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Nr. 40.
Gießen, Sonntag, den 30. September 1900.
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens
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Die Frau und die Zeitung.
Nicht zu den Genossen, sondern zu den Frauen wollen wir uns heute angefichts des Quar talswechsels wenden. Wir fühlen uns dazu umsomehr veranlaßt, als gewöhnlich die Frauen es sind, die dem Genossen die Sorgen um die Bezahlung der Vereinsbeiträge und der Abonne mentsgelder für die Zeitungen und auch die Wahl einer solchen abnehmen. Leider muß es gesagt werden, daß die Arbeiterfrau als Zensor für ihre Lektüre der Familie sehr oft infolge ihrer— unverschuldeter Weise— mangel⸗ haften geistigen Bildung nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe steht. Es sind manchmal die nebensächlichsten Dinge, die bei der Wahl einer Zeitung für sie ausschlaggebend sind. Ein Haufen Papier, das albernste Waschblatt mit dem fadesten Geschreibsel, sind ihr manchmal lieber, als eine Zeitung, die ausschließlich für den Arbeiter geschrieben. Sie merkt nicht, daß für eine gewisse Sorte von Preßerzeugnissen, die sogenannte„Unparteilichkeit“ nur das Aus⸗ hängeschild ist für die Betreibung des Abonnentenfangs.
Mit frecher Stirn schlägt man oft darin ihrem Stande ins Gesicht, um ihm dann wieder einmal einen Köder hinzuwerfen. Und die Frau ist so gutmüihig zu glauben, diese Zeitungen vertreten ihre Interessen. Weit gefehlt. Nein, diese Preßkonglomerate haben nur eigene In⸗ teressen, sie verlörpern das nackte kapita⸗ listische Prinzip, das in dem Arbeiter nicht den denkenden Menschen, sondern nur eine Waare erblickt, aus dem man nach Belieben Kapital schlagen kann. Gerade die Zeitung, die offen und ehrlich für die Verbesserung der Lage der Arbeiterfrau und ihrer Familie kämpft, stößt oft bei ihr auf einen unerklärlichen Wider⸗ stand. Sie denkt nicht daran, daß sie sich damit nur selber schädigt. Hat jemals die Arbeiter⸗ frau in einer gegnerischen Zeitung gelesen, daß sie offen und ehrlich für irgend eine Lohner⸗ höhun g, überhaupt für eine Verbesserung der Lage der Arbeiter eintreten? Hat jemals die Arbeiterfrau in den bürgerlichen Blättern— nur sehr wenige machen eine Aus⸗ nahme— ein offenes Wort über die herrschende Kohlennoth, über die Verthene⸗ rung der noth wendigsten Lebensmittel gefunden? Nur die Arbeiterpresse hat immer ein offenes Wort für all diese Schäden ge⸗ funden, furchtlos und unbekümmert um die Folgen, hat sie die Wahrheit verkündet, hat sie die Juteressen der Arbeiter, ihrer Frauen und ihrer Familien vertreten.
Das sollen die Frauen jetzt zum Quartals⸗ wechsel bedenken. Nicht eine seichte, das reine Neuigkeitsbedürfniß befriedigende Zeitung kann sie auf eine Verbesserung ihrer Lebeus⸗ verhältnisse hinwirken, sondern nur dadurch, daß sie die Presse unterstützt, die für die Kleinen und Besitzlosen eintritt. Zu dieser Presse
rechnet sich mit Stolz die„Mitteldeutsche Sonntagszeirung. Möge jede Arbeiterfrau durch Abonnement derselben in die Reihen derer treten, die mit ihrem eigenen Stande denken
und fühlen, ihn zu heben und zu verbessern suchen.
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Der Parteitag in Mainz. II.
Ueber die Verhandlungen des Parteitages haben wir noch das Folgende nachzutragen. Wir müssen uns dabei Raummangels halber, größtmöglichster Kürze be⸗ fleißigen; diejenigen Genossen, welche die interessanten Erörterungen ausführlicher zu lesen wünschen, verweisen wir auf das demnächst erscheinende Protokoll.
Am dritten Verhandlungstage(Mittwoch) wurden zu⸗ nächst eine Reihe kleinerer Sachen erledigt. Ein An⸗ trag, den„Vorwärts“ in eigener Druckerei herstellen zu lassen, wird zurückgezogen, da im Einver⸗ ständniß mit dem Vorstand Verhandlungen nach der im Antrag vorgezeichneten Richtung bereits im Gange sind. Bezüglich der Parteipresse wird gefordert, daß dieselbe Geschäftsempfehlungen solcher Unternehmer, bei denen Streiks ausgebrochen oder Sperren ver⸗ hängt wurden, nicht aufgenommen werden sollen.— Ein weiterer Antrag, dem zugestimmt wird, verlangt, daß die Parteiblätter mehr als wie bisher in ihrem Ju⸗ halt auf die
Interessen der Arbeiterinnen Rücksicht nehmen sollen.— Zur Besprechung kom mu⸗ nalpolitischer Fragen, will ein von Frankfurter Delegirten gestellter Antrag eine Monatsbeilage zum„Vorwärts“ geschaffen wissen. Er wird der Partei⸗ leitung zur Berücksichtigung überwiesen.—
Folgende beantragte Resolution führt zu einer Er⸗ örterung der Kohlennoth.
„In Erwägung, daß durch die ungeheuerliche Ausbeutung des deutschen Volkes seitens der Berg⸗ werksbesitzer und ihrer Agenten eine für weite Kreise der Bevölkerung nahezu unerträgliche Lage auf dem Kohlenmarkt geschaffen worden ist, spricht der Partei⸗ tag die Erwartung aus:
1. daß die sozialdemokratischen Abgeordneten diese Angelegenheit zur passenden Zeit im Reichstage bezw. den Landtagen zur Sprache bringen;
2. daß diese Frage auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags gesetzt wird, falls die Lage des Kohlenmarktes sich vis dahin nicht gründlich ge⸗ ändert hat;
3. daß sich die Parteipresse eingehender als bisher damit beschäftigt und die Frage der Verstaatlichung der Bergwerke näher veutilirt.“
Bei Besprechung dieses Antrages erklärte Schöpflin⸗ Chemnitz: Es genügt nicht, die Kohlenbarone anzu⸗ greifen, die Frage der Kohlennoth muß grundsätzlich und wirlsam angefaßt werden. Der„Vorwärts“ hat die Frage der Verstaatlichung einmal nur sehr vorsichtig gestreift, andere Blätter halten sie überhaupt nicht der Erwägung werth. In Sachsen sind jetzt tolle Zustände. Die Panik ist künstlich gemacht. Zwickauer Kohle ist nach Oesterreich ausgeführt und von dort wieder nach Chemnitz eingeführt worden. Auf dem nächsten Parteitag muß die Kohlenfrage einmal gründ⸗ lich angeschnitten werden. Nachdem Abg. Fischer⸗ Berlin die Haltung des„Vorwärts“ in der Frage der Verstaatlichung vertheidigt, führt der frühere Bergmann Abg. Sachse aus: Die Schuld an der Kohlen⸗ theuerung trägt keineswegs der Streik der sächsischen und böhmischen Bergleute. Die Streiks sind verloren gegangen, die Arbeiter haben nichts erreicht. Nach dem Streik aber haben die Kohlenbarone die Preise wesent⸗ lich um 25 Prozent erhöht. Der Verdienst der Arbeiter ist mit erhöhter Arbeitszeit in Sachsen von 1895-98 um 12 pCt. gestiegen, die Dividende sind aber um 180 pet. gestiegen. Die Kohlentheuerung beruht auf einem Raubzug des Vereins für bergbauliche Intere ssen. Protestirt werden muß auch gegen die billigen Eisenbahntarife für die Ausfuhr der Kohlen. Gerade in den fiskalischen Gruben haben die Arbeiter die schlechteste Erfahrungen gemacht. Die Agitation für Verstaatlichung können wir getrof dem Bündler Oertel überlassen. Ich rathe vor von einer Verstaatlichung ab. Unser heutiger St bemächtigt sich nicht der Produktionsmittel, um eine ge rechte Vertheilung der Güter zu bewirken, sondern er würde die Einnahmen nur verwenden für neue Forde⸗
rungen des Militarismus und anderer volksfeindlicher Dinge.
Düwell⸗Essen stellt fest: die Kohlengräber haben dieselbe Menge Kohlen gefördert, wie im Vorjahre und noch 5 pCt. mehr Nebenprodukte produzirt. Dabei
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Neuenweg 28, jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung träger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33// und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
wird der Abbau immer schwieriger. Die Mehrarbeit ist größer geworden, die Löhne aber find nicht ge⸗ stiegen.
Die Resolution findet ein stimmige Annahme. Ebenso wird ein Antrag, den Parteivorstand zu er⸗ suchen, eine umfangreiche Agitation gegen eine Ver⸗ schlechterung des Krankenversicherungs⸗ gesetzes einzuleiten, angenommen.
Eine recht lebhafte und interessante Debatte ent⸗ wickelt sich über einen Antrag des Genossen Erdmann⸗ Köln, auf die Tagesordnung des nächstjährigen Partei⸗ tags die Alkoholfrage zu setzen. Der Antragsteller betont, daß der Alkoholismus nicht nur wie die Schwind⸗ sucht ein wirthschaftlicher Schaden, sondern auch ein sütlicher Schaden sei. Es seien nicht nur wirthschaftliche Ursachen, die zum Alkoholismus führen, sondern theil⸗ weise auch ein gewisser Mangel an Pflichtgefühl und Selbstzucht. Die Partei sei die Bekämpfung der Aus⸗ schreitungen des Alkoholismus ihrem moralischen Ein⸗ fluß auf die Massen schuldig. Auch den Dank der Frauen, die unter der Trunkenheit der Männer zu leiden hätten, würde man sich verdienen, wenn diese Frage eingehend behandelt werde.
Demgegenüber meint Adler Kiel, er sei auch gegen den Alkohol, aber die Frage sei keine Parteifrage; Alkohol sei Privatsache. Pickelmann⸗München er⸗ klärt unter stürmischer Heiterkeit, die Lage des Arbeiters müssse so verbessert werden, daß er noch eine Maaß Bier mehr trinken könne.
Braun⸗Königsberg sagt: Wer in Ostpreußen lebt und mit einer Bevölkerung zu thun hat, die alkoholisch verseucht ist, wird doch anderer Meinung. Der Alkohol ist das Uebel, das uns dort so schwer vorwärts kommen laßt. Agitatorisch ist die Alkoholfrage von großem Werth.
Abg. Wurm: Es ist zu unterscheiden zwischen mäßigem Genuß und übermäßigem Genuß. Eine Partei, die fich mit sozialen Dingen beschäftigt, muß sich auch mit der Alkoholseuche beschäftigen. Es braucht nicht durch ein Referat auf einem Parteitag zu geschehen. Wir müssen der Ursache der Schnapsseuche nach⸗ gehen. Der Alkoholismus ist erstens eine Lohnfrage. Die schlechten Löhne zwingen den Arbeiter, billigen Schnaps zu trinken, dann eine Wohnungs frage, die schlechten Wohnungen treiben den Arbeiter in die Kneipen. Ein Mittel zur Abhilfe sind Erholungs- stätten, wo die Arbeiter zum Verzehren alkoholischer Getränke nicht verpflichtet sind. Die in den Kommunal⸗ verwaltungen thätigen Parteigenossen sollten ihr Augen⸗ merk darauf richten. Also keine Sym pf omkuxirerei, sondern das Uebel an der Wurzel fassen.
Der Antrag wird ab gelehnt.— Angenommen wird jedoch, auf die Tagesordnung des nächsten Partei⸗ tages die Wohnungs frage zu setzen.
Hierauf erstattet Auer Bericht namens der Kom⸗ mission für Ausarbeitung des Organisations⸗ statuts. Er empfiehlt die von der Kommisfion aus⸗ gearbeitete Vorlage, die nur wenig an der des Partei⸗ vorstandes geändert hat und begründet dieselbe ein⸗
gehend. Der Entwurf wird im Ganzen(ohne Ab⸗ stimmung über die einzelnen Paragraphen) ange⸗ nommen. Zugleich wird in einer Resolution die
sozialdem. Reichstagsfraktion beauftragt, fortgesetzt und energisch für Beseitigung der die Frauen rechtlos machenden Bestimmungen der Vereinsgesetze hinzu⸗ wirken.
Nunmehr folgt Punkt 7 der Tagesordnung: Ver⸗ kehrs⸗ und Handelspolitik. Referent hierzu ist Genosse Abg. Calwer, der eine längere Resolution vorlegt, in der zunächst erklärt wird, daß die gegen⸗ wärtig überwiegend nach fiskalischen Gesichtspunkten ge⸗ leitete, einer einheitlichen Organisation entbehrende Ver⸗ kehrspolitik die Erleichterung des Verkehrs hindere und die Erschließung weiter Gebiete für die Industrie, woraus der Arbeiter sowohl als Producent, wie auch als Verbraucher Vortheile zu erwarten hätte, hemme. Auch die jetzige Hand els politik steuere für das Volk schädlichen Zielen zu. Großgrundbesitzer und Großindustrielle strebten eine Schutzzollpolitik an,
demokratische Partei müsse deshal
welche die Verbraucher und vornehmlich die Arbeiter- klasse der Preisdiktatur der vereinigten Unter⸗ nehmerklasse hilflos überliefere. Diese Schutzzollpolitik vertheuere die wichtigsten Produktionsmittel und die Lebenshaltung der Ar beiterklasse, infolge dessen wird die Stellung der deutschen Pro⸗ duttion auf dem Weltmarkte beeinträchtigt. Die Sozial-
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