden: Bebel und Singer als Vorsitzende, Auer und Pfann⸗ kuch als Sekretäre und Gerischals Kassierer. Als Kontrolleure sind gewählt: Meister, Kaden, Metzner, Brühne, Ehrhart, Zetkin, Koenen, Kramer, Dr. David.
Der nächste Parteitag wird in Lübeck abgehalten. Der Parteitag ist am Schluß seiner Arbeiten angelangt. Bruhns⸗-Breslau spricht dem Bureau für die Leitung den Dank des Parteitags aus.
Singer hält das Schlußwort. Er ge⸗ denkt darin des Beschlusses zur Betheiligung an den Landtagswahlen und hebt als Gegner der Betheiligung hervor, daß ihm der jetzige klare Zustand doch lieber sei als die bisherige Unklarheit. Auch die Gegner würden nun bei dem ersten Versuch ihre Schuldigkeit voll thun. Er gedenkt weiter des nächsthin tagenden Pariser Kongresses, der gegenüber der Komödie von Haag eine wahre und echte Kundgebung für den Weltfrieden werden soll. Mit einem Hoch auf die internationale, die deutsche Sozialdemokratie schließt er. Die Delegirten stimmen begeistert in das Hoch ein und singen stehend die Marseillaise. Nachmittags unter⸗ nahmen die Delegirten noch eine Rheinfahrt nach Rüdesheim.
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Politische Bundschau.
Gießen, 28. September. Der internationale Sozialistenkougreßz
wurde am Sonntag Vormittag in Paris er⸗ öffnet. Genosse Jaures begrüßte den Kongreß mit einer zündenden, von den Delegirten mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede, in der er die Einheitlichkeit der Arbeiter⸗ Bewegung betonte, die nöthig sei, um den Kapi⸗ talismus zu bekämpfen, der die bestialischen In⸗ stinkte des Chauvinismus entfessele, um seine Herrschaft zu retten. Auf die Rede Jaureès folgten Ansprachen von Singer, Hyndman⸗ London, Cost a Italien, Adler ⸗Oesterreich, Vander velde-Belgien, Troelstra-Holland, Knudsen⸗Dänemark, Menander Schweden, Führholz⸗Schweiz, Iglesius⸗Spanien ꝛc. Dem Kongreß liegt eine sehr reichhaltige Tages⸗ ordnung vor, die durch Kommissionen, in die alle Nationen Vertreter entsenden, vorberathen wird. Die unter den verschsedenen sozialistischen Parteien Frankreichs herrschenden Streitigkeiten verursachten, daß sich die französische Dele⸗ gation über die Wahl der Präsidenten nicht sogleich einigen konnte, erst am Montag Nach⸗ mittag konnte Singer verkünden, daß die fran⸗ zösischen Genossen sich geeinigt und Vaillant und Renoud zu Präsidenten gewählt habe. — Nach Prüfung der Mandate sind vertreten: 473 französische, 95 englische, 53 deutsche, 10 italienische, 10 österreichische, 37 belgische, 23 russische, 17 polnische Delegirte. Amerika hat fünf Delegirte entsandt. Weiter sind ver⸗ treten: die Schweiz mit 10, Dänemark mit 19,
Norwegen mit 1, Argentinien mit 1, Bul⸗ garien mit 3 Delegirten. Portugal wird mit 3 Mandaten durch Jaurss vertreten.
Am Sonntag Abend fand ein Bankett der sozialistischen Bürger meister Frank⸗ reichs statt, an dem über 500 Bürgermeister, darunter die von Marseille, Lyon, Lille und Roubaix, theilnahmen. Eine große Anzahl aus⸗
wärtiger Genossen, Singer, Wurm, Anseele“
Holland mit 9, Spanien mit 4, Schweden mit 3,
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