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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Anterhaltungsteil.
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In Fesseln. 111 Novelle von Elise Schweichel. (Schluß
Bald darauf vernahm man draußen eine männliche Stimme und ein Schütteln und Stampfen, wie wenn sich einer von Schnee reinigte.
„Horch, der Weihnachtsmann kommt“, sagte Herr Bartels mit flüsternder Stimme zu dem Kinde, welches mit großen Augen plötzlich ganz still saß, als hätte es ihn verstanden. Indem 10108 die Frau Bartels die Stubenthür und agte,
»Ein Besuch, Hannchen. Hier hinein, wenn ich bitten darf.“ g g
Johanna wandte sich hastig, that ein paar Schritte und stand wie eingewurzelt.
Aber schon hatte der Eintretende, der nie⸗ mand anderes als Anton Eberhard war, ihre beiden Hände ergriffen und schüttelte sie, daß sie fast aus den Gelenken gingen. f
„Anton— ist es möglich?— O, mein Gott.“
„Ja, es ist mir selbst wie ein Traum Aber gut, daß ich hier bin. Ach, was ist hier alles vorgegangen. Wie ich eben gehört, ist auch Julius—“ e
Johanna nickte traurig mit dem Kopfe, und er ließ den Satz unvollendet.
Während dieser Szene hatte Frau Bartels ihrem verblüfssten Mann von hinten auf die Schulter getippt und als er sich umdrehte, sachte herausgewinkt. Johanna und Anton waren im Zimmer allein. Erleichtert blickte sich Anton im Zimmer um, dann zog er Johanna näher ans Licht und sagte mit etwas gezwungener Munterkeit: 8
„Nun muß ich aber erst sehen, ob mein Eigentum unversehrt geblieben ist in allen diesen Stürmen, ob die liehen Augen und alles noch am richtigen Fleck“, und damit nahm er ihren Kopf ohne Umstände zwischen seine Hände und bedeckte Augen und Haar des Mädchens mit leidenschaftlichen Küssen. Verwirrt sah Johanna zu ihm auf. Wie männlich schön er geworden war, ein echter, wetterfester Mann! Willig überließ sie sich seiner Umarmung!
„Das Herz ist wenigstens am rechten Fleck geblieben, Anton, wenn ich auch nicht schrieb; und ich konnte doch nicht schreiben, ich sah ja, wie alles kommen würde, denn— denn Julius hatte nämlich— geheiratet.“
„Ich weiß, weiß alles“, nickte er,„und eben deshalb bin ich hier. Nur daß Julius tot ist, wußte ich nicht, und das wußte auch sie nicht — seine Frau. Ja, ja, sieh mich nur verwun⸗ dert an. Es ist wirklich zu seltsam! Ich erfuhr die ganze traurige Geschichte aus Deiner Schwägerin eigenem Munde, und dazu wo? In Newyork. Ist das nicht ein wunderbares Spiel des Zu⸗ falls?“ g
Johanna war sprachlos.
„Sie ist dort am Old-Bowery⸗Theater, tanzt europäische Nationaltänze im Kostüm“, fuhr Anton fort, indem er die noch immer starre Johanna neben sich auf das Sofa zog.„Eines Abends komme ich aus meiner Fabrik— ich hatte wieder Arbeit genommen—, schlenderte über den Chatamplatz und bleibe vor dem Theater stehen, um die Ankündigung zu lesen. Europäische Nationaltänze. Hm, denke ich, die willst du dir ansehen. Ich gehe also hinein und sehe eine kleine reizende Person als Tirolerin herumhüpfen. Alle Welt ist entzückt, man klatscht. man stampft, man schreit, und mitten in dem Lärm höre ich auf einmal den Namen Storbeck. Ich sehe auf den Zettel, wahrhaftig, die Tänzerin heißt so, Mrs. Susette Storbeck. Zugleich höre ich, daß sie eine Deutsche, eine Leipzigerin ist. Nun kannst Du Dir denken— ich gleich hinter die Koulissen. Sie kann kein Wort Englisch, wird mir gesagt. Desto besser, denke ich und ruhe nicht, bis ich das Frauen⸗
zimmerchen zu sprechen bekam. Zu Anfang war sie etwas schnippisch, als ich ihr aber dann sagte, daß ich auch aus Leipzig und mit der Familie Storbeck sehr befreundet sei, wurde sie zutrau⸗ licher und hieß mich, sie am Ausgange des Theaters zu erwarten. Wir setzten uns darauf in den Atlantic⸗Garden, ein großes Bierhaus gleich neben dem Theater, und hier erfuhr ich denn schließlich die ganze saubere Geschichte: daß sie Julius rechtmäßige Frau wäre und ihn samt einem acht Monate alten Kinde verlassen hätte, weil sie die häusliche Plackerei— so üngefähr drückte sie sich aus— nicht habe ertragen können. Eine Theaterbekanntschaft, ein junger Mann, der für ein Geschäftshaus zwischen Leipzig und Newyork hin⸗ und herreist, 15 sie herüber⸗ genommen. Ich glaubte, ein Märchen zu hören, und wenn sie Dich und Julius, und wie sie dessen Frau geworden, nicht so genau geschildert hätte, so würde ich geglaubt haben, mysteftgtert zu werden. Sie hat übrigens nur eine sehr un⸗ klare Vorstellung von der Leichtfertigkeit ihrer Handlungsweise, Beweis dafür, daß sie naiv genug isi, Julius Namen ganz e nfach weiter⸗ zuführen. Auf meine Bemerkung darüber meinte sie, sie mache dem Namen keine Schande, und wenn sie recht viel Geld verdient haben würde, käme sie zurück. Ich suchte sie zu überreden, sogleich mit mir nach Europa zurückzukehren, aber sie blieb hartnäckig dabei, daß sie erst sehr viel Geld verdienen müßte. Von ihrem Privat⸗ leben erfuhr ich so viel, daß sie in einem Boar⸗ dinghouse in einer der besseren Avenüen des östiichen Stadtviertels wohnt, wenigstens ließ sie sich von mir dorthin begleiten. Hier trennten wir uns, und— da ich gleich darauf abreiste— habe ich sie nicht wieder gesehen.“
Johanna hatte die ganze Erzählung mit niedergeschlagenen Augen angehört und nur von Zeit zu Zeit leise mit dem Kopfe geschüttelt, wie einer, der etwas durchaus nicht begreifen kann.
„Ja, ja, geliebtes Herz, es ist eine tolle Geschichte“, sagte Anton, indem er beide Hände des Mädchens in die seinigen nahm.„Aber, sage selbst, ist es nicht gekommen, wie es kommen mußte? Julius hat einen schweren Fehler be⸗ gangen, ein solches Wesen an sich fesseln zu wollen, es war die natürliche Folge, daß sie ihn verließ. Und was sie selbst betrifft, Kind, da mache Dir keine Sorgen. Sie hat das Zeug, sich durch die Welt zu schlagen und— wird es vielleicht ehrlicher und Eures Namens würdiger thun, als Du fürchtest.“
Johanna atmete schluchzend auf und warf sich an Antons Brust. Sie hielten sich lange sest umschlungen.
„Sein Kind ist das meinige, das unsrige“, sagte er dann weich und strich ihr das in Un⸗ ordnung geratene Haar liebkosend von der Stirn. Ungestüm drückte sie ihn nochmals fest und innig an sich—„Mein lieber, guter Anton!“
„Mein geliebtes Herz!“
„Aber jetzt muß ich Herrn und Frau Bartels rufen und Dich ihnen vorstellen“, sagte sie, wieder zu dem Bewußt sein der Gegenwart zurück⸗ kehrend.„Ich wohne ganz und gar bei ihnen. Du glaubst nicht, wie himmlisch gut sie gegen mich sind.“
„Ei, und ob ich das glaube!“ rief Anton frohgelaunt und mit strahlenden Augen.„Ist es doch wahrlich nichts Großes, gegen solch einen Engel himmlisch gut zu sein.“ Und er faßte Johanna, die sich schon erhoben hatte, an beiden Händen und betrachtete sie, indem er sie in Armeslänge von sich abhielt, mit Stolz nnd Entzücken.
Verschämt lächelnd machte sie sich frei und eilte hinaus.
Frau Bartels, die sie in der Küche hantierend fand, brauche sie nicht viel zu erklären.
„Ich wußte ja, daß Du eine Liebe hattest“, sagte die Frau.„In der Krankheit hast Du oft den Namen Anton gerufen— und dann die vielen Fragen über Amerika. Na, man ist nicht so dumm! Dem Alten habe ich schon gesagt, wie die Sache wahrscheinlich steht. Ich hole Dir das Kind. Bringe es ihm nur erst. Wir kommen gleich nach.“
Als das Ehepaar in die Wohnstube trat, erblickte es eine reizende Gruppe. Vom Kamin⸗
feuer angeleuchtet, stand das junge Paar mitten
in der Stube, Anton hatte das Kind auf dem Arm und den andern um Johanna geschlungen, welche die Füßchen des Kindes in der Hand hielt und mit einem Gemisch von bräutlichem Gefühl und Mutterglück zu beiden aufschaute. Herr Bartels konnte sich an dem Anblick nicht ganz so wie seine Frau erfreuen. Er: empfand etwas wie Eifersucht, der schöne Christ⸗ abend schien ihm fast zerstört.
Indessen hielt diese Stimmung nicht lange stand, sondern schwand vor Antons offenem, frischem, treuherzigem Wesen wie Schnee vor der Märzsonne. Ein gut gebrauter und zur rechten Zeit servierter Punsch trug das Seinige dazu bei, die Männer noch schneller einander näher⸗ zuführen, und als die Thür des Nebenzimmers sich öffnete, in dem Frau Bartels in aller Stille den Vaum angezündet hatte, da ergoß dieser sein Licht über fünf glückuche Menschen, die sich, wie eine Familie fühlten.
** *
Das war eine strahlende, glitzernde Welt, als am ersten Feiertagsmorgen die Sonne von einem blauen Himmel auf die weißbeschneite Ebene schien. Anton holte seine Braut schon in der Frühe ab, und Arm in Arm wanderten die Glücklichen in den köstlichen Wintertag hinein die Herzen gegeneinander ausschüttend und freundliche Zukunftsschlösser bauend Fast wären sie zu spät zum Mittagessen gekommen, welches Frau Bartels noch niemals mit größerer Sorg falt bereitet hatte.
„Wissen Sie, Eberhard“, sagte Herr Bartels am Schluß des Diners, welches allen trefflich gemundet,„wissen Sie, Eberhard, ich habe einen Plan. Außer diesem Grundstück, das ziemlich umfangreich ist, besitze ich noch ein erkleckliches. Sümmchen in Staats papieren und Hypotheken, die ich jeden Augenblick kündigen kann. Das alles habe ich mir so in der Welt zusammen⸗ geklempnert. Und wissen Sie, womit? Mit Petroleumbrennern, die ich vereinfachte und ver⸗ besserte. Man soll's nicht glauben, was so ein glücklicher Wurf vermag. Das Barackenwesen hier gefällt mir von Inhr zu Jahr weniger; ich müßte bauen, die Sache ginge so wie so nicht länger. Da, laßt meine Frau sagen, wie oft ich zu ihr gesagt habe: Höre Du, das muß anders werden, wir können diese Ställe nicht länger an Menschen vermieten; es ist eine Schande! Wie, hab' ich das nicht oft zu Dir gesagt, Frau? Na ja, da hören Sie's. Und. jetzt will ich Ihn en mal einen Vorschlag machen.
Sie haben in Ihrem Fach was Tücht ges ge⸗
lernt, haben sich in der Welt umg schen und sind ein Mensch von zuverlässigem Charakter. Ich, ich habe dies Grundstück und Kapital. Wie wär's nun, wenn wir uns assoziierten und hier eine Maschinenfabrik hinsetzten, deren Oberleitung Sie übernähmen? Ich bin auch noch eine Ar⸗ beitskrast und, wie man zu sagen pflegt, mit allen Hunden gehetzt, ich verstehe mich auf alles Mögliche. vor uns bringen. Nun, Sie sind ja ganz stumm? Nur raus mit Ihrer Meinung!“ g Es ist schwer zu schildern, welche Gefühle bei dieser Rede des braven Mannes das Braut⸗
paar bewegten. Ueberraschung, Freude, Glück
und Dankbarkeit ließen Anton keine Worte finden.
Ausspringend eilte er zu Herrn Bartels hin und schüttelte ihm nach seiner gewohnten Manier die Hand, daß die Gelenke krachten, während seine Mienen alle Gefühle wiederspiegelten, die ihn bewegten.
„Ha, ha, ha“, lachte der Klempner, um die Rührung, die alle und auch ihn ergriffen hatte, zu verbergen.„Ha, ha, ha, das will ein Ge⸗ schäftsmann sein und noch dazu einer, der frisch aus dem Lande der money makers kommt! Was ist da viel Hand zu schütteln? Geschäft ist Geschäft. Ich will meinen Vorteil so gut davon haben, wie Sie den Ihrigen. Na, ist's
also abgemacht?“ schloß er, indem er Anton die freie Hand auf die Schulter legte und mit seinen klugen, runden Augen zu ihm aussah.
Wir beide zusammen könnten was
Julderhal für das nichs mel
Ende 0 chene baude, käftigen, ind Rass Dampfes eine freud
As; sönte, na
Lage:
„Wat mein erst liefern n. macht er
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